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Ein depressiver Gedanke führt stets
zu falschen Entscheidungen.
Gerade das Beispiel der Titanic-Katastrophe
wirft die Frage auf, wie viele ähnliche Ereignisse in Gegenwart und
Vergangenheit es noch geben mag - Ereignisse, von denen wir ein falsches Bild
haben, weil wir sie unter einem falschen Blickwinkel betrachten.
Depression:
Was ist nun also das Nebenich?
Was hat es auf sich mit dem Seeungeheuer?
Kommen Sie an Bord! Wir fahren jetzt hinaus aufs Meer, mit einem Kurs senkrecht
zur Küstenlinie. Wir verzichten auf die Absicherung durch Erkenntnisse, die
Wissenschaftler im Labor oder im Behandlungsraum gewonnen haben. Wenn ich hier
versuchen würde, den Begriff des „Nebenichs“ logisch und auf Grund von
Versuchsergebnissen herzuleiten, so wäre das instrumentelles Denken. Deshalb
verzichte ich darauf. In Bezug auf das Bild vom Ozean heißt das: Nur Wasser um
uns herum! Wir haben die Küstenlinie nicht mehr im Blick. Keine Angst! Hier an
Bord sind Sie sicherer, als wenn Sie an Land geblieben wären!
Ansprache
an einen Depressiven
Sie müssen das Nebenich in sich selbst
entdecken oder in einem anderen Menschen, zu dem Sie Kontakt haben. Sie bemerken
an diesem Menschen oder an sich selbst, was schwieriger ist, eine Veränderung:
Merkmal ist die Wehleidigkeit, eine Bereitschaft zum Jammern, die sich auch in
Gestik, Mimik und Sprache ausdrückt. Bei sich selbst, wenn Sie selbst depressiv
sind, können Sie die in einer Anspannung der Gesichtsmuskeln, speziell an Mund
und Augen, wahrnehmen. Der Depressive will entweder gar nicht reden oder, wenn
er redet, dann sieht er in allem einen Grund zum Klagen.
Wenn es sich bei dem Depressiven um einen
Bekannten oder Angehörigen handelt, dann prüfen Sie als erstes, in welchem
Zustand Sie sich selbst befinden! Falls Sie selbst in einer ähnlichen Stimmung
sind: Vermeiden Sie den Kontakt! Nehmen Sie Abstand! Auch wenn Sie Probleme mit
dem Betreffenden zu besprechen haben, Probleme mit ihm besprechen sollten: Nicht
jetzt! Weichen Sie jedem Kontakt aus! Warten Sie einen anderen Zeitpunkt ab -
heute, oder an einem anderen Tag. Jetzt würde jeder Kontakt in die Katastrophe
führen.
Das therapeutische
Gespräch
Nur wenn Sie sich in einer stabilen
Stimmungslage befinden, wenn Sie sicher sind, dass Sie die Ruhe bewahren werden
in jedem Falle, was immer Ihr Gegenüber sagen oder tun wird, dann können Sie den
Kontakt zu ihm aufnehmen. Und betrachten Sie ihn als einen Kranken, als einen
Menschen, der nicht er selbst ist, als einen Menschen, der eine gewisse
Narrenfreiheit benötigt.
Machen Sie ihm auf keinen Fall irgendwelche
Vorwürfe - auch wenn es Grund dafür gäbe! Wenn er Ihnen, sich selbst, anderen
oder der Welt Vorwürfe macht, hören Sie zu! Vielleicht will er auch gar nicht
mit Ihnen reden. Aber - das ist eine gesicherte Erfahrung - zuhören wird er
Ihnen, wenn Sie etwas sagen.
Erklären Sie ihm, dass er zur Zeit von seinem
Nebenich regiert wird; dass dieses Nebenich seit seiner Kindheit in der
Unendlichkeit seines Nervensystems installiert ist - und zwar infolge einer
seelischen Verletzung, eines Schreckens, den sein kindliches Ich nicht
verkraften konnte. Damals hat das eigentliche Ich, das berechtigte Ich, seinen
Thron, von dem aus es regierte, verlassen und ihn dem Nebenich überlassen.
Seitdem existiert dieses Nebenich - real, nicht sinnbildlich - in der gleichen
Form wie das eigentliche Ich. Es verschwand wieder vom Thron, aber es existierte
weiter. Verschwinden, sich nicht in Nichts auflösen, kann es nicht. Neben dem
Ich, das normalerweise auf dem Thron sitzt, führt es ein Hintergrunddasein. Es
lauert auf den Augenblick, in dem das Ich einmal wieder in Panik gerät wie
damals, sich vom Thron zurückzieht und dem Nebenich seinen Platz überlässt.
Davon träumt es - eventuell jahrelang. Und bei Ihrem Gegenüber sitzt es jetzt
auf dem Thron.
Aber - jetzt kommt das Positive -, dieser
Zustand ist unnormal, und diese Unnormalität ist allen Beteiligten bewusst. Sie
ist dem Ich bewusst, sie ist dem Nebenich bewusst. Das heißt, sobald sich die
Situation, die zur Zeit als katastrophal erlebt wird, wieder normalisiert,
findet sofort ein Rücktausch der Rollen statt. Rücktausch heißt: Das Nebenich
tritt wieder zurück in sein Hintergrunddasein und das Ich kehrt auf seinen
angestammten Platz zurück. Automatisch!
