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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Psychotherapie

 

 

 

 

 

 

Das Bewusstsein heute

 

Man sieht, wie faszinierend die Auseinandersetzung mit der Geschichte sein kann, wenn man dabei auch immer die eigene Entwicklung im Blick behält. Die allgemeine Bewusstseinsentwicklung seit der griechischen Antike setzt sich nahezu kontinuierlich fort bis in die Gegenwart. Eine ausführliche Beschreibung finden Sie in dem Buch „Dimensionen des Bewusstseins“ von Georg M. Peters. Ebenso bedeutsam wie die griechische Antike war die Umwälzung, die sich um das Jahr 1900 vollzogen hat. Hier wurde, wie schon gesagt, der Bewusst­seins­radius zu Null. Es entstand ein analytisches Bewusstsein. Wiederum wurde ein entscheidender Schritt in Richtung der ästhetischen Dimension voll­zo­gen. Zum Vergleich: In der griechischen Antike bestand dieser Schritt darin, dass die Logik – ein Teil des Subjekts – zum Objekt wurde. Im Jahr 1900 bestand dieser Schritt darin, dass das Ichbewusstsein - ein Teil des Subjekts - zum Objekt wurde. Das war die Objektivierung des Ichbewusstseins. Ohne diese Voraussetzung hätte zum Beispiel dieser Text nicht geschrieben werden können. Das objektivierte Ichbewusstsein nennt man auch das „Selbst“.

 
Unterscheiden Sie Ären, Epochen und Phasen!

Wenn man die allgemeine Geschichte unter dem Blickpunkt der Bewusst­seins­entwicklung betrachtet, dann gewinnt man einen Maßstab für die eigene Entwicklung. Insgesamt haben wir dabei vier verschiedene Ären erkannt:

Die Wirära, die etwa im 6. Jahrhundert v.Chr. abgelöst wurde durch

die Manära, die etwa im 15. Jahrhundert abgelöst wurde durch

die Ichära, die etwa um 1900 abgelöst wurde durch

die Ära des objektivierten Ichbewusstseins, die Ära des Selbst.  

Jede Ära lässt sich gliedern in drei Epochen: Eine heroische, eine egalitäre und eine schwächebewusste. Im Beispiel der Manära:

die heroische ist die griechisch-römische Epoche,

die egalitäre ist die islamische Epoche und

die schwächebewusste ist die christlich-mittelalterliche Epo­che.  

Aus der Ichära sei hier nur die heroische Epoche heraus gegriffen. Hans Sedlmayr in seinem berühmten Buch „Verlust der Mitte“ bezeichnet sie als die Epoche „des großen Menschen“ und datiert sie etwa vom 15. bis zum 17. Jahrhundert. Sie umfasst die Zeiten der Renaissance, der Reformation, des Barock und des Rokoko. Wir lesen daraus eine Vierer­teilung ab. Eine solche Viererteilung lässt sich in jeder Epoche nachweisen und entwicklungspsy­cholo­gisch begründen. Sie besteht aus einer rationalen Phase, einer Phase der Götterdämmerung, einer Blütephase und einer Spätphase. Im Beispiel dieser heroischen Epoche der Ichära:

die rationale Phase ist die Renaissance,

die Phase der Götterdämmerung ist die Reformation,

die Blütephase ist das Barock und

die Spätphase ist das Rokoko.

 

Geben Sie Ihrem Leben eine Struktur

Die Aufeinanderfolge dieser Phasen ist bedingt durch die seelische Entwicklung. Wir hatten gesehen, dass Entwicklungen zum Stillstand kommen können, dass Sie etwa auf der Stufe des Wir oder auf der Stufe des Man stehen bleiben können. Wenn Ihre Entwicklung nicht stehen bleibt, dann erleben Sie mit dem Wechsel von dem einem zum anderen Bewusstsein einen Einschnitt in Ihrer Biographie. Bei Goethe heißt das „Und solang Du das nicht hast, dieses: Stirb und werde! Bist Du nur ein trüber Gast, auf der dunklen Erde.“ Bei einem solchen Wechsel erfahren Sie die Welt neu unter dem Blickwinkel eines veränderten Bewusstseins, einer veränderten Ästhetik. Damit erleben Sie die Anfangsphase eines neuen Lebensabschnitts. Diese Anfangs­phase ist die „rationale Phase“ – in Wiederholung der geschichtlichen Entwick­lung. Beim typischen Verlauf ist das Ich dabei ganz nach außen gewandt und nimmt keine Rücksicht auf die eigenen Kräfte. Die Welt wird ganz neu erlebt und die eigenen Möglichkeiten in ihr erprobt. 

