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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

 Krisen und Visionen

 

 

 

 

 

 

Soll man in Zeiten der Krise von Visionen sprechen? Ich denke, man soll nicht nur, man muss. Nehmen wir nur die Visionskraft eines schlichten Wortes wie Change, Wandel. Es hat im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf gewirkt wie eine Flutwelle, auf der Barack Obama durch einen langatmigen und Kräfte zehrenden Wahlkampf ins Weiße Haus gesurft ist. Wie visionslos wirkt dagegen die deutsche politische Landschaft! Kohls „Blühende Landschaften“ waren schnell verwelkt. Schröder ist Agenda-2000 beherzt angegangen, sie wurde aber nach seiner Abwahl durch rückgratlose Politiker bald durch den Dreck gezogen. Die beiden Parteien der großen Koalition arbeiten lustlos das Programm ihres Koalitionsvertrages ab. Beide haben nicht wirklich den Mut, den Wählern klare und konsequente Konzepte zuzumuten. Ja, sie wirken gerade so als hätten sie gar nicht die (Visions-)Kraft dazu, solche Konzepte zu entwickeln. Die deutsche Politik ist heute Klientel-Politik. Sie dient sich vermeintlichen Mehrheiten mit ihren lauten Lobby-Stimmen an und versucht so, sich an der Macht zu halten. Aber Macht wofür? 

Die Sozialdemokraten sind vernünftig konservativ und die Liberalen sind vernünftig sozial, die Grenzen verwischen. Die Strahlkraft der großen polarisierenden Ideologien ist erloschen, Kommunismus und Sozialismus sind tot. Das Zusammenhalten des Westens gegen den bösen Osten ist auch nicht mehr so wichtig, der Kalte Krieg ist vorbei. Dafür beschäftigen uns  islamistische Terroristen, die Konkurrenz aus Niedriglohnländern, übermächtige Rohstoffoligopolisten, die uns den Gashahn zudrehen können, Weltwirtschaftskrise, Überalterung der Gesellschaft, Klimawandel, Staatsverschuldung – die heutigen Bedrohungslagen sind vielschichtig, schleichend und ungreifbar. Mit Willigkeit und harter Arbeit allein kommen wir nicht mehr weiter. 

Wir brauchen Orientierung, aber ohne Manipulation, wir brauchen Visionen – in Krisen notwendiger denn je. Eine Führung ohne Vermittlung von Visionen ist keine, das gilt für die Regierung eines Landes genauso wie für die Leitung eines Unternehmens. Führung ohne Vision könnte man gerade noch als Management bezeichnen. Management ohne jegliche Visionen mündet jedoch bald in Chaos-Management. Gutes Beispiel ist das Konjunkturpaket II: panikartig zusammenschnürt, ein Produkt der Hörigkeit gegenüber Lobbyisten, insbesondere der Autoindustrie, ein Sack voll wild durcheinander gewürfelter Maßnahmen, um gegen Oberflächen-Symptome der Rezession anzukämpfen. Nicht der Hauch eines Ansatzes wie man mit neuer Stärke aus der Krise hervorgehen will, kein mutiges Angehen überkommener Strukturen, keine Vision eben. 

Ob auf politischer, persönlicher oder wirtschaftlicher Ebene: wir brauchen Visionen, sonst spüren wir keine Veränderungskraft und keine schöpferische Energie. Visionen sind tief gegründet in der Seele eines Menschen, einer Gesellschaft, eines Unternehmens. Am Anfang steht immer erst eine Idee, in der Bibel heißt es „Wort“ oder „Logos“, erst dann kann es Fleisch werden. Alles was Menschen geschaffen haben: Ausgangspunkt war eine Idee, eine Vision, einen Traum. Visionär sind Menschen dann, wenn sie den Mut haben, zu ihrem Traum zu stehen und ihn umsetzen zu wollen. See your vision and stick with it. Ein Haus zu bauen, ein Buch zu schreiben, seinen Kindern eine solide Ausbildung zu geben, in Glück und Gesundheit alt zu werden, das sind alles persönliche Visionen. Gesellschaftliche Visionen wären etwa, technologische im Bereich der Energieeffizienz zu führen, die Brainpower einer alternden Gesellschaft zu mobilisieren, eine Gesellschaftskultur zu schaffen, in der es sich lohnt zu leisten und zu leben, in der man gerne mehr gibt als fordert.  

Wir können davon lernen, wie Unternehmen mit guten Visionen erfolgreich sind. Beispiele sind: ein unvergleichliches Fahrerlebnis zu bescheren (z. B. Porsche), oder Elektronik so durchdacht aufzumachen, dass die Bedienung Spaß macht und „cool“ rüberkommt (Apple), oder sie unkompliziert und schnell auszuliefern (Dell), Menschen auf dem gesamten Globus zu verbinden (Nokia), der billigste Anbieter einer bestimmten Sparte zu sein (Aldi), usw. Wenn eine Vision gut formuliert ist, richtet sie alle Strategien, Ziele und Entscheidungen im Unternehmen aus. Eine gute Vision ist stark, groß-artig, die Leute spüren den Sizzle der Firma, und dieses Gespür energetisiert Verkaufsverhandlungen, Bewerbungsgespräche, Planungsprozesse, Meetings, alle Abläufe eines Unternehmens. Der Anspruch an hohe Qualität und gute Bilanzen ergibt sich fast von selbst. 

