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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Praktische Entscheidungstheorie

 

 

 

 

 

 

Entscheidungen sind in dem Moment, in dem man sie trifft, immer nur so gut, wie man sich damit fühlt.  

Ob eine Entscheidung tatsächlich richtig oder falsch ist, lässt sich erst im Nachhinein sagen. Ein Plan mag noch so brillant sein, klappen muss er. Egal welchen Job Sie annehmen, welchen Bewerber Sie einstellen, welchen Partner Sie wählen, in welche Aktien Sie investieren, welche Produktstrategien Sie festlegen, welche Taktik Sie bei einer Preisverhandlung verfolgen, Entscheidungen folgen immer dem Prinzip von Trial and Error

Da helfen auch die wissenschaftlichsten Entscheidungstheorien nichts. In der Betriebswirtschaftslehre gibt es bemühte Ansätze, Verfahren zu analysieren und Theorien zu entwickeln, wie man die „richtige“ Entscheidung trifft. Die Wirtschaftsnobelpreise wurden häufig auf diesem Gebiet vergeben. Derartige Theorien beinhalten durchaus erhellende Erkenntnisse, das große Manko ist aber, dass es eben nur Theorien sind. Als solche setzen sie klare Informationen, konstante Motivationen der Mitspieler, und einen definierten Regelrahmen voraus. In der Praxis mangelt es in der Regel an allen Dreien. Wir wissen nicht mit objektiv feststellbarer Genauigkeit, welche Stärken oder Schwächen ein Bewerber hat, welcher Job tatsächlich für den nächsten Karriereschritt sorgt, welche Ideen die Konkurrenz auf Lager hat, wie Kunden eine neue Idee oder ein neues Design annehmen werden und inwieweit nicht irgendwelche Finanzkrisen, Naturkatastrophen oder Trendschwünge im Käuferverhalten unsere schönen Pläne durchkreuzen. Für den einzelnen Entscheidungsfall sind Theorien kaum brauchbar. Wären sie es, könnte man Entscheidungen Computern oder BWL-Studenten überlassen. 

Unser Wissenschaftsglaube lässt aber so schnell nicht locker. Da gibt es doch in der Mathematik das Gebiet der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Also flugs eine Liste der möglichen Alternativen und Risiken zu einer Entscheidung zusammentragen und deren Wahrscheinlichkeiten kalkulieren. Das Dumme ist nur: Die Wahrscheinlichkeitsrechnung setzt entweder das Prinzip des Zufalls voraus (Stochastik und Kombinatorik) oder arbeitet mit großen Grundgesamtheiten (Statistik). Beide Kriterien taugen aber nichts, wenn eine Entscheidung für einen Bewerber, für eine Verhandlungstaktik, für oder gegen einen neuen Geschäftsbereich ansteht. Dann kann die Wahrscheinlichkeit des Erfolgs oder Fehlschlagens nur geschätzt werden – und jede Schätzung ist subjektiv, auch wenn die Schätzung von einem „Experten“ kommt. Nicht einmal Aktienmärkte agieren nach dem Zufall. Die Entwicklungen der Börsenkurse folgen klaren Regeln mit überschaubaren Parametern. Deren Eintreten ist aber nicht vorhersehbar. 

Dritter Versuch: Best Practices. Schauen wir mal, wie andere erfolgreiche Firmen oder Personen agiert haben. So intensiv man sich auch mit Superstars wie Steve Jobs, Bill Gates, Jack Welch und Konsorten auseinandersetzt, deren Erfolgsrezepte können auf die Entscheidung über eine anstehende Position, einen Bewerber, eine Strategie, etc. nicht so einfach, ja meist gar nicht übertragen werden. Dieses Studium ist – ähnlich wie bei der Auseinandersetzung mit betriebswirtschaftlichen Entscheidungstheorien – sicherlich erhellend und vielleicht ganz gut für die Bildung, eignet sich aber nicht für eine anstehende Entscheidung. In eine ähnliche Richtung gehen so genannte „lessons learned“ Moratorien, also Erfahrungsberichte aus vergangenen, meist fehlgeschlagenen Entscheidungen, Projekten, Firmenübernahmen, etc. Der Sinn ist, persönliche Erfahrungen zu übertragen auf das Unternehmen, im Sinne einer lernenden Organisation. Selbst wenn der Austausch solcher Erfahrungen funktioniert (und das tut er nur in seltenen Fällen), haben sich die Rahmenbedingungen für die nächste anstehende Entscheidung meist wieder verändert. Pech gehabt. 

Es tut mir leid: Es gibt keine Möglichkeit, Entscheidungslagen zu objektivieren.

Je schwerwiegender und riskanter eine Entscheidung, z.B. die Übernahme eines Unternehmens und deren Integration, desto eher entscheidet neben dem gesunden Menschenverstand letztlich das Bauchgefühl, sehen wir dieser Tatsache einfach ins Auge. Beides kann man aber kultivieren. Hier einige Tipps dazu. 

