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ANTIQUARIATE

 

 

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Psychotherapie

 

 

 

 

 

 

Generationenfrage

 

Im „Zeit-Magazin“ vom 17.9.2009 äußern sich zwei Autoren zu ihrer Generation – der Generation der um 1964 geborenen und der in den 80er Jahren geborenen. Seit der sogenannten „68er-Generation“ jagt eine Generation die andere. Solche Betrachtungen sind modern. Stefan Willeke schreibt: Sie, die Angehörigen der um 1964 geborenen Generation, fühlten sich als „Rudel“, Individualität sei ihnen verpönt. Aber stolz sein auf die eigene Generation, ist anscheinend nicht verpönt. Blindheit ist anscheinend auch nicht verpönt.

Als Drais sich aus zwei Holzrädern, einem Gestell und einem Sattel sein erstes Zweirad baute, und damit Fahrversuche machte, wurde er von allen verspottet. Wenn man heute durch eine Straße geht, dann ist der Anblick eines Radfahrers etwas vollkommen selbstverständliches. Vor Drais gab es endlos lange Zeiträume, in denen es zwar zwei- und vierrädrige Wagen gab, aber kein Fahrrad. Indessen erscheint der Gedanke an ein zweirädriges Fahrzeug, auf das ein einzelner sich setzen kann, vollkommen naheliegend. Dass in der Ebene das Rollen bequemer ist als das Gehen, leuchtet doch sofort ein. Haben deshalb alle Zeitgenossen von Drais spontan gesagt, „was waren wir für Esel, dass wir auf diese Idee nicht früher gekommen sind?“ Nein! „Bisher ging es ja auch ohne.“ „Wir sind immer ohne solchen Unsinn ausgekommen.“ „Hier will sich doch nur einer wichtig machen. Den muss mal einer zur Ordnung rufen!“ Also lautet meine dumme Frage: Was hat wohl Drais mit seiner „Generation“ zu tun, was hat er ihr zu verdanken? Was hat sie zu seiner Erkenntnis beigetragen? Und wollte er sich nur wichtig machen?

Wichtig machen wollen sich viele. Aber es fällt ihnen nichts ein. Es gelingt ihnen leider nicht, sich wichtig zu machen. Drais aber hatte eine Erkenntnis, nämlich die, dass die Fortbewegung mit einfachen Mitteln zu erleichtern war. Damit hat er einen Lichtschein aus der Zukunft erhascht. Er konnte nicht begreifen, warum die anderen den nicht auch sahen, warum die anderen alle blind waren. Die „Generation“, ganz allgemein gesagt, ist das Rudel der Blinden.

Der Schneider Berblinger hat in Ulm Flugversuche mit einem System von anschnallbaren, untereinander verdrahteten und versteiften Flügeln unternommen. Er ist damit von Hügeln herab geschwebt und hat erkannt, dass sein Gerät im Prinzip flugtauglich war. Am Anfang des 19. Jahrhunderts hat er das gleiche getan, was Lilienthal am Ende des Jahrhunderts geleistet hat. Dennoch wird nur dieser als Flugpionier gefeiert. Berblinger war so überzeugt von seinem Gerät, dass er, als der Kurfürst nach Ulm kam, es vorführen wollte, und zwar mit einem Sprung vom Turm des Ulmer Münsters. Den hätte er nicht überlebt. Allein schon dieser Ehrgeiz, sein Werk dem Fürsten zu präsentieren, erscheint den heutigen „Generationsangehörigen“ lächerlich. Um so lächerlicher dann sein Sturz in die Donau! In der Folgezeit wurde er von den Ulmern verspottet. Bedauerlicher Weise hat Berblinger diese Verurteilung verinnerlicht und ist depressiv geworden. Die Nachwelt hat sich dieses Urteil blind zu eigen gemacht. Nach einem Todessturz vom Turm wäre das Urteil vielleicht anders ausgefallen. Das Buhlen um die Gunst des Fürsten gilt heute natürlich nicht als „politisch korrekt“. Dabei hatte diese Gunst damals genau die gleiche Bedeutung wie heute die Frage, ob man ins Fernsehen gelangt oder nicht.

Der Erfinder des Porzellans, Böttger in Sachsen, hat jahrelang in den Kellerräumen, die der König ihm eingeräumt hat, nach dem Geheimnis der Goldherstellung und später der Porzellanherstellung gesucht. Die Räume waren dunkel und voller giftiger Abgase, und arbeiten tat er Tag und Nacht. Die heutigen „Generationsangehörigen“ fragen da natürlich, warum hat er nicht nach der Gewerkschaft gerufen? Warum ist er nicht in den Streik getreten? Warum hat er nicht protestiert und für bessere Arbeitsbedingungen demonstriert? Das ist doch so naheliegend. Man kann sich doch von so einem Ausbeuter nicht alles gefallen lassen. Der König dachte, er müsste seinem Alchimisten etwas „Dampf unter dem Hintern“ machen und ließ deshalb in Sichtweise von Böttger einen Galgen aufstellen, an dem er hängen sollte, wenn er nicht bis zu einem bestimmten Termin Erfolg haben würde. Welch ein bedauernswertes Schicksal glauben die heutigen „Generationsangehörigen“. In Wirklichkeit war Böttger glücklich. Er ahnte, dass er dem Erfolg nahe war, dass er etwas Bedeutendes schaffen würde, und dass ihm dabei die Aufmerksamkeit des Höchsten, des Königs, sicher war. Die Existenz des Galgens war natürlich erschreckend, aber sie war nichts anderes als der Daumen von Dieter Bohlen bei einer Castíng-Show heute. Wenn der nach unten geht, dann bedeutet er das Aus. Was haben nun wieder Böttger und Berblinger ihrer „Generation“ zu verdanken? Nichts.

