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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Motivation – vom Mythos zum Pathos

 

 

 

 

 

 

Die Gallup Studie ist zwar schon etwas alt (2003/2005), es ist aber nicht zu erwarten, dass sich die Ergebnisse groß verbessert hätten. Laut dieser Studie liegt die Motivation und Bindung der Mitarbeiter an ihr Unternehmen in Deutschland nur zu 13% bei „hoch“. 69% gaben „niedrig“ an, als „gar nicht“ motiviert/gebunden fühlten sich 18%. Knapp ein Fünftel der arbeitenden Menschen haben innerlich mit ihrem Unternehmen abgeschlossen! 

In den 90er Jahren hat Reinhard Sprenger mit dem „Mythos Motivation“ gründlich aufgeräumt. Er hat erstmals unterschieden zwischen intrinsischer und extrinsischer Motivation. Bei extrinsischer Motivation kommen die Leistungsanreize von außen, in Form von variablen Vergütungen oder Kürzungen, Lob und Tadel, kurz also: Zuckerbrot und Peitsche. Bei intrinsischer Motivation liegt der Anreiz in der Leistungserbringung an sich, Mitarbeiter motivieren sich selbst. Sprenger vertritt die Ansicht, dass intrinsische Motivation effektiver sei als die extrinsische. Er weist sogar nach, dass Leistungsprämien als Motivationsinstrument längerfristig eher das Gegenteil bewirken. Die Aufgabe eines Managers sei weniger zu motivieren, sondern eher Demotivationen zu vermeiden. 

Dieser Grundsatz deckt sich zwar mit meiner langjährigen Erfahrung, er liefert aber keine wirkliche Grundlage für das Verhalten von Managern ihren Mitarbeitern gegenüber. Folgende drei Hypothesen haben sich in der Praxis bewährt, um eine solche Grundlage zu schaffen:

I. Menschen möchten Teil von „etwas Größerem“ sein, sie möchten ihren Beitrag leisten zu etwas, was höher ist als sie selbst. Nur so können sie ihre Fähigkeiten ausbilden und persönlich wachsen. Dazu sind Herausforderungen nötig. Demotiviert sind Menschen dann, wenn dieses Bedürfnis mental blockiert ist - etwa durch Ängste oder aufgrund von ineffektiven Überzeugungen.

II. Motivation wird durch Gemeinschaft mit anderen Menschen verstärkt. Teil einer Gemeinschaft zu sein ist nicht das „Größere“ an sich, es verstärkt „nur“ die Empfindung, Teil eines Größeren zu sein. Man kann auch in Einsamkeit zu etwas motiviert sein, zusammen mit anderen spürt man jedoch mehr Energie, der Motivationseffekt multipliziert sich. Dieser Effekt bildet die Substanz von Kulturen (Familien, Vereine, Gemeinden, Länder, Nationen, Sprachgemeinschaften), Religionen (Kirchen, Orden), Initiativen und Projekte (Versammlungen, Bürgerinitiativen, Parteien, Organisationen) und natürlich Unternehmen (Abteilungen, Teams, etc.).

III. Motivation ist eine Feldwirkung von Energie und funktioniert nur dann, wenn sie einheitlich ausgerichtet ist. Eine Führungskraft kann nur dann andere motivieren, indem sie sich selbst, ihre Ideen, Visionen und Ziele und ihr Tun, kurz dieses „Größere“ darstellt und energetisiert. Mit Schauspielerei geht das nicht, dafür ist innere Stimmigkeit und menschliche Verbindlichkeit notwendig. Mitarbeiter spüren diese Feldwirkung sehr deutlich. Sie nehmen schnell „Unstimmigkeiten“ wahr, etwa, wenn sie sich manipuliert fühlen oder die Unternehmenspraxis als unehrlich, ungerecht, unklar, widersprüchlich, oder unethisch empfinden.  

An Manager, die ihre Mitarbeiter motivieren wollen, geht eine simple Botschaft: Nehmen Sie Ihre Leute einfach ernst, spielen Sie nicht den Begeisterungsclown. Stellen Sie klar, was Sie von Ihren Mitarbeitern erwarten und leben Sie es vor. Werden wir konkret: 

1. Klarheit der Erwartungen.

Menschen wollen gut sein in dem, was sie tun. So verrückt es anmutet, Anforderungen/Ziele/Erwartungen, etc. sind tatsächlich motivierend, sofern sie klipp und klar vermittelt werden. Machen Sie Ihren Mitarbeitern klar, dass in einem Job die Ergebnisse wichtig sind, nicht die Überstunden. Erwarten Sie Lösungswege, nicht nur Probleme. Halten Sie Ihre Mitarbeiter dazu an, ihre eigene Fehlertoleranz zu finden und nicht erst auf Beurteilungsgespräche zu warten. Fordern Sie Flexibilität und unternehmerisches Denken und Handeln ein bis hin zum Umsetzen unpopulärer Maßnahmen, wenn notwendig. Fordern und fördern Sie aktives Lernen –nicht das Absolvieren von Seminaren, sondern das Suchen nach Wegen, wie das Unternehmen erfolgreicher gemacht werden kann. 

