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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Soziale Gerechtigkeit

 

 

 

 

 

Soziale Gerechtigkeit ist ein Begriff, den Politiker, Gewerkschaften und die Medien gerne verwenden, denn damit lässt sich gut Stimmung machen und Ansprüche rechtfertigen. Sozialwissenschaftler sind mit dem Begriff aber vorsichtig, denn der Gehalt ist sehr umstritten. Versuchen wir, uns heranzutasten: 

1. Rechtsordnung: Jeder hat Grundrechte auf Leben, Freiheit und Eigentum, niemand darf die Rechte anderer verletzen. Zum Schutz dieser Rechte gehören die Aufrechterhaltung der öffentlichen Ordnung, Polizei, Gerichtsbarkeit, Verteidigung und auch des Gesundheitswesens. Jeder Eingriff in die Grundrechte stellt zunächst einen kriminellen Akt dar. Von staatlicher Seite dürfen Eingriffe nur dann erfolgen, wenn die Grundrechte selbst geschützt werden sollen. Die Wehrpflicht als Eingriff in die Freiheit ist also gerecht, denn sie dient zur Verteidigung des freiheitlichen Systems. Es versteht sich von selbst, dass solche Eingriffe sehr behutsam erfolgen müssen. Auf diesem Prinzip liegt der Fokus des Liberalismus. 

2. Gemeinwohl: Das Gesamtsystem ist dann gut, wenn – wie John Rawls es formuliert – „es sich auch für die am wenigsten Begüterten noch positiv auswirkt“. Niemand darf ausgebeutet werden. Wer unfähig ist, seinen Lebensunterhalt zu bestreiten, ist zu unterstützen, um sich nicht erniedrigen zu müssen. Sozial- und Arbeitslosenhilfe, etc. sind Gaben einer gerechten Gesellschaft. Dieses Prinzip wird von den eher sozialen, „linken“ politischen Strömungen betont. 

3. Chancengleichheit: Vor dem Gesetz ist jeder gleich, bei Wahlen zählt jede Stimme gleich. Bildung hat das Ziel, jeden ohne Rücksicht auf seine Herkunft nach seinen Anlagen bestmöglich zu fördern. Jeder soll Zugang haben zu Märkten, zu Arbeitsplätzen, Ämtern und öffentlichen Aufträgen. Bevorzugungen, Vetternwirtschaft, Korruption vertragen sich damit nicht. Jeder soll die gleichen Chancen haben. Aus den Chancen etwas zu machen, liegt jedoch in der Verantwortung jedes Einzelnen. Chancengleichheit bedeutet nicht, Ungleiches gleich zu machen. Das wäre das Credo sozialistischer und kommunistischer Ideologien. Es gibt individuelle Unterschiede (Stärken und Talente, Schwächen und Behinderungen) und Unterschiede in der sozialen Herkunft, zwischen arm und reich. Diese Unterschiede kann man nicht aufheben, ohne massiv in die Grundrechte der Menschen einzugreifen. Gerecht ist ein Gemeinwesen dann, wenn es die Unterschiede zwar akzeptiert (ohne Privilegien zu schaffen), aber Jeden befähigt, das Beste aus seinem Leben zu machen. Das dann auch zu tun, liegt wieder bei jedem Einzelnen - auch bei den Benachteiligten, so hart das klingt. 

4. Ausgleich: Gerechtigkeit beruht auf Gegenseitigkeit, keine Rechte ohne Pflichten und Verantwortung. Wer die Vorteile des Systems in Anspruch nimmt, muss es auch unterstützen. Es wäre ungerecht, Sozialleistungen zu beziehen, obwohl man nicht bedürftig ist. Es wäre ungerecht, die Vorteile der staatlichen Einrichtungen (Schulen, Straßennetze, etc.) zu nutzen, aber Steuern zu hinterziehen. Verteilt werden kann nur, was vorher erarbeitet wurde. Jeder Bürger und jedes Unternehmen ist aufgefordert, Leistung zu erbringen, seine Leistungsbereitschaft zu erhalten und sich dem Wettbewerb zu stellen (Unternehmen können das nur, indem sie Renditen erwirtschaften). Die zweite Aufforderung ist die, dass Leistungsstärkere auch einen höheren Beitrag leisten als –schwächere, sprich in angemessenem Rahmen höhere Steuern zahlen.

