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Finanzkrise = Brisanzkrise
Immer noch kommen Meldungen
über schlechte Quartalsergebnisse der Banken, daraus resultierende Belastungen
der Konjunktur, Steuerausfälle, und so weiter. Grundsätzlich denken wir aber,
das Gröbste müsste jetzt vorbei sein. Denken wir.
Die Finanzkrise zeigt einige
ganz gravierende Schwächen im weltweiten Finanzsystem auf. Es gibt kaum
Initiativen, diese zu beheben. Damit bleibt die Krise brisant – auf globaler
Ebene.
Wie das? Dazu müssen wir etwas
ausholen. Zunächst müssen wir uns klar machen, dass Geld aus dem Nichts kommt.
Ernsthaft. Seit es keine Golddeckung mehr gibt, ist alles Geld Kreditgeld.
Geschaffen wird es von den Zentralbanken. Die „Geldschöpfung“ erfolgt im
Wesentlichen, wie gesagt, über Kredite. Gesteuert wird das in Umlauf befindliche
Geld durch Mindestreserven, Zinsfestlegungen und andere Instrumente der
Zentralbanken. Folgende Schilderung soll das verdeutlichen: Herr W möchte 1.100
als Kredit aufnehmen, um, sagen wir, in eine Maschine zu investieren. Er wendet
sich an Bank B, die ihm die 1.100 als Kredit gewährt. Das Geld holt sich Bank B
über seine Refinanzierungskanäle von der Zentralbank.
W kauft die Maschine von X, der
das erlöste Geld wiederum bei seiner Bank C anlegt. Bank C muss, sagen wir, 100
bei der Zentralbank hinterlegen als Mindestreserve, und kann die verbleibenden
1.000 an andere Kunden verleihen. Das geht natürlich nur, wenn Bank C eine
Vielzahl von Kunden hat, die nicht alle sofort ihr Geld abheben wollen. Bank C
muss gesetzlich vorgeschriebene Bilanzrelationen einhalten, die bestimmen, wie
viel Bankeinlagen wieder als Kredite weitergereicht werden dürfen. Nehmen wir
an, Bank C erfüllt all diese Kriterien, und reicht die 1.000 an Herrn Y als
Kredit aus. Herr Y nimmt die 1.000 und kauft nun etwas von Z, der wiederum den
Erlös bei seiner Bank D anlegt. Nach Abzug deren Mindestreserve von 100 kann
Bank D einen Betrag von 900 an andere Kunden weiter verleihen.
Bestandsaufnahme: X hat ein
Bankguthaben von 1.100 und Z eines von 1.000, per Saldo wurde also 2.100 Geld
„aus dem Nichts“ geschöpft. Dem gegenüber stehen Schulden von W zu B und B zur
Zentralbank in Höhe von 2.100.
Je nach Reserveauflagen kann
Geld durch diesen Ablauf in der Praxis bis zum 10-fachen vervielfältigt werden.
Jedes Geldvermögen steht einem gleich hohen Kreditvolumen gegenüber. So wie über
Kredite Geld geschaffen wird, so wird durch Rückzahlung von Krediten Geld wieder
vernichtet. Eine andere Vernichtung, ein Verlieren, Verschwenden von Geld ist
nicht möglich, solange es im Kreislauf bleibt (es sei denn, man verbrennt
Bargeld im Feuer).
Je besser es einer
Volkswirtschaft geht, desto mehr vervielfältigt sich dieser Prozess. Es geht
allen gut, jeder hat Geld, aber es bläht sich auch das Kreditvolumen auf. Wer
Geld hat, möchte es meist auch ausgeben oder anlegen, Geld erzeugt Nachfrage.
Bleibt das Angebot an Gütern gleich, steigen die Preise, es kommt zur Inflation,
bekannt aus den monatlichen Meldungen über die Verbraucher-Preis-Inflation. Was
leider nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit verfolgt wird, ist die Inflation
der Güter außerhalb des Verbraucher-Warenkorbes, also der Anlagegüter (sog.
