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Emotionen sind gar nicht so
privat. Sie haben politische und gesellschaftliche Dimensionen, und zwar mit
großer Wucht.
Der Irakkrieg war emotional
motiviert (Rache), auch wenn die Verantwortlichen das nie zugeben würden. Im
Streit um den Klimawandel geht es um Angst, selbst mehr benachteiligt zu werden
als andere. In der Diskussion um Ausländer, Einbürgerungen, usw. schwingt Angst
(die eigene Kultur zu verlieren) und Aggression mit. Nachrichten über unfassbare
Verbrechen wie Kindesmissbrauch rufen Entsetzen hervor und lassen Schreie nach
härterer Bestrafung laut werden. Emotionen sind in den Medien längst nicht mehr
nur Domäne von Spielfilmen und Abendserien, von Schnulzen und Horrorfilmen,
sondern auch von Nachrichtensendungen und Talkshows. In Wahlkämpfen sind
sachliche Argumente weniger wichtig als die Stimmung, die ein Politiker
mobilisieren kann.
In der Wirtschaftspolitik setzt
sich dies fort. Die Konjunktur hängt ab von der Psychologie der Menschen in
einer Volkswirtschaft. Hochkonjunktur ist geprägt durch Aufbruchstimmung,
Rezession ist dagegen Zeichen einer „Volks-Depression“. In den Debatten über
Managergehälter, Niedriglöhne, Personalabbaumaßnahmen, Profitgier (bei
Preiserhöhungen der Bahn) sind Zorn und Sicherheitsängste klar sichtbar.
Emotionen werden durch Interessengruppen, z.B. von den Gewerkschaften,
entsprechend geschürt und instrumentalisiert. Man achte auf die aggressive
Wortwahl bei Tarifverhandlungen, Streiks, Kündigungswellen, etc.
Auch bei Unternehmen bestimmen
Emotionen den Rhythmus. In der Werbung ist es weitaus wichtiger darzustellen wie
cool und hip ein Ding ist oder aussieht, als den direkten Produktnutzen
darzustellen. Für manche Unternehmen ist ihr Image der ausschlaggebende
Erfolgsfaktor (Porsche, Apple, früher mal Siemens). Aber auch in den Unternehmen
selbst: Nicht etwa Fakten und Analysen bestimmen die Geschicke einer Firma,
sondern die Gefühlswelten von Mitarbeitern und Managern. Entscheidungen laufen
oft politisch, d.h. es geht weniger um die Erfordernisse des Geschäfts, sondern
eher darum, Chefs, Anteilseigner, bestimmte Mitarbeiter, etc. zu beeindrucken
(also deren Emotionen anzusprechen). Das hat viele Gesichter: Unrealistische
Zielsetzungen „von oben“, Grabenkämpfe zwischen Abteilungen mit überschneidenden
Kompetenzen, Ignorieren von Risiken, Unterdrücken oder Falschdarstellung von
schlechten Neuigkeiten, Scheu vor ehrlichem Feedback bei Beurteilungsgesprächen,
usw. … es menschelt in den Unternehmen.
Also weg mit dieser
Emotionalität? Niemand will auf Emotionen wie das Verliebt sein, Freude,
Begeisterung, Mitgefühl, verzichten. Menschen sind nun einmal emotional,
Emotionen sind notwendig um sich zu spüren – sie sind das, was uns Menschen
ausmacht.
Aber werfen wir mal einen
differenzierten Blick auf das, was Menschen bewegt.
Dabei eines vorweg: Das jetzt
folgende „System“ der Emotionen wird wahrscheinlich wissenschaftlich nie
ratifiziert werden. Aber es ist ein Erklärungsmodell, durch Lebenserfahrung
härtegetestet.
Zunächst empfehle ich, folgende
Annahme zu treffen: Emotionen werden nicht durch äußere Umstände, Ereignisse
oder Menschen ausgelöst – nicht durch den fiesen Chef, den unfähigen Kollegen,
den verständnislosen Partner oder den verdammten Computer. Emotionen sind
Energien, die wir selbst erzeugen. Werden unsere Motivationen erfüllt, fühlen
wir uns gut, werden sie es nicht, fühlen wir uns schlecht. Emotionen sind
Energien, die mental verursacht werden und durch den Körper fließen, schießen,
schwingen, sofort und unmittelbar.
