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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

ZAYAS 'Völkermord als Staatsgeheimnis.'

 

 

 

 

 

 

Der Leser kann sich dem Inhalt dieses Buches von zwei Ebenen her nähern, um der Intention des Autors gerecht zu werden: zum einen von der affirmativ-faktischen, zum anderen von der moralphilosophischen. Daß sich beide überlagern, liegt in der Natur einer entscheidenden menschlichen Schwäche begründet, und zwar der bewußten oder unbewußten Neigung zu relativieren. Dieses Umstandes eingedenk, werden Kritiker des Werkes selbstredend Ansatzpunkte zur Begründung ihrer Zweifel finden, dagegen sind auch investigative Autoren dieses Themenkreises nicht gefeit. Wohl aber können sie sich argumentativ und faktisch wappnen. Das hat Alfred de Zayas getan. Er trug hinreichendes Belegmaterial zusammen für die fundierte Untermauerung seiner Behauptung, daß nicht das gesamte deutsche Volk darüber informiert gewesen sein konnte, welche Greuleltaten an jüdischen Mitbürgern von den Schergen eines diabolischen Regimes verübt wurden. Die ihm dahingehend zustimmen - und in Anbetracht der Beweisführung, der im übrigen ein elementares Dokument, das des 'grundsätzlichen Befehls' (zur Geheimhaltung aller diesbezüglichen Operationen), d.h. der  'Führerbefehl Nr. 1' als Faksimile, zugrundeliegt - begeben sich also in die Position des affirmativ-faktischen Bewertens. Damit beziehen sie eine Verteidigungsposition gegen das Postulat der Kollektivschuld aller Deutschen. Ihnen solche Haltung zu verwehren entspränge einmal mehr der anmaßenden Weltschau der Political correctness. Sie symbolisiert das apriorische Leugnen der Glaubwürdigkeit von Zeitzeugen. Ihnen wird eine objektive Beurteilung abgesprochen. Darin manifestiert sich ein machtpolitisches Paradigma, dessen Wurzeln massenpsychologischen Ursprungs sind. Sie zu kappen bedeutete, den unbedingten politischen Willen zur objektivierenden Auseinandersetzung mit dem Hitler-Regime zu haben. Davon kann keine Rede sein. Das Konstrukt einer verfestigten deutschen Geschichtsschreibung, eingebunden in allierte Interessenlagen und den Ansprüchen der Opfervertreter, ließe es nicht zu. Zayas umreißt dies so: '(...) zeigt sich unter Publizisten in jüngster Zeit eine undifferenzierte, pauschalierende, ahistorische Tendenz, das Wissen über die 'Endlösung der Judenfrage' und somit auch die individuelle Schuld zu verallgemeinern, diese also nicht allein bei den Tätern zu konstatieren, sondern auch bei der deutschen Bevölkerung generell zu postulieren.' Damit wirft sich in der allgemeinen Betrachtung dieses düstersten Abschnittes unserer Geschichte die Frage nach der moralischen Legitimierung solches Anspruchs auf Anerkennung einer deutschen Kollektivschuld auf, der mangelnder Widerstand breitester Kreise, stillschweigende Duldung oder Verdrängung zugeordnet wird. Moralitäten von Nachgewachsenen sind allerdings andere Moralitäten als die der von Diktatur, Repression und Todesbedrohung betroffenen Lebenden. Insofern sind Zeugnisse Lebender, also der heute mindestens Achtzigjährigen, durchaus von psychischem Nachhall bei ihren Zuhörern und, nehmen wir die selbstverständliche Unschuldsvermutung hinzu, auch authentisch. Wer als Historiker nun zu meinen glaubt, dies außer Betracht bei der Gesamtwürdigung der Ereignisse lassen zu können, würde den Beweisschluß umkehren. Das wäre fachlich unwissenschaftlich und menschlich unanständig. Sich in diesem Kontext die seinerzeit geltende Moralität eines unterdrückten Volkes als Elementarteilchen heutiger Erkenntnis zu sichern, legt nahe, Beweisantritten wie denen von Zayas gelieferten Glaubwürdigkeit zu attestieren. Weshalb also, wird sich der Leser fragen, weshalb also existiert bis heute kein geschichtspolitischer Konsens über die höchstmöglich anzunehmende Wahrscheinlichkeit, daß nur ein verschwindend geringer Teil der Deutschen (und hiermit sind die aktiv Involvierten gemeint) über die Vernichtungsstrategie der Nationalsozialisten in toto Kenntnis hatte? Die Antwort ist zweiteilig: erstens existierten keine ungefilterten, repressionsfreien Kommunikationswege, zweitens haben es totalitaristische Regimes an sich, daß sie außer brachialen auch höchst subtile Unterdrückungsmechanismen etabliert haben, gegen die selbst geflüsterter verbaler Widerstand mit dem Tode sanktioniert wird. Darf man erwarten, daß im Dritten Reich dagegen breitflächig zuwidergehandelt wurde? Nein. Das wäre lediglich ein komplementäres Zeugnis von Inhumanität, wie es in dem selbstgerechten Ausruf 'Weshalb habt ihr Hitler nicht verhindert?!' zum Ausdruck kommt. Und so gibt uns in letzter Instanz eine moralphilosophische Bewertung von Unrecht und Anklage  als kardinales Instrument das der Homodizee anhand: die Möglichkeit der Vergebung durch die Opfer oder deren Nachkommen. Vergeben können beweist eine transzendente Größe, vergeben haben bedeutet nicht, vergessen müssen. Eine sich unter welchen Opportunitäten auch immer ad infinitum fortsetzende Anprangerung der Kollektivschuld aller Deutschen  ist daher weder vor nachgewachsenen Generationen noch vor der seinerzeit lebenden moralisch zu begründen oder historisch zu rechtfertigen. Sie wäre de jure nicht einmal beweisfest. Sie lieferte lediglich ein absichtsvolles und kein versehentliches Zerrbild der Geschehnisse. Vor diesem Hintergrund bietet Zayas eine hervorragend dokumentierte und wertvolle Argumentationshilfe an, fern aller historisierenden Rechtfertigungszwänge.

 

OLZOG, 2011, ISBN 3-7892-8329, 26,90 Euro (Geb.)

Der Verlag: www.olzog.de  in München

 

 

 
 
 

Ad personam

Der Autor, Verfasser von bislang sieben Büchern, ist promovierter Völkerrechtler (Harvard) und Historiker (Göttingen). Zayas leitete eine 'Arbeitsgruppe Kriegsvölkerrecht' am Institut für Völkerrecht der Universität Göttingen, war Mitarbeiter am Max-Planck-Institut für Völkerrecht (Heidelberg) und hoher UN-Beamter. Er ist ist z.Zt. Professor an der Geneva School of Diplomacy.

Redaktionelle Hinweise:

Zur Homepage des Autors: www.alfreddezayas.com

Zur Buchseite des Autors: http://alfreddezayas.com/books.shtml