Assets), wie Immobilien, Aktien, Anleihen. Liegt die Asset-Inflation über der
Verbraucherpreis-Inflation, überteuern sich diese Assets also, dann kommt ein
gefährlicher psychologischer Effekt ins Spiel: Wer bereit ist, viel Geld für
eine Anlage auszugeben, der will auch eine hohe Rendite. Die Renditeerwartungen
schießen in die Höhe, ins Unrealistische, ins Astronomische, es ist die Zeit der
Spekulanten. So entstehen sog. Bubbles, bei denen der Preis nicht mehr in
vernünftiger Relation steht zum Preis. Bubbles tun das, was Bubbles eben tun,
sie platzen irgendwann einmal. Setzt dann eine Flucht aus den Assets ein (bei
einer Massenflucht sprechen wir von einem Crash), erzeugt die Verkaufshysterie
eine weitere Freisetzung von Bargeld oder beschleunigt deren
Umlaufgeschwindigkeit, lässt die Verbraucherpreise also explodieren, oder es
wird in „sicherere“ Anlagen umgeschichtet (etwa Gold oder Rohstoffe).
Die letzte Finanzkrise folgt im
Wesentlichen dieser Logik. Die Ursachen gehen allerdings etliche Jahre zurück.
Um die Rezession 2001 zu bekämpfen, senkte die US-Fed damals die Zinsen. Der
Aktienmarkt war geschwächt, Anleger investierten daher gerne in Immobilien, die
sie nun billig finanzieren konnten. Dies löste einen Immobilienboom aus,
verstärkt durch die Bereitschaft von Banken, Kredite auch bei hohem Risiko
auszureichen (denn Geldvermögen war bei den Banken nicht knapp), zum Teil wurden
Immobilien zu 100% kreditfinanziert(!). Berühmt sind die Sub-Primes geworden,
also Kredite mit einem niedrigen Anfangszins (sogar unter dem Leitzins der
Zentralbank), der aber über die weitere Kreditlaufzeit von meist 30 Jahren um
etwa 4% angehoben wird.
Dass zahlungsschwache
Kreditnehmer die steigende Belastung womöglich nicht mehr aufbringen könnten,
interessierte zunächst nicht. Im Gegenteil. Die Banken haben die
Immobilienkredite munter als Derivate verpackt und verkauft. Ein Derivat ist ein
Finanzkonstrukt, das sich von einem zugrunde liegenden Vermögenswert ableitet –
in diesem Fall waren es Hypothekenkreditforderungen, die man zu einem
handelbaren Wertpapier, sog. Collateralised Debt Obligations (CDOs)
zusammenfasste. Mit Immobilienhypotheken besichert, waren sie sehr beliebt, da
sie bei vermeintlich gleichem Risiko eine höhere Rendite boten. Rating-Agenturen
haben fleißig mitgespielt und den CDOs beste Anlagequalitäten bescheinigt. Das
Geschäft lief gut, Käufer fanden sich jede Menge, darunter auch Hedge-Fonds (die
dafür zum Teil sogar noch zusätzlich Kredite aufgenommen haben) und auch in
Europa jede Menge Banken, selbst scheinbar seriöse deutsche Landesbanken, wie
Sachsen LB, IKB, West LB.
Es kam wie es kommen musste.
Viele Kreditnehmer konnten ihre Darlehen nicht mehr zurückzahlen und mussten ihr
Häuschen verkaufen oder sie wurden gepfändet (d.h. das Häuschen wurde
versteigert). Die Preise für die Immobilien fielen, damit auch deren
Sicherungswert für die CDOs, in den Bilanzen der Käufer mussten die
entsprechenden Vermögenswerte abschrieben werden. Das verzerrte die
Bilanzrelationen der Käufer-Banken derart, dass sie keine weiteren Kredite
ausgeben konnten. In Einzelfällen standen Banken sogar vor der Insolvenz,
Einlagen von privaten Anlegern waren gefährdet. Northern Rock in Großbritannien
war ein Desaster. Die US-Investmentbank Bear Stearns ist von JP Morgan Chase mit
einem Kraftakt vor der Pleite gerettet worden. Auf alle Fälle haben die
Börsenkurse von Finanzinstituten massiv gelitten.
