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Wir müssen lernen, die
Krise zu lieben. Das meine ich ernst. Schluss mit dem Gejammer. Schluss mit dem
Nach-hecheln hinter immer schlechter werdenden Prognosen. Schluss mit dem
aktivistischen Konjunkturprogramm-Gestolper.
Der nächste Aufschwung
kommt. Niemand weiß genau wann, aber er wird kommen. Jetzt gilt es, Maßnahmen
zu ergreifen, die Deutschland in eine Pole Position, in eine
technologische und wirtschaftliche Führungsposition bringen, um dann beim
nächsten Aufschwung voll dabei zu sein und davon zu profitieren – mit neuen
Arbeitsplätzen, mit gut verdientem Auskommen, einer florierenden Wirtschaft,
einer stabilen Währung, gestützt durch ein sicheres Finanzsystem. Das klingt zu
schön, um wahr zu sein? Nun, jetzt in der Krise können wir die Dinge zu tun, zu
denen uns bisher der Mut, die Mittel und der Sense of Urgency gefehlt
haben.
Was nicht funktionieren
wird, sind Maßnahmen zur Förderung des Konsums, etwa gar mit Konsum-Gutscheinen.
Sicherlich würde das Geld ausgegeben und Einzelhändler wären vorübergehend
glücklich, würden aber über das später entstehende Nachfrageloch um so lauter
klagen. Ein Problem bei so einem Strohfeuer ist auch, dass in Deutschland
angebotene Konsumgüter in der Regel einen hohen Anteil an ausländischer
Wertschöpfung haben. Wer also den Kauf eines neuen Fernsehers, DVD-Spielers oder
PCs, etc. fördert, der hilft den Industrien in Japan, China, Taiwan, usw. und
das mit deutschen Staatsschulden. Nichts gegen diese Länder, aber wir haben
unsere eigenen Sorgen.
Generell: von Ausnahmen
abgesehen haben Konsumgüter keine besonders stimulierende Wirkung für die
deutsche Wirtschaft. Massenwaren, die relativ leicht zu transportieren sind und
die einem hohen Konkurrenzdruck mit entsprechend niedrigen Gewinnmargen
ausgesetzt sind (die Autoindustrie kommt dem bereits gefährlich nahe), werden
heute schon zu einem großen Teil aus dem Ausland bezogen. Die Verbraucher werden
in der Krise jeden Euro zweimal umdrehen, bevor sie ihn ausgeben, was die Preise
noch stärker unter Druck setzen wird (Deflation). Wer also im Konsumgüter-Markt
weiterhin bestehen und gewinnen will, der muss die Produktion weiter in
Niedriglohnländer verlagern, viel stärker als bisher. Das ist auch deshalb
notwendig, weil dort künftig der beste Markt für Konsumgüter sein wird. Es sind
die Niedriglohnländer, deren Bevölkerung weiterhin Kaufkraft gewinnen und damit
die Nachfrage hochhalten werden, während in den westlichen Ländern die
Konsummärkte schon relativ gesättigt sind mit Handys, MP3-Spieler, Fernseher,
Fotoapparate, Autos, Computer, usw. Das wird an der alljährlichen Verzweiflung
beim Besorgen von Weihnachtsgeschenken deutlich. Weil also mehr dort gefertigt
und mehr nachgefragt wird, werden die Schwellenländer auch in den momentanen
Zeiten der Krise wachsen.
In Deutschland müssen wir
dort ansetzen wo eine starke Basis bereits da ist und noch gestärkt werden kann.
Das ist zum einen der Bereich der Investitionsgüter, insbesondere bei
Anwendungen mit Hochtechnologie in „Zukunftsindustrien“. Und das ist der Bereich
der Dienstleistungen, denn der lässt sich aus Niedriglohnländern heraus nicht
abdecken. Hier ist eine kurze Liste von Schwerpunkten, bei denen ein
Konjunkturprogramm ansetzen sollte:
1. Grün, grün, grün
ist die Zukunft. Aufgrund der Krise läuft der Klimaschutz beinahe Gefahr, aus
dem Fokus der Politik zu geraten. Das wäre fatal, nicht nur für die zukünftigen
Generationen der Menschheit. Man würde die Chance vertun, genau damit eben diese
Krise zu überwinden. Ban Ki-Moon, Generalsekretär der Vereinten Nationen,
erwähnt in einem Artikel („Wir brauchen einen grünen New Deal“ in Cicero,
01/2009), Deutschland rechne damit, dass sich die Umwelttechnologie in den
nächsten Jahren vervierfachen wird. Bis 2030 würde sie 16 Prozent der
Industrieproduktion ausmachen und mehr Menschen beschäftigen als die
Autoindustrie. Dafür muss die ganze Innovationskraft der deutschen Industrie
mobilisiert werden – statt Autobahnen auszubauen.
Klimaschutz bedeutet nicht nur Schadstoffreduzierung. Ganz wesentlich sind
Energie-Effizienz und Ressourcen-Optimierung. Wir reden also nicht nur über
regenerative Energien und Elektroautos, sondern über den Stromverbrauch jeder
Maschine, jeden Computers, jeden Haushaltsgeräts, jeder Klimaanlage, jeder
Zimmerbeleuchtung. Wir reden über Verbesserung von Wärmedämmung, über
Wassergewinnung, über Stärkung des öffentlichen Verkehrs, über die Reduzierung
jedes Gramms überflüssigen Mülls. Die Herausforderungen sind unermesslich groß.
Praktisch jede anstehende Produktentwicklung, jede Produktlinien-Planung sollte
neu durchdacht werden.
