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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Psychotherapie

 

 

 

 

 

Eine Mutterbindung, die nicht aufgelöst werden konnte

 

Setzen Sie sich einer Bewährungsprobe aus!

Schauen Sie nach innen. Die Innenwelt erscheint Ihnen wie ein Aquarium. In dem Wasser schwimmen Objekte: innerseelische Objekte, Wiederspiegelungen von Leuten, die Sie kennen, von Leuten, die Ihnen nahe stehen. Sie wissen nicht, was sie von Ihnen denken. Dieser Gedanke beunruhigt Sie, weil diese Ungewissheit sich deckt mit der Ungewissheit Ihres Selbstwertge­fühls.

Mit diesen Objekten verbindet Sie eine Mutter-Kind-Beziehung, ein Verschmelzungsbedürfnis. Das war bisher nicht bewusst. Sie können ein von aller Welt bewunderter Erfolgsmensch sein, und trotzdem in dieser kindlichen Art an Ihre Umwelt gebunden sein. Das macht Sie unfrei und erzeugt Ängste. Bevor Sie etwas gegen diese Ängste tun können, müssen Sie sich dieser Ängste bewusst werden. Sie müssen sich auf eine höhere Bewusstseinsebene begeben. Wir werden gleich Beispiele erleben für den Fall, dass diese Bewusstwerdung nicht gelingt.

Jetzt tun Sie etwas Unanständiges, Unbotmäßiges: Sie nehmen ein kleines Messerlein und schneiden die Verbindung zwischen Ihrem Selbst und diesen Objekten, diesen Mutter-Vertretern durch.

Das hat für Sie gleichzeitig etwas Beunruhigendes und Befreien­des. Die Beunruhigung liegt darin, dass Sie weiterhin nicht wissen, wel­che Wertschätzung Sie bei diesen seelischen Objekten genießen. Aber Sie spüren und hoffen, dass Sie Ihren Selbstwert unabhängig davon erhalten können.

Nach Überwindung des Verschmelzungsbedürfnisses erscheint die­se Tat jetzt aufrührerisch und mutig. Und jemand, der diesen Schritt, wie es sich gehört, im dritten Lebensjahr vollzogen hat, könnte mei­nen, hier wäre schon früher mehr Mut erforderlich ge­wesen. Doch das ist eine Verkehrung von Ursache und Wirkung:

 Jetzt erscheint dieser Loslösungsschritt notwendig und nor­mal, und wenn er vollzogen ist, entsteht das Gefühl einer mutigen Entscheidung. Aber ohne die Loslösung hat der Mut kein Objekt. In der Verschmelzungs-Beziehung findet das Selbst keinen Gegner, weil es diesen Gegner außerhalb des Selbst, außerhalb seiner Anbindungen, sucht und dort gibt es nichts.

 Verordnen Sie sich Trauer und Angst!

Wenn man diesen Schritt der inneren Loslösung unternimmt, dann muss man sich Trauer verordnen. Die Objekte, von denen Sie sich lösen, spielten für Sie bisher die Rolle einer Mut­ter, auf deren Liebe Sie ab jetzt verzichten wollen. Das wird in Ihnen ein intensives Gefühl der Trauer erzeugen. Dieses Gefühl der Trauer gilt es zu ertragen, ohne es zu bekämpfen oder zu verdrängen. Einfach ist es nicht!

Der Schwierig­keitsgrad dieser Hürde ergibt sich aus der Stärke des bisher ver­drängten Angstgefühls. Es spiegelt die Lebensbedrohung des Kleinkin­des wider, das sich von seiner Mutter getrennt sieht. Trennungsangst! Für das Kleinkind eine übermenschliche Angst, eine Angst, die nicht verarbeitet, sondern verdrängt worden ist. In dem Ni­schendasein dieser Verdrängung hat die Angst das Wachstum ins Erwach­senendasein mit vollzogen. Das heißt, diese Angst, wenn sie aus der Verdrängung hervortritt, ist immer noch „übermenschlich“ groß - auch wenn der Erwach­sene jetzt vor dem Alleinsein keine Angst mehr zu haben braucht

Die Angstbereitschaft unterliegt hier einer Dreisatzrechnung: Ein angstauslösendes Moment, das für das Kleinkind lebensbe­drohend war, erscheint heute dem Erwachsenen, nach der wachstumsbedingten Vergrößerung, lebensbedrohend und nimmt infolgedessen überdi­mensionale, vernunftwidrige Dimensionen an.

