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Starke Gefühle
Ein Hinweis auf den falschen Weg
ist immer die starke Sensation, das starke Gefühl:
Die Verlustangst in der
Depression, die Freude,
der innere Jubel in der Manie, die Vorstellung von dem zu erwartenden Glück
in der Sucht, die Wut über eine Zurückweisung, über einen Misserfolg, über eine
Kränkung.
Immer sind es die starken
Gefühle.
Die Stärke des Gefühls
kann als Anzeiger dafür dienen, dass ein kindlicher Bereich angesprochen worden
ist. Die Bestrebung, die sexuelle Lust
bis ins Unendliche zu steigern, kann man auch unter diesen Verdacht stellen.
Die normalen Gefühle
eines erwachsenen Ichs haben einen viel milderen Charakter, etwa bei der
Gründung einer Familie, beim Heranwachsensehen der Kinder, bei der Bewältigung
einer Aufgabe, bei einem guten Essen, einem guten Glas Wein. Wer von seinen
kindlichen Gefühlen
geleitet wird, hält solche Werteskala für spießig. Aber - wer von seinen
kindlichen Gefühlen
geleitet wird - dessen Vergnügen wird nicht von langer Dauer sein.
Die Suche nach dem Glück macht
unglücklich, egal, ob man auf den Zufall setzt im Glückspiel, ob man auf die
Spaßmaximierung im Augenblick setzt, ob man auf rücksichtlose Durchsetzung, auf
Ellenbogenkraft im Konkurrenzkampf, setzt. Wer sich brutal und rücksichtslos
verhält, wird auch brutal und rücksichtslos. Brutalität und
Rücksichtslosigkeit prägen seinen Charakter. Das registriert seine Umwelt und
verhält sich ihm gegenüber entsprechend. Diese Ansätze zum Glücklichwerden
erwachsen jeweils aus Störungen des inneren Gleichgewichts. Und wenn keine
Bestrebung da ist, das Gleichgewicht wieder herzustellen, dann verstärken diese
Störungen sich gegenseitig so lange, bis es zu einem krankhaften Absturz kommt.
Wenn das innere Gleichgewicht
gestört ist, dann wirkt sich das auf das Verhalten aus. Die Umwelt reagiert oft
sehr empfindlich darauf, wenn auch nicht therapeutisch. Indem sich das mehrmals
wiederholt, entsteht eine Wechselwirkung zwischen Innen und Außen. Ein
Kreislauf wird in Gang gesetzt, ein Automatismus, durch den das innere
Gleichgewicht immer mehr beeinträchtigt wird.
Um die Befreiung aus einem
solchen Kreislauf, einem Frustationskreislauf, zu erleichtern, ist es
zweckmäßig ihn zu schematisieren. So kann man die eigenen Erlebnisse besser
einordnen und bewerten. Alle Wissenschaftler und Psychotherapeuten sagen, eine
Selbsttherapie sei unmöglich. Dass sich jemand aus einem solchen Dilemma
befreit, sei dasselbe wie, sich an den eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen, und
außer Münchhausen sei das noch niemandem gelungen. Aber auch, wenn Sie
therapeutische Hilfe in Anspruch nehmen – die Hauptarbeit liegt bei Ihnen
selbst. Und sich selbst aus einer ästhetischen Distanz zu betrachten, zielt in
die gleiche Richtung wie die Leistung, die Münchhausen vollbracht hat.
Ich habe hier nun schon im
Zusammenhang mit der Rache vom Teufel und im Zusammenhang mit starken Gefühlen
von Gespenstern gesprochen. Vielleicht empfiehlt es sich, diesen Weg in
magische Gefilde fortzusetzen und wie Dante in seinem großartigen Werk „Die
göttliche Komödie“ zunächst die Höllenkreise zu durchwandern. Das sind die
Frustrationskreise. Schematisch unterteilt zerfällt jeder dieser Kreise in vier
Stufen:
a) Ein Gefühl der
Bedürftigkeit.
b) Einen minderwertigen Appell.
c) Eine Zurückweisung.
d) und als Folge davon: Wut und
Abwendung von der Wirklichkeit.
Das Zurückgewiesenwerden wird
als Niederlage erlebt. Es wurde aber durch eigenes Verhalten bewirkt. Hier geht
es um das eigene Verhalten und um die Antwort der Umwelt auf das eigene
Verhalten. Dabei muss die erlebte Zurückweisung gar nicht von der Umwelt als
Zurückweisung gemeint gewesen sein. Entscheidend ist, wie die Umweltreaktion von
dem Handelnden erlebt wird. Dieses Reaktionsschema findet sich wieder bei ganz
verschiedenen Arten von seelischen Störungen. Etwa
beim Pennersyndrom,
beim Dilettantismussyndrom,
bei der Depression,
bei der Resignation,
bei der Sucht,
bei mangelndem
Selbstvertrauen,
bei Phobien
Für den Beobachter, der von
diesen psychischen Störungen nicht betroffen ist, erscheinen die im Folgenden
beschriebenen Abläufe absurd und grotesk. Aber für denjenigen, der Betroffen
ist, sind es Automatismen, von seinem Unbewusstsein gesteuert und einem starken
Gefühl. Für ihn gibt es normalerweise kein Entrinnen, es sei denn, er wendet
die Münchhausenmethode an und zieht sich selber aus dem Sumpf. Das geht aber
nur, indem er einen Schritt in Richtung der Ästhetikachse macht, also nur, indem
er ein Wissen vom Wissen entwickelt. Der erste Schritt in Richtung einer
Verhaltensänderung besteht immer darin – noch sind wir im Bereich des
Nichtwollens –, dass man die Situation, in der man sich befindet, erkennt und
als gegeben hinnimmt.
