_______________________________________________________________________

 

   

 

         

ANTIQUARIATE

 

 

___  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

___

 

ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Motivation – vom Mythos zum Pathos

 

 

 

 

 

 

Finanzkrise = Brisanzkrise

 

Immer noch kommen Meldungen über schlechte Quartalsergebnisse der Banken, daraus resultierende Belastungen der Konjunktur, Steuerausfälle, und so weiter. Grundsätzlich denken wir aber, das Gröbste müsste jetzt vorbei sein. Denken wir. 

Die Finanzkrise zeigt einige ganz gravierende Schwächen im weltweiten Finanzsystem auf. Es gibt kaum Initiativen, diese zu beheben. Damit bleibt die Krise brisant – auf globaler Ebene. 

Wie das? Dazu müssen wir etwas ausholen. Zunächst müssen wir uns klar machen, dass Geld aus dem Nichts kommt. Ernsthaft. Seit es keine Golddeckung mehr gibt, ist alles Geld Kreditgeld. Geschaffen wird es von den Zentralbanken. Die „Geldschöpfung“ erfolgt im Wesentlichen, wie gesagt, über Kredite. Gesteuert wird das in Umlauf befindliche Geld durch Mindestreserven, Zinsfestlegungen und andere Instrumente der Zentralbanken. Folgende Schilderung soll das verdeutlichen: Herr W möchte 1.100 als Kredit aufnehmen, um, sagen wir, in eine Maschine zu investieren. Er wendet sich an Bank B, die ihm die 1.100 als Kredit gewährt. Das Geld holt sich Bank B über seine Refinanzierungskanäle von der Zentralbank.  

W kauft die Maschine von X, der das erlöste Geld wiederum bei seiner Bank C anlegt. Bank C muss, sagen wir, 100 bei der Zentralbank hinterlegen als Mindestreserve, und kann die verbleibenden 1.000 an andere Kunden verleihen. Das geht natürlich nur, wenn Bank C eine Vielzahl von Kunden hat, die nicht alle sofort ihr Geld abheben wollen. Bank C muss gesetzlich vorgeschriebene Bilanzrelationen einhalten, die bestimmen, wie viel Bankeinlagen wieder als Kredite weitergereicht werden dürfen. Nehmen wir an, Bank C erfüllt all diese Kriterien, und reicht die 1.000 an Herrn Y als Kredit aus. Herr Y nimmt die 1.000 und kauft nun etwas von Z, der wiederum den Erlös bei seiner Bank D anlegt. Nach Abzug deren Mindestreserve von 100 kann Bank D einen Betrag von 900 an andere Kunden weiter verleihen. 

Bestandsaufnahme: X hat ein Bankguthaben von 1.100 und Z eines von 1.000, per Saldo wurde also 2.100 Geld „aus dem Nichts“ geschöpft. Dem gegenüber stehen Schulden von W zu B und B zur Zentralbank in Höhe von 2.100. 

Je nach Reserveauflagen kann Geld durch diesen Ablauf in der Praxis bis zum 10-fachen vervielfältigt werden. Jedes Geldvermögen steht einem gleich hohen Kreditvolumen gegenüber. So wie über Kredite Geld geschaffen wird, so wird durch Rückzahlung von Krediten Geld wieder vernichtet. Eine andere Vernichtung, ein Verlieren, Verschwenden von Geld ist nicht möglich, solange es im Kreislauf bleibt (es sei denn, man verbrennt Bargeld im Feuer).  