2. Die Alterung
der Gesellschaft (nicht nur in Deutschland, aller westlichen Länder) ist
nicht nur ein Problem, sondern auch ein Anstoß. Warum gibt es keine Handys, die
auch Senioren leicht bedienen können? Computer sind weder kinderleicht zu
bedienen, noch „altenleicht“ – warum eigentlich? Wer durchdenkt den Tagesablauf
eines älteren Menschen – er muss nicht einmal gebrechlich oder pflegebedürftig
sein – und optimiert Geräte, verbindet sie miteinander, macht sie zu Helfern
statt zu - - Geräten, eben. Warum können elektronische Bauteile und Computer
heute billiger sein als vor fünf Jahren (bei gestiegener Leistung!) aber
medizinische Geräte oder Medikamente nicht? Wieder ein weites Feld für
Innovationen in Unternehmen. Der Staat ist gefordert, endlich einen gehörigen
Schuss Wettbewerb in den Bereich des Gesundheitswesens zu bringen.
3. Der Dienstleistungssektor. Nur wenige wissen, dass das
produzierende Gewerbe schon heute weniger als 30 Prozent der gesamten
statistisch erfassten Wertschöpfung erwirtschaftet, dagegen 70 Prozent aus
Dienstleistungen. Der Prozess der Alterung unserer Gesellschaft wird den Anteil
des Dienstleistungsbereiches noch verstärken. In öffentlichen Debatten geht es
jedoch meist um die Industrie, etwa um Arbeitsplätze bei Opel, Siemens, Airbus,
Henkel, usw. Konjunkturprogramme fördern in erster Linie die Industrie. Dabei
wäre eine gezielte Förderung von Dienstleistern effektiver. Dazu gehört das
Erleichtern des Schritts in die Selbständigkeit, Abbau von bürokratischen Hürden
(wie z.B. der Scheinselbständigkeit), usw.
4. Unternehmensstruktur.
Wir müssen Privatunternehmen stärken, denn sie tragen mit ihrem nachhaltigen und
soliden Wirtschaften erheblich zur Stabilität der deutschen Wirtschaft bei. Sie
richten ihre Strategien und Entscheidungen in der Regel langfristig aus, nicht
nur auf den nächsten Quartalsabschluss. Sie setzen ihr eigenes Kapital ein,
nicht das von fremden Anlegern. Sie verfolgen ihre eigenen Visionen, nicht die
von Finanzinvestoren und –analysten. Ihr Management zielt auf nachhaltigen
Erfolg, nicht auf Bonusmaximierungen. Soll Herr Ackermann seine Deutsche Bank
auf 25 Prozent Rendite trimmen und die Anleger in aller Welt
Return-on-Investment-selig machen, sie wird sicher keine nachhaltige Stütze für
die Stabilität der Wirtschaft werden. Ich schlage hier nicht vor,
börsennotierten Gesellschaften das Leben schwer zu machen. Sie müssen tun was
sie tun müssen, um am internationalen Investorenmarkt zu bestehen. Wenn wir
jedoch die Stärkung unserer Wirtschaft im Sinn haben, dann müssen (a)
Unternehmensneugründungen erleichtert und gefördert werden (aber anders als
durch die missratenen Ich-AG-Regelungen) und (b) Übergaben von Privatunternehmen
von einer Generation zur nächsten (der gefährlichste Vorgang für das Bestehen
solcher Unternehmen) erleichtert werden. Die Neuregelung zur Erbschaftsteuer ist
leider nicht sehr gelungen.
5. Bildung. Bei
Pisa-Studien besser abzuschneiden zu wollen, ist ja ein vernünftiges Ziel.
Notwendig ist aber mehr, viel mehr. Kurzfristig brauchen wir wieder mehr
Facharbeiter. Schon heute besteht ein Mangel an solchen Kräften, der nicht nur
den Ausstoß an Produkten und Dienstleistungen gefährdet, sondern auch die
Innovationskraft von Unternehmen, also den empfindlichsten Punkt unserer
Wirtschaft trifft. In den Schulen müssen wir zu einem Ganztagsschulsystem
finden, aber unterstützt durch einen modernen „schlagkräftigen“ Lehrplan.
Wirtschaft ist häufig ein Nebenfach, entsprechend betriebs- und
volkswirtschaftlich sowie sozialpolitisch unbedarft stolpern unsere Jugendlichen
in die Berufswelt. Man sollte Schülern in den oberen Klassen beibringen, was
Unternehmertum ist, wie es funktioniert, was erfolgreiche Geschäftsmodelle
ausmacht. Der Unterricht sollte generell praxisnäher werden, auch an den
Universitäten. Mit weniger Theorie in den Lehr- und Studienplänen hätten wir
vielleicht auch weniger Bürokraten in Behörden und Unternehmen.
Es gäbe weitere
Überlegungen zu Konjunkturprogrammen. Steuern senken? Grundsätzlich ja, aber
richtig. Richtig heißt so, dass dadurch auch die Lohnnebenkosten gesenkt werden
und deutsche Unternehmen schlagkräftiger im internationalen Wettbewerb agieren
können. Damit würde auch die Beschäftigung gefördert. Das Arbeitsrecht einmal
gründlich zu entrümpeln, aber das würde den Rahmen hier sprengen.
Wenn schon Schulden, dann
besser zur Förderung von Investitionen in die Zukunft. Das zu vermitteln und
umzusetzen, jenseits aller Parteipolitik und Wahltaktik, wäre nicht nur solides
Krisenmanagement, sondern auch effektives Chancenmanagement. Wir würden aus der
Krise gestärkt hervorgehen. Was für eine Chance – und was für eine
Verantwortung!
I
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Josef Wenzl, München.
Er ist Autor des bei bei
Principal erschienenen Buches
'führungs I KRAFT.
Neue Energie im Unternehmen'
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