2. Klarheit über den Sinn.

Mitarbeiter wollen verstehen, was ihre Arbeit bewirkt, sie wollen ihren Beitrag zum „Big Picture“ sehen. Erklären Sie, wenn Sie etwas von Mitarbeitern anfordern, warum. „Ich brauche von Ihnen X, weil ...“. „Unsere Firma tut Y nicht, weil ...“. Das eröffnet den Mitarbeitern die Möglichkeit, mitzudenken und Dinge hochzubringen, die Sie vielleicht vernachlässigt hätten.  

Informieren, nein, kommunizieren Sie über abteilungsinterne Fortschritte, abteilungsübergreifende Entwicklungen, die Situation des gesamten Unternehmens, interessante Entwicklungen bei den Produkten, den Technologien, der Konkurrenz, etc. Je mehr Sie dabei eine Brücke zu den konkreten Tätigkeiten und Erfolgen Ihrer Mitarbeiter herstellen können, um so besser.  

3. Empowerment.

Wenn Sie unternehmerisches Denken einfordern, kommen Sie gar nicht umhin, Entscheidungsbefugnisse zu delegieren. Es gibt Restaurants, bei denen der Kellner die Autorität hat, auf die Bezahlung eines Essens zu verzichten, wenn der Kunde andeutet, dass er nicht zufrieden war. In einem mir bekannten Fall hat die Mannschaft einer Entwicklungsabteilung am Freitag kurzfristig entschieden, zusammen mit dem Kunden über das Wochenende ein spezielles Projekt zu bearbeiten - zu Konditionen, die sie selbst ausgehandelt haben. 

Bleiben Sie beim geforderten Ziel und überlassen Sie Ihren Mitarbeitern den Weg. Orientieren Sie Ihre Vorgaben (Termine, Budget, etc.) an dem Maximum an Vertrauen, das Sie Ihrer Einschätzung nach geben können. Das kann so weit gehen, dass Sie die Mitarbeiter ihre eigene Strategie entwickeln lassen und auch mit Fehlschlägen umgehen lassen. 

Ziehen Sie die Delegation von Verantwortung dann auch ernsthaft durch. Ihre Mitarbeiter werden kommen und Sie öfter um Rat fragen, als vielleicht notwendig ist. Bleiben Sie konsequent und bestehen Sie darauf, dass Vorschläge für die Lösung von Problemen von den Mitarbeitern erarbeitet werden. 

4. „Seriöses Abenteurertum“

Damit ist der Anspruch gemeint, sich mit Mittelmäßigem nicht zufriedenzugeben. Standards und Leistungserwartungen sollen hochgehalten werden, die Ziele sollten Grenzen austesten, Streit und Konfrontation um Ideen und Strategien sind gewünscht - schließlich ist man im Wettbewerb. Das Schiff soll „hart am Wind“ segeln.  

Diese Kultur wirkt nur dann motivierend, wenn sie konsequent und konsistent im gesamten Unternehmen verwirklicht und umgesetzt wird. Damit der Aspekt des Kampfes nicht überhand nimmt und Mitarbeiter nicht verkrampfen (daher der Begriff Abenteurer, nicht Krieger), ist die Moderationsfähigkeit der Führungskraft gefragt. Dann kann ein wahrer Leistungs-„rausch“ entstehen, der die Mitarbeiter und das Unternehmen über sich hinauswachsen lässt.  

5. Präsenz und Authentizität.

Seien Sie da, haben Sie eine offene Tür, gehen Sie zu Mitarbeitern an den Platz. Signalisieren Sie, dass Ihre Leute Ihnen am Herzen liegen. Verzichten Sie eher auf Statussymbole und bleiben Sie ansprechbar und „berührbar. Stellen Sie sich allen notwendigen Diskussionen, besonders den schwierigen, und geben Sie ihnen Raum und die Zeit. Personalangelegenheiten haben Priorität. Was lehrbuchhaft klingt, bedeutet in der Praxis: verwenden Sie etwa zwanzig Prozent Ihrer Zeit auf Mitarbeiterführung, Minimum. 

