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Die berühmten
Übungen des Ignatius
Die Exerzitien des Ignatius von Loyola sind
ein sehr ernster Versuch, die Gesetze des Innenlebens zu erforschen – vielleicht
der erste. Ignatius geht es um die Frage, „wie kann der Mensch sich ändern?“ In
seiner Sprache heißt das natürlich, „wie kann der Mensch sich von seinen Sünden
befreien?“ Der Blick nach innen ist für ihn eine Auseinandersetzung mit Gott.
Doch die religiöse Gewandung seiner Aufzeichnungen ist nicht das Wesentliche,
und heute verstellt sie eher den Blick, als dass sie zur Nachahmung einlädt.
Ignatius unterscheidet zwischen dem Guten und dem Bösen im Menschen, in sich
selbst, und entwickelt Techniken, um das Böse zu überwinden. Dazu muss die
Willenskraft gestärkt werden. Die Betonung der Willenskraft verleiht den Übungen
eine große Strenge. Wahrscheinlich hat die dafür gesorgt, dass diese Technik der
Selbstdisziplinierung über die jesuitischen Klöster und Schulen hinaus keine
weite Verbreitung gefunden hat. Der Niederschlag im allgemeinen Bewusstsein
deutet sich in dem Bild vom „inneren Schweinehund“ an und in der Notwendigkeit,
den „inneren Schweinehund“ zu überwinden. In dem Buch „Eine Seereise zum Ich“
zeige ich, dass „Willenskraft“ auf Einbildung beruht. Sie ist eine reine
Fiktion. Dort zeige ich auch, wie diese Fiktion entsteht. Das Gleiche gilt für
den „inneren Schweinehund“. Ignatius sagt „Die Dinge auf der Oberfläche der Erde
sind zum Menschen hin geschaffen, und zwar damit sie ihm bei der Verfolgung des
Zieles helfen, zu dem er geschaffen ist.“ Das entspricht dem, was Paracelsus
(siehe oben) über die Dinge der Erde sagt. Ansonsten lehrt Ignatius Demut
gegenüber dem, was dem Menschen gegeben ist.
Ignatius sagt auch, dass man sich morgens ein
Ziel für den Tag setzen soll. Und er empfiehlt Reue, wenn dieses Ziel verfehlt
wurde. Er beobachtet die eigenen Gedanken, die bei einem Rückfall entstehen, und
die entstehen, wenn mehrere Rückfälle auf einander folgen. Nach dem Rückfall
soll man den Vorsatz entwickeln, sich zu bessern. Das sind ganz wesentliche
Erkenntnisse. Ignatius erkennt, das Reue und die Entwicklung eines Vorsatzes
keine Automatismen sind. Er „empfiehlt“ die Reue und die Entwicklung eines
Vorsatzes. Damit gewinnt er einen Abstand von diesen inneren Einstellungen. Das
ist Abstandnahme in Richtung der ästhetischen Dimension. Die Zielsetzung für den
Tag, die Entwicklung eines Vorsatzes, beziehen sich auf die Zukunft. Reue im
Falle der Verfehlung kennzeichnet die Einstellung zur Vergangenheit. Das sind
zentrale Themen aus dem Gebiet der Selbststeuerung: Die Einstellung zur Zukunft
und die Einstellung zur Vergangenheit ins Auge zu fassen, bewusst zu machen und
sie eventuell zu beeinflussen, zu verändern. In „Eine Seereise zum Ich“ wird der
Frage nachgegangen, welche Einstellungen gegenüber Vergangenheit und Zukunft
sinnvoll sind.
Die Suche nach dem Glück gleicht
einem
Rühren im Nebel.
