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Ein guter Manager macht noch keine gute
Führungskraft. Management ist lediglich die handwerkliche Seite der Führung. Es
ist die Welt des Analysierens, Planens, Entscheidens, Kontrollierens, in der ein
guter Manager die Regeln der Personalführung, des Projektmanagements, Methoden
und Konzepte wie Balanced Scorecard, Value Chain Engineering, Six Sigma, TQM,
Kaizen, Lean Manufacturing, etc. kennen muss. So wie ein Schreiner gelernt hat,
mit Maßen und Plänen umzugehen, das richtige Holz auszuwählen, es mit Maschinen
zu bearbeiten und zusammenzufügen. Ein Handwerker ist kein Künstler, er hat
jedoch die Basis, einer zu werden. Ein Schreiner kann zu einem Innenarchitekt
emporwachsen, ein Steinmetz zu einem Bildhauer, ein Graphiker zu einem Maler.
Aber wo genau liegt diese Schwelle vom Handwerk zur Kunst? Und ließe sich das
übertragen auf die Entwicklung vom Manager zur Führungskraft?
Alan Cox zitiert in einem seiner Bücher den
Orchester-Dirigenten Robert Shaw, der in einem Vortrag über „Worship and the
Arts“ vier Qualitäten aufzeigte. Kunst entsteht aus (1) Handwerklichkeit
(craftsmanship). Da hätten wir den Komplex Management mit all seinen
Erfahrungen und Methoden. Weiterhin führt Shaw an: (2) Reinheit des Bestimmung
(purity of purpose), (3) Offenbarung (revelation), und (4)
Historische Perspektive (historical perspective).
Bei (2) Reinheit der Bestimmung, geht es um
Authentizität, Ehrlichkeit, Verbindlichkeit des Künstlers im Verhältnis zu
seinem Werk. Die Reinheit der Bestimmung, der Absicht, des Sinns des zu
Schaffenden darf nicht „befleckt“ sein. Niemals ist es Ergebnis von
Kompromissen. Ein Kunstwerk wirkt nur dann, wenn es mit Leib und Seele
geschaffen wurde. Man fühlt dessen „Stimmigkeit“, man fühlt, dass das Werk
höheren Ansprüchen des Künstlers genügt.
Was kann das mit Führung zu tun haben? Gehen
wir einen Schritt zurück: Die innere Energie hinter den höheren Ansprüchen hat
nach meiner Lebenserfahrung zwei Quellen: Zum einen das Selbstbild des Menschen,
also die Antwort auf die Frage: Wer bin ich? Zum anderen dessen Weltbild, mit
der Frage: Wie sehe ich das Leben? Sowohl Selbst- als auch Weltbild können
jeweils eine dunkle und eine helle Seite haben. Diese Bilder treffend aber in
kurzen Worten zu beschreiben ist schwierig und erfordert sehr viel Ehrlichkeit
und zum Teil Mut – lohnt sich aber. Die dunkle Seite könnte etwa so aussehen:
Ich bin verletzlich, und das Leben ist ein Kampf aus der Deckung. Die helle
Seite könnte lauten: Ich bin kreativ, und das Leben ist die Umsetzung von
Träumen in die Wirklichkeit. Beide Seiten sind in uns und erzeugen eine
Spannung, die ausgedrückt werden will, und eine Schwelle, die überschritten
werden will. Wir nennen dieses Überschreiten Wachstum.
Diese Bereiche, Selbstbild und Weltbild,
Spannung und Schwelle, hat auch ein Unternehmen. Hier könnte die dunkle Seite
lauten: Wir sind Söldner und unser Geschäft besteht aus Hauen und Stechen. In
einem solchen Unternehmen werden die Führungskräfte überzogene Gehälter und Boni
herausschinden, den Beruf als Mittel zum Zweck zu sehen, möglichst schnell und
steil Karriere zu machen und ihre Statusgeilheit ausleben. Das strahlt
unweigerlich auf die Motivation und Innovationskraft der Mitarbeiter aus, es
prägt die Unternehmenskultur und Kunden und Partner werden das spüren. Ein
Beispiel für die helle Seite: Wir sind stolz auf unsere Leistung und unser
Geschäft ist Belohnung dafür, das Beste zu geben. Wir können uns vorstellen, wie
viel positiver so ein Selbstverständnis wirkt.
Ausgelöst durch die Krise ruft die
öffentliche Meinung lauter als je zuvor nach „Corporate Social Responsibility“,
„Nachhaltigkeit“ und mehr Verantwortlichkeit der Manager. Unternehmen geben
schöne Business-Ethics- oder Code-of-Conduct-Broschüren an die Belegschaft aus,
gegen Empfangsbestätigung. Die Reinheit der Bestimmung hat jedoch einen tieferen
Kern. Es geht nicht um Einhaltung von Vorschriften, sondern um die innere
Ausrichtung der Führung und des Unternehmens, es geht um Authentizität.
