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Die Entdeckung des Kosmos
Was die Griechen entdeckten, war
die Welt der Naturgesetze, der Kosmos. Kosmos heißt im ursprünglichen Sinne
Ordnung. Es waren zwar noch kaum wirkliche Naturgesetze bekannt, aber es gab die
Vermutung, dass eine solche allumfassende Gesetzlichkeit existierte. Die Theorie
der vier Elemente Feuer, Erde, Wasser, Luft war eine solche. Die Vermutung, dass
es solche Gesetzmäßigkeit gebe, nährte sich aus den Riesenerfolgen, die am
Fundament des naturgesetzlichen Gebäudes erzielt wurden: in der Mathematik.
Darüber hinaus war der Kosmos noch fast leer. In der Lehre der Stoa lautet das:
Gott geht in der Welt auf. Es ist das Weltgesetz, die große Vernunft, die das All
durchwaltet. Plato sah das wahre Sein in einer jenseitigen Sphäre, dem Reich der
Ideen. Alle Gestaltungen im Raum und in der Zeit galten ihm als Widerschein
dieses jenseitigen Reiches und daher als minder wirklich. Die Lehre des
Aristoteles war von dem Vertrauen getragen, dass die menschliche Vernunft
berufen sei, die Grundstruktur der raumzeitlichen Welt widerzuspiegeln. Ein
Widerspruch zwischen Plato und Aristoteles ist hier hinein interpretiert worden,
der in Wirklichkeit gar nicht existiert. Zwischen der Idee und der Realität? Wir
sehen: Diesen Gegensatz gibt es nicht. Die Annahme eines Gegensatzes zwischen
Plato und Aristoteles beruhte auf einem falschen Verständnis der Antike.
Wie
drückt sich das Manbewusstsein
in der Malerei aus?
In Zeiteinheiten gemessen war
der Bewusstseinsradius, wie gesagt, zuerst unendlich groß. Zu Anfang des
Jungpaläolitikums, also vor etwa 40000 Jahren, verkürzte er sich auf eine
Zeitspanne von drei Generationen. Diese Verkürzung setzt sich fort: Zu Beginn
der griechischen Antike wird er zu Null. Das Bewusstsein ist gleichsam in der
Gegenwart angekommen. Wir hatten ferner gesehen, dass der Bewusstseinsradius –
in Längeneinheiten gemessen – erst am Ende des 19. Jahrhunderts zu Null wird.
Das ist der vorläufige Endpunkt einer Entwicklung, die ihren Anfang ebenfalls zu
Beginn der griechischen Antike hat. Denn damals war der Bewusstseinsradius - in
Längeneinheiten gemessen - noch unendlich groß.
Die Malerei drückt das mit
ihren Mitteln ganz deutlich aus. Denn aus unendlicher Entfernung betrachtet,
verschwindet die perspektivische Verkleinerung, und wir sehen die Welt in Form
der Parallelperspektive – wie bei Fotografien, die mit einem Teleobjektiv
aufgenommen worden sind. Die Parallelperspektive ist der bildliche Ausdruck
des Manbewusstseins; so wie die Zentralperspektive der bildliche Ausdruck des
Ichbewusstseins ist, das aber erst zweitausend Jahre später erwacht.
Parallelperspektive: Wie bei
einer Fotografie, die mit Teleobjektiv aufgenommen wurde, spielt der Abstand
vom Betrachter keine Rolle, sondern alle Gegenstände, ob links oder rechts, ob
nah oder fern, stehen gleichberechtigt nebeneinander. Das entspricht der antiken
Art, den menschlichen Körper abzubilden. Denn dabei ging es nicht um einen
bestimmten Körper, nicht um ein bestimmtes Individuum, sondern um die Form des
menschlichen Körpers im Allgemeinen, in der Idealisierung. Diese Idealgestalt
wird mit dem eigenen Körper in Beziehung gesetzt. Die Wahrnehmung des eigenen
Körpers, die Entwicklung eines Sinnes für die Schönheit der menschlichen
Gestalt, sind die großen Entdeckungen der griechischen Antike.
Gab
es damals keinen Egoismus?