Gegenstände der Innenwelt werden erst
greifbar, wenn ein Mensch versucht, sich zu ändern. Erst dann bekommt man es mit
Realitäten zu tun. Dann müssen Strategien entwickelt werden, auf die sich
Kriterien wie richtig und falsch anwenden lassen. Manche Expeditionen in die
Innenwelt sind so angelegt, dass sich diese Kriterien nicht anwenden
lassen. Volker Panzer hat kürzlich in seinem „Nachtstudio“ mit seinen Gästen
über das „Glück“ diskutiert. Dabei wurden mehrere Bücher zitiert, die sich mit
diesem Thema befassen. Martin Walser weigerte sich, über „Glück“ zu reden. Das
sei einer der Großbegriffe wie „Gott“. Wer darüber rede, solle erst einmal
sagen, was er damit meine. Der Lebensberater Domian hat sich in seiner Sendung
mit einem Jungen befasst, der an Multipler Sklerose leidet. Gegen Ende der
Sendung hat er den Eltern das Mikrophon hingehalten und sie gefragt, was sie in
dem Moment empfunden hätten, als sie zum ersten Mal von der Krankheitsdiagnose
ihres Sohnes erfuhren. Domian ist kein Soziologe; man kann ihm also keinen
Vorwurf daraus machen, außer, dass die Frage taktlos und überflüssig war. Aber
die Bücher über das Glück sind von Wissenschaftlern geschrieben worden mit
einem wissenschaftlichen Anspruch. Es ist aber tatsächlich im Prinzip dasselbe,
ob ich einen Menschen frage, ob er glücklich sei, oder ob ich ihn frage, was er
empfunden habe, als er erfuhr, dass sein Sohn unheilbar krank ist. Zwei
entgegengesetzte Pole auf der gleichen Skala! Aber: In Antworten auf solche
Fragen einen Sinn zu suchen, das ist ein Rühren im Nebel - wie wenn man die
Wolken ausmisst, um sie zu kartographieren.
Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf die
Frage, worauf sich Ihre Aufmerksamkeit richten soll
Chronische Schmerzen
Weitere Beispiele für das Rühren im Nebel:
Chronische Schmerzen, das sogenannte Schmerzgedächtnis! Das Folgende gilt nicht
für alle Arten von chronischen Schmerzen. Aber generell gibt es bei Schmerzen
zwei Möglichkeiten der Einstellung: Entweder man wendet ihnen die
Aufmerksamkeit zu oder wendet sie ab. Wendet man ihnen die Aufmerksamkeit zu,
dann entsteht ein sich selbst verstärkender Automatismus. Mit der Aufmerksamkeit
ist eine Erwartung verbunden – eine Schmerzerwartung. Bei Vorhandensein akuter
Schmerzen wird die Erwartung erfüllt. Aus der Erwartung entsteht eine Erfahrung,
die zu einem Urteil, einem Vorurteil wird: „Es schmerzt“. Das Vorurteil und die
Wahrnehmung des konkreten Schmerzes überlagern sich und verstärken sich
gegenseitig. Verschwindet im Laufe der Zeit der konkrete Schmerz, dann bleibt
das Vorurteil bestehen, und es entsteht ein Schmerzempfinden, dessen Herkunft
nicht mehr erkennbar ist. Der Schmerz ist chronifiziert. Die Weiche, die zu
diesem Ergebnis führte, wurde aber ganz am Anfang gestellt: Die Zuwendung der
Aufmerksamkeit.
Das ist eine Ich-Entscheidung. Sie gehört in
den Bereich der Selbststeuerung. Und da man unter dem Blickwinkel der
Pharmakologisierung für Selbststeuerung kein Interesse aufbringt, bleibt diese
Alternative außer Betracht. Aber kann man Schmerzen denn unbeachtet lassen?
Einfach ist es natürlich nicht. Als Hinweis auf eine Erkrankung müssen sie
ohnehin ernst genommen werden. Aber unabhängig von dem Handlungsbedarf gibt es
meistens einen Spielraum für die Gewichtung der Schmerzen und für die
Aufmerksamkeit, die man ihnen zuwendet. Wenn man hier keine bewusste
Entscheidung trifft, dann ziehen die Schmerzen alle Aufmerksamkeit auf sich. Es
ist ein Akt der Selbststeuerung, dem entgegen zu wirken. Ein gutes Beispiel ist
der Mathematiker Pascal, der in seiner Jugend von starken Kopfschmerzen geplagt
wurde. Seine tiefsten mathematischen Einsichten hatte er in den schmerzvollsten
Momenten. Denn die mathematischen Überlegungen waren seine Methode der
Gegensteuerung.
