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Die Entdeckung der Zeit
In der Vorzeit, in der Altsteinzeit, war der
Bewusstseinsradius unendlich groß. Das heißt, die Verbindung von Wissen und
Wahrnehmung wurde nicht in Frage gestellt. Wenn keine Frage gestellt wird, kommt
auch keine Antwort, kein Wissen. Die Menschen damals waren allwissend, insofern
sie alles wussten, was sie wissen konnten – weil es über das Gewusste hinaus
nichts zu wissen gab. Damals war auch die Dimension der Zeit noch nicht
entdeckt. Die Zeit war zyklisch, kehrte in sich selbst zurück, wie es der Zyklus
der Tageszeiten, der Jahreszeiten, der Generationsfolgen lehrte. Es gab einen
technischen Fortschritt, aber der war so langsam, dass er innerhalb der
Generationsspanne eines Menschen, in dem Unterschied zwischen Urenkel- und
Urgroßelterngeneration nicht ablesbar war. Deshalb wurden beide Generationen
im Bewusstsein gleichgesetzt. Gleichgesetzt wurden so auch Vergangenheit und
Zukunft, es gab keinen Fortschritt, keine Neugier auf die Zukunft und keine
Frage nach der Vergangenheit.
Es war zugleich eine der ersten und
vielleicht größten ästhetischen Revolution
en, die es dem analytischen Geist erlaubte,
diese Legierung aus Wissen und Wahrnehmung
aufzusprengen. Eine Notwendigkeit, diese
Weltanschauung in Frage zu stellen, ist nicht erkennbar. Erst ein
Bewusstseinssprung, eine gezielte Infragestellung des Gewussten, eine Muße
, ein angstfreier Raum, der ein Heraustreten
aus dem Überlebenskampf erlaubte, waren die Voraussetzung dafür, die
Unterschiede zwischen einer unbekannten Urenkelgeneration und einer unbekannten
Urgroßelterngeneration ins Auge zu fassen, und daraus philosophische Folgerungen
zu ziehen. Hier stellt sich also der Bewusstseinsradius
auf den Zeitabstand von drei Generationen
ein.
Aus dieser Einstellung ergibt sich auch das
Selbstbild der Menschen damals. Der Blick entfernt sich von der eigenen Person
und erfasst sie stets nur im Zusammenhang
mit andern - mit dem eigenen Volk
,
dem eigenen Clan, der eigenen Familie
,
der eigenen Herkunft. Natürlich sieht der einzelne
sich auch als Einzelwesen. Doch sein Bewusstseinsradius ist noch zu groß, um
dieser Wahrnehmung eine Bedeutung beizumessen. Eine Bedeutung hat die eigene
Person nur als Clanmitglied. Es gibt noch kein Ichbewusstsein
sondern ein Wirbewusstsein
. Es ist die Ära des Wir
bewusstseins.
Allwissenheit ist ein paradiesischer Zustand.
Die Menschen lebten in einem Paradies – eine Parallele zur Genesis. Erst der
Diebstahl des Apfels vom Baum der Erkenntnis warf sie aus dem Paradies hinaus.
Die Erkenntnis, der Wissensfortschritt, der dies bewirkte, war die Entdeckung
der linearen Zeit, einer Zeit, die von einer unendlich weit entfernten
Vergangenheit bis in eine unendlich weit entfernte Zukunft reicht. Das war die
erste narzisstische Kränkung des Menschen; dadurch wurde er aus dem Paradies der
Allwissenheit hinaus geworfen. Denn in einer unendlich weit entfernten
Vergangenheit und in einer unendlich weit entfernten Zukunft können ganz andere
Verhältnisse herrschen als in der Gegenwart. Alles kann sich ändern, kann sich
geändert haben. Wie ändert es sich, und durch was ändert es sich? Lauter Fragen,
auf die es keine Antwort gibt. Plötzlich weiß der Mensch, dass er nichts weiß.
Das war der Auslöser für die Schaffung der Mythen. Poesie in Form der Mythen war
die einzige Möglichkeit, diese gähnende Wissenslücke auszufüllen. „Gott erschuf
Himmel und Erde!“ Das Sensationelle an den Schöpfungsmythen, die es in jeder
Kultur gibt, sind nicht die Ausgestaltungen dieses Schöpfungsvorgangs, sondern
die revolutionäre Vorstellung eines Anfangs, einer Zeit, in der Himmel und Erde
nicht existiert haben.
Der Begriff der linearen Zeit ist für den
heutigen Menschen so selbstverständlich geworden, dass er sich in die
Vorstellung einer zyklisch ablaufenden Zeit kaum noch hineindenken kann. Das hat
zur Folge, dass er die Mythen der Alten nicht mehr versteht, dass er den
Sensationsgehalt eines Schöpfungsmythos – „Gott erschuf Himmel und Erde“ – nicht
mehr empfindet. Das umgekehrte gilt für den erwähnten Nulldurchgang des
Bewusstseinsradius um die Wende des 19. zum 20. Jahrhunderts. Der war ein
sensationelles Gefühlserlebnis der Maler zur Zeit des Impressionismus. Plötzlich
sahen sie die Welt mit anderen Augen. Und obwohl ihre Bilder heute in jeder
Wohnküche hängen, haben die meisten der heute lebenden Menschen den
Bewusstseinswandel, der diesem neuen Sehen zugrunde liegt, noch nicht vollzogen.
