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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

Resilience:

die unbekannte Kompetenz

 

 

 

 

 

 

 

 

Unsere Schocktoleranz wird ja seit einiger Zeit auf eine harte Probe gestellt. Opel, Arcandor, Schäffler, Märklin, Rosenthal, Schiesser; einstmals erfolgreiche Firmen, die deutsche Wirtschaftsgeschichte geschrieben haben, brechen weg. Unsere romantischen Vorstellungen von der Solidität deutscher Traditionsunternehmen und unser in den Nachkriegsjahren hochgezüchteter Made-in-Germany-Stolz werden von den Torpedos der Wirtschaftskrise getroffen wie die amerikanische Pazifik-Flotte damals in Pearl Harbor. 

Anscheinend können wir uns bei den deutschen Firmen auf gar nichts mehr verlassen. Ihr guter Name, ihre Erfolgstradition, ihr musterschülerhaftes Einstehen für soziale Belange, ihre rechte Qualitätsarbeit, ihr solides Unternehmertum: nichts liefert mehr eine Bestandsgarantie. Also muss der Staat her. Je größer das gefährdete Unternehmen und je mehr Menschen um ihre Jobs bangen müssen, um so bereitwilliger sind die verantwortlichen Politiker sich als Retter aufzuspielen, so wie Schröder damals beim Unternehmen Maxhütte - das dann doch pleite ging.  

Diese Sache mit den Staatshilfen hinterlässt immer mehr einen seltsamen Nachgeschmack. Langsam, ganz langsam, ausgelöst durch das unwürdige Schauspiel bei Opel, fängt man tatsächlich an auf Wirtschaftsexperten zu hören, die vor der Sinnlosigkeit von Staatshilfen warnen. 

Zu Recht. Wie will man rechtfertigen, dass man durch Milliarden an Opel möglicherweise andere Autobauer schadet? Wie will man rechtfertigen, dass Staatshilfen an große Unternehmen gegeben werden, die Kleinen und die Mittelständler aber leer ausgehen? Und warum eigentlich nur in Zeiten der Krise? Was wenn ein Großunternehmen in guten Zeiten schwächelt? Warum soll der Staat überhaupt mit Steuergeldern Unternehmensrisiken eingehen? Das ist doch Aufgabe der Investoren und Banken. Außerdem: Ein Unternehmen ist nicht schon dann wieder gesund, wenn es Finanzspritzen bekommt, sondern nur wenn es ausreichend viele Kunden gibt, die seine Produkte kaufen und zwar zu Preisen, die über den Kosten liegen. Wenn die Nachfrage sinkt, müssen die Anbieter Kapazitäten abbauen. Das kostet zwangsläufig Arbeitsplätze, wir kommen an dieser Logik nun mal nicht vorbei. „Tragfähige Unternehmenskonzepte“ sollen dem Rechnung tragen. Aber zu welchem anderen Schluss kann ein „tragfähiges“ Konzept denn kommen, als in den massiven Unsicherheiten der größten Krisen der neueren Geschichte Kosten und Personal abzubauen? 

Es hilft alles nichts, wir müssen erkennen, dass das mit den Staatshilfen nicht so weiter gehen kann und darf, wenn wir künftige Generationen nicht mit gigantischen Staatsschulden oder Steuerbelastungen erdrücken wollen. Wie dann? – Ich denke, es ist bezeichnend, dass es in der jetzigen Krise so viele Traditionsunternehmen trifft. Dadurch zeigen sich die Blockaden in den wirtschaftlichen, aber auch gesellschaftlichen Strukturen und Denkmustern, die wir in der deutschen Nachkriegszeit herausgebildet haben. Neben Defiziten in der Bildung, neben Innovationsleere und Risikoscheu scheint ein Defizit an Flexibilität in unserem Land zu herrschen. Im Englischen gibt es einen weiteren Begriff, der mir noch besser gefällt als Flexibilität, der aber leider nicht direkt ins Deutsche zu übersetzen ist: Resilience.  

