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Vermittlungsprobleme
Gehören Sie zu den Erfolgreichen?
Das Problem der Selbststeuerung muss
bewusster wahrgenommen werden als bisher. Es gibt nur einen Weg, die Gesetze des
Innenlebens zu erkennen, nämlich die Innenschau, die Introspektion, die
Selbstbeobachtung, das Experiment mit sich selbst. Richtschnur dabei sind
Stratageme, also Strategien, Lebensregeln, die immer und überall gelten.
Diese Stratageme lassen sich beschreiben in einem System aus vier Koordinaten,
nämlich Gesetz und Freiheit, Ästhetik und Intention.
Doch bei der Vermittlung ergeben sich
Schwierigkeiten. Um die zu verdeutlichen, sei die Gesellschaft in drei Gruppen
unterteilt:
Die Erfolgreichen,
diejenigen, die in Schwierigkeiten
stecken,
und diejenigen, die mit Krankheiten zu tun
haben – entweder weil sie selbst krank sind oder weil sie Therapeuten sind.
Die Erfolgreichen sind für die Probleme einer
bewussten Selbststeuerung nicht ansprechbar. Denn sie tragen die Richtlinien,
die Werte, die Lebensregeln, das Selbstvertrauen, die ihnen zum Erfolg verholfen
haben, in sich – meistens unbewusst, von den Eltern übernommen, die sie
ihrerseits von ihren Eltern übernommen haben. So entstehen Familientraditionen,
Familiendynastien. Diese Menschen tragen einen Schatz, einen Schutz, ein
Machtmittel in sich, dessen sie sich nur teilweise bewusst sind. Wenn sie die
Tradition erfolgreich fortsetzen wollen, ist es tatsächlich besser für sie, die
Grundlagen ihres Erfolges, ihre Fähigkeit zur Selbststeuerung, nicht bewusst in
Frage zu stellen, über ihr Verhalten, über die Lebensregeln, die sie zum Erfolg
geführt haben, nicht nachzudenken.
Die Angehörigen der zweiten Gruppe, also
diejenigen, die in Schwierigkeiten sind, ecken tatsächlich überall an. Ihnen
fehlt die Sicherheit in Hinsicht Selbststeuerung. Das heißt, sie haben Probleme
im Äußeren mit ihrer beruflichen oder privaten Lebensgestaltung, aber auch im
Inneren mit der Aufrechterhaltung eines seelischen Gleichgewichtes, mit der
Stabilisierung des Selbstbewusstseins, mit dem Kampf gegen Resignation. Deshalb
sind sie nicht sehr aufnahmefähig für Informationen. Schon gar nicht haben sie
die Möglichkeit, sich für etwas Neues einzusetzen oder es zu verbreiten.
Die dritte Gruppe sind diejenigen, die mit
Krankheit zu tun haben – Kranke und Therapeuten. Sie lassen sich leiten von dem
Urteil, dass Sucht, dass seelische Störungen und Depression Krankheiten sind.
Bei dieser Einstufung als Krankheit hat sich im Laufe der Zeit ein gravierender
Wandel vollzogen. Heute gilt es als gerecht, objektiv und wissenschaftlich,
Verhaltensstörungen als Krankheiten zu klassifizieren, die früher eher
persönlicher Schuld zugeschrieben wurden.
Das Urteil „Krankheit“ ist genauso richtig
wie es falsch ist. In bezug auf die Sucht urteilt der Autor Günter Amendt: Der
einzelne Süchtige sei für sein Tun selbst verantwortlich. Das ergäbe sich aus
der Blickrichtung des Individuums. Von der Gesellschaft aus gesehen, könne der
Süchtige sehr wohl als Kranker betrachtet werden. Aber: Wer krank ist, braucht
Therapie – braucht also fremde Hilfe; das strebt weg von der Selbststeuerung!
Die Gefahr der Etikettierung als Krankheit besteht darin, dass die
Selbststeuerung überflüssig wird. Der Verzicht auf Selbststeuerung kann den
„Kranken“ in die Irre führen: „Ich bin nicht nur krank. Ich bin etwas ganz
besonderes! Ich bin schwer krank! Therapie ist ein Krieg! Jetzt führe ich
die Schwere meiner Erkrankung ins Feld gegen die Anmaßung des Therapeuten, mich
heilen zu wollen“. Dann kann der Therapeut nur noch unterliegen, wenn er sich
auf ein solches Unternehmen einlässt. „Die Schwere meiner Erkrankung“. Dazu hat
Theodore Dalrymple viel zu sagen. Siehe sein Buch „Romancing Opiates“.
Möchten Sie sich pharmakologisieren
lassen?