Beim Übergang vom Man zum Ich erlebt auch der Heranwachsende eine Epoche des „großen Menschen“. Das kann mit der Pubertät und mit dem Halbstarkentum zusammenfallen. Der Heranwachsende wendet sich nach außen, erprobt und verausgabt seine Kräfte, setzt seinen eigenen Willen durch. So wieder­holt sich die Phase der Renaissance, die rationale Phase. Die Selbstver­ges­sen­heit, die Extraversion dieser Phase führen zwangsläufig zu einer Verausgabung der Kräfte. Bei einem günstigen Verlauf folgt darauf eine Phase der Nachinnenwendung. So war es im geschichtlichen Verlauf, indem auf die Phase der Renaissance die Reformation folgte. Diese zweite Phase, die Phase der Götterdämmerung, ist eine Phase, in der der Blick sich nach innen wendet, in der nach Verausgabung der Kräfte und im Bewusstsein der eigenen Grenzen eine neue Einstellung zur Welt und zur eigenen Person gesucht wird. Für den Heranwachsenden ist das eine Zeit, in der er sich von seinem Kinderglauben trennt und eine neue religiöse oder weltanschauliche Orientierung annimmt. Eventuell wird er dadurch für sein ganzes weiteres Leben geprägt.

In der Geschichte wurde die Epoche des großen Menschen durch das Rokoko beendet. Eine Spätphase wie das Rokoko ist eine Phase der ironisierenden Selbstverfremdung. So ähnlich muss auch der Heranwachsende irgendwann einen ironischen Abstand von sich selbst, vom Selbstbild des „großen Menschen“ gewinnen. Er muss diese Epoche beenden und die Mitmenschen als Gleichberechtigte erleben. Ironischer Weise entwickelt ein Mensch seine größte Stärke immer in der schwächebewussten Epoche. Für die Manära war es das Mittelalter, für die Ichära war es das 19. Jahrhundert. In der schwächbewussten Epoche findet auch die Öffnung gegenüber einem neuen Bewusstsein statt. Schwächebe­wusst­sein ist die Voraussetzung für die Öffnung zu einem neuen Bewusstsein. Danach erobert man die Welt neu im Lichte eines veränderten Bewusstseins und beim typischen Verlauf erzeugt dieses Erlebnis wieder eine Epoche des „großen Menschen“, wieder eine Epoche des „heroisches Bewusstseins“.

Das Erwachsensein steht im Zeichen eines objektivierten Ichbewusstseins. Es gestattet eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst. Auch hier folgen wieder die Epochen des Heroismus, der Egalität und des Schwäche­gefühls auf einander. Sie stehen für drei Lebensabschnitte, eventuell bis zum Lebensende.

Auch die sogenannte Midlife-Crisis ist, wie die meisten Krisen, ein Neuanfang. Ein Lebensabschnitt geht zuende, in dem das Leben nur teilweise nach eigenem Rezept gestaltet worden ist. In ihm haben der Elternwunsch, die Familientradition, äußere Einflüsse eine bestimmende Rolle gespielt. Im günstigen Fall hat der Lebensabschnitt zur Entwicklung einer Selbstkenntnis, eines Selbstvertrauens geführt, zur Erkenntnis der eigenen Grenzen und Möglichkei­ten. Auf dieser Grundlage können dann Pläne, kann ein neues Bewusstsein reifen für die Gestaltung eines ganz neuen Lebensabschnitts mit selbstbe­stimm­­tem Inhalt.

Die geniale Wortprägung von Paracelsus war, wie gesagt, der Vulkanus! Wer sind heute die Vulkani? Brot und Eisen werden industriell gefertigt. Darin liegt für den Einzelnen kein Problem mehr. Aber auf dem Gebiet der Selbststeuerung?

Geben Sie Ihrem Leben eine Struktur!

Sich ein Gesetz geben: Das ist ein Experiment mit sich selbst. Und das Antriebsmoment ist wie beim Laborexperiment die Neugier auf das Ergebnis - die Neugier darauf, die eigene Person in neuer Gestalt zu erleben. Um die geniale Wortprägung des Paracelsus hier noch einmal aufzunehmen: Indem Sie sich ein Gesetz machen und dadurch Ihr Leben verändern, werden Sie zum Vulkanus unserer Zeit. Ein schönes Bild hat Immanuel Kant geschaffen mit dem Wort: „Der gestirnte Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir.“

Doch damit betreten wir den Bereich des Wollens.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters

 

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Dr. Georg M. Peters ist Buchautor zum Themenkreis

 

'endogene Depressionen', verlegt im www.verlag-spiel.de