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Deutung der
Titanic-Katastrophe
mit Hilfe des Nebenichs
Vielleicht können wir aus
einem negativen Beispiel lernen. Eine depressive Einstellung zur Zukunft kann
verheerende Folgen haben. Sie verrät sich durch Wehleidigkeit, durch Larmoyanz.
Sie lässt keine Visionen zu!
Warum müssen wir alles
hinnehmen lernen, wie es ist? Damit in der Welt alles so bleiben kann wie es
ist? Damit wir selbst so bleiben können wie wir sind? Damit wir keine
Entscheidungen treffen müssen? Natürlich nicht! Im Gegenteil! Alles zu
akzeptieren wie es ist, das ist eine Lebensmöglichkeit. So gewinnen wir eine
Einstellung, mit der wir immer, wenn es nötig ist, der Depressionsneigung in uns
das Wasser abgraben können. Das Nebenich sitzt dann auf dem Trocknen und zieht
sich zurück. Die Titanic-Katastrophe lieferte uns ein Beispiel für die
spektakulären Folgen einer Depression, die unentdeckt bleibt.
Der Kapitän und seine
Offiziere hätten Entscheidungen treffen müssen
Der Kapitän und seine
Offiziere waren diejenigen, die von einem frühen Zeitpunkt ab das unvermeidbar
näherkommende Unglück voraussehen konnten. Der erste Offizier wird erkannt
haben, dass der Kapitän handlungsunfähig war, wie oben schon gesagt. Er wird die
Notwendigkeit eigener Initiative erkannt haben. Und er war derjenige, der in
dieser Situation hätte handeln müssen: Die Rettungsboote besetzen - ohne den
melodramatischen Befehl "Frauen und Kinder zuerst" -, aber voll besetzen und
zwar nicht nur bis zur Nennlast. Die Nennlast ist so bemessen, dass ein
Rettungsboot auch bei unruhiger, rauer See noch manövrierfähig und seetüchtig
ist. Solche Rücksichten waren aber völlig überflüssig.
Die Überlebenden
berichten, dass die Stunden in den Rettungsbooten so etwas waren wie eine
Spazierfahrt auf dem Dorfteich. Es herrschte klarer Himmel, Windstille und
dementsprechend spiegelglatte See. Folglich hätte man die Boote mit fünfzig bis
hundert Prozent überbelegen können. Der erste Offizier sah das, weil es
offensichtlich war, und ihm war klar, dass es noch mindestens eineinhalb bis
zwei Stunden Zeit bis zum Untergang des Schiffes gab, auch dass durch eine
besonnene Ansprache einige beherzte Männer vom Ernst der Lage hätten überzeugt
werden können, die verbleibende Zeit sinnvoll zu nutzen.
Alle Passagiere hätten
gerettet werden können
Es war klar: Ein Teil der
Passagiere würde auf den Rettungsbooten keinen Platz finden. Für diese Personen
konnte man ein großes Floß zusammenfügen. Jedes Kind, das vor einem Gewässer
steht, über das es hinüber möchte, kommt auf diese Idee. Mit allen möglichen
Holzteilen und anderen Schwimmkörpern, die vom Schiff abzumontieren waren,
hätte man ein Floß bauen können - mit leeren Fässern und Kanistern. Auch der
letzte Zwischendeckpassagier hätte auf dem Floß seinen Platz gefunden. Danach
wäre das Floß dann von den Rettungsbooten in eine sichere Entfernung
geschleppt worden.
Das alles war dem Offizier
selbstverständlich klar. Es war vorhersehbar - vor allem auch, dass die
Situation in Hinsicht auf die Rettung aller Passagiere gar keine Dramatik barg.
Die bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit ausgenutzten Rettungsboote hätten
ohnehin schon den weitaus größten Teil der Menschen geborgen. Und für die
Herstellung eines Floßes waren Zeit, Material, menschliche Arbeitskraft und
Erfindungsgeist in Hülle und Fülle vorhanden.
Aber genauso absehbar war,
dass diese notwendige Zusammenführung vieler Tätigkeiten sich nicht von selbst
ergeben würde, dass sie ohne die Befehlsgewalt eines einzelnen nicht möglich
war, und dass derjenige, der die Befehlsgewalt innehatte, der Kapitän, zu
irgendeiner Entscheidung nicht in der Lage war.
Der Offizier hätte sich
folglich die Befehlsgewalt nehmen müssen. Die Notwendigkeit sah er und auch die
Möglichkeit, aber auch die absehbare Folge: Es wäre keine dramatische Situation
entstanden, es hätte keine tödliche Katastrophe stattgefunden. Alle getroffenen
Maßnahmen ergaben sich aus den Umständen und der Natur der Sache. Jeder
vernünftig Entscheidende hätte sie im richtigen Augenblick getroffen, wird man
später sagen. Man wird sagen, dass selbstverständlich auch der Kapitän so
gehandelt hätte, wenn der Offizier ihm nicht die Befehlsgewalt entrissen hätte.
