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In Gebrauchsanweisungen
gibt es auf den ersten Seiten erst einmal Hinweise zu potenziellen Gefahren bei
der Bedienung des Geräts und wie sie zu vermeiden sind. Börsennotierte
Unternehmen müssen in ihren Quartals- und Jahresberichten all ihre
Geschäftsrisiken offen legen, sie müssen ihre Abhängigkeit von bestimmten
Lieferanten, Banken, Großkunden, die mögliche Auswirkung von
Währungsschwankungen, usw. darlegen. Bei Medikamenten muss auf die Risiken und
Nebenwirkungen hingewiesen werden - nicht nur in den Packungsbeilagen, sondern
auch in der Fernseh-Werbung.
Nur in der Politik glaubt
man, sich das sparen zu können. Ob Gesundheits- oder Erbschaftsteuerreform,
Konjunkturprogramme, Tarifabschlüsse: großsprecherisch proklamieren Minister,
Kanzler, Gewerkschafter und Arbeitgeberpräsidenten, wie sehr sie für eine
vernünftige Lösung gekämpft, die Interessen ihrer Klientel verteidigt, und wie
hart sie einen Kompromiss errungen haben. Schön und gut, aber was ist mit den
“Risiken und Nebenwirkungen“ ihrer Beschlüsse und Initiativen? Fehlanzeige.
Das ist schade, denn
Risiken und Nebenwirkungen gibt es immer, bei jeder Entscheidung, Maßnahme und
Reform. Risiken stellen die Beschlüsse ja nicht in Frage. Aber es wäre für
verantwortliche Menschen notwendig, Klarheit über sie zu haben. Schließlich geht
es um Einiges. Deutschland hat im Oktober einen Finanzmarktstabilisierungsfonds
von 400 Mrd. € aufgelegt. In USA waren es 700 Mrd. Dollar, in Frankreich 320
Mrd. €. Direkte Rettungsmaßnahmen von Banken und Versicherungen kommen sind da
gar nicht mitgerechnet. Dazu kommt der Effekt von Zinssenkungen… Alles zusammen
gerechnet geht es um wahre Unsummen.
Was sind die „Risiken und
Nebenwirkungen“ dieser gigantischen Summen? Holen wir dazu etwas aus und
erinnern wir uns an den Artikel „Finanzkrise = Brisanzkrise“ in dieser
Sonderrubrik. Geld kommt aus dem Nichts. Geldvermögen wird durch Kredite
geschaffen, ausgehend zunächst von Zentralbanken, um den Wirtschaftskreislauf in
Schwung zu halten. Wirtschaftliches Wachstum beschleunigt die Kreditweitergabe
aus Geldanlagen, ein Prozess an dem Unternehmen, Beschäftigte und Banken
beteiligt sind, und schafft zusätzliches Finanzvermögen. Dem gesamten
Finanzvermögen der Welt steht jedoch immer ein Kreditvolumen gleichen Ausmaßes
gegenüber. Vernichtet werden kann Geld nur durch Tilgung von Krediten – der
Hauptanreiz dafür sind hohe Zinsen.
Normalerweise hält sich
dieses System im Gleichgewicht, wenn man zulässt, dass die Geldmenge in Zeiten
einer Rezession auch mal schrumpft. Bekämpft man jedoch eine Rezession dadurch,
dass man weiter Geld in das System pumpt (also etwa Zinsen niedrig hält), so
kommt es zu einem Überhang an Finanzvermögen. Dieser Moloch wildert nach
Renditen - wer Geld hat, will es mit möglichst hohem Return anlegen. Das ist
solange noch halbwegs in Ordnung, als sich die Anleger auch über die Risiken
ihrer Anlagen im Klaren sind. Werden Risiken und Erfolgsaussichten von Anlagen
wie etwa Immobilien, Aktien, Fondsbeteiligungen, Bonds, etc. falsch
eingeschätzt, kommt es zu einem unrealistischen Preisanstieg weit über deren
Wert hinaus, zur Bildung von Blasen, zur „Assetinflation“ (die nichts mit der
Inflation bei Verbrauchsgütern zu tun hat). Kommt der Moment der Wahrheit, also
die Erkenntnis, dass der hohe Preis einer Anlage nicht mehr im Verhältnis steht
mit ihren Ertragsaussichten, stürzt der Preis ins Bodenlose – die Blase platzt.