Je besser es einer Volkswirtschaft geht, desto mehr vervielfältigt sich dieser Prozess. Es geht allen gut, jeder hat Geld, aber es bläht sich auch das Kreditvolumen auf. Wer Geld hat, möchte es meist auch ausgeben oder anlegen, Geld erzeugt Nachfrage. Bleibt das Angebot an Gütern gleich, steigen die Preise, es kommt zur Inflation, bekannt aus den monatlichen Meldungen über die Verbraucher-Preis-Inflation. Was leider nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit verfolgt wird, ist die Inflation der Güter außerhalb des Verbraucher-Warenkorbes, also der Anlagegüter (sog. Assets), wie Immobilien, Aktien, Anleihen. Liegt die Asset-Inflation über der Verbraucherpreis-Inflation, überteuern sich diese Assets also, dann kommt ein gefährlicher psychologischer Effekt ins Spiel: Wer bereit ist, viel Geld für eine Anlage auszugeben, der will auch eine hohe Rendite. Die Renditeerwartungen schießen in die Höhe, ins Unrealistische, ins Astronomische, es ist die Zeit der Spekulanten. So  entstehen sog. Bubbles, bei denen der Preis nicht mehr in vernünftiger Relation steht zum Preis. Bubbles tun das, was Bubbles eben tun, sie platzen irgendwann einmal. Setzt dann eine Flucht aus den Assets ein (bei einer Massenflucht sprechen wir von einem Crash), erzeugt die Verkaufshysterie eine weitere Freisetzung von Bargeld oder beschleunigt deren Umlaufgeschwindigkeit, lässt die Verbraucherpreise also explodieren, oder es wird in „sicherere“ Anlagen umgeschichtet (etwa Gold oder Rohstoffe).  

Die letzte Finanzkrise folgt im Wesentlichen dieser Logik. Die Ursachen gehen allerdings etliche Jahre zurück. Um die Rezession 2001 zu bekämpfen, senkte die US-Fed damals die Zinsen. Der Aktienmarkt war geschwächt, Anleger investierten daher gerne in Immobilien, die sie nun billig finanzieren konnten. Dies löste einen Immobilienboom aus, verstärkt durch die Bereitschaft von Banken, Kredite auch bei hohem Risiko auszureichen (denn Geldvermögen war bei den Banken nicht knapp), zum Teil wurden Immobilien zu 100% kreditfinanziert(!). Berühmt sind die Sub-Primes geworden, also Kredite mit einem niedrigen Anfangszins (sogar unter dem Leitzins der Zentralbank), der aber über die weitere Kreditlaufzeit von meist 30 Jahren um etwa 4% angehoben wird.  

Dass zahlungsschwache Kreditnehmer die steigende Belastung womöglich nicht mehr aufbringen könnten, interessierte zunächst nicht. Im Gegenteil. Die Banken haben die Immobilienkredite munter als Derivate verpackt und verkauft. Ein Derivat ist ein Finanzkonstrukt, das sich von einem zugrunde liegenden Vermögenswert ableitet – in diesem Fall waren es Hypothekenkreditforderungen, die man zu einem handelbaren Wertpapier, sog. Collateralised Debt Obligations (CDOs) zusammenfasste. Mit Immobilienhypotheken besichert, waren sie sehr beliebt, da sie bei vermeintlich gleichem Risiko eine höhere Rendite boten. Rating-Agenturen haben fleißig mitgespielt und den CDOs beste Anlagequalitäten bescheinigt. Das Geschäft lief gut, Käufer fanden sich jede Menge, darunter auch Hedge-Fonds (die dafür zum Teil sogar noch zusätzlich Kredite aufgenommen haben) und auch in Europa jede Menge Banken, selbst scheinbar seriöse deutsche Landesbanken, wie Sachsen LB, IKB, West LB. 

Es kam wie es kommen musste. Viele Kreditnehmer konnten ihre Darlehen nicht mehr zurückzahlen und mussten ihr Häuschen verkaufen oder sie wurden gepfändet (d.h. das Häuschen wurde versteigert). Die Preise für die Immobilien fielen, damit auch deren Sicherungswert für die CDOs, in den Bilanzen der Käufer mussten die entsprechenden Vermögenswerte abschrieben werden. Das verzerrte die Bilanzrelationen der Käufer-Banken derart, dass sie keine weiteren Kredite ausgeben konnten. In Einzelfällen standen Banken sogar vor der Insolvenz, Einlagen von privaten Anlegern waren gefährdet. Northern Rock in Großbritannien war ein Desaster. Die US-Investmentbank Bear Stearns ist von JP Morgan Chase mit einem Kraftakt vor der Pleite gerettet worden. Auf alle Fälle haben die Börsenkurse von Finanzinstituten massiv gelitten. 