Schlecht formulierte oder nicht stimmige Visionen lassen andere, zerstörerische, zynische Visionen entstehen, das ist ein Naturgesetz. Stellen Sie sich vor, Sie würden Handwerker beauftragen ein Haus zu bauen, und zwar gegen gutes Geld und zu guten Bedingungen. Sie machen aber keinerlei Vorgaben, ob das Haus eine Lagerhalle, ein Hochhaus, eine Schule oder eine Villa werden soll, und wie sich seine Bewohner darin fühlen sollen. Da das Chaos absehbar ist, wird jeder Handwerker erst einmal das Beste aus der Situation machen und möglichst wenig tun - nur soviel, dass der Lohn eingeheimst werden kann (auch eine Vision). Einigen Handwerkern wird das aber zu blöd werden und sie werden versuchen, eigene Visionen vom Haus zu entwickeln und den anderen aufzuzwingen. Die anderen werden sich das nicht gefallen lassen und es wird mehr gestritten als gebaut. Fehlende Visionen führen immer zu Desorientierung und führen zur Mentalität des Absahnens und zu Machtkämpfen. Wir erleben zurzeit eine gesellschaftliche Parallele, siehe den Sozial-Egoismus und die zunehmende Zersplitterung der Parteienlandschaft. 

Damit eine Vision eint und ausrichtet, muss sie klar und stimmig, individuell und einzigartig sein und sie muss begeistern, jedoch ohne zu manipulieren. Man muss also den Mut aufbringen, pathetisch zu werden. Davor haben gerade wir Deutschen große Scheu, auch in den Unternehmen. In der Verzweiflung greifen wir dann zu Zielen wie Umsatzwachstum, Steigerung der Profitabilität, Erhöhung des Cash-Flows, Konkurrenzfähigkeit, hohes Ansehen bei Kunden, Attraktivität bei Investoren und Mitarbeitern, usw. Solche Einfallslosigkeiten sind jedoch keine Visionen. Derartige Maximen hat jedes Unternehmen, die Konkurrenz natürlich auch. Sie beschreiben eher den Sinn von Unternehmen, und der ist bei allen Unternehmen ähnlich. Visionen sind mit dem Sinn natürlich verwoben, aber es gibt doch einen konkreten Unterschied: Der Sinn ist das Warum, die Vision ist das Was (und die Strategie beschreibt das Wie). Vision ist die möglichst bildreiche Vorstellung davon, wie es sich anfühlen wird, wenn man sein Ziel erreicht hat. 

Visionen gibt es auf Geschäftsleitungs-, Geschäftseinheits- oder Abteilungsebene, streng genommen herunter bis zu jedem Arbeitsplatz. Der Vertrieb könnte eine Vision entwickeln, wie die Beziehung zu Kunden als Partnerschaft gespürt wird (statt nur als Umsatzträger), wie der Kunde den Kauf des Produktes als besondere Erfahrung erlebt. Ein Buchhalter könnte die Vision haben, das Zahlenwerk möglichst so verständlich aufzubereiten, dass damit bessere Entscheidungen getroffen werden können. Mit etwas Mut zum Träumen findet man für jede Funktion eine Vision. Abraten möchte ich vor relativen oder gar negativen Formulierungen, etwa die Konkurrenz (oder sonstige Feindbilder) zu vernichten, Ausfälle auf ein Minimum zu reduzieren (ein Problem gelöst zu haben, ist keine Vision), mit aller Gewalt Arbeitsplätze zu erhalten (Sicherheit ist eine sehr schwache Vision, eine sehr unrealistische noch dazu), usw. 

Es ist nicht notwendig, dass Visionen demokratisch entwickelt werden, im Gegenteil. In Unternehmen werden Visionen in der Regel vorgegeben, meist vom Gründer, und auf diese können die Visionen der einzelnen Einheiten, Funktionen, aufbauen. Deshalb ist es so außerordentlich wichtig, die Grund-Visionen schlagkräftig und unmissverständlich zu schmieden.  

Visionen zu entwickeln, sie darzustellen und öffentlich zu leben ist eine Kernaufgabe jeder Führung. Die Vision steht am Anfang, sie ist die Initialzündung eines Unternehmens, der Wirtschaft, der Gesellschaft, wie bei einem Triebwerk. Es garantiert noch keine erfolgreiche Mondlandung, aber ohne diese Initialzündung hebt die Rakete gar nicht erst ab. Um den Bogen wieder zurück zu schlagen zum Gesellschaftlichen: ich wünsche mir, gerade in diesem Wahljahr 2009, einen Wahlkampf der Visionen für Deutschland. Die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten reicht da nicht aus, und diese „Wir-für-Deutschland“-Parolen der Parteien kann schon keiner mehr hören. Wie das Beispiel Change oder Yes, we can gezeigt hat, reichen ein paar einfache Worte, sie müssen nur den Kern treffen. Wie wär’s mit Verantwortung? Verantwortung, das Richtige zu tun und nicht das, was angenehm ist - wie bei den Unternehmen.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Josef Wenzl, München.

Er ist Autor des bei bei Principal erschienenen Buches

 'führungs I KRAFT. Neue Energie im Unternehmen'

 

Pflichtlektüre für alle,

die  beruflich weiterkommen wollen! 

 

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Josef Wenzl ist Geschäftsführer der

 

deutschen Niederlassung eines amerikanischen IT-Konzerns.