Depression
Die Depression ist das
gefährlichste der hier beschriebenen Krankheitsbilder, weil dabei eine momentane
Verschlechterung der Gemütsverfassung eintritt. Bei den andern Krankheitsbildern
ist das nicht unbedingt der Fall, wenn sie sich nicht mit einer Depression
verbinden. Im übrigen ähnelt das Depressionsgeschehen
den oben beschriebenen Kreisläufen:
a)
Depressives Denken
Es findet eine geistige
Tätigkeit in der Art statt, dass ein Gefühl der Bedürftigkeit
entsteht: Alle negativen Erfahrungen und Erwartungen werden überbetont, alle
positiven unterdrückt. Die Gegenwart
und die Zukunft
werden problematisiert, die Vergangenheit
als verfehlt, die Zukunft als bedrohlich angesehen.
b)
Minderwertiger Appell
Nahestehenden Personen werden
bösartige Absichten und grobe Verfehlungen unterstellt, die für den
gegenwärtigen Niedergang verantwortlich gemacht werden. Diese Einstellung drückt
sich entweder in Form von Vorwürfen aus oder als trotziges Verstummen und
Abwenden. Der Umwelt bleibt es dann überlassen, durch Fragen und Herumraten
den heutigen Grund der Verstimmung zu ergründen und zu erforschen.
c)
Zurückweisung
In kindlicher Weise wird von
der Umwelt die Übernahme einer liebevollen Mutterrolle erwartet. Die Umwelt
soll in reuiger Zerknirschung ihre bisherigen Verfehlungen eingestehen,
liebevolle Zuwendung zeigen und ewige Besserung versprechen. In einer
Erwachsenenwelt findet das normalerweise nicht statt. Vielleicht bleibt eine
Antwort ganz aus. Aber auch wenn sie gegeben wird, bleibt sie weit hinter den
kindlich maßlosen Erwartungen
zurück. Denn die Erwartungen zielen wieder in Richtung auf eine Verschmelzung.
Deshalb empfindet der Depressive
das Verhalten der Umwelt in jedem Fall als grobe Zurückweisung.
d) Wut
Dadurch haben sich die unter
(a) angeführten Wertverschiebungen scheinbar in schlimmster Form bestätigt. Es
entsteht ein Hassgefühl gegen die betreffenden Bezugspersonen und eine Wut.
Der Einflussbereich dieser
negativen Gefühle dehnt sich im Verlauf ständig gleichförmig wiederholter
Erfahrungen immer weiter aus, bis er die gesamte Umwelt erfasst. Die Wut wandelt
sich wegen ihrer kindlichen, aus dem Kindheitserlebnis
herrührenden Maßlosigkeit in einen Vernichtungs- und Tötungswillen. Wegen
dieser Maßlosigkeit ist das Hassgefühl seinerseits ein Angstauslöser,
der schon in früher Kindheit tabuisiert
wurde.
Das heißt, es gibt für den
Depressiven
keine gesellschaftlich zugelassene Form, seinen Ärger in Handlung gegen andere
Personen umzusetzen. Aus diesem Zwiespalt verabschiedet sich das Ich, wie weiter
oben beschrieben, durch Abdankung, indem es seinen Platz dem minderwertigen
Nebenich
einräumt.
Damit wiederholt sich der
Kreislauf:
Das depressive Denken
gemäß (a) entspricht den Absichten des Nebenichs,
der kindliche Appell
an die Umwelt gemäß (b) entspricht dem Reifegrad dieses Nebenichs,
ebenso wie
die unendliche Erwartung gemäß
(c) und
die maßlose Enttäuschung gemäß
(d)
.
Der depressive Erwachsene
handelt hier als Kleinkind,
während sein reifes, erwachsenes Ich ohne Hoffnung zuschaut. Die
sensationellste Form des minderwertigen Appells
ist der Selbstmord.
Dabei wird die Zurückweisung
erwartet und gleich vorweggenommen.
