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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Change-Management für die Wirtschaft

 

 

 

 

 

 

So, nun ist das Konjunkturpaket II also verabschiedet. Obama hat auch endlich sein 800-Milliarden-Dollar-Programm durchgeboxt. Und was jetzt? Die Panik geht weiter. Gerade hat Angela Merkel versucht, die EU-Regierungsvertreter auf eine gemeinsame Linie beim G20-Gipfeltreffen einzuschwören, um eine Regulierung des Finanzsystems hinzubekommen – warum erst jetzt? Bundesfinanzminister Steinbrück sinniert neuerdings über die Gefahr der Inflation, die als Folge der gigantischen Liquiditätsspritzen entstehen „könnte“ – ach was, wirklich? Unsere Wirtschaftsweisen wirken in Interviews auch etwas überfordert. Häufig widersprechen sie sich untereinander - einig sind sie sich nur darin, dass sie das Konjunkturpaket eher skeptisch sehen und ihm nur einen schwachen Wachstumsimpuls zutrauen. Wieso hat die Regierung dann nicht noch mal nachgefragt? Und hilft man dem Unternehmen A, dann kommt auch noch Unternehmen B daher, zwar keine Bank aber vertreten durch eine weinende Chefin mit der Gewerkschaft im Schlepptau – hmm. Die Milliarden-Schleudern sind kaum verabschiedet, da schleicht sich dieses dumme Gefühl ein, der Bombenteppich an Fördermaßnahmen hat vielleicht größtenteils daneben gehauen.  

Nun – das geschieht meistens, wenn man in Aktionismus verfällt. Zu einem geringen Teil ist das auch verständlich. Die Krise ist einmalig im Leben der Entscheider. Die letzte große weltumspannende Depression war vor etwa 80 Jahren, und selbst deren Umstände ließen sich auf die ganz andersartig vernetzte Welt von heute nicht so ohne weiteres übertragen. Aus der Wirtschaftsgeschichte werden wir leider keine Lösungswege herleiten können. 

Gehen wir es anders an: Wirtschaft ist Teil der Gesellschaft. Das Auf und Ab von Unternehmen und deren Konsequenzen für Wohlstand, Beschäftigung und Steuerquellen ist abhängig vom Verhalten jedes Einzelnen. Eine Volkswirtschaft ist kein von allem losgelöstes, selbständiges System mit seinen eigenen Macken und Launen, wie es oft scheint. Sie folgt den gleichen Regeln, die auch für das wirtschaftliche Verhalten im Privatleben jedes Einzelnen gelten. Wer mehr Geld ausgibt als er hat und sich ständig mit Krediten refinanziert, bekommt ein Problem. Wer seinen Kindern die Verpflichtung aufhalst, für seine künftigen Renten aufzukommen, handelt unverantwortlich. Wer sein Geld ausgibt für schönes Essen, modische Kleidung und neueste Unterhaltungselektronik statt für Wertschöpfung oder Vorsorge (Aus- und Weiterbildung, eigenes Haus, Ersparnisse), bekommt irgendwann die Quittung. Wer für die große Party seinen Garten zertritt, darf sich nicht wundern, wenn das Gemüse knapp wird.  

Krisenzeiten gibt es auch im Privatleben. Beruflich habe ich in den letzten Jahren leider oft mit Restrukturierungsmaßnahmen (auf gut Deutsch: Personalabbau) zu tun gehabt. Der Verlust des Arbeitsplatzes ist eine der schlimmsten persönlichen Krisen, die es gibt. Menschen, die durch so eine Hölle gegangen sind, erzählen mir oft, dass zwei Kräfte bewirkten, die Krise zu überwinden: Loslassen (das ist meist mit viel Trauer und/oder Wut verbunden) und Verantwortung für die Zukunft übernehmen.  

Loslassen bedeutet, Vorstellungen und Konzepte aufzugeben, die einen nicht weiter bringen. Es wird in der gegenwärtigen Krise nicht viel helfen, mit Steuersenkungen und dergleichen den Konsum beleben zu wollen. In diesen unsicheren Zeiten ist es logisch, dass Menschen sparen, also auf Konsum verzichten. Das ist weder störrisch noch gesamtwirtschaftlich verantwortungslos, sondern einfach nur vernünftig. Man kann diese Konsum-Zurückhaltung durch so Tricks wie die Abwrackprämie aushebeln, aber nur vorübergehend. Niemand kauft sich mehr Autos als er braucht, also werden derartige Ausgaben höchstens vorgezogen – das Nachfrageloch wird jedoch später umso größer klaffen.  