Das Ichbewusstsein und damit
der Egoismus des Einzelnen standen damals unter einem Verbot, sie waren
tabuisiert. Zur Zeit des Wirbewusstseins, aber auch noch zur Zeit des
Manbewusstseins gelten sie als schädlich für die Gesellschaft, für die
Gemeinschaft. Wenn das die gesellschaftliche Norm war, bedeutet das nicht, dass
es kein egoistisches Verhalten gab. Egoistisches Verhalten ist ja aus der
Geschichte zur Genüge bekannt. Aber das Bewusstsein zur Zeit der
griechischen Antike war ein humanistisches. Der Fortschritt bestand darin, dass
man die Menschen insgesamt ins Auge fassen konnte, dass man die Schranke, die
das Wir von den Anderen trennte, gesprengt hatte. Man musste die Anderen nicht
mehr grundsätzlich als Feinde betrachten. Ein Satz wie „Liebet Eure Feinde!“
bestimmte nicht das menschliche Verhalten; das ist bekannt. Aber dass ein
solcher Satz gedacht und ausgesprochen werden konnte, das war das Neue, das
setzte ein neues Bewusstsein voraus. In der vorangehenden Ära des
Wirbewusstseins wäre das nicht möglich gewesen.
Das Überschreiten der
Wirgrenze entspricht, bildlich gesehen, einem Ausgreifen in den Raum bis ins
Unendliche. Die Überwindung des Gegensatzes zwischen dem Wir und den Anderen
erzeugt ein neues Raumgefühl: Dem unendlichen Bewusstseinsradius entspricht die
quasi unendliche Brennweite des Teleobjektivs. Das Phänomenale daran ist die
Ausschließlichkeit, mit der die Malerei während der gesamten Manära beherrscht
wird durch die Parallelperspektive – genauso ausschließlich wie später während
der Ichära durch die Zentralperspektive. Für uns heute noch sichtbar ist die
Vorherrschaft der Parallelperspektive in der traditionellen chinesischen und
japanischen Malerei.
Kann man die Bewusstseinsstufe
eines Menschen erkennen?
Ein gutes Beispiel für die
Vorherrschaft des Wirbewusstseins findet man in dem Roman „Der rote Wollfaden“
von Rex Stout. Der Autor lässt dort einen alten Indianer auftreten, der auf die
Frage, was er in einer bestimmten Situation getan, gedacht, gewollt hat, immer
nur antwortet, „es gibt eine Sitte bei den Cherokees,....“ Mich überzeugt die
Darstellung. Der Indianer will sich nicht verbergen. Aber seine eigenen
Intentionen kommen ihm überhaupt nicht in den Sinn. Sie werden überdeckt von den
Regeln, die innerhalb seines Stammes gelten, und .die seine Lebensregeln sind.
Wer in den ersten Monaten
seines Lebens nicht das räumliche Sehen lernt, lernt es nie mehr. Wer in den
ersten Lebensjahren nicht das Sprechen lernt, lernt nie mehr, die komplizierte
logische Struktur einer Sprache zu beherrschen. Versuchen Sie doch einmal
logisch zu erklären, welche Bedeutung solche Bindeworte wie „doch“, „aber“,
„jedenfalls“ besitzen. Das sind höchst komplizierte logische Konstrukte, die das
Kind lernt und dann ein Leben lang mühelos und schnell an den richtigen Stellen
einzufügen weiß. Aus zwei Bildern, den Netzhautbildern des linken und des
rechten Auges, die gegeneinander etwas seitenverschoben sind, den geordneten
Eindruck des umgebenden Raumes zu konstruieren, ist ein unglaublich
komplizierter mathematischer Prozess. Aber das geübte Gehirn bewältigt die
Aufgabe ohne Mühe. Das sind Entwicklungsprozesse, die zum Abschluss gekommen
sind. Dazu gehört auch der Ablösungsprozess des Kleinkindes von der Mutter, der
das Gefühl des Einsseins beendet und erlaubt, dass das Kind sich als
eigenständige Persönlichkeit erlebt. Aber alle diese Entwicklungen müssen
nicht zu einem Abschluss kommen. Jede dieser Entwicklungen kann auch auf
einer unvollkommenen Stufe stehen bleiben.
Auf welcher Stufe stehen Sie?
Das ist eine rhetorische Frage.
Sie haben ein entwickeltes Ichbewusstsein. Denn sonst hätten Sie diesen Text
nicht bis hierher verfolgt.
Irgendwann muss sich der
Heranwachsende aus dem Wir der Familie, der Gruppe, der Straßenbande herauslösen
- aus der Geborgenheit des Wir. Bis dahin wird er beherrscht von einem
gespaltenen Bewusstsein, das die Welt zweiteilt in ein Wir und die Anderen – wir
sind die Guten, die anderen sind die Bösen.