Zum Thema Wettbewerb: In einem System, das Freiheit und Recht garantiert sowie Ausbeutung und unlautere Methoden unterbindet, sorgt der Markt für Gerechtigkeit im Verhältnis von Leistung (auch: Arbeitsleistung) und Gegenleistung. Zumindest spricht die Vermutung dafür, solange kein Zwang, keine Manipulation auf die ausgleichenden Kräfte von Angebot und Nachfrage ausgeübt wird. Monopolstellungen von Unternehmen sind daher problematisch, zu Recht muss der Staat dort Missbrauch verhindern. Problematisch sind auch - entgegen der öffentlichen Meinung - Streiks, da sie Unternehmen einseitig in die Knie zwingen können. Weiterhin problematisch wäre, Unternehmen daran zu hindern, Kosten zu senken und Arbeitsplätze in das Ausland zu verlagern - sie könnten dann nicht wettbewerbsfähig bleiben und ihre Existenz wäre gefährdet. Man müsste sonst deutsche Verbraucher zwingen, nur noch in Deutschland gefertigte, also teurere Produkte zu kaufen, das ist jedoch unrealistisch. 

Der Markt ist manchmal bereit, Preise und Löhne zu zahlen, deren Verhältnismäßigkeit fraglich ist. Beispiele sind Spitzengehälter von Topmanagern, aber auch Millionengagen von Sportprofis, Film- oder Popstars oder Topmodels. Ich bin der Meinung, dass von staatlicher Seite trotzdem nicht einzugreifen ist – das gibt das Konzept der Gerechtigkeit nicht her. Die Verantwortung für die Höhe der Gehälter und Gagen liegt letztlich bei denjenigen, die zu den überzogenen Gegenleistungen bereit sind, also bei den Fans der Fußballer und Stars; und bei denen, die Produkte von Unternehmen kaufen, die Spitzengehälter an ihre Vorstände und Niedriglöhne an ihre Arbeiter zahlen.  

Begreift man Gerechtigkeit auf Basis dieser vier Säulen, dann ist gesellschaftliche Gerechtigkeit ganz selbstverständlich sozial. Das Schlagwort „Soziale Gerechtigkeit“ ist eigentlich eine Tautologie. Es gibt jedoch eine weitere moralische Kategorie, die man auch als „sozial“ bezeichnet, die über Gerechtigkeit hinausgeht, nämlich Wohltätigkeit, Mitleid, Fürsorge, Sicherheit (auch von Arbeitsplätzen).  

In der politischen Kultur Deutschlands wird leider nicht genau zwischen gerecht und wohltätig unterschieden, die Grenzen sind ja auch fließend. Sozialleistungen, wie Bildungs- und Gesundheitswesen, Sozialhilfe, Kinder- und Arbeitslosengeld sind zunächst nicht wohltätig, sondern einfach gerecht. Sie können aber in ihrem Umfang oder ihrer Ausgestaltung weit übersteigert werden - auf Kosten des 4. Prinzips (Beitragspflicht). Sozialleistungen werden dann entkoppelt von dem, was erarbeitet wird. Dadurch kommt es zwangsläufig zu Schieflagen, wie z.B. folgende: 

- Die Lasten für den laufenden Sozial- und Gesundheitsapparat werden immer höher, gleichzeitig sinken die Investitionen in die Lebenschancen der Jugend (Schulen, Hochschulen, Forschung). Mehr noch, wir bürden die Rentenlasten der älteren Generation den jungen Menschen auf.

- Die öffentliche Verschuldung ist unvorstellbar hoch. Statt jedoch in Zeiten besserer Konjunktur Schulden zu tilgen, wird munter über Ausgabenerhöhungen debattiert (höhere Regelsätze für Hartz-IV-Empfänger, höheres Kindergeld, etc.). Die Schulden sollen wieder künftige Generationen bezahlen.

- es gibt selbst nach Hartz IV ein bedenklich hohes Maß an Trittbrettfahrern. Um Schlupflöcher zu stopfen, werden Steuer- und Sozialleistungsgesetze immer komplizierter, „gerechter“. Notwendige Kontrollen führen zu mehr Bürokratie. Diese wiederum bläht den Staatsapparat auf, und der kostet wieder mehr Steuern.

- Risikobereitschaft, Eigenverantwortung und Erfolg als gesellschaftliche Werte werden beschämend tief angesetzt. Erfolgreiche Selbständige, Unternehmer, Manager sind keine Vorbilder, wie etwa in den USA, sondern Feindbilder. Erfolg ist in der öffentlichen Meinung kein Zeichen von Mut und Leistung, sondern von Machthunger und Geldgier.

- Fürsorge schreit nach Verteidigung. Bestimmte Interessenvertretungen sind mit überzogenen Rechten ausgestattet und daher übermächtig. Gewerkschaften und Betriebsräte können Unternehmen, ganze Branchen, ja sogar Infrastrukturen (Flughäfen, öffentlicher Verkehr) lahmlegen.