Wenn Sie sich mit diesem Problem auseinander setzen, werden Sie erkennen, dass der Titel des hier gleich unten erwähnten Buches von Martin Walser „Vertei­di­gung der Kindheit“ ironisch gemeint ist. Es ist das erste von drei Beispielen, die das gewaltige Problem der „großen Ängste“ und des kindlichen Verschmelzungs­wunsches verdeut­lichen sollen. Sie können die Beispiele natürlich übergehen und auf Seite 118 weiterlesen.

Drei Beispiele für eine Mutterbindung, die nicht aufgelöst wurde

1)Verteidigung der Kindheit (nach Martin Walser)

Die Schwierigkeit, erwachsen zu werden

Welche Qualen ein fehlendes Selbstvertrauen bereitet, lässt sich an dem Buch „Verteidigung der Kindheit“ von Martin Walser nacherleben. Es zu lesen, ist eine Qual für jeden, der selbst von diesem Problem betroffen ist. Man kann nur staunen, wie genau diese Schwierigkeit in dem Roman abgebildet wird.

„Gehöre ich dazu? Ich gehöre nicht dazu! Warum gehöre ich nicht dazu?“ sind die selbstquälerischen Fragen, die dem Alfred Dorn das Leben vergällen. Jede Begegnung wird für ihn zum Problem. Denn jede Äußerung wird daraufhin überprüft, ob man sich über ihn lustig macht, ihn ignoriert oder nicht achtet. Diese Ungewissheit kann er nicht ertragen. Jeder dieser Zweifel trifft seine Selbstachtung und seinen Lebenswillen ins Herz.

Beklemmend die vergeblichen Versuche einer Selbsthilfe und Selbsterziehung. Alfred Dorn erkennt, dass er nicht erwachsen ist. Er denkt, „eigentlich möchte ich gar nicht erwachsen werden. Ich möchte nur wissen, wie man sich als Erwachsener verhält.“

So wie er in dem Buch dargestellt wird, hat er während seines ganzen Lebens eine übertrieben starke Bindung an seine Mutter gehabt. Offenbar eine unbewusste, aus der frühen Kindheit herrührende Mutterbindung, die darauf hindeutet, dass die Ablösungs­aufgabe in der entsprechenden Kindheitsphase geschei­tert ist. Das kindliche Verschmel­zungs­bedürfnis bleibt dann weiter bestehen und beherrscht sein Leben, auch wenn der persönliche Kontakt zu seiner Mutter irgendwann aufhören würde.  

Die Frage der Fragen: Was mache ich falsch?

Die selbstzweiflerische Dauerfrage lautet, „was mache ich falsch?“ Er erwartet die Lösung dieser Frage von außen; die andern sollen ihm zeigen, dass er dazu gehört, dass er ein Mann ist. Doch diese Bestätigung wird er niemals erhalten. Darauf kann er ein ganzes Leben lang warten. Nur eine Auseinandersetzung mit seinem Problem, eine Selbsterkenntnis, ein Schritt in die Richtung der Ästhetikachse könnte ihm Klarheit über seine Lage verschaffen.

Den berühmten Kapitän Ahab (siehe S. 110) werden wir in der gleichen Schwierigkeit sehen. Auch dort:

 

Die kindliche Angst, sich nach Auflösung einer solchen Bindung allein in der Welt zu finden;

 

 

 

 

die Angst, allein in der Welt nicht bestehen zu können;

 

 

 

 

das Beherrschtwerden durch ein ganz starkes Gefühl;

 

 

 

 

die Notwendigkeit, das Verschmelzungsbedürfnis, die Bin­dungs­illusion,  bewusst aufzugeben;

 

 

 

 

das starke Gefühl der Angst, das dadurch ausgelöst wird, ohne Intention durchzustehen;

 

 

 

 

das starke Gefühl der Trauer ertragen zu lernen,.

Am Ende dieser Entbehrungstour würde Alfred Dorn vielleicht in den Augen einiger seiner Mitmenschen immer noch nicht dazu gehören. Doch die Frage, das Problem, hätte keine Bedeutung mehr für ihn.

Am Schluss, auf S. 512 (Suhrkamp, Taschenbuchausgabe), gelangt er selbst zu dieser Einsicht. Er sagt über sich selbst, über Alfred: „Er müsste seine Einsamkeit ohne Milderung ertragen!“

Doch geht es ihm dabei wie dem „Bettler von Berlin“ (siehe unten): Er hält die Hürde für nicht übersteigbar. „Man müsste eine Frustrationstoleranz entwickeln, die gibt es gar nicht!“ Diese Hürde ist tatsächlich nicht übersteigbar, solange die kindliche Herkunft des starken Gefühls nicht durchschaut wird. 