Wir müssen auch einige „Kopfigkeiten“ aufgeben. Die Versuchung ist groß, nach nationalstaatlichen Lösungen suchen. Dass die derzeitige Krise außerhalb Deutschlands ausgelöst wurde, ist richtig. Das ist aber kein Grund uns abzuschotten. Der französische Präsident hatte sein 6,5-Milliarden-Föderpaket für die heimische Autoindustrie mit dem Statement verbunden, es sei „unverantwortlich, französische Autos in Tschechien herzustellen“. Der tschechische Regierungschef und derzeitige EU-Ratsvorsitzende war entsprechend begeistert. Mit kleinstaatlichen Horizontbegrenzungen kommen wir nicht weiter. Wenn andere Länder kostengünstiger produzieren, dann müssen wir diesen Vorteil voll und ganz nutzen, denn sonst wird der deutsche Kunde – völlig unpatriotisch - bei der ausländischen Konkurrenz kaufen und die heimische Industrie kracht erst recht zusammen.  

Wir müssen uns lösen von diesem verzweifelten Wahn, wir könnten so weitermachen wie bisher. Das bezieht sich nicht nur auf die irrwitzige Quartals-Ergebnis-Hysterie oder auf lustvolle Managergehälter oder auf die Tollheit der Finanzwelt, satte Renditen mit Derivaten einfahren zu können ohne auf das Wolfsrudel der Risiken achten zu müssen. Das bezieht sich genauso auf die engstirnigen Gewerkschaften, die meinen, selbst in Krisenzeiten noch ihre 8,5 Prozent Lohnerhöhung einstreiken zu müssen. Sie lassen sich von ihrer eigenen Klientel für ihre „Erfolge“ hochleben, verabschieden sich jedoch von jeder gesamtwirtschaftlichen Verantwortung – und die Öffentlichkeit nimmt dies auch noch mit Verständnis hin. Es kümmert nicht, dass dies den Überlebenskampf der Unternehmen verschärft, den einzigen Institutionen, die uns überhaupt wieder aus der Krise ziehen können. Und auf das Schicksal der Menschen, die daraufhin ihren Job verlieren werden, oder deren Chance auf eine Anstellung nun erst recht ins Bodenlose stürzt, ist scheinbar gespuckt.  

Zum Thema Verantwortung ist in dieser Sonderrubrik schon einiges gesagt worden. Ich sehe Verantwortung vorrangig als etwas Nachhaltiges, Holistisches. Statt ein Strohfeuer-Paket mit der Förderung von Lärmschutzwänden an Autobahnen und Toiletten in Schulgebäuden sollte ein langfristiges Wertschöpfungsprogramm aufgelegt werden. Wir müssen erkennen, dass eine Krise immer auch eine strukturelle Zäsur darstellt. Alte Wirtschaftszweige werden nun stärker und schneller weg brechen. Andere (wie z.B. die Autoindustrie, soweit sie auf Benzin- und Dieselmotorentechnologie setzt) werden sich nie wieder auf den Stand von vor zwei Jahren erholen. Es hat keinen Sinn, derartige Zweige noch zu fördern, will man das gute Geld nicht dem schlechten hinterher werfen. Stattdessen sollte die Entwicklung von Zukunfts-Technologien beschleunigt werden. Nachdem diese bisher nicht sehr greifbar sind (ein Ergebnis jahrzehntelanger Versäumnisse), müssen wir eine Visions- und Innovationsinitiative starten. Wir haben bereits angeregt: Klimaschutz, Energieeffizienz, Medizintechnik und Alltagshilfen für eine alternde Gesellschaft, usw. Das Feld ist viel größer als der Geist eines Einzelnen umspannen kann. Wir brauchen Ideen und Tatkraft. Und wir brauchen eine verantwortliche Regierung, die Wertschöpfung zum zentralen Thema ihrer Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik macht.  