Gebranntes Kind scheut das Feuer. Die Weigerung von Banken, weitere Kredite auszureichen, wurde zu einem volkswirtschaftlichen Problem, denn auch solide Projekte müssen teilweise kreditfinanziert werden. Prompt haben die Zentralbanken auch die Mindestreserveanforderungen gelockert oder leichtes Geld den Banken zur Verfügung gestellt um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Aber was ist der Effekt? Es nährt die Inflation…. 

Was kann man daraus lernen? 

Die Bankenaufsicht hat versagt. Sie hat nicht verstanden, was Derivate anrichten können und wie deren Risiken – entgegen allem Gequarke von Rating-Agenturen – wirklich einzuschätzen sind. Die Bankenaufsicht müsste auf eine neue, internationale Ebene gehoben werden (etwa auf der Ebene IWF oder Weltbank), denn Fehlentwicklungen in einem Land lassen sich heutzutage nicht mehr auf dieses Land begrenzen. 

Die Kreativität der Banken mit innovativen Finanzkonstrukten hohe Renditen rauszuschlagen ist überdreht, abgehoben. Beispiel: Nachdem die CDOs „out“ sind, gibt es neuerdings „Commodity Linked Structured Notes“, ein Finanzprodukt für den Rohstoffmarkt, das sich der Kontrolle durch die US-Terminbörsenaufsicht Commodity Futures Trading Commission (CFTC) entzieht. Hedge-Fonds, Investmentbanken, Pensionsfonds, etc. legen ihr Kapital neuerdings gerne in Rohstoffen an – mit Strategien ähnlich wie einst auf dem Kreditmarkt. Renditen werden aber nun mal nicht im Finanzsystem erzeugt, sondern nur in der Realwirtschaft. Geld ist ein notwendiges Schmiermittel des Wirtschaftskreislaufes, hat jedoch an sich kein Wert schöpfendes Potenzial. Die Beteiligten im Finanzsystem müssen lernen, von Zinsspannen aus dem Kreditgeschäft zu leben und vielleicht noch klar umrissenes Investment-Banking zu betreiben. Wenn der Schuster nicht bei seinen Leisten bleibt, wird es gefährlich. 

Nun kann man den Banken nicht alleine die Schuld geben. Immerhin bieten sie nur an, was auch nachgefragt wird. Das schiere Volumen des Geldvermögens weltweit erzeugt natürlich einen ungeheuren Druck, neue innovative Renditemöglichkeiten zu finden. Hier müssten Zentralbanken mutiger sein und Geld wieder gezielt verknappen, sprich Zinsen erhöhen, damit die Rückzahlung von Krediten begünstigen und die Nachfrage nach neuen Krediten drosseln. Dies würde „überschüssiges“ Geld vernichten, die Spekulation reduzieren und auch den Druck von den Anlagegütern nehmen (je höher die Zinsen, umso niedriger die Börsenkurse, umso niedriger auch die Asset-Inflation). Schon klar: das kostet wirtschaftliches Momentum, denn auch die von Unternehmen und Verbrauchern benötigten Kredite werden dadurch teurer - und jeder fürchtet das Schreckgespenst der Rezession, besonders die Politiker. So unangenehm die Erscheinungen sind (Arbeitslosigkeit, Steuerausfälle, etc.), Rezessionen gehören nun mal zum natürlichen Zyklus einer Volkswirtschaft. Man kann nicht immer Hochkonjunktur haben. Krisen gehören jedoch nicht zum Zyklus, sie müssen, sie können vermieden werden. Die EZB geht mit seiner klaren Zinspolitik einen beherzten, stetigen Weg, anders als die US-Fed. Langfristig ist dies der solidere Weg, schließlich geht es auch um die sauer verdienten Ersparnisse und Rentenansprüche von Menschen.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Josef Wenzl, München.

Er ist Autor des im September bei Principal erscheinenden Buches

'Führungskraft. Wie Sie Ihren Vorsprung im Unternehmen

und globalen Wettbwerb sichern.'

 

Ihre Meinung zu diesem Text ist gefragt:

redaktion@deutscher-buchmarkt.de

oder direkt an den Autor: jwenzl@gmx.de

 

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

Josef Wenzl ist Geschäftsführer der

 

deutschen Niederlassung eines amerikanischen IT-Konzerns.