Die Buchstaben a bis d
entsprechen den oben genannten vier Stufen.
a)
Unfähigkeit zu Arbeit und Selbstbehauptung.
Eine innere Abwendung von der
Außenwelt erzeugt ein Gefühl der Hilflosigkeit und Bedürftigkeit.
Das Gefühl der Hilflosigkeit
erzeugt Untätigkeit. Die Untätigkeit erzeugt eine tatsächliche Bedürftigkeit. So
verstärkt sich das Gefühl der Bedürftigkeit.
b)
Minderwertiger Appell
Die eigene Situation erscheint
unerträglich. Vielleicht
ist sie wirklich unerträglich. Das zwingt zu einem Appell an die Umwelt.
Doch dieser Appell richtet sich nicht an eine bestimmte Person, die vielleicht
helfen könnte oder helfen wollte. Er richtet sich in kindlicher Form an die
gesamte Umgebung, also an die Öffentlichkeit, indem die eigene Bedürftigkeit
zur Schau gestellt wird.
c)
Zurückweisung
Die billigen Almosen,
die dieses Verhalten einbringt, werden mit kindlicher Dankbarkeit aufgenommen.
Sie erzeugen eine Illusion der Zuwendung, während Gleichgültigkeit oder
Abwendung als Zurückweisung
empfunden werden.
d) Wut
Das fällt zusammen mit einer
Unfähigkeit, diese Zurückweisung
zu ertragen. Die Zurückweisung
berührt ein Kindheitsgefühl
des Ausgeliefertseins, das nicht verarbeitet, sondern nur verdrängt worden ist.
Werkzeug der Verdrängung
ist eine masslose Wut.
Diese Wut ist in ihrer Maßlosigkeit ebenfalls ichgefährdend und muss somit
verdrängt werden. Das führt zum Rückzug von der gefährlichen Außenwelt,
zum Wirklichkeitsverlust,
zur Untätigkeit und somit zur Verstärkung der Bedürftigkeit
gemäß (a).
a)
Anstrengung
In Richtung auf ein selbst
gestecktes Ziel wird eine monatelange, angestrengte Tätigkeit entwickelt.
b)
Geltungsdrang
Der Hauptantrieb für diese
Tätigkeit ist jedoch nicht ein wirkliches, sachliches Interesse. Das könnte ein
wirtschaftliches, ein wissenschaftliches Interesse, eine Liebe zur Sache sein
oder der Wunsch, ein eigenes Talent auszubilden. Alles das kann auch gegeben
sein, aber maßgeblich ist der starke Trieb darnach, dass man die Anerkennung
der Umwelt oder eines bestimmten Menschen erlangt.
c)
Abbruch
Zu einem bestimmten Zeitpunkt
wird diese Tätigkeit plötzlich abgebrochen. Und zwar, weil entweder diese
Anerkennung erreicht ist, oder das Ziel nicht mehr erreichbar erscheint.
Vielleicht wurde das gesteckte Ziel tatsächlich erreicht, und das Verhalten der
Umwelt war anerkennend. Doch diese Anerkennung kann nie die eigentliche,
insgeheim gehegte Erwartung erfüllen. Denn die verborgene Triebfeder war eine
Strebung
von kindlicher Maßlosigkeit, ein Streben nach Verschmelzung mit einer
Mutterinstanz.
Der nicht erfüllte Teil der
Erwartung übertrifft deshalb den erfüllten Teil bei weitem. Das führt dazu, dass
die Anerkennung, soweit sie vorhanden war, abgewertet wird. Das geht so weit,
dass das Verhalten der Umwelt in jedem Fall als Zurückweisung
empfunden und wie im Pennersyndrom
als Kränkung
des Selbstwertgefühls erlebt wird.
d)
Wut
Aus dem Gefühl der
Zurückgewiesenseins werden Enttäuschung und Wut.
Diese unterliegen wieder der Verdrängung, verbinden sich aber im Unbewusstsein
mit der vorangegangenen Tätigkeit, so dass diese und ähnliche Tätigkeiten in
Zukunft
gemieden werden.
Aus der Kindheit stammt das
Gefühl des Hilflos-in-der-Welt-seins. Wenn dieses Gefühl nicht verarbeitet wird,
dann überträgt es sich auf die gegenwärtige Lebenssituation. So entsteht bald
wieder der Eindruck, dass die momentane Lebenssituation unerträglich ist. Und es
wird ein neuer Plan geboren, um durch einen plötzlichen Tätigkeitsausbruch
diesem Elend zu entrinnen.
Wie man sieht, passen die vier
Stationen des Dilettatismus-Teufelskreises
zu dem oben beschriebenen Schema. Beim Vergleich mit dem Pennersyndrom
ist nur die Untätigkeit durch ihr gelegentlich zustande kommendes Gegenteil zu
ersetzen. Der Umschwung von Nichtstun
in Überaktivität
entspricht jedes mal dem Umschwung vom neurotischen
Grundverhalten in das neurotische
Gegenteil.
Während der tätigen Zeitspanne genießt das Ich den Zuspruch des Überichs.
In der Zeitspanne der Faulheit trotzt das Ich dem Überich und genießt diesen
Widerstand
als seinen Triumph.
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters
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