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Was hier zelebriert wird
trägt nicht den Charakter der Aufklärung, sondern ist ein in Essayform
gegossener, ziemlich tumber Versuch, Lebensgeschichten Gescheiterter zu
reflektieren: Weshalb und warum sind sie nicht dort angelangt, wohin sie
wollten? Der Grund ist für den Autor eindeutig zu verifizieren: die Entwurzelung
des Menschen durch die Arbeitswelt hat dies verhindert. Sennett benennt sie als
die 'neue Arbeitswelt' und weist auf den für ihn strategisch bedeutsamen Punkt
für diese für ihn offenkundig inakzeptable Form des Wertschöpfungsprozesses
mittels human ressources, nämlich die Flexiblität, die vom einzelnen
Teilnehmer im Markt gefordert wird. Er erkennt darin das Übel schlechthin und
prangert ein recht diffuses Feindbild an - das des 'Kapitalismus'. Was und wer
ist denn der Kapitalismus anderes als eine freiheitllich gewählte Vorsorgeform
gegen die Unbilligkeiten des Alltags durch Wertschöpfungsketten, an deren Anfang
der Kapitalgeber und an deren Ende der für ihn wertschöpfende Mensch steht?
Nichts anderes. Wenn der Autor nun darüber lamentiert, dann verrichtet er dies
im Habitus dessen, der sich (geldwerte) Gedanken darüber macht, ob anstelle des
Wertschöpfungsprozesses nicht bald ein globaler, systemübergreifender
Entwurzelungsprozeß mit Fokus auf den Einzelnen steht, referiert aber leider
nicht darüber, welche Gegensteuerung von wem und durch welche Mittel dem Einhalt
gebieten könnte. Daran mangelt es eklatant in diesem Buch, dessen essayistische
Themenaufbereitung im Kontext mit der Dramatik seines Anspruches (Originaltitel:
The Corrosion Of Charakter) eher degoutant als beispielsetzend wirkt und
arbeitssoziologisch nichts bietet. Der Leser möge einmal A. Smith's auch heute
noch stimmige 'Theorie der ethischen Gefühle' zur Hand nehmen und erkennen,
welche Fragwürdigkeit in der Offensive des Autors liegt, wenn er das Flexible
anprangert und in ihm keine Bringschuld des Arbeitsnehmers auszumachen meint.
Was aber sonst? Stattdessen weiterhin statische Managements und eisern
verharrende Führungsebenen? Es steht zu befürchten, daß diese Mentalität akkurat
jenes Element deaktivieren hilft, welches als neuzeitliche Entdeckung Innovation
genannt wird - in concreto jedoch nicht anderes darstellt als eben Flexiblität
in Denken und Handeln. Zusammenfassend kann man dies dahingehend interpretieren,
daß alle Marktbeteiligten zum Sitzen und Rudern in einem Boot verurteilt sind,
und sie sind es mehr denn je, umso größer der Streit darüber entfacht wird, wer
mit wievielen Ruderschlägen wo wann anzukommen hat. Anders herum: Wer will
weismachen, daß Aktienkäufe nicht von jedermann nach dem Kriterium der höchsten
Wertschöpfung getätigt werden? Der sog. Volksaktionär ebenso wie der
institutionelle Anleger verhalten sich, A. Smith sei nochmals bemüht,
'marktkonform', d.h. auf den eigenen Vorteil bedacht und würden, welch absurde
Annahme, nicht eher in verlustbringenden Investitionen eine gewinnsteigernde
Strategie erblicken, sondern umgekehrt. So aber läse sich die Argumentation des
Autors, hätte er einen Essay über marktmechanistische Vorteilserlangung und
Verlusthaftung durch Leichtfertigkeit verfaßt. Nur hätte ihm dann der Leser
womöglich die Teilnahme an der Gedankenkette verweigert, denn er fände, daß er
ein Anrecht darauf hätte, hierbei zumindest etwas über die Idee des
Konkurrenzmarktes, über Monopolstrukturen sowie über Produktionsfunktionen und
das Grenzprodukt Arbeit zu erfahren. Dann erschiene der Faktor Flexibilität in
einem ganz anderen, nationalökonomisch gefärbten Licht, das jedem
Marktteilnehmer aufgrund seiner Intensität die Richtung weist. Da dies
unterblieb, wird der Leser die Ausführungen des Autor wohl eher rein
feuilletonistisch nennen.
BVT BERLINER
TASCHENBUCH-VERLAG, 2006, ISBN
3-833-30-342-5, 8,90
Euro (TB)
Der
Verlag: www.berlinverlag.de in
Berlin
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