Dieser dritte Aspekt ist der wichtigste, weil
er im Wandel begriffen und weil er am ehesten zu beeinflussen ist. Doch wie man
sieht, geht dieser Wandel in die falsche Richtung, nämlich weg von der
Selbststeuerung. Selbststeuerung wäre notwendig! Doch die Einsicht in diese
Notwendigkeit schwindet immer mehr. „Wenn ich krank bin, dann brauche ich eine
Pille!“ Etwas einnehmen! „Ich habe für jedes Problem, das richtige Mittel zum
Einnehmen!“ „Kaufen Sie Aktimel! Ein Getränk, das Ihre Abwehrkräfte stärkt! Und
es schmeckt auch noch gut.“ Alles Unangenehme verschwindet, wenn ich nur das
richtige Mittel durch meinen Mund einführe. Vorkämpfer für eine schöne, neue
Welt, wie sie ihm vorschwebt, ist der amerikanische Erfinder Ray Kurzweil, der
täglich 250 Pillen einnimmt – jede zu einem speziellen Nutzen. Oralität! Das ist
Regression auf das orale Stadium – durch Werbung und ärztliche Praxis
unterstützt – deckungsgleich mit einem Trend in der Psychotherapie, die
tatsächlich in zunehmendem Maße Psychopharmaka einsetzt. Damit soll nichts gegen
Psychopharmaka gesagt werden. Die sind in vielen Fällen äußerst segensreich und
nützlich – und zwar in all den Fällen, in denen es ohne sie gar keine Hilfe
gäbe. Aber man kann Psychopharmaka auch in anderen Fällen einsetzen, und dort
verstärken sie den Sog: weg von der Selbststeuerung, hin zur Regression, hin
zur Rückentwicklung vom autonomen Erwachsenen zum kindischen Alten.
Pharmakologisierung – schönes Wort! Möchten Sie sich pharmakologisieren lassen?
Das Experiment kann auch gefährlich
sein.
Selbststeuerung bedeutet, mit sich selbst
experimentieren. Es gibt schon Autoren, die dazu raten. Wilhelm Schmid in
„Philosophie der Lebenskunst“ tut das. David Servan-Schreiber in „Die neue
Medizin der Emotionen“ sagt, man muss in sich selbst hinein schauen und zitiert
sämtliche Bücher seit der Antike, die ebenfalls sagen, dass man in sich selbst
hinein schauen muss. Nur die Autoren tun es nicht. Sie experimentieren nicht mit
sich selbst, sie schauen nicht in sich selbst. Denn sonst könnten sie darüber
etwas sagen.
Es ist keine freie Entscheidung, vor die ein
Mensch gestellt wird: Möchtest Du Dich pharmakologisieren lassen oder nicht;
möchtest Du ein autonom Handelnder sein oder nicht? Denn das autonome Handeln
erfordert Selbstkenntnis und einen Blick ins eigene Innere und ist mit Angst
besetzt. Es ist wie bei den Mitgliedern der oben genannten ersten Gruppe: Sie
haben Erfolg, das heißt, das komplizierte Geflecht aus inneren Gesetzen, Regeln,
Gewohnheiten, Richtlinien und Wertmaßstäben hat sich bewährt. Aber dieses
Geflecht ist uferlos und zu unübersichtlich, als dass sich eine
Inaugenscheinnahme empfehlen würde. Denn Inaugenscheinnahme bedeutet auch immer
Infragestellung. Und eine Veränderung, ein experimentierendes Eingreifen könnte
unabsehbare negative Folgen haben.
Das betrifft den Umgang des Einzelnen mit
seiner Innenwelt. Wir sehen wieder die Ähnlichkeit zur Situation des
mittelalterlichen Menschen bei seinem Umgang mit der Außenwelt. Es gab damals
schon eine hochentwickelte Technik. Eisen wurde gewonnen und verarbeitet; es gab
eine Holz- und eine Textilindustrie; Kirchen – statische Wunderwerke - wurden
gebaut. Aber alle Handwerke waren Zünften zugeordnet, die ihre handwerklichen
Fähigkeiten und Erfahrungen sorgfältig gegenüber Außenstehenden abschirmten und
sie als Berufsgeheimnisse hüteten. Für den Außenstehenden war es riskant, in
dieses funktionierende und komplizierte Geflecht experimentierend
einzugreifen. Eine mystische Scheu umgab diese Bezirke. Denn man wusste nicht,
wie das System auf Veränderungen reagieren würde. Es war unbekannt, dass die
Außenwelt, dass die Materie nach bestimmten Gesetzen reagiert. Die Naturgesetze
waren noch nicht entdeckt.
Ältere Versuche, etwas über die
Innenwelt auszusagen.