Resilient sind Werkstoffe, die bei Druck nicht nur nachgeben, sondern nach Entfernen des Drucks wieder in den Ausgangzustand zurückgehen. Man könnte Resilience vielleicht am einfachsten mit Elastizität, Spannkraft, Rückfederungsvermögen übersetzen. Resilience, übertragen auf die Welt der Volks- und Betriebswirtschaft, ist eine ganz entscheidende Kompetenz. In unserer Wirtschaftsstruktur ist sie sträflich unterentwickelt - wir tun so, als wäre sie nicht notwendig. Einige Schlaglichter hierzu:

-         Unser Insolvenzrecht ist vorrangig auf Befriedigung der Gläubigerinteressen ausgerichtet, was eher auf Liquidation hinausläuft als auf Sanierung. Das Insolvenzrecht anderer Länder stellt eher die Fortführung des Unternehmens in den Vordergrund.

-         Unser Arbeits-, Mitbestimmungs-, Betriebsverfassungs- und Tarifrecht fußt auf einem statischen Verständnis von Unternehmen, Betrieben und Branchen. Betriebszugehörigkeitszeiten von Mitarbeitern sind wichtiger als deren Fähigkeit, das Unternehmen voranzubringen und damit die Existenz des Unternehmens zu sichern. Jegliche Betriebsänderung unterliegt einem bürokratischen Vorstellungs-, Debattier- und Abstimmprozess mit Arbeitnehmervertretungen. Notwendig ist fast eine juristische Betriebsführung. Mit krisenresistenter Dynamik von Betrieben und Unternehmen hat das nichts zu tun.

-         Frappierend, wie fahrlässig selbst Entscheidungsträger in Betrieben Sünden gegen die Flexibilität begehen. Verträge, ob mit Lieferanten, Banken, Kunden, Vermietern, etc., werden in Deutschland von der Tendenz her längerfristig geschlossen. Das mag für die Planung gut sein, wenn jedoch schnell eine andere Bezugsquelle aufgemacht werden muss oder ein Unternehmen umziehen und damit schneller in den Genuss von Mietverbilligungen kommen will, wird es schwierig. Im „Beispiel“-Fall Arcandor wurden Immobilien in besten Innenstadtlagen in den vergangenen Jahren versilbert und zu schlechten Konditionen zurückgemietet – das erweist sich jetzt als schwere Hypothek.

Selbst wenn es einem Unternehmen ausgezeichnet gehen mag, ist es noch lange nicht gesund. Es ist ja schön, eine Planung zu haben, die dem Aufsichtsrat, den Gesellschaftern oder den Banken gefällt – und einen schönen Bonus für die Top-Manager vorsieht. Noch besser ist, gleichzeitig einen Plan B zu haben, der dann greift, wenn die Dinge eben nicht so laufen. Dieser Plan B darf nicht in der Schublade liegen, sondern er muss wirken vom ersten Tag an. Auch wenn die Dinge gut laufen, ja gerade dann, muss ein Unternehmen flexibel und „spannkräftig“ strukturiert werden. Das gleiche gilt für unsere Gesellschaft als Ganzes. Nicht nur um auf unvorhersehbare Krisen schlagkräftiger reagieren zu können, auch im Hinblick auf die schleichende Wucht, mit der die Schwellenländer die Konkurrenz verschärfen, müssen wir Resilience in unseren Denkmustern verankern und unsere Regeln und Gesetze entsprechend ausrichten.  

Flexibilität und Resilience mögen dazu beitragen, dass die Wirtschaftwelt kurzfristiger, schnelllebiger und damit „kälter“ wird. Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Ich glaube aber nicht, dass wir eine Alternative haben. Wir können unsere Probleme nicht weiterhin mit auf Pump finanzierten Finanzspritzen zukleistern. Letztlich geht es darum, eine bisher unbekannte Kompetenz zu entwickeln, die den Fortbestand von Unternehmen und damit unserer Wirtschaft und unseres gesellschaftlichen Entwicklungsstandes sichern hilft.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Josef Wenzl, München.

Er ist Autor des bei bei Principal erschienenen Buches

 'führungs I KRAFT. Neue Energie im Unternehmen'

 

Pflichtlektüre für alle,

die  beruflich weiterkommen und die Ursachen

der Wirtschaftskrise verstehen wollen! 

 

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Josef Wenzl ist Geschäftsführer der

 

deutschen Niederlassung eines amerikanischen IT-Konzerns.