Also wird an ihm der
Vorwurf der Amtsanmaßung, der Meuterei, hängen bleiben, gegen den er sich
lediglich mit der Behauptung wehren kann, dass der Kapitän seiner Meinung nach
handlungsunfähig war. Aber das soll erst einmal jemand im nachhinein beweisen!
Beweisen, dass der Kapitän alle diese naheliegenden Initiativen nicht ergriffen
hätte. Beweisen, dass jemand etwas nicht getan hätte, wenn ...
Unmöglich! Es hätte also
kein tödliches Unglück gegeben, nur für den Offizier ein privates - ein
Disziplinarverfahren, eine Verurteilung, zumindest eine Amtsenthebung. Dies
alles vor Augen hat der Offizier nichts getan. Er stand vor einer Hemmschwelle,
die ihn veranlasste, die Dinge treiben zu lassen, ins allgemeine Unglück treiben
zu lassen. Mit etwas mehr Charakterstärke hätte er sich darüber hinweggesetzt.
Aber die hatte er nicht - ebenso wenig wie alle andern, die in irgendeinem
Augenblick einsahen, dass das, was nötig war, nicht getan wurde, und dass die
Situation einer leitenden Hand, einer Entscheidungsgewalt bedurfte.
Hier wird eingewendet
werden, solche Schlüsse, wie sie hier in Bezug auf die Handlungsunfähigkeit des
Kapitäns gezogen werden, seien voreilig und kurzschlüssig. Eine solche
Verhaltensstörung lasse sich nicht aus der Ferne über Ozeane und Jahrzehnte
hinweg analysieren. Dazu wäre ein Einblick in die Psyche, den Lebenslauf und die
Kindheit der Person nötig und nur innerhalb einer Therapie und unter Mitarbeit
des Klienten erreichbar.
Mitnichten. Der Kapitän
litt unter einer Depression und eine Depressionskrankheit ist keine
Charaktereigenschaft, sondern ein Automatismus, wie im Abschnitt „Depression“
beschrieben wurde. Ein solcher Automatismus läuft nach einem bestimmten Schema
ab. Es ist vielleicht ganz lehrreich und bringt uns dazu, die Depression im
richtigen Licht zu sehen, wenn wir den ganzen Vorgang noch etwas direkter
beschreiben: Der Kapitän - zwar angeleitet durch sein Nebenich, was aber für
seine Umgebung ohne Bedeutung ist: Der Kapitän wollte die Katastrophe,
und da er die Macht hatte, trat sie auch ein.
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Hund: Wau!
So habe ich
den Hergang der Titanic-Katastrophe noch nie gesehen.
Herrchen: Ich kann dem nicht ganz folgen. Als der Kapitän sagte, „Frauen und
Kinder zuerst in die Boote“, da ging er davon aus, dass nur etwa ein Drittel der
Menschen gerettet werden könnte. Und es wurde nur etwa ein Drittel gerettet.
Also hat er die Situation ganz realistisch beurteilt. Außerdem: Eine so alte
Geschichte! Betrifft mich nicht!
Woff!
Du
meinst, ich habe unrecht? Ich gebe zu, es kommt mir so vor, als ob ich Ursache
und Wirkung verwechsele. Wenn der Kapitän anders gesprochen und gedacht hätte,
wären mehr Menschen gerettet worden? Aber, wer will das schon wissen?
Woff!
Ich
weiß, Du denkst an unser Badeerlebnis heute. Wir lagen am Strand des Badesees
und Lisa bat um etwas Geld, weil sie sich im Kiosk ein Eis kaufen wollte. Ich
hatte nur ein Zwei-Eurostück und gab ihr das. Etwas später kam sie weinend
zurück - ohne Eis: Sie habe das Geldstück auf dem Weg zum Kiosk verloren. Wir
fanden das Geld wieder. Das war doch Zufall. Hat nichts mit der Titanic zu tun.
Woff!
Ja -
zugegeben: Der Kapitän ging davon aus, dass nur ein Drittel gerettet würde und
es wurde nur ein Drittel gerettet. Wenn ich davon ausgegangen wäre, dass wir das
Geld im Strandsand nicht wiederfinden würden, dann hätten wir es auch nicht
wiedergefunden.
