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Die Vergangenheit zum Glänzen
bringen
Scheibenwischermeditation
Überprüfen Sie Ihre Einstellung zur Vergangenheit!
Wenn wir alles so hinnehmen
wollen, wie es ist, dann brauchen wir eine positive Einstellung zur
Vergangenheit!
Stellen Sie sich vor, Sie
müssten jetzt sterben. Sie haben noch eine Nacht zu leben. Sie denken an Ihren
letzten Spaziergang gestern, und dieser banale, triviale Vorgang des
Spazierengehens beginnt in magischem Licht zu leuchten.
Einmal noch die Bahnhofstraße
entlang gehen können, über die Dächer schauen, die Wolkenbilder verfolgen, den
Menschen zusehen! Das gibt es jetzt nicht mehr. Jetzt - aber zu spät - merken
Sie: Dieser magische Blickwinkel ist der wirkliche, der angemessene.
Warum soll diese Einsicht auf
Ihren letzten Tag begrenzt sein? Wie Sie sehen, bewegen wir uns wieder auf einer
anderen Bewusstseinsebene, auf der Einstellungsebene. Wir stellen unsere
Einstellung gegenüber der Alltagsumgebung in Frage. Unsere Alltagserfahrung
erscheint in einem anderen Licht. Folgende Meditation soll diese Veränderung
vertiefen:
Sie brauchen
ein magisches Bild!
Suchen Sie bitte in der eigenen
Vergangenheit nach einer Lieblingsvorstellung: etwa einem seit der Kindheit
gehegten Tagtraum, einem Traumberuf, einem Wunschbild. Wollten Sie als Kind
Lokomotivführer werden? Stellen Sie sich vor, Sie seien jetzt ein
Lokomotivführer, der mit seiner Dampflok durch eine Frühlingslandschaft fährt,
sich dabei aus dem Fenster lehnt und den Fahrtwind, die Milde und den Duft der
ersten Blüten, genießt. Machen Sie diese Vorstellung - oder einen anderen
Kindheitstraum - zu Ihrem magischen Bild! Erheben Sie es zum Maßstab für Ihre
Erinnerungsbilder!
Das soll heißen, Sie
vergleichen Ihre Erinnerung an den Spaziergang mit diesem magischen Bild und
prüfen, ob beide Bilder auf Sie den gleichen Zauber ausüben. Und das gilt in
gleicher Weise für irgendeine andere heute oder gestern ausgeübte Tätigkeit.
Der Zauber vom magischen Bild
beruht darauf, dass Sie die persönliche Situation des Lokomotivführers nicht
kennen. Sie wissen nicht, ob er sich krank fühlt, ob er sich Sorgen macht, ob er
mit seiner Tätigkeit als Bahnbeamter unzufrieden ist. Sie wollen es nicht
wissen. Dieses Wissen könnte den Zauber des Bildes zerstören.
Vergleichen
Sie Ihre Erinnerungen mit dem magischen Bild!
Erinnern Sie sich an Ihren
Spaziergang gestern! Weiter nichts als ein Spaziergang! Aber: Zauber des Sehens,
der Wahrnehmung, des Gehens, der Erinnerung! Nur: Sie nehmen diesen Zauber nicht
wahr. Denn Sie haben ein schlechtes Gewissen. Statt spazieren zu gehen, hätten
Sie arbeiten sollen?! Vielleicht war etwas viel Wichtigeres zu erledigen.
Die Scheibenwischermeditation
machen, heißt: Sie schließen diese Bedenken aus. Sie löschen das schlechte
Gewissen. Bekennen Sie sich nachträglich zu Ihrem Tun, zu dem Spaziergang!
Ringen Sie sich zu dem Vorsatz durch, "ich wollte es so!" Auf diese Weise
übersetzen Sie das Erinnerungsbild von der Möglichkeitsform in die
Wirklichkeitsform. Während des Spaziergangs hatten Sie ein schlechtes Gewissen,
aber jetzt gilt: Sie wollten den Spaziergang machen, obwohl Sie
eigentlich hätten arbeiten sollen.
Wieder müssen
Sie einen inneren Widerstand überwinden
Dies ist eine
Vorstellungsübung, eine Meditation, mit dem Ziel der Einstellungsänderung.