Der Andere ist derjenige, der
nicht zur eigenen Familie, zum eigenen Clan, zur eigenen Bande, nicht zur
eigenen Religion, zur eigenen Nation gehört. Im Anderen den Menschen erkennen!
Das ist Humanismus, den jeder für sich entdecken muss. Geschichtlich gesehen ist
das der Beginn der Manära, die, wie gesagt, im 6. Jahrhundert v.Chr. etwa
gleichzeitig in Griechenland, im Indien des Buddha, im China des Konfuzius und
des Laotse begann.
Das Manbewusstsein bildet den
Übergang zwischen dem Wirbewusstsein und dem Ichbewusstsein – sowohl innerhalb
der allgemeinen Geschichte, als auch in der Phase des Heranwachsens eines
Einzelnen. Die Ära des Manbewusstseins dauerte 2000 Jahre. Sie umfasste die
griechisch-römische Antike, danach eine islamisch geprägte Epoche und
schließlich das christliche Mittelalter. Sie dauerte bis zum 15. Jahrhundert,
dem Beginn der Renaissance, in dem in Europa das Ichbewusstsein sich
durchsetzte. Zu den Besonderheiten der Manära gehörten die Aktivitäten der
Eremiten und der Mönche. Ganz bewusst sonderten diese Menschen sich von der
Gemeinschaft der anderen ab. Ein mächtiges Bindemittel innerhalb der
Gemeinschaft ist die Sexualität. Vorbedingung für diese Absonderung ist deshalb
immer der bewusste Verzicht auf die Sexualität. Die Mönche nahmen innerhalb des
christlichen Mittelalters eine kulturelle Führungsrolle ein. Ich denke, es wird
schon deutlich: Innerhalb dieser Ära bildeten die Eremiten und die Mönche die
Avantgarde. Mehr oder weniger bewusst förderten sie eine Entwicklung, die hin
zur Renaissance, hin zur Entfaltung des Ichbewusstseins führte. Ohne sie hätte
diese Entwicklung vielleicht nicht stattgefunden.
Wenn wir die individuelle
Entwicklung eines Einzelnen betrachten, dann sehen wir, dass die Entwicklung hin
zum Manbewusstsein, hin zu einem humanistischen Bewusstsein, in vielen Fällen
gar nicht stattfindet – nämlich in all den Fällen, da der Heranwachsende im
Stadium des Wirbewusstseins stehen bleibt – eventuell lebenslang. Zentrale
Bedeutung für ihn hat immer die Unterscheidung zwischen Wir und den Anderen,
wobei die Anderen dann stets eine minderwertige Spezies darstellen. Daraus kann
Hass werden, und aus dem Hassenden kann ein Fanatiker werden.
Genauso muss im Leben des
Einzelnen die Weiterentwicklung vom Manbewusstsein zum Ichbewusstsein nicht
stattfinden. Vielleicht ist ein Eremitenstadium, eine innerliche und
äußerliche Loslösung von der Gruppe, die Vorbedingung für diese Entwicklung? Wie
unterscheiden sich dann im Erwachsenenstatus die beiden Charaktere, von dem der
eine ein Ichbewusstsein entwickelt hat, der andere im Manbewusstsein verharrt?
Hier wurden ja schon zwei
Renaissancemenschen genannt: Paracelsus und Otto von Guericke. Sie hatten ein
ausgeprägtes Ichbewusstsein, genau wie ein anderer bekannter
Renaissancemensch, nämlich Martin Luther, dessen Haltung auf dem Reichstag zu
Worms zum Ausdruck kam. Er widersprach den versammelten Würdenträgern des
Staates und der Kirche und rief aus, „hier stehe ich, ich kann nicht anders.“
Träger des Manbewusstseins waren die Gegner von Otto von Guericke, die seine
Experimente ablehnten, da sie Experimente im Prinzip ablehnten. Sie wurden von
der Tradition geleitet und von dem Wissen „Das tut man“ oder „Das tut man
nicht“. In unserer heutigen Gesellschaft sind die Träger des Manbewusstseins
diejenigen, die sich vom Zeitgeist leiten lassen, deren Sorge dahin geht, „dazu
zu gehören“, die unbedingt zum Mainstream gehören wollen und den Mainstream
niemals von sich aus in Frage stellen würden.
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