Ich
hatte Lisa gebeten, genau den gleichen Weg noch einmal zu gehen, bin mitgegangen
und nach etwa zweihundert Metern fanden wir zwischen den Füßen der spielenden
und rennenden Kinder das Geldstück. Eine Vision war nötig gewesen: Die Vision
von dem Geldstück, das im Sand liegt, noch sichtbar ist, aber von anderen nicht
sofort gefunden wird.
Eine
Vision hätte auch der Kapitän der Titanic haben müssen. Aber er hatte keine.
Wau!
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Gesund
sein heißt, Visionen haben.
Die Depression eines
einzelnen Menschen, in diesem Falle des Kapitäns, ist eine winzige Ursache im
Vergleich zu den verheerenden Folgen des Titanic-Unterganges. Vielleicht war es
die eine Äußerung "Frauen und Kinder zuerst in die Boote", die mit ihrer
Melodramatik dafür gesorgt hat, dass die Depression des Kapitäns das ganze
Schiff befallen hat.
Wir haben gesehen: Solange
das Ich sich auf eine Argumentation mit dem Nebenich einlässt, handelt es im
Sinne des Nebenichs und versinkt mehr und mehr im Sumpf der Depression. Die
Rettung besteht im Abbruch des Denkvorgangs: Die Argumente und falschen
Gewichtungen des Nebenichs nicht beachten!
Verdichten Sie das Gelesene
zu einem Sinnbild!
Sie müssen die eigenen
Denkvorgänge wahrnehmen und eine Strategie entwickeln, die der Zielsetzung des
Nebenichs zuwiderläuft! Das setzt eine Bewusstseinsebene voraus, die oberhalb
des depressiven Prozesses gelegen ist.
Am Beispiel des
Titanic-Untergangs:
"Ich werde alt, die
Technik wird immer komplizierter, ich komme immer weniger damit zurecht, alles
wird immer schlechter, jetzt geht auch noch mein Schiff unter".
Das Gefährliche an diesem
Denken ist, dass keiner der Gedanken offensichtlich falsch ist. Deshalb ist auch
die dahinter sich verbergende Absicht des Nebenichs, ein falsches Bild der
Wirklichkeit zu erzeugen, nicht auf Anhieb zu durchschauen.
Das verallgemeinerte
Problem besteht darin, depressive von vernünftigen Gedanken zu unterscheiden und
zwar bei sich selbst:
Das Merkmal ist die
Wehleidigkeit. Die depressiven Gedanken erscheinen logisch. Der Kapitän mit
seinem Befehl „Frauen und Kinder zuerst in die Boote“ glaubte, vernünftig zu
handeln. Aber er hat dieses Tun nicht hinterfragt, oder er konnte es nicht
hinterfragen. Andernfalls wäre die Wehleidigkeit sofort deutlich hervorgetreten.
Wir können den Untergang der Titanic als ein Sinnbild, als eine Parabel
betrachten - eine Depressionsparabel.
Wichtiges Element, wie
schon gesagt, ist der Satz „Frauen und Kinder zuerst in die Boote“, dessen
Wehleidigkeit uns als Anzeiger für das Herannahen einer akuten Depression dient.
Lassen Sie sich von einer
Vision leiten
Ein weiteres Element ist
das Floß, das hätte gebaut werden sollen. Es zeigt uns, wie wichtig für das
praktische Handeln eine Vision ist. Diese Vision erforderte keinen großen
Einfallsreichtum, keine große Erfindungshöhe. Hier gilt das Wort von Goethe:
„Das Nächstliegende zu tun, schließt die Vollkommenheit ein.“ Die Vision eines
Floßes war in diesem Falle das Allernächstliegende. Aber wir sehen: Eine solche
Vision zu entwickeln ist Merkmal der gesunden Einstellung. Die depressive Sicht
schließt sie aus - da sei das Nebenich vor.
Eine Vision haben,
Phantasie, einen Plan entwickeln, Entscheidungen treffen, Verantwortung
delegieren!
Die Mentalität der
Betroffenen: Es brach keine Panik auf dem Schiff aus. Mit stoischer Ruhe und
Schicksalsergebenheit wurde das absehbare Ende erwartet. Aber man stelle sich
den eisigen Ring vor, der sich unerbittlich um jedes Herz legte, es langsam
zusammenschnürte und dann erstickte. Als Kontrast dazu die andere
Möglichkeit: Das Beteiligtsein aller, der Einfallsreichtum, der sich wecken
ließ, die Zufriedenheit der vielen, das Erfolgserlebnis einer gemeinsamen Tat,
das Erlebnis der Rettung, das vorenthalten wurde.
Der Inhalt des Sinnbildes
„Untergang der Titanic“ lautet:
Jeder
Mensch steht in jedem Augenblick vor einer solchen Wahlmöglichkeit.
Verantwortlich (c) für Text und
Inhalt: Dr. Georg M. Peters
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