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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Vollbeschäftigung

 

 

 

 

 

 

Frank-Walter Steinmeier hat mit seinem Konzept „Die Arbeit von morgen“ und der darin enthaltenen Vision der Vollbeschäftigung bis 2020 für Aufruhr gesorgt. Klar, sein „Deutschland-Plan“ ist nur ein Wahlkampfpapier. Aber: Vollbeschäftigung wäre möglich. Und zwar schon früher als 2020. Die Crux liegt nur im Wie.

Eine Konjunktur-Erholung wird es nicht bringen. Wir haben gerade erst die Talsohle erreicht. Nach der Bundestagswahl, wenn der Wahlkampfdruck weg ist, werden die Arbeitsagenturen die Kurzarbeit nicht mehr so großzügig handhaben. Die Arbeitslosigkeit wird steigen. Selbst wenn der Aufschwung schneller käme, Experten warnen bereits, dass nicht mehr die Beschäftigung geschaffen wird, die in der Krise freigesetzt wurde. Noch nie in der deutschen Nachkriegsgeschichte hat ein Aufschwung die Job-Verluste des Abschwungs zuvor wieder kompensiert. Der Sockel der Arbeitslosen ist durch die Konjunkturzyklen über Jahrzehnte hinweg stetig gewachsen (wenn wir einmal Sondereinflüsse wie die Wiedervereinigung außer Betracht lassen). Das kann nur daran liegen, dass wir in Phasen der Krise bestimmte grundlegende Lektionen nicht gelernt haben. Zyklische Aufschwungphasen gaukeln vor, alles sei wieder in Ordnung. Läuft der Laden wieder rund, findet kein Politiker den Mut, die Versäumnisse wirklich anzupacken. 

Wie soll da Vollbeschäftigung zu erreichen sein? „Der Staat kann keine Arbeitsplätze schaffen“, sagt Herr Steinmeier. Da hat er Recht, das tun primär nur die Unternehmen. Dabei muss uns Eines klar sein, so hart es klingt: Beschäftigung ist nicht das Ziel eines Unternehmens oder einer Wirtschaft (als Summe aller Unternehmen), sondern eine Begleiterscheinung. Arbeit ist Mittel zum Zweck. Zweck ist die Produktion und der Vertrieb von Waren sowie das Erbringen von Dienstleistungen zur Erzielung von Einkommen. Will man also viele Menschen beschäftigen, müssen viele Unternehmen massiv entwickeln, herstellen, verkaufen, vertreiben (sagen wir: produzieren) und „dienstleisten“.  

Waren werden nur dann produziert und Dienste nur dann erbracht, wenn sie auch nachgefragt werden, wenn es also potenzielle Kunden gibt, die kaufen können (Nachfrage setzt Kaufkraft voraus) und wollen. Wenn man kann, aber nicht will, erzeugt die Kaufkraft auch keine Nachfrage. Die Kaufkraft staut sich auf (man nennt das „Sparen“), - was an sich noch nichts Schlechtes ist. Schlimm kann es dann werden, wenn man sich in dieser prallen Angestautheit bei seinen Geldanlagen zu extrem unrealistischen Rendite-Erwartungen hinreißen lässt. Dann bilden sich „Blasen“, z.B. bei Immobilien, Kreditforderungen oder Unternehmensbeteiligungen (also „Gütern“, die weder Waren noch Dienstleistungen sind), und wir alle wissen mittlerweile, was Blasen langfristig zu tun pflegen. Aber das nur am Rande. 

Das Kaufen-Wollen hängt von der Wertschätzung der Menschen für ein Produkt oder eine Dienstleistung ab, und diese ist völlig subjektiv. Für ein cooles Handy wird lieber bezahlt als für die Reparatur der Heizung, ein Profi-Fußballer wird besser bezahlt als eine Erzieherin oder ein Altenpfleger - leider. Der Wertschätzung auf Käuferseite steht die Wertschöpfung auf Anbieterseite gegenüber. Wertschöpfung ist mehr als Produktivität (mit optimal niedrigen Kosten eine optimal große Leistung erzeugen). Zur Wertschöpfung gehört auch die innovative Kraft, neue Produkte oder wesentliche Verbesserungen herauszubringen, die für die Menschen „wert“-voll sind. Je besser ein Anbieter seine Wertschöpfung darstellen kann, umso mehr wird sein Produkt nachgefragt werden, und umso bessere Preise kann er erzielen (Kaufkraft und Wertschätzung vorausgesetzt). 

Tatsächlich hat die deutsche Wirtschaft noch erhebliches Wertschöpfungspotenzial in diesem Sinne, begleitet von einer starken Nachfrage. Herr Steinmeier nennt da völlig richtig: Erneuerbare Energien, Umwelttechnik, produktionsorientierte Software-Entwicklung, den Dienstleistungssektor, insbesondere in der Gesundheitswirtschaft, sowie die Kreativwirtschaft. Herr Steinmeier behauptet, dass sich mit diesen Branchen vier Millionen Arbeitsplätze schaffen ließen - „unterstellt man die derzeitige Erwerbs- und Beschäftigungsquote“. Diese vier Millionen neuen Jobs sollen dann die bestehende Arbeitslosigkeit von zufällig ebenso vier Millionen aufzehren. Schön gerechnet – aber leider eine Milchmädchenrechnung. Die Erwerbs- und Beschäftigtenquote war über Jahrzehnte hinweg rückläufig, warum sollte sie bis 2020 gleich bleiben? Die vier Millionen Arbeitsplätze können geschaffen werden, schon aus der normalen Dynamik von attraktiven Geschäftsaussichten auf der Basis von Angebot und Nachfrage heraus. Dazu braucht man keine Deutschland-Pläne. Nur sind damit noch keine Strukturen gesetzt, die verhindern, dass Arbeitsplätze wieder verloren gehen.  