Sucht
Das gleiche Problem entsteht, wenn ein Mensch
sich einer Sucht entzieht oder nur sein Verhalten in einem bestimmten Punkt
ändert. Der Körper muss sich dann umgewöhnen und erleidet Entzugserscheinungen
und körperliche Sensationen. Auch hier wird eine Weiche umgestellt: Soll sich
die Aufmerksamkeit diesen Sensationen zu- oder von ihnen abwenden? Das ist
wieder eine Frage der Selbststeuerung, weshalb sie üblicherweise außer
Betracht bleibt. Die Abwendung aber würde einen Entschluss erfordern. Bleibt
dieser Entschluss aus, stellt sich die Hinwendung automatisch ein. Das wird also
immer der Fall sein, solange die Selbststeuerung außer Betracht bleibt. Die
Folge ist, dass sich die Entzugssymptome verstärken, wie oben in bezug auf die
Schmerzwahrnehmung beschrieben. (Siehe Dalrymple)
Depression
Im Falle der Depression stellt das eigene
Denken einen Teil des Krankheitsgeschehens dar. Das ist das „depressive
Denken“, bei dem die Gewichte gegenüber den normalen Abläufen verschoben sind:
Die Sorge um die Zukunft nimmt einen übergroßen Raum ein, die Vergangenheit
steht ganz im Lichte eigenen Versagens, eigenen Verschuldens, eigener
Minderwertigkeit. Alle positiven Erinnerungen und Zukunftsmöglichkeiten
erscheinen unbedeutend im Vergleich zu den negativen, die ein erdrückendes,
unrealistisches Übergewicht erhalten. Selbstverständlich ist das eigene Denken
dem Willen unterworfen. Doch das Denken zu steuern, allein das Ziel zu setzen,
in das eigene Denken lenkend einzugreifen, wäre ein Akt der Selbststeuerung, und
diese Möglichkeit bleibt normalerweise außer Betracht. Das ist wieder die
gleiche Weiche, wie sie bei der Gewichtung von Entzugserscheinungen oder von
Schmerzen umzustellen war. Wenn jedoch diese Weiche auf „Nichteingreifen“
steht, dann läuft der innere Prozess automatisch ab, und das bedeutet, dass die
Auffälligkeiten des krankhaften Geschehens die Aufmerksamkeit an sich ziehen.
Damit beginnt wieder der zwanghafte Kreislauf der Selbstverstärkung und das
Versinken im Krankheitssumpf. Das eigene Befinden muss leider erst unerträglich
werden, die Symptome unübersehbar, ehe äußere Hilfe aufgesucht wird –
gekennzeichnet durch Arztbesuch, Diagnose, Krankheitsbehandlung -, ehe also
gegengesteuert und womöglich „pharmakologisiert“ wird. Im Falle der Depression
liegt aber die Gefahr des Selbstmordes, wenn das eigene Befinden unerträglich zu
werden scheint, immer nahe.
Können Sie sich einen Arzt vorstellen, der,
wenn Sie ihn wegen Schmerzen aufsuchen, zu Ihnen sagt, „beachten Sie die
Schmerzen nicht!“, der, wenn ein Süchtiger über Entzugssymptome klagt,
antwortet, „Entzugserscheinungen gehen vorüber; messen Sie denen keine Bedeutung
zu!“, der einem Depressiven, der an seinen fehlenden Zukunftsaussichten
verzweifelt, entgegnet, „denken Sie an etwas anderes!“ Einen solchen Arzt kann
man sich nicht vorstellen. Und wenn der Arzt in solcher Situation Untersuchungen
anstellt, therapiert und ein Medikament verschreibt, so kann das durchaus
hilfreich und vielleicht notwendig sein. Doch dass die Möglichkeit zur
Introspektion, zur Selbstbeobachtung und zur Selbststeuerung immer mehr
ausgeblendet und vernachlässigt wird, das ist ein Fehler.
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters
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