Resignation
Der krankhafte Fluchtraum, in
den die drei beschriebenen Kreisläufe sich zurückziehen können, ist die
Resignation. Gegenüber den Abgründen der Depression ist die Resignation ein
reines Erholungsgebiet. Denn der resignative Kreislauf ist der stabilste der
hier beschriebenen Zustände.
Die Resignation
hat die gleichen unbewussten Wurzeln wie die oben beschriebenen Kreisläufe.
Der Unterschied besteht nur darin, dass alle spektakulären Handlungsabläufe
unterbleiben bzw. vermieden werden:
-kein lautes
In-die-Öffentlichkeit-tragen der Bedürftigkeit
wie beim Pennerkreislauf,
denn die selbsterhaltende Tätigkeit wird nicht so weit eingestellt wie bei
diesem,
-
keine leidenschaftlichen
Tätigkeitsausbrüche wie beim dilettantischen
Kreislauf,
-
kein Selbsthass
und keine Abwertung der Erfahrung wie bei der Depression – also auch keine
Entthronung des Ichs.
Statt dessen schafft sich der
Resignierte eine rosa ausgeleuchtete, bequem ausgepolsterte Scheinwelt:
d)
Groll
Die Kontakte zur realen Umwelt
werden als niederdrückend und die dabei gesammelten Erfahrungen als eine Kette
von Niederlagen und Zurückweisungen
empfunden - wie in den andern drei Frustrationskreisen.
Die daraus folgende Wut, verbunden mit einem kindlich absoluten Tötungswunsch,
ist, wie schon gesagt, tabuisiert
und verdrängt. Was zum Bewusstsein vordringt, ist eine Mischung aus
Selbstmitleid und Groll,
die ihrerseits zur Verdrängung
beitragen: Hinter der erlebten Zurückweisung
wird eine lebensbedrohliche Feindschaft vermutet - eine Scheinwahrnehmung, die
als Wirklichkeit genommen wird, und die vom Bewusstsein ferngehalten werden
muss, weil sie zu schmerzhaft ist.
a)
Abwendung
Hier herrscht die Einstellung,
dass nicht sein kann, was nicht sein darf. Groll
und Abwendung stellen die Dinge wieder ins Lot: Da aggressives Verhalten
gegen die Umwelt verboten erscheint, so dienen der Groll und die Abwendung als
Ersatzhandlungen.
Sie erzeugen die Illusion, „ich habe den bösen anderen eine passende Antwort
erteilt“. Wenn dieses Gegenüber ebenfalls ein Depressiver
ist, dann geht die Rechnung sogar auf. Denn Groll verbindet sich mit Abwendung.
Und Abwendung wird von einem Depressiven als tief verletzend erlebt. Die
Botschaft lautet, "ich liebe dich nicht".
Gemeint ist sie als eine tödliche Verletzung, und von einem Depressiven wird
sie genau in diesem Sinne empfangen und verstanden.
Auf der resignativen Ebene
kommt es aber kaum noch zu solchen Gegnerschaften. Ein gesundes Gegenüber würde
die Abwendung ohnehin nicht als Beleidigung erleben. Für den Resignierten gilt
aber: Groll
und Abwendung lagern sich als undurchlässige Schutzschicht um die tabuisierten
Zonen und sorgen für immer weitergehende Vermeidung von Kontakten.
b)
Illusion
Dieses Fluchtverhalten
ist maßgeblich für die Erhaltung des resignativen Gleichgewichts. Um ein
Gleichgewicht handelt es sich hier tatsächlich, das im Gegensatz zur depressiven
Gemütsverfassung auf große Dauer angelegt ist. Denn durch das Fluchtverhalten
kann die Illusion einer Harmonie mit der Umwelt aufrecht erhalten werden. Diese
Illusion nährt sich von dem oben beschriebenen Glauben,
„ich habe dem Beleidiger eine
gehörige Abfuhr erteilt, und nun ist alles wieder gut. Alle, von denen ich mich
im Groll
abgewendet habe, bedauern ihr Fehlverhalten,
und hoffen nur auf eine Gelegenheit, mich um Verzeihung zu bitten und mir ihr
Wohlwollen zu zeigen.“
Nur - dieses Wieder-gut-sein
auf die Probe zu stellen, dazu fehlt der Mut.