Gebranntes Kind scheut das
Feuer. Die Weigerung von Banken, weitere Kredite auszureichen, wurde zu einem
volkswirtschaftlichen Problem, denn auch solide Projekte müssen teilweise
kreditfinanziert werden. Prompt haben die Zentralbanken auch die
Mindestreserveanforderungen gelockert oder leichtes Geld den Banken zur
Verfügung gestellt um die Wirtschaft am Laufen zu halten. Aber was ist der
Effekt? Es nährt die Inflation….
Was kann man
daraus lernen?
Die Bankenaufsicht hat versagt.
Sie hat nicht verstanden, was Derivate anrichten können und wie deren Risiken –
entgegen allem Gequarke von Rating-Agenturen – wirklich einzuschätzen sind. Die
Bankenaufsicht müsste auf eine neue, internationale Ebene gehoben werden (etwa
auf der Ebene IWF oder Weltbank), denn Fehlentwicklungen in einem Land lassen
sich heutzutage nicht mehr auf dieses Land begrenzen.
Die Kreativität der Banken mit
innovativen Finanzkonstrukten hohe Renditen rauszuschlagen ist überdreht,
abgehoben. Beispiel: Nachdem die CDOs „out“ sind, gibt es neuerdings „Commodity
Linked Structured Notes“, ein Finanzprodukt für den Rohstoffmarkt, das sich der
Kontrolle durch die US-Terminbörsenaufsicht Commodity Futures Trading Commission
(CFTC) entzieht. Hedge-Fonds, Investmentbanken, Pensionsfonds, etc. legen ihr
Kapital neuerdings gerne in Rohstoffen an – mit Strategien ähnlich wie einst auf
dem Kreditmarkt. Renditen werden aber nun mal nicht im Finanzsystem erzeugt,
sondern nur in der Realwirtschaft. Geld ist ein notwendiges Schmiermittel des
Wirtschaftskreislaufes, hat jedoch an sich kein Wert schöpfendes Potenzial. Die
Beteiligten im Finanzsystem müssen lernen, von Zinsspannen aus dem
Kreditgeschäft zu leben und vielleicht noch klar umrissenes Investment-Banking
zu betreiben. Wenn der Schuster nicht bei seinen Leisten bleibt, wird es
gefährlich.
Nun kann man den Banken nicht
alleine die Schuld geben. Immerhin bieten sie nur an, was auch nachgefragt wird.
Das schiere Volumen des Geldvermögens weltweit erzeugt natürlich einen
ungeheuren Druck, neue innovative Renditemöglichkeiten zu finden. Hier müssten
Zentralbanken mutiger sein und Geld wieder gezielt verknappen, sprich Zinsen
erhöhen, damit die Rückzahlung von Krediten begünstigen und die Nachfrage nach
neuen Krediten drosseln. Dies würde „überschüssiges“ Geld vernichten, die
Spekulation reduzieren und auch den Druck von den Anlagegütern nehmen (je höher
die Zinsen, umso niedriger die Börsenkurse, umso niedriger auch die
Asset-Inflation). Schon klar: das kostet wirtschaftliches Momentum, denn auch
die von Unternehmen und Verbrauchern benötigten Kredite werden dadurch teurer -
und jeder fürchtet das Schreckgespenst der Rezession, besonders die Politiker.
So unangenehm die Erscheinungen sind (Arbeitslosigkeit, Steuerausfälle, etc.),
Rezessionen gehören nun mal zum natürlichen Zyklus einer Volkswirtschaft. Man
kann nicht immer Hochkonjunktur haben. Krisen gehören jedoch nicht zum Zyklus,
sie müssen, sie können vermieden werden. Die EZB geht mit seiner klaren
Zinspolitik einen beherzten, stetigen Weg, anders als die US-Fed. Langfristig
ist dies der solidere Weg, schließlich geht es auch um die sauer verdienten
Ersparnisse und Rentenansprüche von Menschen.
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Josef Wenzl, München.
Er ist Autor des im September bei
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