 

1. Wir sollten unser lineares Denken aufgeben – zugunsten eines Denkens in Regelkreisen. Das Leben ist ein gigantisches, multidimensionales und komplexes Netzwerk von Abläufen und Entwicklungen, von Ursachen und Wirkungen, und Entscheidungen liegen irgendwo auf den Knotenpunkten dieses Netzwerks. Dort kann man die grobe Richtung einstellen, ansonsten muss ständig nachjustiert werden, und das ist eine Frage der Aufmerksamkeit und des Timings. Ich schätze, dass 90% aller Entscheidungen reaktiv sind und nur deshalb dringend werden, weil zu lange gewartet wurde. Wir haben schon immer gewusst, dass wir das Klima verändern, wenn wir innerhalb eines Jahrhunderts das Kohlendioxid in Erdöl und Kohle freisetzen, das Pflanzen in der Urzeit über Jahrmillionen gebunden haben. Wir haben immer gewusst, dass bei der Nutzung von Atomkraft ein Endlager-Problem entsteht. Wir haben immer schon gewusst, dass die Gesellschaft älter wird und Renten schwerer zu finanzieren sein werden.


2. Informationen, Daten, Fakten sind notwendig, aber nicht ausreichend. Bei der Vergabe eines Kredits an ein Unternehmen sind weniger deren Bilanzkennzahlen oder irgendwelche Basel-II Kriterien wichtig, als das Vertrauen (das Wort Kredit leitet sich von lat. credere, vertrauen, ab) in das Management. Spreadsheets, Experten-Gutachten, Präsentationen, Analysen, Kennzahlen, können eine Objektivität vorgaukeln, von der man sich leicht blenden lässt. Besorgen Sie sich alle notwendigen Rahmendaten, klar, aber lassen Sie sie nicht zu Treibern einer Entscheidung werden. Wichtiger sind die Zusammenhänge und die Einschätzung der Bedeutung dieser Zahlen. Das ist eine rein subjektive Angelegenheit und erfordert Verantwortungsbereitschaft und ein gerüttelt Maß an Erfahrung.  

Es ist daher eine gute Idee, schwierige Entscheidungen im Team zu treffen, wenn es gelingt, die Erfahrung aller zu bündeln. Erfahrungen nützen jedoch dann nichts, wenn sie nur aus einer Sammlung von Anekdoten bestehen. Wichtig sind Erkenntnisse, die aus Reflexion gewonnen wurden. Lassen Sie sich also nicht auf Geschichten ein, sondern bohren Sie nach, was man daraus lernen kann. Erst dann werden Erfahrungen zum Nährboden für die Intuition. Diese lässt uns automatisch die richtigen Fragen stellen und den „Riecher“ entwickeln, der künftige Tendenzen am besten absehen kann. 

 

3. Prinzip Verantwortung. Auch wenn Sie in einem Unternehmen nur angestellt sind und letztlich nicht Ihr Geld, sondern das der Firma auf dem Spiel steht: Entscheiden Sie so, als ob Sie persönlich die Konsequenzen tragen würden, als ob das Unternehmen Ihnen gehörte. Das hat den läuternden Effekt, dass Sie zu Ihren Entscheidungen stehen müssen – und nicht auf die Experten mitsamt ihren Analysen und Gutachten verweisen können. Mit dieser Verantwortung werden Sie Entscheidungen klar und deutlich vertreten. Legen Sie Ihrem Chef keine Entscheidungsalternativen vor, hinter denen Sie nicht voll stehen, und die Sie nicht voll durchdacht haben. Politiker sollten so entscheiden, als wären langfristig sie selbst (oder ihre Kinder) Betroffene ihrer Entscheidung. Ich bin sicher, es würde manche Entscheidung anders ausfallen. 

 

4. Prinzip Flexibilität. Was heute eine solide Entscheidungsgrundlage ist, kann morgen durch unvorhergesehene Entwicklungen obsolet sein und völlig andere Entscheidungen erforderlich machen. Was wäre zum Beispiel, wenn Ihr hochschwangerer Geschäftsplan schief geht? Was ist dann Ihr Alternativ-Plan? Könne Sie den nicht heute schon umreißen, zumindest ansatzweise? Können Sie nicht heute bereits „Fall-Back-Positions“ schaffen, Auffangnetze aufspannen? 

 

5. Staying on top. Verfolgen Sie kritisch die Umsetzung von Entscheidungen. Beobachten Sie gerade die „weichen“ Entwicklungen. Die Energie, mit der Mitarbeiter, Partner, usw. Firmenentscheidungen umsetzen, ist meist ein untrüglicher Indikator für den wahren Erfolg. Haben Sie ein offenes Ohr (und Herz) und vor allem eine offene Tür, pflegen Sie eine Kultur, in der das schnell spürbar ist, dann können Sie rechtzeitig absehen, welche Probleme es mit der Entscheidung gibt, und entsprechend agieren. 

Von Immanuel Kant stammt der Spruch „Unser Entscheiden reicht weiter als unser Erkennen“. Je weiter wir unser Erkennen ausweiten, umso besser werden unsere Entscheidungen. Nachdem uns Entscheidungen ein Leben lang beschäftigen, müssen wir ein Leben lang lernen.

 

 Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Josef Wenzl, München.

Er ist Autor des bei bei Principal erschienenen Buches

 'führungs I KRAFT. Neue Energie im Unternehmen'

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Josef Wenzl ist Geschäftsführer der

 

deutschen Niederlassung eines amerikanischen IT-Konzerns.