Als Albert Einstein erkannte, dass das physikalische Weltbild des 19. Jahrhunderts unauflösbare Widersprüche enthalte, und dass man diese Widersprüche auflösen könne, wenn man für Raum und Zeit eine neue Vorstellung entwickelt, da blieb er Jahrzehnte lang weitgehend unverstanden. Wo bleibt denn da der Beitrag seiner „Generation“. Was für Einstein von Bedeutung war, das war das vorgegebene Weltbild, und das hatte Isaak Newton geschaffen. Aber der gehörte einer ganz anderen Generation an.

Der Papst Silvester II. residierte um das Jahr 1000. Er sah nicht ein, warum es nur eine einzige Möglichkeit geben sollte, um zu einer Erkenntnis zu gelangen. Diese Möglichkeit bestand darin, dass man zu den Arabern ging, sich deren Bücher, die sie von den antiken Griechen übernommen und ins Arabische übersetzt hatten, aneignete und ins Lateinische übersetzte, um so zu erkennen, was Aristoteles zu dem Problem gesagt hatte. Dieser Papst entdeckte einen viel einfacheren Weg, indem er selbst etwas beobachtete und ausprobierte. Das heißt, er machte Experimente mit Hilfe von Instrumenten, die er sich hergestellt hatte. Die Zeitgenossen bezeichneten solches Tun als unglaublich anmaßend, denn schließlich waren alle möglichen Erkenntnisse bereits in den Büchern von Aristoteles, dem „Philosophen“, oder in der Bibel ausgiebig beschrieben. Natürlich war der Weg zu diesen Quellen lang und mühsam, aber die „Wissenschaft“ verlangte das eben. Diesen Weg einfach abzukürzen und selbst etwas auszuprobieren, das war eitel und gotteslästerlich. „Gotteslästerlich“- das hatte zur Folge, dass Silvester II. als ein Papst in die Geschichte einging, der mit dem Teufel im Bunde stand. Es hat noch über 500 beziehungsweise 600 Jahre gedauert, bis Persönlichkeiten wie Paracelsus, Otto von Guericke und wenige andere gegen den Widerstand ihrer Umwelt das Experiment einführten, so dass es zulässig wurde, einfach auszuprobieren, was richtig und was falsch war. Damit haben sie die „Neuzeit“ begründet. Sah man Zeitgenossen, die sich an den Kopf fassten und sich fragten, „warum sind wir nicht früher darauf gekommen? Es ist doch wirklich einfach und so nahe liegend?“ Mitnichten! Die eigene Generation war immer das Rudel derjenigen, die blind waren und nicht begriffen, was vor ging.

Diese Reihe lässt sich in die Vergangenheit beliebig fortsetzen. Prometheus hat angeblich das Feuer auf die Erde geholt. Dafür wurde er zur Strafe an einen Fels geschmiedet. Das wird den wirklichen Vorgang wohl ganz gut beschreiben. „Wozu brauchen wir dieses gefährliche Zeug?“ „Ist es Gottes Wille, dass wir uns daran die Finger verbrennen?“ „Bisher, seit ‚Menschengedenken’, ging es doch ganz ohne dieses Teufelszeug!“ Vermutlich war es ein Einzelner, der den Gebrauch des Feuers eingeführt hat. Danach wurde es zur Selbstverständlichkeit. Die Selbstverständlichkeit macht uns heutige blind für alle diese Entdeckungen. Kann man sich ein Leben ohne Stühle vorstellen? Ohne Türen? Ohne Schränke? Alles ist irgendwann kreiert und dann zur Selbstverständlichkeit geworden. Man muss sich vorstellen, dass das jedes Mal die Tat eines Einzelnen war, und dass die betreffende „Generation“ dagegen Widerstand geleistet hat.

Aber heute ist das natürlich anders! Alles wesentliche ist ja entdeckt und für jede kleine Verbesserung, die doch noch hier da nötig sein sollte, ist die Generation der Jungen aufgeschlossen. Außerdem gibt es ja Ministerien, die jeden kreativen Keim sofort entdecken und zum Blühen bringen. Bei den heutigen „Generationen“ stehen folglich alle „Rudel-Mitglieder“ auf dem gleichen Stand des Fortschritts und der Aufgeklärtheit, ganz besonders diejenigen, denen es gelingt, eine neue „Generation“ zu entdecken und zu definieren.

Pustekuchen! Der gleichen Illusion hing bisher jede Generation, ob im Mittelalter oder in der Steinzeit, an.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters

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Dr. Georg M. Peters ist Buchautor zum Themenkreis

 

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