|
In der Rubrik vom September wurde
versprochen, das heutige Schulproblem grundsätzlich zu erörtern. Wo gibt es im
Bereich der Bildung und des Unterrichts ein Problem mit der Logik? Wo wird eine
Entscheidung, die getroffen werden müsste, nicht getroffen? Wo wird hier nach
dem Dritten gesucht, das es bekanntlich nicht gibt?
Wie oben schon gesagt: Die Aufdeckung dieser
Fehleinstellung bedeutet, dass man die Pädagogikprobleme ohne großen Aufwand aus
der Welt schaffen kann.
Das Schulproblem geht jeden an
Wenn mit einer so wichtigen Institution wie
der Schule etwas im Argen liegt, dann kann das niemandem gleichgültig sein –
weder Schülern, noch Eltern, noch Lehrern noch Bürgern überhaupt. Bevor man
etwas ändert, ist eine Diskussion erforderlich, die sich mit den grundsätzlichen
Problemen befasst. Und die darf nicht nur auf die Wissenschaft von Lern- und
Unterrichtstechnik beschränkt bleiben.
Hier ein Beispiel für eine Änderung der
Wirklichkeit: Ich nehme Bezug auf einen Unterrichtsversuch, der schon vor
längerer Zeit an einer Technischen Universität, am Lehrstuhl für Technische
Mechanik, stattfand, und der später vom deutschen Institut für Fernstudien
(DIFF) in Tübingen und der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert
wurde.
Das Experiment bestand darin, dass in dem
Grundlagenfach Technische Mechanik für die ersten Semester Gruppenunterricht mit
individuellem Lerntempo eingeführt wurde. Dazu musste schriftliches Material im
Umfang von etwa 1200 Seiten hergestellt werden, das etwa zur Hälfte aus
belehrenden Texten und zur Hälfte aus Fragebögen bestand. Auf der Basis der
belehrenden Texte lernten die Studenten in spielerischer Form nach der Methode
des Selbstentdeckungslernens, also nach der genetischen Methode. Der Text war
ausschließlich in Form von Fragen und Antworten, in der Art von platonischen
Dialogen, abgefasst. Die andere Hälfte des Materials, die Testfragebögen,
bestand ausschließlich aus Fragen mit Mehrfachwahlantworten.
Kleingruppenunterricht
Die Studenten lernten in kleinen Gruppen auf
der Basis des schriftlichen Materials in ihrem individuellen Lerntempo. Die
erste wichtige Erfahrung dabei war, dass der Lehrstoff in einer Ausführlichkeit
dargestellt werden musste, die zu Anfang undenkbar erschien. Nur durch diese
Ausführlichkeit konnte die Grundvoraussetzung erfüllt werden, dass das Material
leichtverständlich und motivierend ist. Das war es dann auch wirklich, und man
hörte Äußerungen wie die, dass die Studenten die Texte mit ins Bett nahmen und
als Kopfkissenlektüre benutzten.
Parallel dazu liefen ständig
computergestützte Lernkontrollen ab und ein computergestützter, unverbindlicher
Leistungsvergleich. Die Studenten erhielten in jeder Unterrichtsveranstaltung
Ergebnislisten, aus denen sie entnehmen konnten, welche Aufgaben sie richtig,
und welche sie falsch beantwortet hatten. Im Falle von falschen Antworten wurde
allerdings kein Hinweis auf die richtige Lösung gegeben. Überraschenderweise
entstand bei allen, auch bei den leistungsschwächsten, ein absoluter Ehrgeiz,
diese Übungsaufgaben so lange immer wieder neu zu bearbeiten, bis auf Grund der
Ergebnislisten auch der letzte Fehler ausgemerzt war. Nebenbei gestattete der
Computer einen unverbindlichen Leistungsvergleich, indem er eine Rangliste
ausgab, die es den Studenten erlaubte, die eigene Leistung mit denen der anderen
zu vergleichen.
Was folgt daraus? Es wurde deutlich, dass man
dieses Werkzeug, diese Art des Lernens und der Leistungskontrolle, in jeder
beliebigen Unterrichtssituation einsetzen kann.
Lernkontrolle: Automatisch, objektiv, von
außen gesteuert! Lernkontrolle, auf die der Lehrende keinen Einfluss hat! Auf
diese Weise gibt der Lehrer die Aufgabe der Leistungskontrolle und
Disziplinierung ab an eine äußere Prüfungsstelle und kommt aus der Zwickmühle
einander widerstrebender Ziele heraus. Er kann sich ganz auf die Helferrolle
beschränken.
Hier wird deutlich, worin die Suche nach dem
Dritten, das es nicht gibt, besteht: Es ist die ständige Praxis, dem Lehrenden
eine Aufgabe zuzuweisen, die nicht lösbar ist.
Computerunterstützte Tests unter Verwendung
von Fragebögen mit Mehrfachwahlantworten ermöglichen sowohl verbindliche als
auch unverbindliche Lernkontrollen.