Sehen lernen!
Farben sehen
Darin liegt für die meisten heutigen Menschen
noch eine Aufgabe oder eine Erlebnismöglichkeit. Um diesen Schritt
nachzuvollziehen, muss man selbst einen Lernschritt unternehmen in dem Prozess
der Auftrennung von Wissen und Wahrnehmung. Hier geht es um die Wahrnehmung der
Farbe.
Wir sehen einen Waldrand vor uns. Man kann
diese Übung mit dem Auge vollziehen oder mit Auge, Malblock, Farbe und Pinsel.
In welcher Farbe erschient mir eine bestimmte Blattgruppe? Der beleuchtete Teil,
der Schatten? Grün natürlich! Der Schatten dunkelgrün? Oder schwarz? Beobachten
Sie oder malen Sie! Wenn Sie die Übung wirklich so lange fortsetzen wollen, bis
Sie einen deutlichen Effekte erleben, dann müssen Sie sich auf Konzentration und
auf eine ganze Reihe von Stunden einstellen. Beschreiben Sie die Farbe oder
malen Sie, und dann vergleichen Sie die Farbe mit der, die Sie sehen. Sie werden
sich korrigieren müssen.
Das Loch in der Blattgruppe ist schwarz?
Ballen Sie einmal ihre Finger zu einer Faust zusammen und lassen sie in der
Mitte ein Loch frei. Schauen Sie hinein! Was Sie dort in Ihrer Faust sehen, das
ist schwarz. Und nun vergleichen Sie dieses Schwarz mit dem Loch in der
Blattgruppe. Ist das das gleiche Schwarz? Nein. Schwarz ist weder in dem
Blattgruppenloch noch sonst irgendwo in den Baumgruppen des Waldrandes zu
entdecken. Deren „Schwärzen“ sind viel heller. Was also ist es? Grau?
Dunkelgrün?
Weder noch. Es wird eine geraume Zeit dauern,
und außerdem werden Sie Selbstdisziplin und eine große Frustrationstoleranz
aufbringen müssen. Denn Sie werden eine narzisstische Kränkung erleben, da Ihnen
langsam bewusst wird, dass Sie einfach nicht in der Lage sind, diese Farbe
richtig zu diagnostizieren.
Umso sensationeller allerdings wird dann auch
das Erlebnis sein, wenn Ihre Wahrnehmung eines Tages tatsächlich umklappt, und
schlagartig die Welt in einem ganz neuen Glanz vor Ihre Augen tritt, und die
Schattenfarben in ihrer ganzen schillernden Pracht für Sie sichtbar werden.
Was ist dann passiert? Die Legierung von
Wissen und Wahrnehmung hat sich aufgelöst, der Bewusstseinsradius ist auf Null
geschrumpft. Falls der Waldrand hundert Meter vor ihnen liegt, dann betrug Ihr
Bewusstseinsradius hundert Meter. Denn in dieser Distanz wurde Ihre Wahrnehmung
noch durch Ihr Wissen überlagert: Sie wissen, dass die Blätter grün sind.
Sie wissen auch, dass die Schatten dunkel sind, also muss die
Farbe dunkelgrün sein.
Alle Maler, die vor den Impressionisten
lebten, haben das so gesehen und dargestellt. Also standen Sie mit dieser
Wahrnehmung nicht alleine. Die Wahrnehmung selbst – ohne das hinzugekommene
Wissen - ist aber eine andere. Denn Dunst und Staub in der Luft dämpfen und
verändern die Farbe, die Reflexion des Himmelslichtes legt sich darüber, sodass
die Farbe, die sich schließlich auf der Netzhaut in Ihrem Auge abbildet, mit
dunkelgrün überhaupt nichts mehr zu tun hat. Sie ist nicht dunkel, sondern hell,
sie ist blass und sie ist blau oder violett. Wenn Sie die jetzt so sehen können,
dann sehen Sie Ihre Umwelt genau so, wie sie auf Ihrer Netzhaut erscheint. Ihr
Bewusstseinsradius ist jetzt nicht mehr hundert Meter, sondern Null.
Das waren drei der erwähnten Punkte: Ein
Experiment mit sich selbst – Sie sehen, es ist nicht einfach. Das
Ergebnis, das sich dabei einstellt – ein Ergebnis, das den Charakter eines
Gesetzes hat. Denn sicherlich werden Sie zu keinem anderen Ergebnis kommen als
die impressionistischen Maler schon vor hundert Jahren. Und das Erlebnis,
das sich mit einer solchen Erfahrung verbindet – es liegt außerhalb des
Erwartungshorizontes, weil es nicht möglich ist, sich die Veränderung der
Wahrnehmung vorzustellen, wenn man sie nicht erlebt.
Diese drei Punkte sind prototypisch für alle
Experimente, die Sie mit sich machen können. Jedes mal, wenn Sie Ihr Verhalten
in irgendeiner Weise verändern, unternehmen Sie ein solches Experiment. Ob Sie
sich einer Sucht entziehen, ob Sie eine psychische Störung besiegen – diese
Dreierkonstellation findet sich jedes Mal wieder.
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters
Rubrik >September 2007 I
August I
Juli
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