Wie groß ist Ihre Willenskraft?
Welche Gesetze gelten in der Innenwelt?
Schopenhauer sieht im „Willen“ die Quelle allen Elends, und die einzige
Möglichkeit, den Willen dauernd auszuschalten, sieht er in der „Askese“. Den
Willen dauernd auszuschalten, kann natürlich niemals unser Ziel sein, und Askese
als Selbstzweck sollte man auch nicht akzeptieren. Was hier bei Schopenhauer
durch die Extremposten eingegrenzt wird, das ist das unendlich große Feld der
Selbststeuerung. Die Abtötung des Willens bezeichnet Schopenhauer als ein
Phänomen der „Heiligkeit“. Zweifellos berühren wir mit der Betrachtung der
Selbststeuerung ein religiöses Gebiet.
In die gleiche Richtung zielte auch die Stoa
schon im 4. Jahrhundert v.Chr. Das Ziel war die „Apathie“, d.h. die völlige
Gleichgültigkeit gegenüber der Lust, verbunden aber mit dem Gedanken an die
Pflicht. Auch hier sehen wir wieder die Grenzposten für das Feld der
Selbststeuerung, ohne dass über das Feld selbst etwas ausgesagt wird. Die
Pflichten sind natürlich nur Aufzählungsposten in einem Katalog – so ähnlich wie
die zehn Gebote der christlichen Ethik. Auch im Buddhismus wird mit dem Streben
nach dem Nirwana nur wieder der Grenzposten des Nichtwollens aufgerichtet.
Selbststeuerung dagegen muss sich zwischen den beiden Polen des Wollens und des
Nichtwollens entfalten. Vielleicht erfahren wir über die Möglichkeiten und
Voraussetzungen der Selbststeuerung etwas mehr, wenn wir bei Augustinus und bei
Ignatius von Loyola nachschauen.
Augustinus übernimmt von Paulus die Begriffe
der „Erbsünde“ und der „Gnade Gottes“, die über Wohl und Wehe entscheiden. Das
sind jetzt erstmalig zentrale Begriffe aus dem Bereich der Selbststeuerung. Denn
sie bedeuten, wenn wir sie im Sinne des Augustinus verstehen, dass der Einzelne
in eigener Verantwortung und wohlbedacht handeln soll, dass es aber eine
Anmaßung wäre, wenn er selbst entscheiden wollte, ob sein Handeln richtig oder
falsch ist.
Eine neue Dimension des Handelns wurde durch
den Islam im 7. Jahrhundert eröffnet – umrissen durch die Begriffe Nichtwollen,
Fatalismus, Inschallah, durch die Überzeugung „Gott wird es richten“, durch den
Glauben an die Prädestination. „Alles ist vorausbestimmt“ oder „Alles ist von
Gott bestimmt.“ Der Glaube an einen freien menschlichen Willen galt (oder gilt)
im Islam als Gotteslästerung.
Damit ist wieder das Feld für die
Selbststeuerung eingegrenzt: Auf christlicher Seite das Wollen und die
Überzeugung, sich frei entscheiden zu können. Auf islamischer Seite das
Nichtwollen und die Überzeugung, dass alles voraus bestimmt sei. Willensfreiheit
auf der einen Seite und Prädestination auf der anderen bilden einen
existenzieller Gegensatz zwischen frühem Christentum und dem Islam.
Im Verlauf der abendländischen Geschichte gab
es einen ganz entscheidenden Fortschritt, der darin bestand, dass dieser
Gegensatz aufgehoben wurde. Das geschah im christlichen Mittelalter und drückte
sich aus in der Maxime der Benediktinermönche, die das Christentum in Europa
reformierten, und die lautete: „Ora et labora, bete und arbeite!“ (Im Buch
„Dimensionen des Bewusstseins“ von Georg M. Peters werden diese geschichtlichen
Zusammenhänge genauer dargestellt.) Ora steht für das Gottvertrauen, die Aufgabe
des freien Willens, das Nichtwollen, die Überantwortung an ein gottbestimmtes
Schicksal und die Prädestination. Labora steht für die eigene Entscheidung,
für die Willensfreiheit, für die Offenheit gegenüber der Zukunft. Das Ora steht
für die Mystik, die Kontemplation, das zweckfreie Schauen, das Labora für das
selbstvergessene Tun. In den Koordinaten der Ästhetik und der Intention sind das
zwei Extrempositionen: Kontemplation ist Abstandnahme in Richtung der
ästhetischen Dimension verbunden mit einer Rücknahme der Intention. Die
gegensätzliche Position: Selbstvergessenes Tun ist Verminderung der ästhetischen
Distanz, verbunden mit einer Verstärkung der Intention.
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters
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