Innere Widerstände stehen der Meditation entgegen: Das schlechte Gewissen war
Ihnen vielleicht nicht bewusst. Selbstzweifel und Ängste können unbewusst sein.
Erst am inneren Widerstand gegen diese Übung werden sie erkennbar. Wenn die
Übung erfolgreich ist, dann wischt sie die Erinnerung an Ihre Verpflichtungen
weg. Wesentlich ist nur noch das, was Sie wirklich getan haben. Und das
Erinnerungsbild beginnt zu strahlen. Als Kontrolle dient dabei immer der
Vergleich mit dem magischen Bild.
Die Meditation hat ihr Ziel
erreicht, wenn das Erinnerungsbild im gleichen Zauberglanz erstrahlt wie das
magische Bild. Der Glanz kann heiter sein, er kann sich aber auch mit dem Gefühl
der Trauer verbinden, wenn die betrachtete Situation mit Schuld,
Fehlverhalten oder Verlust verbunden ist. Da diese Meditation aber in Richtung
auf den Zustand des Nichtwollens zielt, handelt es sich um intentionslose
Trauer, die frei ist vom Bemühen, den Verlust auszugleichen.
Unterscheiden Sie auch hier
wieder deutlich die Einstellungsebene von der Handlungsebene! Die Erinnerung an
den gestrigen Spaziergang gehört in die Einstellungsebene. Ein Spaziergang, den
Sie heute oder morgen machen werden, gehört der Handlungsebene an. Und denken
Sie daran: Ein schlechtes Gewissen ist kein guter Lehrmeister.
Wollen
Beim Nichtwollen richtete sich
die Aufmerksamkeit in die Vergangenheit, beim Wollen richtet sich die
Aufmerksamkeit in die Zukunft. Wollen heißt, eine Veränderung anstreben. Wenn
man über das Tätigsein, das Aktivsein, nachdenkt, kommt einem leider der Begriff
„arbeitslos“ in die Quere. „Was soll ich tun, wenn ich arbeitslos bin?“ Ich kann
hier nur sagen, was man nicht tun soll: Morgens nach dem Aufwachen im Bett
liegen bleiben, fernsehen, zu einem Suchtmittel greifen, süchtig oder depressiv
werden. Zum Thema „arbeitslos“: Es hat auch offensichtliche Vorteile, wenn man
seine Zeit selbst gestalten kann, im Vergleich zu einer vielleicht
fremdbestimmten, täglich wiederkehrenden Routine. Selbststeuerung! Die
Aufmerksamkeit muss sich der Gefahr zuwenden, süchtig oder depressiv zu werden.
Dabei kehrt sich die Aufmerksamkeit nach innen. Wir haben gesehen, die
Aufmerksamkeit kann man steuern. Der Idealfall ist der, dass die
Aufmerksamkeit sich ganz nach außen wendet.
Es sind die vier nun schon
bekannten Koordinaten, die im Auge zu behalten sind:
Gesetz und Freiheit, Intention
und Ästhetik.
Ich teile diese Vierergruppe in
zwei Teilgruppen auf:
Intention und Ästhetik
einerseits,
Gesetz und Freiheit
andererseits.
Die Aufmerksamkeit nach außen
wenden, das stellt sich in diesen Koordinaten dar als
Rücknahme der ästhetischen
Distanz und
Vergrößerung der Intention.
In anderen Worten heißt das „selbstvergessenes
Tun“. Selbstvergessenes Tun ist die Voraussetzung für den Erfolg. Alles
Wollen muss als Ziel dieses selbstvergessene Tun haben. Aber es ist wie auf der
Autobahn: Die Höchstgeschwindigkeit kann man nur fahren, wenn man freie Bahn
hat, und wenn die Randbedingungen stimmen. Worin das Ziel Ihres
„selbstvergessenen Tuns“ bestehen soll, darüber kann ich hier nichts sagen.
Deshalb soll es in diesem Text nur um die Randbedingungen gehen. Das Bild der
Autobahn sei noch einmal bemüht: Sie sitzen am Steuer. Aber wenn Zweifel an der
Fahrtrichtung bestehen, dann heißt es, anhalten und die Karte studieren.