Vereinfacht gesprochen
wurde die Finanzkrise dadurch verursacht, dass der kritische Blick der Anleger
für die Substanz der Finanz-Anlagen verloren ging. Die Anlagen waren weit
deriviert und abstrahiert von realen wirtschaftlichen Vorgängen, je abgehobener
desto höher die Renditeerwartung. Verbriefte Immobilienkredite als Wertpapiere –
toll! Dazu kamen noch blauäugige Beurteilungen dieser Papiere durch
Rating-Agenturen und ein unverantwortliches Bonus-System für jeden
Bankmitarbeiter und Anlageberater, deren Chefs und Ober-Chefs für den Umsatz aus
dem Verkauf solcher Anlagen. Und die Käufer haben diese zum Teil auch noch durch
Kredite finanziert. Man hat übersehen, dass Finanzvermögen kein Wert schöpfendes
Potenzial hat. Das haben nur Hersteller von Gütern und Dienstleister – nicht
Verleiher von Geld.
Was jetzt geschehen ist,
lässt sich am Besten mit dem Wort Schock beschreiben. Das Platzen von Anlagen
und Kreditforderungen trieb Banken an den Rand der Pleite, die Bilanzrelationen
erlauben kein Ausreichen von Krediten mehr, das Refinanzierungsnetzwerk der
Banken untereinander wird jäh unterbrochen, Geld „friert ein“, das Vertrauen in
Geldeinlagen ist dahin. Der Konsum geht runter, die Leute kaufen weniger Autos,
Handys, elektronische Geräte und sonstigen Schnick-Schnack. Sinkt die Nachfrage,
dann sinken auch die Preise – folgerichtig geht zur Zeit die
Verbraucherpreis-Inflation wieder zurück. Die gesunkene Nachfrage reißt aber
andererseits Löcher in die Unternehmensplanungen, zur Zeit deutlich in der
Autoindustrie zu beobachten. Börsenkurse sinken, Aktienanlagen verlieren an
Wert, Jobs werden unsicherer, alle führt zu noch vorsichtigerem Konsumverhalten
– ein Teufelskreis, der höchstwahrscheinlich in eine Rezession führt, diesmal
globalen Ausmaßes.
Die Rettungsmaßnahmen
bestehen jetzt darin, Vertrauen dadurch wieder herzustellen, dass man zumindest
die Banken wieder stabilisiert. Die deutsche Regierung ging dabei recht clever
vor. Die Finanzhilfen sind freiwillig, und sie sind an kluge Bedingungen
geknüpft – Mitbestimmungsrechte und Gehaltsbegrenzungen von Top-Managern. Die
überlegen sich jetzt folgerichtig gut, ob sie den Fonds in Anspruch nehmen. Der
Sinn des Fonds besteht darin, dass er auch nützt wenn man ihn nicht in Anspruch
nimmt. Die Deutsche Bank hat auch schon abgewunken. Es werden nur diejenigen
Banken den Fonds in Anspruch nehmen, die wirklich nicht aus eigener Kraft wieder
hochkommen und auch sonst nicht mehr viel an Ruf zu verlieren haben. Es steht zu
befürchten, dass diese Banken dann „mehr zuschlagen“ als vielleicht nötig wäre.
Das Geld wird also wahrscheinlich trotzdem verwendet.
Werden die globalen
Finanzhilfen nun so fließen wie vorgesehen, wird mehr Geld in das
Weltwirtschaftssystem gepumpt, das lässt sich nicht vermeiden. Dadurch werden
die bisherigen Anleger wieder ermuntert, weiter anzulegen, in welche Anlagen
auch immer. Zwar will man nun auf internationaler Ebene eine Steuerungsaufsicht
über das Finanzsystem etablieren – auf die Beschlüsse darf man gespannt sein.