Damit ist aber auch Ihre Rolle genau
definiert: Sie sind jetzt der Gegenspieler des Nebenichs! Sie müssen die
Normalität wieder herstellen! Das Nebenich Ihres Gegenübers wird versuchen, die
Katastrophenangst aufrecht zu erhalten. In diesem Kampf müssen Sie Ihr Gegenüber
als Verbündeten gewinnen! Erklären Sie ihm geduldig die Situation. Denken Sie
daran: Er hört Ihnen zu! Auch wenn er zur Zeit nicht über sein Denken verfügen
kann, weil das Nebenich am Schalthebel der Macht sitzt.
Das Nebenich hat Ihnen
gegenüber keine Chance!
Doch es ist ein minderwertiges Nebenich auf
Grund seiner kindlichen Herkunft. Es hat gegen Sie und das Ich Ihres Gegenübers,
das zur Zeit noch im Hintergrund ausharrt, keine Chance.
Ihr Gegenüber malt Ihnen die katastrophalen
Zukunftsaussichten seines Daseins, vielleicht auch die katastrophalen
Zukunftsaussichten der ganzen Welt und der Menschheit, aus und wohl auch Ihre
Dummheit und Minderwertigkeit, der Sie zu widersprechen wagen, und das alles
mit großer Intelligenz. Denn das Nebenich verfügt eben jetzt über die
Großhirnrinde Ihres Partners, also über sein gesamtes Denkvermögen.
Kümmern Sie sich um alles das nicht! Machen
Sie ihm geduldig klar, dass nicht er es ist, der hier argumentiert, sondern sein
Nebenich. Und dass dieses so argumentieren muss, weil es sofort seine Rolle
einbüßen wird, wenn die Katastrophenangst abklingt. Und da er zur Zeit nicht
über sein Denken gebieten kann, bleibt ihm nur eins: Gar nichts denken!
Das Nebenich würde Ihren Partner bis in den
Selbstmord treiben, nur um an der Regierung zu bleiben. Machen Sie ihm das klar.
In seiner depressiven Stimmung hat er längst an Selbstmord gedacht. Aber sein
Ich ist ein erwachsenes Ich im Gegensatz zu dem kindlichen Nebenich. Deshalb ist
es ihm von Natur aus überlegen. Erklären Sie das Ihrem Partner! Er wird Ihnen
zuhören. Er will das auch hören. Und sagen Sie ihm, er soll sich vorstellen, er
hätte sich bereits das Leben genommen.
Sich etwas vorstellen! Sich auf eine höhere
Bewusstseinsstufe begeben! Nachdenken über das Denken! Da kann das kindliche
Nebenich nicht folgen. Ihr Gegenüber soll denken „Ich habe mir schon das Leben
genommen. Ich bin tot!“
Wenn der Mensch tot ist, hat er keine
Probleme mehr. Wenn man denkt, man ist tot, dann läuft die Katastrophenangst des
Nebenichs, sein Alarmismus, ins Leere.
Man kann dem Nebenich oder dem Ich nicht
gebieten, was sie tun sollen. Der Rücktritt des einen, die Machtanmaßung des
anderen genauso wie ein Rollenrücktausch sind unbewusste Prozesse. Auf
unbewusste Prozesse hat man keinen willentlichen Einfluss. Aber man kann von der
Einstellungsebene her auf diese Prozesse Einfluss ausüben - indirekten
Einfluss.
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Herrchen: Ich bin kein
Duckmäuser! Ich weiche den Problemen nicht aus. Wenn sich mir Probleme zeigen,
dann versuche ich, sie zu lösen.
Hund: Woff!
Ich möchte wissen, was Du
dagegen zu setzen hast. Probleme lösen sich nicht von selbst. Weder meine
Probleme noch die Weltprobleme. Man muss sich engagieren; zeigen, wofür man
steht; Denkanstöße geben; andere zum Denken bringen oder zwingen.
Woff!
Man muss handeln! Du
willst nur wieder, dass ich mich selbst analysiere. Das ist Selbstbespiegelung,
Weltflucht, Narzissmus.
Woff,
Woff!
Na gut - ich kann mir
denken, was Du willst. Handeln ist gut und schön. Aber wenn es in die falsche
Richtung geht, nützt es nichts, kann aber großen Schaden anrichten. Aber wenn
man die richtige Richtung schon kennt und von anderen bestätigt bekommt?
Woff!
Also gut - Du denkst an
das, was wir eben gehört haben. Die richtige Richtung kennt man grundsätzlich
nicht. Das eigene Denken kann immer falsch sein; auch andere können falsch
denken; auch der sogenannte „Zeitgeist“ kann in die falsche Richtung zielen. Na
- dann gute Nacht! Dann drehe ich eben Däumchen.
Woff!
Ich habe das Gehörte also
wieder falsch verstanden?! Du handelst Dir bald einen Fußtritt ein. Oder? Bevor
ich etwas tue, bevor ich über ein Problem nachdenke, soll ich mir über meinen
Zustand Klarheit verschaffen?
Wau!
Wenn ich andere zum
Denken zwingen will, dann bin ich vermutlich ein Fanatiker. Bin ich ein
Fanatiker? Ich muss mir die Frage ernsthaft stellen. Oder bin ich depressiv?
Ebenso ernsthaft fragen! In beiden Fällen handele ich eben nicht! Denke auch
nicht nach. Versuche auch nicht, ein Problem zu lösen.
Wau,
Wau!
Ja - es ist nur ein
Problem der Reihenfolge.
Die erste Frage ist stets:
In welchem Zustand befinde
ich mich?
Ihre Beantwortung
entscheidet darüber,
ob ich handele oder
bewusst nicht handele.
Sonst gilt:
Als Depressiver zu handeln, zielt dahin, sich selbst zu zerstören. Als Fanatiker
zu handeln, zielt dahin, die Welt zu zerstören.
Verantwortlich (c) für Text und
Inhalt: Dr. Georg M. Peters
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