Welche Strukturen sind notwendig? Mit Ausnahme vielleicht von Zukunfts-Branchen zieht die Krise die Nachfrage herunter wie ein Bleigürtel. Die Kauf-Zurückhaltung drückt massiv auf die Preise, deswegen sehen wir derzeit so niedrige Inflationsraten. Der Preis- und Kostendruck ist dauerhaft – es wird nicht wieder so werden wie früher. Wohl dem Unternehmen, dessen Wertschöpfungskraft jetzt noch „Luft“ lässt, sich dem Preis- und Konkurrenzdruck anzupassen – durch neue Produkte und besserer Produktivität.  

Wenn wir Vollbeschäftigung anstreben, müssen wir aufhören Deutschland als Insel zu sehen. Wir sind durch unsere starke Export-Orientierung in die globale Wirtschaft eingebunden wie kaum ein anderes westliches Land. Wir müssen den globalen Konkurrenzkampf mitkämpfen und für uns entscheiden. Wir müssen runter von den hohen Lohnkosten und Lohnnebenkosten. Höhere Löhne im Inland erhöhen zunächst nur die Kosten der Unternehmen und gefährden die Konkurrenzfähigkeit gegenüber den ausländischen Anbietern und damit heimische Arbeitsplätze. Wenn der Job gefährdet ist, gibt keiner gerne Geld aus – der gewünschte Effekt der Schaffung von zusätzlicher Nachfrage durch Lohnerhöhungen tritt nicht ein, die Leute sparen lieber.  

Die wichtigste Strukturveränderung wäre die in unseren Köpfen. Ich bin der radikalen Meinung, dass das größte Hindernis auf dem Weg zur Vollbeschäftigung in unseren Denkweisen und geistigen Haltungen liegt. Wir sind leider noch weit davon entfernt, unser Leistungsdenken auf das gleiche Niveau zu heben wie unser Anspruchsdenken. Wir denken, wir hätten ein Grundrecht auf einen festen Arbeitsplatz, ein gesichertes Einkommen mit jährlichen Steigerungen, regelmäßigen Urlaub, vollen Gesundheitsschutz, am besten rechtlich garantiert, kündigungs-geschützt und sorglos-versichert. So läuft das Leben nicht – so läuft eine Volkswirtschaft nicht. Arbeitsplätze sind Wertschöpfungsplätze, sie sind keine Plattformen, um Anspruchsdenken und Wohlstandschutz-Phantasien auszuleben. Dort geht es nicht darum, möglichst schnell den Feierabend zu schaffen, sondern wie die Produktion oder Dienstleistung des Unternehmens verbessert werden kann. Dem Recht auf Arbeit steht die Pflicht zur Leistung gegenüber, dem Recht auf Einkommen und Gewinn die Pflicht zu Risikobereitschaft.  

Wenn uns wirklich an Vollbeschäftigung liegt, müssen wir über diese Zusammenhänge aufklären, gerade über die unangenehmen Wahrheiten. Wirtschaft ist eben nicht für den Menschen da, wie eine gängige Kampfparole lautet. Wirtschaft ist schlichtweg eine Kombination von mehr oder weniger komplexen Regelkreisen, die jedoch alle nach einfachen Logiken funktionieren. Eine davon lautet: Jedes Einkommen (jeder Arbeitslohn, aber auch jede Unterstützungsleistung wie Hartz IV) muss verdient werden. Jeder Verstoß dagegen wird bestraft, auch wenn er mit Schlagworten wie Soziale Marktwirtschaft oder gar Soziale Gerechtigkeit kaschiert wird. Wir sehen es ja: am Ende stetig wachsende Arbeitslosigkeit und horrende Staatsschulden. Unsere nächsten Generationen können einem leidtun. 

Wir müssen die Strukturen wieder zurechtrücken. Arbeitszeitverkürzung, starre Begrenzung von Überstunden, Mutterschutz, Kündigungsschutz, Teilzeitansprüche, die Unzahl von Mitbestimmungsrechten, usw. – sie alle kommen nur den bereits Beschäftigten zugute, setzen die Hürde für Neueinstellungen jedoch höher und höher.

Das leistungsfeindliche Arbeitsrecht, die überbordende Mitbestimmung, die über-üppige Ausgestaltung der Macht von Gewerkschaften, die manisch unterfinanzierte Sozialversicherung und das staatskleptokratische Steuersystem: unsere rechtlichen und politischen Strukturen verkörpern alles andere als Leistungs- und Risikobereitschaft. In einem Sumpf blüht keine Wirtschaft, dort hört man nur Frösche quaken.  

Trotz Krise: Blickt man in die Zukunft, was technologisch die nächsten Jahre und Jahrzehnte ansteht, hätte Deutschland wirklich eine gute Basis. Wenn man jetzt die grundlegenden Strukturen anpackt und radikal verändert, könnte sich die notwendige Leistung voll entfalten und Vollbeschäftigung wäre vielleicht realistisch. Ob Herr Steinmeier dazu der richtige Mann ist?

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Josef Wenzl, München.

Er ist Autor des bei bei Principal erschienenen Buches

 'führungs I KRAFT. Neue Energie im Unternehmen'

 

Pflichtlektüre für alle,

die  beruflich weiterkommen und die Ursachen

der Wirtschaftskrise verstehen wollen! 

 

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Josef Wenzl ist Geschäftsführer der

 

deutschen Niederlassung eines amerikanischen IT-Konzerns.