Wenn sie klug sind, begrenzen sie die Systematik der Derivate und machen dem
Irrglauben des Geldverdienens am Laptop endlich den Garaus. Wollen wir es
hoffen.
Jedoch: Der Überhang des
Geldvermögens in der Welt wird seinen Weg suchen. Es wird nach Renditen schreien
und Renditeerwartungen außer Verhältnis geraten lassen zu den realen
Wertschöpfungspotenzialen. Mit anderen Worten, es werden neue Blasen aufgepumpt.
Aufgrund der Unsummen an gepumptem Geld ist zu befürchten, dass diesmal die Zeit
bis zum nächsten Crash noch kürzer sein wird als das letzte Mal (2000 und 2007).
Der Crash wird dann wahrscheinlich nicht zu einer Lähmung wie dieses mal,
sondern zu einer Flucht aus Anlagen hinein in Verbrauchsgüter führen – sprich
die Inflation anheizen, diesmal die „richtige“, die Verbraucherpreis-Inflation.
Das Vertrauen in die
Finanzsysteme muss wieder hergestellt werden, zu den momentanen
Rettungsmaßnahmen gibt es nicht viel Alternativen. Die Einführung einer globalen
Aufsicht über das Finanz-Kasperltheater ist ebenfalls richtig und notwendig, die
bisherigen Aufsichtsmechanismen und –behörden haben kläglich versagt. Dabei darf
es nicht bleiben.
Es ist notwendig, das
hineingepumpte Geld so rasch und konsequent wie möglich wieder zu entziehen.
Sowie die kommende Rezession halbwegs überwunden ist, müssen die Zinsen
wesentlich angehoben werden. Hohe Zinsen kosten wirtschaftliches Momentum, weil
eher Verschuldung zurückgeführt als neu investiert wird. Es wird auf
wirtschaftliches Wachstum, Beschäftigung und Steuereinnahmen drücken, richtig.
Ob die Verantwortlichen dazu den Mut und das Stehvermögen aufbringen, ist
fraglich. Wenn sie es nicht tun, ist die Konsequenz klar: Inflation. Inflation
wirkt wie eine ungerechte, ja gemeine Steuer. Jeder zahlt mit der Entwertung
seines Geldvermögens und seiner Rentenansprüche in der Zukunft für das
Wohlergehen der Beschäftigten und Unternehmen von heute. Der Prozess ist zwar
schleichend, daher bei Politikern und Entscheidern akzeptabel, aber in seiner
Wirkung verheerend und unverantwortlich.
Um das Risiko der
Aufblähung von Blasen zu vermindern, müssten die Rettungspakete für die
Finanzmärkte flankiert werden mit gezielten Förderungen von Industriezweigen in
denen wirklich Werte geschaffen werden. Das tun sie vorwiegend dort wo den
künftigen Megatrends Rechnung getragen wird. Dazu denen gehören der
Umweltschutz, der verantwortliche Umgang mit den Ressourcen, die Versorgung
angesichts des Bevölkerungswachstums auf der Erde, das Altern der Gesellschaft,
Mobilität, Telekommunikation, Sicherheit, um die wichtigsten zu nennen. Es darf
unterm Strich nichts kosten, sollte also durch Einsparungen oder gar
Strafsteuern finanziert werden, etwa in den Bereichen Transport,
Energieverbrauch, Müllerzeugung, Straßenbau, etc. Der Fokus muss auf
Technologien gelegt werden, die der Verbilligung des Alltags dienen. In der
Computer- und Elektronikindustrie sind Preisrückgänge normal – warum nicht im
Gesundheitswesen? Das Feld der Möglichkeiten und Herausforderungen ist
grenzenlos und nur mit höchstem Fokus auf Aus- und Weiterbildung zu bewältigen.
Dann würden die Unsummen,
die heute in den Geldkreislauf gepumpt werden, morgen Werte und damit Wohlstand
schaffen, statt Blasen aufzublähen und die Inflation zu beschleunigen. Dann
würden Risiken und Nebenwirkungen weitgehend vermieden werden.
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Josef Wenzl, München.
Er ist Autor des bei bei
Principal erschienenen Buches
'führungs I KRAFT.
Neue Energie im Unternehmen'
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