- Das Welt- und Gesellschaftsbild, das dem Konzept der Wohltätigkeit und Fürsorge zugrunde liegt, ist fast immer statisch. Unternehmen, insbesondere große Konzerne, so denkt man, seien feststehende Anstalten, Selbstläufer. Dass sie täglich im harten Wettbewerb stehen und ihre Existenz keineswegs gesichert ist, wird nicht beachtet. Die Reaktionen der Regierung auf Herausforderungen der globalen Wirtschaft wirken immer etwas schläfrig (Schröder’s „ruhige Hand“).

- Leistung wird in unserer Gesellschaft als Druck, als Zumutung empfunden, die Standards werden niedrig gehalten. Hohe Arbeitslosenquoten werden praktisch akzeptiert (über 8%!). Das Niveau an Innovationen ist lächerlich niedrig, ganze Technologieschübe (wie z.B. die IT-Technologie) gehen an Deutschland vorbei. Die Wohlhabenden schaffen es noch eher, ihre Situiertheit zu erhalten, der Mittelstand driftet ab, die Schere zwischen reich und arm wird größer. 

Die Konsequenzen führen zum Gegenteil dessen, was beabsichtigt war: in unsozialen, ja ungerechten Zuständen. Als Folge wird noch mehr und noch lauter nach Wohltätigkeit, Fürsorge, Sicherheit gerufen. Das Erstarken der Linken in den letzten Landtagswahlen ist ein deutliches Zeichen. Wir gießen den Garten mit Petroleum und wenn die Pflanzen eingehen, drehen wir noch mehr auf. 

Schon im privaten Bereich ist Wohltätigkeit keine einfache Sache. Wem spende ich, an welcher Initiative beteilige ich mich, und wie rechtfertige ich diese Entscheidung anderen Initiativen gegenüber? Spende ich für die Welthungerhilfe, dann diskriminiere ich gleichzeitig alle anderen guten Zwecke. Wie wäge ich ab gegen meinen eigenen Bedürfnisse, Hobbies, Urlaubspläne? Selbst Immanuel Kant erkennt die Aufgabe, anderen zu helfen als eine Pflicht an, aber als eine „unvollkommene Tugendpflicht“, bei der wir frei sind wie wir sie ausgestalten. Letztlich muss jeder Einzelne diese Themen mit seinem Gewissen abmachen. Und das ist nicht leicht. 

Delegieren wir Wohltätigkeit an den Staat, dann mulitipliziert sich das Problem, denn ein Gemeinwesen darf nicht diskriminieren. Gibt der Staat eine Wohltätigkeit an A, wird bald B auftauchen - mit der gleichen „Berechtigung“. Hat man einmal Wohltätigkeit als staatliche Pflicht erklärt, eskaliert dies bald in eine Wohltätigkeitsspirale. Es entsteht ein Wettlauf, wer welche Wohltätigkeiten erhält und wie viel; entschieden wird von Politikern (mit Blick auf Wählerstimmen), beeinflusst durch mächtige Interessenvertretungen (z. B. der Gewerkschaften), alles unter dem Vorwand der Sozialen Gerechtigkeit. 

Natürlich gibt es Jedem ein Gefühl der Sicherheit, sich auf die Fürsorge eines starken Staates verlassen zu können, gerade in der heutigen Zeit des scharfen globalen Wettbewerbs. Das Ideal der Wohlfahrtsstaatlichkeit ist in der öffentlichen Meinung tief gegründet. Ja, es ist sogar soweit übersteigert, dass wir den Sozial-Egoismus Einzelner und ganzer Gruppen tolerieren. Die Grenze ist aber da erreicht, wo die Wohltätigkeit dem Gemeinwesen nicht mehr wohl tut. Politiker und die Medien haben hier die Aufgabe, die zerstörerische Wirkung übertriebener Staatsleistungen klar zu machen und wieder auf ein vernünftiges Maß zurückzuschrauben. 

Der Staat muss gerecht sein im Sinne der vier oben angesprochenen Säulen, dadurch erfüllt er den sozialen Auftrag der Verfassung. Wohltätige Initiativen kann und soll der Staat zwar fördern (steuerliche Abzugsfähigkeit von Spenden, besondere Steuersätze für gemeinnützige Organisationen, etc.), die Verantwortung muss jedoch bei den Einzelnen bleiben. Der Staat muss die Vernunft und den Mut der Bürger fordern, aus den Chancen das Beste zu machen und auch die Verantwortung zu übernehmen, sich den Unsicherheiten zu stellen und grundsätzlich für sich selbst zu sorgen. Das wäre ein „Opfer“, das der Allgemeinheit zugute käme. Dann wären wir vielleicht wirklich sozial. Und gerecht.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Josef Wenzl, München.

Er ist Autor des im September bei Principal erscheinenden Buches

'Führungskraft. Wie Sie Ihren Vorsprung im Unternehmen

und globalen Wettbwerb sichern.'

 

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Josef Wenzl ist Geschäftsführer der

 

deutschen Niederlassung eines amerikanischen IT-Konzerns.