Verbindliche Lernkontrollen haben ihren Platz
beim Übergang von einem Schultyp zum andern, bei Schulabschlüssen wie
Hauptschul-, Realschulabschluss, Abitur, Übergang zur Hochschule, Diplom-,
Vordiplom-, Bachelore-, Master- oder sonstigen Abschlüssen.
Gewinnen Sie eine
spielerische Einstellung!
Unverbindliche Lernkontrollen! Sie bilden im
Unterricht ein spielerisches Element.
Wer den Wettbewerb ausschließt, führt die
Langeweile ein. Gerade für Kinder, die bei harmlosen Spielen nicht verlieren
können, liefert der Wettbewerb gute Erfahrungen. Sie lernen dann, dass sie nicht
immer und überall die ersten und besten sein können, wie sie es vielleicht zu
Hause bestätigt bekommen, und entwickeln eine Frustrationstoleranz.
Schränken Sie die
Macht der Ellenbogen ein!
Verbindliche Prüfungen! Sie sind
Richtungsentscheidungen.
Ich will hier nicht von Elite sprechen. Wer
sich selbst zur Elite rechnet, von dem würde ich vermuten, dass er an einer
Neurose leidet. Aber: Niemandem ist damit gedient, dass ein Hochbegabter auf
einem untergeordneten Arbeitsplatz und ein Minderbegabter auf einem
übergeordneten Arbeitsplatz sitzt.
Es ist eine falsche Einstellung, in diesem
Zusammenhang von Gewinnern und Verlierern zu sprechen. Die Bildung, das
Berufsleben ist kein Nullsummenspiel, wo einer nur gewinnen kann auf Kosten
eines anderen.
Zu dieser falschen Denkweise gehört der
Glaube, dass Gewinner nur der sein kann, der seine Ellenbogen gebraucht. Man
soll nicht durch Ellenbogenkraft eine fehlende Eignung ausgleichen können! Und
damit man das nicht kann, ist es so wichtig, dass Prüfungen objektiv und streng
verlaufen.
Prüfungen müssen
objektiv und streng sein
Sie bilden ein autoritäres Element, und das
fehlt zur Zeit in unserer Gesellschaft.
Vermutlich ist das eine Folge der
nationalsozialistischen Vergangenheit mit ihren autoritären Ausschweifungen.
Doch eine Übertreibung in die Gegenrichtung stellt wie so oft keine
Verbesserung dar, sondern ist genau so negativ zu bewerten.
Dass man keine Autorität mehr brauche, wird
heute durch das Fernsehen verkündet - im Zusammenhang mit Jugendkult und einer
Verführung zum Augenblicksgenuss. Hier im Einflussbereich des Fernsehens ist
vielleicht eine Nebengesellschaft im Entstehen, in der es tatsächlich nur
Gewinner und Verlierer gibt. In dieser Nebengesellschaft entscheiden tatsächlich
Frechheit und Ellenbogen über Erfolg oder Misserfolg. Doch auch wenn das eine
Jugend- und Massenbewegung werden sollte, heißt das noch nicht, dass eine solche
Entwicklung richtig und wünschenswert ist.
Von außen kontrollierte Tests im
Schulunterricht! Herausnahme der Lernkontrollen aus dem Einflussbereich der
Lehrenden! Festlegung strenger Leistungs- und Beurteilungsmaßstäbe! Wenn deren
Festlegung durchsichtig und nachvollziehbar ist, dann werden sie auch anerkannt
werden.
Führen Sie sportliche Bedingungen ein!
Man kann das im Sport beobachten. Ein
Sportler trainiert den Hochsprung: Bleibt die Latte liegen oder fällt sie
herunter? Ein absolut objektives und strenges Erfolgsmerkmal! Kein Sportler
würde nach einem Fehlversuch Hassgefühle gegen den Trainer entwickeln - oder
Wehleidigkeit: Etwa von seinem Trainer verlangen, den Versuch doch bitte als
gelungen anzuerkennen, weil er sich so viel Mühe gegeben habe.
Die Verlagerung der Leistungsmessung nach
außen macht es völlig selbstverständlich und für den Sportler hinnehmbar,
dass einerseits seine Leistung überhaupt
gemessen,
mit anderen verglichen wird,
dass er nicht in jeder Sportart an der Spitze
liegen, und
dass trotz alledem diese Betätigung Spaß
bringen kann.
Alles das gilt auch für Schule und
Unterricht. Und der Vergleich mit dem Sport zeigt weiter: Die Teilnahme muss
freiwillig sein; der Leistungsvergleich muss unabhängig sein! Wenn beide
Bedingungen erfüllt sind, entfällt das Disziplinierungsproblem. Der Lehrer
kann sich wie der Sporttrainer auf seine Helferrolle beschränken. Und er hilft
nur denen, die diese Hilfe annehmen wollen. Schüler, die den Unterricht stören,
werden ausgeschlossen und müssen sich ihr Wissen anderswo besorgen.