Motivationen haben zweierlei
Quellen: Das tiefere, innere Selbst einerseits und das Ego andererseits. Das
Selbst wiederum kennt zwei Grundmotivationen: Liebe und Macht (nicht im Sinne
von Dominanz und Manipulation, sondern von gestaltender,
„selbstverwirklichender“ Kraft). Diese sind uns in die Wiege gelegt, sie
definieren unser Mensch sein, sie sind die Quelle von entsprechenden
Grund-Emotionen wie Zuneigung (bis hin zum Verliebtsein), Freude, Humor,
Kreativität, Tatendrang, Gefühle von „Freiheit und Abenteuer“, aber auch
Mitgefühl, Betroffenheit, Trauer.
Die Funktion unseres Selbst ist
Harmonie. Mit der Harmonie ist das aber so eine Sache, gerade im Alltag. Wir
machen die Erfahrung, dass es Hunger und Durst gibt, dass andere Menschen auf
einen zornig sind, dass unsere Schwächen ausgenutzt werden. Jeder macht früher
oder später die Erfahrung, dass er verletzt, übergangen, mit Gleichgültigkeit
konfrontiert wird, dass er nicht tun und lassen kann, was er will, sondern sich
Zwängen unterordnen und mit anderen Menschen konkurrieren muss. Um damit umgehen
zu können, entwickeln wir ein Ego. Das Ego hat die Motivation, Schmerz zu
vermeiden, zu überleben, gut zu leben und, wenn es geht, noch besser leben. Dazu
arbeitet das Ego mit Lehr- und Leitsätzen, mit Urteilen, Standpunkten,
Überzeugungen, die es mit der Lebenserfahrung sammelt.
Die Kategorien des Egos sind
angenehm oder unangenehm, richtig oder falsch, gut oder schlecht, für das Ego
sind Menschen entweder Freunde oder Feinde, Helden oder Schurken. Unser
Ich-Konstrukt identifiziert sich gerne mit dem Angenehmen, Richtigen, Guten. Die
Vorstellung, dass man selbst etwa falsch liegen oder ein Schurke sein könnte,
ist für das Ego äußerst unangenehm – es braucht externe Instanzen, die diese
Rolle übernehmen müssen: andere Menschen, die Erziehung, die Kindheit, den Job,
und so weiter. Das Ego ist eine Analyse-, Rechthabe- und
Schuldzuweisungs-Maschine zum Zwecke des Selbstschutzes. Es wird im Laufe des
Lebens mächtig, so mächtig, dass wir es als unser ganzes Selbst spüren, erleben
und schließlich definieren.
Durch das Ego werden die
Grundemotionen Liebe und Macht durch den Filter des Rechthabens und
Selbstschutzes verzerrt. Liebe und Angst werden zu „Ego-Emotionen“: Angst und
Aggression. Angst basiert auf Liebe, missbraucht diese aber für Zwecke des
Selbstschutzes. Angst entsteht bei der Vorstellung, eine geliebte Sache, ein
geliebten Menschen, einen geliebten Job, die geliebte Sicherheit, etc. zu
verlieren und dass mit diesem Verlust das Ego erschüttert wird. Angst als
Emotion äußert sich in Energien der Verleugnung, Zweifel, Lähmung oder der
Flucht. Aggression dagegen korrespondiert mit der Grundemotion Macht. Sie
entsteht aus der Vorstellung heraus, dass etwas unverschämterweise nicht so ist,
wie es sein soll, und dieses Auseinanderklaffen das Ego angreift. Diese
Vorstellung setzt Energien frei in Richtung Zorn, Gewalt, Manipulation,
Vergeltung, etc. Aggression ist der Versuch, mit unserer Macht Recht zu haben
und dieses Recht durchzudrücken. Jede Art von Verbrechen ist motiviert durch
Rechthaberei in diesem Sinne. Selbstmord ist Rechthaberei in letzter
Konsequenz.