Übersetzen wir das Kartestudieren in unser Begriffssystem. In den Koordinaten
der Ästhetik und der Intention ausgedrückt, befinden wir uns dabei am Gegenpol
des selbstvergessenen Tuns:
Rücknahme der Intention und
Vergrößerung der ästhetischen
Distanz.
Das ist der hier schon mehrfach
erwähnte Pol der „Kontemplation“.
Die beiden Pole in dem Feld von
Ästhetik und Intention sind also Kontemplation und selbstvergessenes Tun. Das
selbstvergessene Tun ist die fruchtbarste Form der Aktivität. Sie ist das
eigentliche Ziel einer Verhaltensänderung. Sie ist das, was wir anstreben:
Sinnvolles Handeln ohne Selbstzweifel und ohne allzu viel Selbstkontrolle! Das
setzt allerdings voraus, dass die Richtung stimmt. Der andere Pol, den man
aufsucht, wenn Zweifel an der Richtigkeit des eigenen Tuns auftreten, ist die
Kontemplation. Die beiden Extrempositionen in den Koordinaten der Ästhetik und
der Intention sind demnach:
Selbstvergessenes Tun:
als Rücknahme der ästhetischen
Distanz und Vergrößerung der Intention.
sowie Kontemplation:
als Rücknahme der Intention und
Vergrößerung der ästhetischen Distanz.
Eine solche Polarität wird auch
den beiden anderen Koordinaten, die wir hier im Blick haben, unterstellt,
nämlich der Beziehung zwischen Gesetz und Freiheit. Aber dabei geht man in die
Irre.
:
Eine Polarität, die hier
unterstellt wird, ist in Wirklichkeit nicht vorhanden. Dahinter verbirgt sich
eine falsche Einstellung, die allerdings sehr weit verbreitet ist. Sie betrifft
wieder die beiden Extrempositionen.
Die beiden Extrempositionen
lauten Asozialität oder Zwang.
Asozialität
oder Zwang
Die Einstellung des Asozialen
ist:
Je weniger Gesetze ich befolgen
muss, desto größer ist meine Freiheit.
Sie ist auch die Einstellung
der Anarchisten.
Die gegenteilige Einstellung
ist auf Zwang ausgerichtet. Sie lautet:
Wenn ich Gesetze durchsetzen
will, dann muss ich die Freiheit beschränken.
Sie betrifft auf
gesellschaftlicher Ebene die Zwangsregimes und auf individueller Ebene die
Asketen und die Zwanghaften. Der Betroffene fühlt sich eingekerkert. Gesetze
werden grundsätzlich aufgefasst als die Stäbe eines Kerkers, in den er
eingesperrt ist oder sich selbst einsperrt. Auf der gesellschaftlichen Ebene
ist das die Einstellung eines tyrannischen Herrschaftsregimes oder eines
autoritären Erziehungssystems. Auf der individuellen Ebene finden wir hier die
Askese um der Askese willen, die Selbstkasteiung und den oben schon erwähnten
„Kampf gegen den inneren Schweinehund“.
Wir sollten uns dagegen zu der
Einstellung durchringen, dass zwischen Gesetz und Freiheit eine andere Beziehung
gilt.
Das
Wachstumsprinzip
Hier schließen sich Gesetz und
Freiheit nicht gegenseitig aus, sondern sie ergänzen einander.
Ohne Gesetze genieße ich keine
Freiheit.
Freiheit kann nur auf der Basis
von Gesetzen existieren.
Damit richten Sie Ihre
Einstellung auf Wachstum aus! Jedes Wachstum folgt bestimmten Gesetzen. Wachstum
ohne Gesetze ist kein Wachstum, sondern Wucherung, Krebs. Andererseits: Jedes
Wachstum braucht Freiheit. Denn das Ziel des Wachstums ist vorher nicht
eindeutig festlegbar. Dadurch entsteht ein Raum der Ungewissheit. Diese
Ungewissheit wiederum erweckt die Neugier – Neugier auf den Fortschritt des
Wachstums.
Gesetze zu definieren ist also
eine gewisse Gratwanderung: Zu viele Gesetze führen in Unfreiheit und Zwang, zu
wenige Gesetze in die Anarchie und in die Haltlosigkeit.
Verantwortlich
(c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters
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