Mitarbeiter merken sehr genau, ob sie es bei ihrem Vorgesetzten mit einer
Fassade zu tun haben oder mit einem Menschen aus Fleisch und Blut, der mit Herz
und Seele bei der (Führungs-)Sache ist, der verschmolzen ist mit der
Unternehmensidee und der sie mit Energie lebt und umsetzt. Eine Führungskraft
muss kein Superman oder strahlender Charismatiker sein. Es ist nicht notwendig,
immer alle Antworten zu haben – ganz im Gegenteil. Gerade bei Problemen und
Krisen ist die Eingebundenheit im Team (mit Kollegen, Chefs, Mitarbeitern, ja
sogar externe Partnern wie Banken, Lieferanten, usw.) wichtig. Aber die Reinheit
der Bestimmung wird einen hohen Anspruch sicherstellen. Das Kunstwerk, das
„Unternehmenswerk“, muss schön und einzigartig sein, sonst ist es keines. Die
Konsequenz ist, sich nicht mit Zweitbestem zufrieden zu geben, Freude in der
Anstrengung zu erleben und diese Freude überspringen zu lassen. Ein Künstler
lässt auch nicht locker, bis sein Werk gelungen ist. Und dann geht er an sein
nächstes…
Zu (3) Offenbarung: diese muss mitgeteilt,
muss evangelisiert werden. Kunst will etwas abbilden – und zwar immer etwas mehr
als das rein physisch abbild- und beschreibbare. Übertragen auf die
Unternehmensführung geht es darum, eine einzigartige Unternehmensidee zu
greifen, sie darzustellen und umzusetzen, so dass es beim Kunden etwas ins
Schwingen bringt oder gar begeistert. Das gilt selbst für den Gemüseladen um die
Ecke. Wichtig sind hier die Produkte und Dienstleistungen, deren Qualität,
Verarbeitung und Erscheinungsbild, und wie das alles mit dem Kunden „flirtet“.
Wir haben in dieser Sonderrubrik schon über Visionen gesprochen.
Was sich damit gar nicht verträgt, ist diesen
Offenbarungsfunken eines Unternehmens mit mathematischen Modellen, Spreadsheets,
finanziellen Kennzahlen, usw. beschreiben zu wollen, gar mit dem Ziel mit diesem
Wissen an der Börse möglichst schnell zum Millionär zu werden. Wer ein
Unternehmen nur als abstraktes Gebilde betrachtet, in dem man sein Ego parken
oder ausleben und viel Geld verdienen kann, der hat in der Führung nichts zu
suchen – noch nicht mal in der Mitarbeiterschaft. Ein Unternehmen braucht das
Herzblut der Menschen, die es ausmachen – um das zu mobilisieren, müssen
Führungskräfte diesen „Offenbarungszugang“ haben. Sie müssen selbst „Offenbarer“
sein.
Der Punkt (4) Historische Perspektive,
besagt, dass Kunst immer einen Bezug zum Zeitgeschehen hat. Kunst ist stets eine
Ausdrucksform des Zeitgeistes, es gibt keine „zeitlose“ Architektur, Mode,
Musik, Literatur, Bilder, Formgebung von Produkten, usw. Kunst transportiert den
Zeitgeist, setzt sich mit ihm auseinander, fordert ihn heraus, verändert ihn,
entwickelt ihn weiter.
Auch Führung ist eingebunden in die Dynamiken
der Zeit. Wir sind tagtäglich konfrontiert mit Problemen wie die Globalisierung,
deren Druck auf Kosten und Preise und die Auswirkung auf heimische
Arbeitsplätze. Drängende Fragen stellen sich nach Wachstum, Renditen und deren
Grenzen, nach gesellschaftlicher Verantwortung, nach einer vernünftigen Sicht
auf Soziale Gerechtigkeit, usw. Das sind Themen, die jeden Arbeitsplatz, jede
Kundenbeziehung, das ganze Gefüge eines Unternehmens mitsamt seinen Banken und
Investoren betreffen.
Führungskräfte dürfen sich hier nicht hinter
dicken Firmenwägen, Schreibtischen und Pensionsansprüchen verstecken, sondern
müssen sich damit auseinandersetzen und Stellung beziehen. Das heißt auch, sich
nicht nach der öffentlichen Meinung zu biegen. Es ist eben nicht der Konsum, der
uns aus der Krise führen wird, sondern es sind Innovationen und die darauf
folgenden Investitionen der Unternehmen. Innovation und Wertschöpfung werden uns
künftig ernähren, nicht soziale Fürsorgesysteme. Soziale Gerechtigkeit ist in
erster Linie Leistungsgerechtigkeit, alles andere geht in Richtung Sozialer
Egoismus – und der führt in die Soziale Insolvenz. Solche Botschaften mögen in
den Ohren von Mitarbeitern im Betrieb, genauso wie Betriebsräten,
Gewerkschaften, Politikern, auch Investoren, usw. gar nicht wohl klingen, dann
sei dem so. Hier stellt sich eine echte Führungsautorität unter Beweis.
Wir haben uns in diesem Artikel auf die
Parallelen zwischen Kunst und Unternehmensführung beschäftigt. Ein reicher
Fischzug, wie ich meine. Halten wir Ausschau nach weiteren Fanggründen:
Unternehmensführung und Lebensführung, Geschäftsleben und Familienleben: wo
liegen die Unterschiede? Mit dem Wissen und den Erfahrungen eines
„Lebenshandwerkers“ spulen wir unseren Alltag ab von Wochenende zu Wochenende.
Aber was wäre der nächste Schritt vom Lebenshandwerk zur Lebenskunst?
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Josef Wenzl, München.
Er ist Autor des bei bei
Principal erschienenen Buches
'führungs I KRAFT.
Neue Energie im Unternehmen'
Pflichtlektüre
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