Die Wirtschaftskrise trifft zwar auch die Schwellenländer, die Globalisierung ist dadurch nicht aufgehoben, höchstens aufgeschoben. Die Pause ist kurz. Deutsche Unternehmen müssen sich vorbereiten und auf internationaler Ebene noch schlagkräftiger werden. Dies geht, erstens, nur mit Top-Leuten. Bildung! Wieder und immer wieder, bis zum Erbrechen: wir brauchen top ausgebildete und innovative Menschen – jeden Alters. Lebenslanges Lernen muss gefördert werden, sowohl in der Tiefe als auch in der Breite. Zweitens, wir können im globalen Wettbewerb nur mit vernünftigen Lohnnebenkosten bestehen. Leider haben wir es in den Jahren vor der Krise versäumt, hier endlich drastische Korrekturen vorzunehmen – stattdessen haben wir uns um die Erhöhung von Sozialleistungen gestritten. Die Lohnnebenkosten bewirken eine ungeheure Flucht in die Schwarzarbeit. Der Schaden für die Sozialsysteme ist gigantisch – aber er wird ja vom Staat ersetzt. Drittens, Flexibilität ist ein Wirtschaftsfaktor, das sollten unseren sozialromantischen Regierungen endlich einsehen. Deutsche Unternehmen müssen schneller agieren können – die Kündigungsfristen, -schutzvorschriften und Konsorten können notwendige Veränderungen nur verzögern, nicht aufhalten. Später treffen sie nur noch härter. Schon in guten Zeiten behindern sie massiv Neueinstellungen. US-Firmen überlegen zweimal, ob sie einen Mitarbeiter in den USA einstellen. Ob sie jemanden (womöglich noch höheren Alters) in einem Tochterunternehmen in Deutschland, in der ein Betriebsrat selbst bei der sonst weltweiten Einführung von EDV-Systemen lokal mitbestimmen will, das überlegt er sich fünfmal. 

Verantwortung hat vor all diesem Hintergrund auch ein kurzfristiges Gesicht. Es wird sich nicht vermeiden lassen, Not leidende Banken und Schlüssel-Unternehmen zu retten. Von all den Möglichkeiten staatlicher Unterstützung erscheint mir in den gegenwärtigen Zeiten eine Eigenkapitalhilfe als die sinnvollste Alternative. Zuschüsse bergen eine zu große Gefahr des Missbrauchs – geht es einem Unternehmen aufgrund der Zuschüsse wieder besser, hat der Steuerzahler nichts mehr davon. Es bleibt dem Unternehmen überlassen, ob es seine bezuschussten Gewinne ausschüttet, als Boni an seine Manager überweist oder weiter investiert – der Staat als ursprünglicher Retter bleibt außen vor. Kredite (oder Bürgschaften dafür) schlagen ins andere Extrem. Sie erzeugen eine erbarmungslose Zins- und Tilgungsbelastung, die in Zeiten der Krise erst recht erdrückend werden kann. Eigenkapitalhilfen bleiben in meinen Augen die fairste Lösung. Durch den Eigenkapitalanteil erhält der helfende Staat als Gegenleistung die entsprechenden Gesellschaftsrechte, er kann also Geschäftsmodelle und –planungen prüfen, über die Ernennung von Managern und Aufsichtsräten mitbestimmen und er ist an Gesellschaftsbeschlüssen ebenso beteiligt, wie am Gewinn und seine Verwendung. Er kann seinen Eigenkapitalanteil in guten Zeiten auch wieder verkaufen, etwa an die ursprünglichen Gesellschafter. Das Unternehmen, das eine solche Hilfe erbittet, weiß also, worauf es sich einlässt. Dass ein anderer Gesellschafter mit beteiligt ist, auch wenn er Ausländer ist, stellt zunächst kein unmittelbares Problem dar. Kritisch würde dies erst bei organschaftlichen Konzernverbindungen, die mit der Verlagerung von Urheberrechten, Lizenzen und Steueroptimierungsmodellen arbeiten, so wie bei Opel. In solchen Konstruktionen kann es schwierig werden, den Staat als einen konzernfremden Gesellschafter aufzunehmen. Wenn alle Stricke reißen, müsste man hier eine Enteignung prüfen. Mit dem Konstrukt der Eigenkapitalhilfen würde der Staat zum Risikokapitalgeber – der er ohnehin ist. Als solcher muss der Staat nicht jedem Schlinger-Unternehmen helfen. Er kann prüfen, ob das Geschäftskonzept tragfähig ist oder ob das Unternehmen von strategischer Bedeutung ist, usw. Über diese Konstruktion wird das Risiko, dass Staatshilfen missbraucht und ausgenutzt werden, noch am ehesten vermieden.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Josef Wenzl, München.

Er ist Autor des bei bei Principal erschienenen Buches

 'führungs I KRAFT. Neue Energie im Unternehmen'

 

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Josef Wenzl ist Geschäftsführer der

 

deutschen Niederlassung eines amerikanischen IT-Konzerns.