Die Schulpflicht!
Dies
ist die Folgerung aus dem Entweder-oder:
eine
Abschaffung der Schulpflicht.
Sabine Etzold schrieb in der „Zeit“: „Heute
wächst endlich die Einsicht, dass der Zwangscharakter der Schulpflicht die
Bildungsfreiheiten unnötig einengt... Ein Blick in einige unserer Nachbarländer
zeigt, dass auch ohne Schulpflicht keineswegs sofort das Bildungschaos
ausbricht.“
Die nach außen verlagerten Lernkontrollen
sind voraussetzungslos. Das heißt, die Teilnahme an den Prüfungen ist an
keine Vorbedingungen geknüpft. Der Schulbesuch könnte weiterhin kostenlos
sein. Aber ein Schüler, der sich nicht in die Gemeinschaft der anderen einfügt,
muss sich seine Kenntnisse anderswo besorgen. Da stehen ihm alle Möglichkeiten
offen: Vom Selbstlernen über das Internet bis zur Volkshochschule, der
Privatschule und dem Privatkursus.
Soll die Schulpflicht
abgeschafft werden?
Gegen dieses Modell wird es Widerstände
geben.
Es gibt auch heute - trotz Schulpflicht – ein
Abrutschen in die Verwahrlosung: Schuleschwänzen, Lernverweigerung,
undiszipliniertes, aggressives Verhalten in der Schule gegenüber den
Mitschülern und den Unterrichtenden.
Nun wird man sagen, dass bei einer
Abschaffung der Schulpflicht diese negative, diese Verweigerungshaltung noch
anwachsen wird. Ich glaube das nicht. Und zwar deshalb, weil der Zwang, weil die
Schulpflicht, die Verweigerung erst interessant macht. Denn: Kraft gleich
Gegenkraft. Druck erzeugt Gegendruck. Sich nicht wie all die andern Schafe auf
die Weide führen lassen!
Anders sein wollen als die andern! Das ist
ein starkes - neurotisches - Motiv. Der Charme der Rebellion! Mit der
Abschaffung der Schulpflicht würde er verschwinden. Man kann die Menschen nicht
durch Zwang vor der Verwahrlosung schützen - Schulpflicht hin oder her. Aber
wenn der Reiz des Aufsässigen, des Protestes, der Rebellion verschwunden ist,
dann kann man die Lernverweigerung als das bezeichnen, was sie ist: Ein
krankhaftes Verhalten, als einen Schritt in Richtung Verwahrlosung, als
Asozialität, und man kann den Betroffenen therapeutische Hilfe anbieten.
Wenn die Schulpflicht aufgehoben würde, dann
bedeutet das also nicht unbedingt, dass sich das Maß an Verwahrlosung noch
weiter erhöht. Für dieses Thema gelten wie so oft die Regeln des beabsichtigten
Gegenteils, der paradoxen Intention. Die Schulpflicht erzeugt das Gegenteil von
dem, was sie bewirken soll. Sich dem Zwang zu widersetzen, wird als Rebellion
erlebt und erzeugt eine Illusion der Freiheit.
Das sind jetzt zwei Gesichtspunkte, die als
Ziel einer langfristigen Betrachtung in Frage kommen: Die Abschaffung der
Schulpflicht und die Nach-außen-Verlagerung von Prüfungen - also
Leistungsvergleichen, Bewertungen, Richtungsentscheidungen. Wenn der Lernende
mit der zusätzlichen Freiheit ein Problem hat, dann ist das ein Problem der
Lebensführung. Und Lebensführung ist ja hier das Thema. Aber Leistungsvergleich
und die Einführung strenger Prüfungsmaßstäbe, das sind autoritäre Elemente. Und
Autorität ist, wie gesagt, nicht nur in der Schule ein zentrales Problem.
(Diese Rubriken sind
geschrieben in Anlehnung an das Buch „Eine Seereise zum Ich“ von Georg M.
Peters, Verlag SPIEL.)
Verantwortlich (c) für Text und
Inhalt: Dr. Georg M. Peters
Rubrik 2011
>November
I
Oktober
I
September
I
August
I
Juli
I
Juni
I
Mai I April I
März
I
Februar I
Januar
Rubriken 2010:
Dezember
I
November
I
Oktober
I September
I
August
Juli
I
Juni
I
Mai
I
April I
März I
Februar I
Januar
Rubriken 2008:
Dezember
I
November I
Oktober I
September
August I
Juli I
Juni I
Mai I
April I
März I
Februar
I
Januar
Rubriken 2007:
Dezember I
November I
Oktober I
September
August I
Juli
Ihre Meinung zu diesem Text ist
gefragt:
redaktion@deutscher-buchmarkt.de
|