Angst und Aggression - beiden
Grund-Ego-Emotionen kann man alle sonstigen Erscheinungen zuordnen. Zum Bereich
der Ängste gehören Unsicherheit, Zweifel, Panik, Neid, Frustration. Zum Bereich
Aggression gehören Wut, Zorn, alle Formen von Herabwürdigung anderer,
Kritiksucht, Überheblichkeit, Zynismus, Intrigen, Rachedenken, alle Formen von
Kriminalität, usw. Beiden Bereichen kann man auch die entsprechenden Abwehr- und
Fluchtmechanismen zuordnen, wie Verdrängung, Projektion, Gefühlspanzerung,
Arbeitssucht, Ellbogen-Egoismus, Gier, Anpassung, usw.
Mit Angst und Aggression kommen
wir nicht weiter, weder auf individueller, noch auf gesellschaftlicher Ebene.
Wir müssen lernen, die Emotionen der Ego-Schicht zu meistern und wieder zum
Selbst zu finden, das alles integriert. Das Selbst kennt keine Angst und keine
Aggression, denn das Selbst ist nicht getrennt, es kann nichts verlieren, es
kann nicht erschüttert werden, es ist nicht angreif- und verletzbar.
Selbstfindung ist nicht leicht, denn das Ego mit seinen mühsam errungenen Lehr-
und Leitsätzen gibt nicht so schnell klein bei. Selbstfindung ist ein ganzer
Lebensauftrag, man kann sie als Suche nach Erleuchtung, als Religion begreifen.
Wir müssen aber für Zwecke
dieser Kolumne kein so ein hohes, hehres Ziel stecken. Hier geht es darum, das
Selbst unserer Gesellschaft und seiner Wirtschaftskraft zu finden.
Dazu habe ich einen Vorschlag:
Fokussieren wir uns auf die Kräfte des Selbst, auf Verbundenheit und Stärke:
1. Hören wir auf mit diesem
Kampf, dieser künstlichen Gegnerschaft. Deutsche Arbeiter gegen Chinesen, Reiche
gegen Arme, Moslem gegen westliche Welt, Manager gegen Mitarbeiter, Arbeitgeber
gegen Gewerkschaften. Nehmen wir die Globalisierung als Chance, Wachstumsmärkte
zu erschließen, und als Herausforderungen, neue Wachstumsmöglichkeiten zu
finden. Die Chinesen, Vietnamesen, Mexikaner sind Menschen, die Arbeit suchen,
genau wie wir. Manager versuchen ihr bestes, Unternehmen zu führen in einer Welt
mit hohen Risiken und massiven Renditezwängen. Arbeitskämpfe werden heute von
niemandem mehr wirklich „gewonnen“.
2. Fassen wir den Mut, klar zu erkennen, was getan werden muss. Das bedeutet,
seine Ego-Interessen hintan zu stellen, keine falschen Kompromisse mehr zu
schließen, die Sache wichtiger zu nehmen als die Parteizugehörigkeit oder die
Stimmungslagen anderer Menschen. Wir können die Belastungen der sozialen
Fürsorgesysteme, Umweltprobleme, etc. nicht einfach der nächsten Generation
aufbürden, auch wenn Industrien darunter leiden müssen und das Leben unbequemer
wird. Das Renditestreben von Unternehmen muss sich auf deren langfristige
Existenz ausrichten, nicht nach der Raffgier von Investoren und Top-Managern.
Wir müssen rücksichtslos“ in die Bildung investieren, um das
Innovationspotenzial zu fördern und damit die Zukunft zu sichern. Die Liste ist
endlos.
3. Wir müssen darauf vertrauen,
dass es zu schaffen ist. Vollbeschäftigung ist möglich – ernsthaft. Es ist
möglich, trotz der Schnelligkeit des Wandels in der globalisierten Welt, auch in
einem Hochlohnland zu gewinnen. Ebenso ist die Vermeidung der Klimakatastrophe
möglich, die Bekämpfung des Hungers in der Welt, das Auskommen von Völkern und
Religionen, usw. Notwendig ist, dass wir den Problemen in die Augen sehen und
aufhören, sie abzuleugnen, herumzulamentieren und weiter munter unsere
Eigeninteressen zu verfolgen.
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Josef Wenzl, München.
Er ist Autor des im September bei
Principal erscheinenden Buches
'Führungskraft. Wie Sie Ihren
Vorsprung im Unternehmen
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