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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

Tachistische Malerei

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Den Surrealismus und die Entdeckung des Unbewussten kann man als die Vorläufer des Tachismus ansehen.

Neu an der surrealistischen Malerei war nicht, dass die Künstler sich von dem Gefühl des Wunderns, von ihrer Neugier auf Unbekanntes, leiten ließen. Neu war das Wissen um das Wundern und die Neugier, die Antriebs­kräfte aus dem Unbewusstsein. Und dieses Wissen führte zu der Er­kenntnis, dass in der Malerei die Neugier zu schnell befriedigt wurde. Der Maler hatte eine bestimmte Vorstellung von dem zu malenden Bild, eine Bildidee, und nachdem er einen Teil davon realisiert hatte, war der Rest mehr oder weniger Handwerk, war vorhersehbar, war not­wendige Ergänzung dessen, was schon auf der Leinwand war. Das Gleiche wiederholte sich bei der Rezeption des Kunstwerks. Der größte Teil des Bildinhaltes war die notwendige, vorhersehbare Er­gänzung des übrigen Teiles. Diese Aussage gilt exemplarisch für jede gerade Linie. Der hohe Anteil an Vorhersehbarkeit, an Redundanz, bedeutet eine Enttäuschung für die Neugier, bedeutet Langeweile. Jede dem Auge bekannte Form bedeutet eine solche Enttäuschung: eine gerade Linie, ein Kreisbogen, ein Rechteck, ein Haus, ein Baum, eine Gestalt. "Kenn ich schon" sagt das Auge jedes mal. Interessant ist der Bildinhalt für den künstlerisch geschulten Blick immer nur bis zu dem Zeitpunkt des Kenn-ich-schon-Erlebnisses. Diese Enttäu­schung stellt sich notwendigerweise ziemlich früh ein, wenn der Maler während des Malprozesses genau vorher weiß, was er malen will. Deshalb kann es sein, dass die Zufallsformen und -farben auf seiner Palette interessanter sind als das Bild, an dem er arbeitet.

Aus dieser Einstellung heraus ergibt sich die Malerei des Tachis­mus. Hier weiß der Künstler nicht voraus, was er macht. Hier gibt es keine Vorhersehbarkeit, keine Redundanz. Die Differenziertheit des Produktes überschreitet die Grenzen der Planbarkeit, der absichts­vollen Gestaltungsmöglichkeiten, um ein Vielfaches. Die Gestaltungs­möglichkeiten sind begrenzt, die Zufallsdifferenzierungen sind unbe­grenzt. Eine Auflösbarkeit dieser unendlichen Differenzierung, die das Geheimnis des Bildinhaltes trivialisieren würde, kann es nicht geben.

Ich saß in meinem Studentenzimmer auf der Bettkante und sah vor mir einen Gegenstand, der mich befremdete. Er war etwa tennisball­groß, war schwarz und weiß und unregelmäßig geformt, war etwa zwei Schritte von mir entfernt und schwebte einen Fuß hoch über dem Boden. Ich wusste genau, was es war. Nämlich ein Ding, von dem ich nicht wusste, was es war. Ich saß ganz still, denn der Gegenstand faszinierte mich. Aber ich wusste auch, dass der Zauber jeden Augen­blick verschwinden konnte. Ich kannte jeden Gegenstand in meiner Wohnung, und keiner hatte die Eigenschaft, frei in der Luft zu schweben. Es musste ein bekannter Gegenstand sein, den meine Augen in falscher Perspektive sahen. Jeden Augenblick konnte die Figur umklappen und sich als ein wohlbekannter Gegenstand entlarven. Ich brauchte nur hinzugehen, vielleicht brauchte ich nur meinen Kopf seitlich zu bewegen. Aber das tat ich nicht, weil ich wusste, dass die Auflösung des Rätsels trivial sein würde. Mein Ehrgeiz bestand darin, ohne körperlichen Einsatz herauszufinden, um was es sich handelte. Aber es gelang nicht. Die Augen hielten fest an dem freischwebenden Ding, das aus einer andern Welt zu stammen schien.

Leider tat es das nicht. Es war ein zusammengeknülltes Blatt Papier, das auf dem Tep­pich lag, wie ich etwas später feststellte. Ist ein zusammengeknülltes Stück Papier nun ein Gegenstand, der unser Interesse verdient oder nicht? In der Verfremdung durch die falsche Perspektive schien er mir hochinteressant, in der gewohnten Perspektive dagegen höchst belanglos.

Der deutsch-dänische Maler Sonderburg (Kurt Hoffmann) wischt einige Male mit einem halbtrockenen Pinsel oder einer Rolle über die Leinwand und schon entsteht dort eine auf den ersten Blick altmei­sterliche Schwarzweißzeichnung von einer geheimnisvollen Industrie­landschaft: Gleisanlagen, Güterbahnhöfe, Verladekräne in unüber­schaubarer Menge und Vielfalt und Tiefe des Raumes - gemalt mit ei­nem Detailreichtum, der den Altmeister weit in den Schatten stellt. Bei den Eisenbahngleisen ist jede Schwelle und bei den Schwellen ist jede Schraube, wenn es denn eine Schraube ist, zu erkennen. Aber kurz vor dem endgültigen Verstehen hält der Erkenntnisvorgang re­gelmäßig inne und fragt sich, ob es nicht auch etwas ganz anderes sein könnte.