Sie müssen in einer Linie sein mit den Strategien, Visionen, Zielen ihres Unternehmens. Wenn Sie damit nicht einverstanden sind, und dies Ihren Mitarbeitern signalisieren, werden Sie demotivieren. Keiner will in einem Unternehmen arbeiten, in dem sich die Führung uneins ist. Wenn Sie also anderer Meinung sind als Ihre Führung, haben Sie als Führungskraft die Wahl, Ihre Chefs umzustimmen, mitzumachen oder zu gehen. „Lead, follow, or get out of the way“. 

6. Konsequenz.

Konsequentes Vorgehen hat etwas Unsoziales, Unmenschliches? Sehen wir genau hin. Inkonsequentes Verhalten bedeutet, Sie geben Ihren Mitarbeitern kein ehrliches und deutliches Feedback. Damit tun Sie niemandem einen Gefallen. Der betroffene Mitarbeiter hat ein Recht darauf, dass seine Leistungen beurteilt werden. Ich habe beschämend oft Fälle gesehen, in denen Mitarbeiter auf Kündigungslisten gesetzt wurden, weil sie angeblich schwache Performer seien. Sichtet man die Beurteilungen der letzten Jahre, waren es meist zufriedenstellende, oft sogar gute Beurteilungen! Aus Angst vor klaren Worten wurde die ganze Zeit etwas vorgelogen. Der Mitarbeiter hat nie erfahren, wie er sich verbessern hätte können Inkonsequente Führung hat eine verheerende Signalwirkung auf die Kollegen. Knallhart gesagt: Die Leistungsträger wollen die Leistungsschwachen nicht tragen. Es demotiviert sie, deren Arbeit mit erledigen zu müssen und die Abteilungsziele gefährdet zu sehen. Tolerieren Sie als Manager schwache Leistungen, dann heißen Sie sie praktisch gut. Ihre Neutralität wird den Leistungsstandard ihrer ganzen Abteilung niedrig halten. Die Leistungsstarken fühlen sich nach unten gezogen oder gehen.  

Geben Sie Feedback ehrlich und unmissverständlich (und dokumentieren Sie es). Geben Sie Mitarbeitern die Möglichkeit, sich zu entwickeln und helfen Sie ihnen in angemessenem Rahmen. Wenn keine Verbesserung eintritt, ziehen Sie die Konsequenzen und trennen Sie sich, in Anstand und Fairness. Die Trennung dürfte dann keine Überraschung für den Mitarbeiter mehr sein.  

7. Betriebsklima: Werte verkörpern – mit Stil.

Zeigen Sie Verbindlichkeit mit allen Ebenen von Mitarbeitern, nicht nur gegenüber dem Kreis der erlauchten Ihresgleichen. Antworten Sie auf E-Mails, egal von wem, innerhalb von 24 Stunden. Zeigen Sie, dass Sie auf Stil wert legen, vom täglichen Gruß über Ihre freundliche aber klare Sprache in Wort und Schrift bis hin zur Sauberkeit und Ordnung. Ich habe bei einem Unternehmen erlebt, dass ein Mitarbeiter gegangen ist, weil er sich für den verschmuddelten Zustand seiner Fabrik geschämt hat. Wenn Sie Ärger haben, lassen Sie ihn nie schriftlich los, etwa gar mit anderen noch auf Kopie. Versuchen Sie es im vertraulichen Gespräch. Halten Sie sich mit abfälligen Bemerkungen (erst recht hinter dem Rücken des Betroffenen), öffentlichen Abstrafungen, „beat-up sessions“, und mit Abwertungen zurück. 

Auch in harten Zeiten: Wenn Sie durch Entlassungswellen gehen müssen, stellen Sie sich vorne hin und erklären Sie das Warum und Wie, ehrlich und öffentlich. Führen Sie schwierige Personalgespräche selbst, einfühlsam aber konsequent, sehen Sie den Menschen in die Augen.  

Verkörpern Sie das, was Sie auch von Mitarbeitern erwarten. Zeigen Sie selbst den Mut, Herausforderungen anzunehmen. Seien Sie aufgeschlossen allem neuen gegenüber. Zeigen Sie ihr ständiges Bestreben zu lernen. Arbeiten Sie hart, sogar mal sehr hart, wenn es sein muss. Walk the Talk.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Josef Wenzl, München.

Er ist Autor des im September bei Principal erscheinenden Buches

'Führungskraft. Wie Sie Ihren Vorsprung im Unternehmen

und globalen Wettbwerb sichern.'

 

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Josef Wenzl ist Geschäftsführer der

 

deutschen Niederlassung eines amerikanischen IT-Konzerns.