Oder besser: Vielleicht würde
sich der Glaube an die Harmonie bestätigen. Aber der Nutzen, der daraus
erwächst, steht in keinem vertretbaren Verhältnis zu dem erwarteten Schaden,
der nach einer Enttäuschung
eintreten würde - verbunden mit einer, wie es scheint und befürchtet wird,
tödlichen Verletzungsgefahr.
c)
Vermeidung von Zurückweisungen
Durch die Vermeidung von
Kontakten
werden nun auch Zurückweisungen
vermieden. Auf diese Weise wird ein relativer Lustgewinn erzielt: ein
Erfolgserlebnis, wenn auch ein recht trauriges.
Auf diese Weise stabilisiert sich der Kreislauf selbst.
a) Einer
Herausforderung ausweichen
Es kann sein, dass
Selbsteinschätzung und Fähigkeiten auseinander klaffen. Die Umwelt schätzt die
Fähigkeiten eines Menschen hoch und richtig ein. Er selbst jedoch traut sich
nichts zu – auf Grund von Einreden in der Kindheit: „Du kannst nichts, Du taugst
nichts, Du bist nicht liebenswert!“ Wenn ihm eine Aufgabe gestellt wird, so
weicht er so lange wie möglich aus. Setzt er sich schließlich gezwungener maßen
mit dem Problem auseinander, fühlt er sich überfordert. Die Überforderung
bedeutet Stress.
b) Angst vor
dem Versagen
Weil die Fähigkeiten gegeben
sind, wird die Aufgabe gut bewältigt, aber wegen der Angst vor dem Versagen wird
die Aufgabe mit zu großem Kraftaufwand angegangen. Das Soll wird stets
übererfüllt; und diese Übererfüllung bedeutet wiederum Stress. Sie ist auch
eine Art minderwertiger Appell an die Umwelt.
c)
Der Erfolg wird geleugnet
Die Aufgabe ist
zufriedenstellend gelöst, und die Anerkennung bleibt nicht aus. Doch auch in
diesem Falle stimmen Anerkennung und Erwartungshaltung nicht überein. Der Erfolg
und die Anerkennung könnten genossen werden. Doch dazu ist der Mensch nicht in
der Lage. Denn die eigenen Fähigkeiten sind nicht bewusst. Erfolg und
Anerkennung werden nicht begriffen, sondern als unverdient angesehen. Der Mensch
denkt: „Ich habe die Umwelt getäuscht, oder der Zufall war im Spiel. Ich habe
noch einmal Glück gehabt. Gut, dass keiner erkannt hat, was ich für eine Niete
bin.“
Natürlich entsteht Angst, denn
„bei der nächsten Herausforderung werde ich nicht wieder so viel Glück haben.“
Und Angst bedeutet Stress.
d)
Der Stress untergräbt die Leistungsfähigkeit
Aus Angst vor der nächsten
Herausforderung verfällt der Mensch in Untätigkeit. Oder er entfaltet eine rege
Tätigkeit auf Feldern, in denen sein Selbstvertrauen intakt ist. Doch beides,
sowohl diese Ersatztätigkeiten wie auch die Untätigkeit, führen nicht weiter.
Denn die eigentlichen Aufgaben bleiben unerledigt. Auch dieser Widerspruch
zwischen Sollen und Tun erhöht wieder den Stress.
Wir hatten es gesehen: Für
beides, für das fehlende Selbstvertrauen und für die fehlgeleiteten
Kraftanstrengungen, sind die nicht aufgeräumten Trümmerwüsten in der
Vergangenheit maßgeblich.
Angst und Stress
beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit und führen zu einem Rückzug vor der
Realität. Der Stress kann zu körperlichen Symptomen wie
Herzrhythmusstörungen und anderem führen und damit das Gefühl der
Minderwertigkeit gemäß (a) verstärken. So schließt sich der Kreislauf.
Verantwortlich
(c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters
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