2) Berlins berühmtester Bettler

Auch ohne Selbstvertrauen versucht man sich anzupassen

Stephan geht durch die U-Bahn und ruft mit hoher Piepsstimme „Haben Sie bitte ein paar Groschen für meinen Leeebensmuuut“.

So beschreibt Petra Wenzel „den berühmtesten Bettler von Berlin“ (im STERN 52/2001).  Er ist 1,62 Meter groß und wiegt 27 Kilogramm. Sein Alter beträgt 39 Jahre, aber er sieht mit seinem zahnlosen Mund und eingefallenen Wangen wie ein Greis aus. Seine Mutter bezahlt die Miete für seine kleine Wohnung - gegen den Willen des über 80 Jahre alten Vaters. Er selbst ist intelligent und verfasst Texte, die er verteilt. Er hat das Abitur gemacht und acht Semester Physik studiert. Das Betteln ist sein minderwertiger Appell an die Umwelt. Zurückweisungen und Beleidigungen erlebt er selten. Das liegt an der Bedürftigkeit seines Aussehens. Die Spenden, damals circa 100 DM in der Woche, nimmt er als Liebesbeweise. Die sind für ihn von entscheidender Bedeutung, wie er selbst sagt.

Manchmal wird er von seinen Eltern eingeladen, etwa zum Spargelessen. Mit seiner Schwester spielt er dann Scrabble. Wenn er verliert, dann heult er. Der Schmerz geht über seine Belastungsgrenze, und er weiß das: „Man braucht eine Frustrationstoleranz, die gibt es gar nicht.“ Dieser Satz reiht sich mühelos ein in die Reihe unserer Schlüsselsätze:

 

Kannst Du mich nicht einmal in Ruhe lassen.

 

 

 

Wenn Sie Ihren Hofnarren noch so lange um sich haben wollen....

 

 

 

 

Frauen und Kinder zuerst in die Boote,

 

 

 

Man braucht eine Frustrationstoleranz, die gibt es gar nicht.

In Hinsicht auf Belastungsgrenzen dürfen wir Stephan als Fachmann ansehen. Er heult, wenn er im Scrabblespiel verliert. Das heißt, er wird von Gefühlen überschwemmt. Wenn man die Situation von außen, vernünftig betrachtet, kann man sagen, die Stärke seiner Gefühle wäre in dem Fall angemessen, dass seine Schwester ihm bei dem Spiel nach dem Leben getrachtet hätte.

Doch diese Unangemessenheit erkennt er nicht. Der Satz „Man braucht eine Frustrationstoleranz, die gibt es gar nicht“ trifft den Sachverhalt genau.  

Denn die Gefühle wachsen ins Übermensch­liche

Stephan weiß auf Grund seiner Intelligenz und auf Grund von Behandlungserfahrungen, dass seine Belastungsgrenze zu niedrig ist. Und sie ist zu niedrig. Zu niedrig ist sie angesichts der Größe seiner Gefühle. Die sind in ihrer kindlich überlieferten Unverhält­nismä­ßigkeit so übermenschlich groß, dass es ihnen gegenüber keine Frustrationstoleranz geben kann. Da hat Stephan vollkommen recht.

Aber er sieht es als Aufgabe an, gegenüber diesen Gefühlen eine Frustrations­toleranz aufzubauen. Eine unlösbare Aufgabe! Indem er seine Belastungsgrenze erhöhen will, richtet er sein Augenmerk auf die Gefühle. Durch diese Zuwendung verfestigt er die Gefühle nur. Es ist der typische Kampf gegen Gespenster. Indem man sich den Gespenstern zuwendet, verleiht man ihnen die Wirklichkeit, vor der man Angst hat.

In dieser Situation die Unangemessenheit des starken Gefühls zu erkennen, das ist die Aufgabe. Man kann sie nur lösen, wenn man die eigene Situation von einer höheren Bewusstseinsebene aus betrachten und in Frage stellen kann. Dann kann man das Einzige tun, was diese Gefühle nicht überstehen: Sie ohne Intention ertragen. Ohne Intention heißt, dass die Wut auf den Urheber der Kränkung verschwindet. Die Wut verwandelt sich dann in ein starkes Gefühl der Trauer. Man muss begreifen, dass dessen Stärke nur aus seiner kindlichen Entstehungsgeschichte herrührt und keinen Bezug zur heutigen Wirklichkeit hat.

  

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters

 

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Dr. Georg M. Peters ist Buchautor zum Themenkreis

 

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