Gestern ging ich eine Vorstadtstraße entlang. Ich bin sie schon oft entlang gegangen. Schon bevor ich die Augen auf irgendeinen Punkt richte, weiß ich, was ich sehen werde. Zäune, Bäume, Sträucher, ein­zelne Häuser. Immer dasselbe! Monotonie, Langeweile! Nicht zum Aus­halten! Heute gehe ich durch die gleiche Straße. Wohin ich die Augen richte, sehe ich Bekanntes. Doch, wohin ich auch blicke, wenn ich nach Details schaue, dann werde ich fündig - überall. In jedem noch so kleinen Ausschnitt eine Unendlichkeit von Details! Die Kontur ei­nes Baumstammes, das Rissmuster in der Baumrinde, in blassgrüner Farbe die nach oben strebenden Stäbe eines Gartenzaunes! Das Geäst der Zweige! Jeder Busch, in der Kahlheit des Novembertags, sieht an­ders aus, obwohl sein Muster mit dem des Nachbarbusches etwas ge­meinsam hat. Und die kahlen Kronen der Bäume gegen das Grau des Nachmittaghimmels! Kein Ahorn gleicht dem andern. Dennoch sieht man: Es ist Ahorn. Es ist nicht möglich, den Unterschied zwischen Ahorn und Linde in angemessener Zeit in Worten zu beschreiben. Und dennoch braucht das Auge keine Sekunde, um sie eindeutig zu be­stimmen. Zauber der Augenwelt! Eine Kastanienallee. Eine schwarz verästelte Krone neben der andern. Jede birgt in ihrem Anderssein eine Überraschung. Und das setzt sich fort. In jedem Ast, in jedem Zweig, an jedem Vorsprung eines Astes, in jeder Biegung, jeder Ver­zweigung, jeder Spitze, jeder Knospe, lauert die Überraschung des Andersseins, der Einmaligkeit, der Variation bei immer gleichem Grundmuster. Dass es überhaupt möglich ist, das gleiche Grundmuster in einer derartigen Vielfalt zu variieren! Und das wiederholt sich überall, in jeder Blickrichtung: Ich brauche nur etwas genauer hin­zusehen, die Details zu betrachten und an den Details die Details, und schon fängt das Kenn-ich-schon-Etikett an, sich zu verwölben, abzublättern, zu verschwinden. Der Blick wird eingefangen von den Details und der dingliche Charakter schwindet dahin. Das Auge stürzt in einen Abgrund von Einzelheiten. Ob Linde oder Ahorn interessiert schon längst nicht mehr. Was bleibt, sind Linienmuster, Arabesken, Variationen und Wiederholungen, Farbabstufungen, Glanzlichter, Hell- Dunkelkontraste, Krümmungen, Streckungen, Windungen, uferlose Meere von ähnlichen Formen und Mustern. Worte sind überflüssig, Bedeutungen unwesentlich. Die Wahrnehmungen sind nur noch für das Auge interessant. Dieses aber schwelgt im Überfluss und genießt seine Allmacht.

Auch hier hat sich wieder eine Legierung aus Wissen und Wahr­nehmung aufgelöst. "Ich weiß schon, was ich sehen werde. Zäune, Bäume, Sträucher, einzelne Häuser." Das war das Wissen, dass meine Wahrnehmung verstellte. Das Wissen um Bäume, Sträucher, Häuser, das Bedeutungswissen, kann sich nicht aus eigenem Antrieb von der Wahrnehmung trennen. Voraussetzung ist wieder ein Wissen vom Wis­sen, also ein Schritt in Richtung der Ästhetikdimension.

Auch das zusammengeknüllte Papier war nur interessant, solange sich das Bedeutungswissen von der Wahrnehmung getrennt hatte. Auch die Details in den Bildern von Sonderburg würden in dem Augenblick an Interesse verlieren, in dem ich erkenne, dass sie alle in einen Zusam­menhang passen, dessen Bedeutung eindeutig klar ist.

Die tachistischen Maler lieferten Bilder von unergründlicher, ge­heimnisvoller Tiefe. Darüber hinaus lieferte der Tachismus allerdings etwas, das nicht beabsichtigt war, was sich aber aus der beschriebe­nen Entstehungsgeschichte ganz eindeutig herleitet: Er lieferte gleichzeitig ein Negativbild von allem, was er ausschloss - ein Nega­tivbild von der geraden Linie, ein Negativbild alles Künstlichen, Geo­metrischen, ein Negativbild konkreter, eindeutig identifizierbarer Gegenstände, ein Negativbild alles Figürlichen. So lenkte diese Male­rei durch ihre konsequente Aussparung den Blick auf einen riesigen blinden Fleck - einen blinden Fleck, eine Wahrnehmungslücke, die bisher nicht bewusst gewesen war, und die thematisch und zeitlich weit hinausgeht über die künstlerisch motivierten Aussparungen der tachistischen Malerei.

Die Entdeckung dieses blinden Flecks ist prägend für die nächste Stilrichtung der Malerei, die Pop­­art, die mit der tachistischen Malerei in einem komplementären Zusammenhang steht. Die Popart bildet mit den vorhergehenden Stilrichtungen des 20. Jahrhunderts eine gewisse Einheit, und da die Kunst nach der Popart einen entschei­denden Bedeutungswandel durchläuft, bietet es sich an, die Popart als einen Abschluss, als Spätphase, als die letzte und höchste Ausprä­gung des Bewusstseins dieser Epoche anzusehen.

 

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Ad personam

 

 

Dr. Georg M. Peters ist Autor der Bücher

 

 „Dimensionen des Bewusstseins“, „Ego cogito, ego mutabo“, „Eine Seereise zum Ich“ und „Der Seiltänzer“, erhältlich bei www.verlag-spiel.de oder bei Amazon.

Der hier vorgestellte Text ist ein Ausschnitt  aus dem erstgenannten Buch.

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