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Entziehen Sie sich dem Zwang zum Grübeln!
Wenn Sie depressiv sind, können Sie an sich
einen Zwang zum Problematisieren, zur Auseinandersetzung mit den Problemen von
Morgen und Übermorgen beobachten. Entziehen Sie sich diesem Zwang! Das ist
allerdings nicht einfach und es kann nur gelingen, wenn Sie diesen Zwang als
Zwang erkennen und ihm nicht bereitwillig nachkommen, wie es im Sinne des
Nebenichs wäre.
Nehmen Sie alles so hin, wie es ist! Doch
dieser Versuch stößt auf inneren Widerstand. Und dieser Widerstand ist immer
gerade dann am größten, wenn wir des inneren Gleichgewichts am dringendsten
bedürfen.
Wir hatten gesehen: „Ich bin tot“, das war
der entscheidende Gedanke! Was bedeutet das? Hier noch einmal zusammengefasst:
Nötig sind im Falle einer akuten Depression
gleichbleibende Denkformeln, rhetorische Fragen, die ihre Antworten gleich
mitliefern. Diese Formeln haben keine andere Aufgabe, als das Denken
abzustellen.
Es ist kein schlagartiger Sieg über das
Nebenich, der damit erreicht werden kann, sondern die Einleitung eines
Prozesses, der sich über einige Stunden hinziehen kann.
Der Rollentausch spielt sich selbständig im
Unbewusstsein ab, und ein bewusstes Eingreifen in unbewusste Vorgänge ist nicht
möglich. Die Einflussnahme muss sich beschränken auf das, was im Bewusstsein
wahrnehmbar ist, was man an sich selbst wahrnehmen kann.
Der Handlungsraum für diese inneren Vorgänge
ist die Einstellungsebene. Benutzen Sie die folgenden vier Meditationsformeln,
um Ihre Einstellungen zu überprüfen:
Die erste und
wichtigste Formel
Sie lautet, "ich bin tot" oder "ich habe mir
das Leben genommen". Dadurch wird die letzte Zielsetzung des Nebenichs vorweg
genommen.
Hier wird der Unterschied zwischen
Handlungsebene und Einstellungsebene am deutlichsten: Sie denken, ich
habe mir das Leben genommen, aber Sie nehmen sich nicht das Leben.
Der Gedanke, „ich bin tot“ darf allerdings
nicht nur eine leere Formel sein. Sie müssen ihn mit Inhalt füllen, ihn
„glaubwürdig“ machen. Ihn glaubwürdig machen? Wie soll das gehen? Indem Sie sich
klarmachen, dass Sie eines Tages tatsächlich sterben werden. Und dieser Tag in
der Zukunft wird dann, wenn er da ist, ein „Heute“ sein - genau wie der jetzige
Tag ein „Heute“ ist. So erkennen Sie, dass der Gedanke „ich muss heute sterben“
oder „ich bin heute gestorben“ ein realistischer Gedanke ist.
Welchen Sinn soll das haben? Auf diese Weise
besiegen Sie Ihr Nebenich. Das wird allerdings kein schlagartiger Sieg sein. Der
Vorgang läuft nicht so vernünftig ab, wie er sich hier darstellt. Denn sie
wollen einen Prozess beeinflussen, der unbewusst in Ihrem Inneren stattfindet.
Durch die Meditation wollen Sie den Kontakt zu ihrem Nebenich aufnehmen.
Unbewusste Prozesse können Sie aber nicht willentlich beeinflussen.
Also haben Sie Geduld! Indem Sie Ihr Denken
beeinflussen, indem Sie denken „ich bin tot“, machen Sie ein Angebot. Wie Ihr
Inneres darauf reagiert, müssen Sie abwarten. Aber eines wissen Sie sicher: Wenn
Ihr Inneres darauf reagiert, werden Sie es merken.
„Ich bin tot!“ Alle Probleme fallen in sich
zusammen, da sie mich nach meinem Tode nicht mehr interessieren. Meine
Aufmerksamkeit reduziert sich auf den gegenwärtigen Augenblick, meine
Wahrnehmung beschränkt sich auf die Selbstwahrnehmung und auf das Schauen,
Hören, Riechen meiner Umgebung. Alle diese Eindrücke interpretiere ich als
Eindrücke aus dem Jenseits, als mein Weiterleben nach dem Tode.
Wie sehr gleicht diese Einstellung der
Einstellung eines gläubigen Christen! Er hört in sich die Botschaft "Ich bin
für Euch gestorben", versetzt sich in die Rolle des gekreuzigten Christus und
befasst sich im Geiste mit seinem Leben im Jenseits. Es gibt aber keine
Religion, die nicht eine entsprechende, bildhafte Formel bereithält.
Die zweite Formel:
Konzentrieren Sie sich
auf den gegenwärtigen Augenblick
Die zweite Formel lautet, "Kann ich es noch
ertragen?" - "Kann ich es jetzt, in diesem Augenblick, noch ertragen?" - und
lenkt die Aufmerksamkeit ab von Zukunft und Vergangenheit auf den gegenwärtigen
Augenblick. Die Antwort lautet stets, so lange ich diese Frage noch stellen
kann, "Ja, ich kann es noch ertragen", denn sonst könnte ich die Frage nicht
stellen. "Will ich irgend etwas anders haben?" - "Nein!"
Auch das darf keine leere Formel sein. Werden
Sie dessen inne, was Sie besitzen! Haben Sie Augen zum Schauen? Das ist nicht
selbstverständlich. Nichts ist selbstverständlich. Eine sehr einfache Wahrheit –
eigentlich zu einfach, um sie hier überhaupt zu erwähnen. Aber das Nebenich will
den Blick auf diese einfachen Wahrheiten verstellen.
Die Anonymen Alkoholiker wenden diese
Meditationsformel schon seit langem an. Wenn ein Mitglied sich entschließt, auf
Alkohol zu verzichten, leidet er in der ersten Zeit besonders stark. Er wird
dann angeleitet, nicht zu denken, dass er für alle Zukunft auf das Suchtmittel
verzichten will. Stattdessen soll er sich fragen, ob er jetzt, in diesem
Augenblick auf Alkohol verzichten kann.
Die dritte Formel:
Ertragen Sie die
Einsamkeit!
Das Floß! Ich schwimme auf einem Floß im
Ozean. Ich sehe, wie Leute sich am Rande des Floßes hochziehen wollen. Ich stoße
sie alle zurück ins Wasser. Es sind Leute, mit denen ich morgen Termine habe,
mein Arzt, ein Finanzbeamter, mein Chef, aber auch Freunde, Feinde, meine
Angehörigen, denen ich morgen begegnen werde.
Das klingt wenig menschenfreundlich. Aber zu
der Formel "Ich bin tot" passt kein Vorsatz "Ich möchte den Menschen helfen".
Ein Toter kann niemandem helfen. Diese Formel soll keine Anleitung zu einem
falsch verstandenen Egoismus sein, sondern sie trägt dem Unterschied zwischen
verschiedenen Bewusstseinsebenen Rechnung. Der Depressive, der automatisch von
seinem Verschmelzungstrieb gelenkt wird, braucht diese Meditationsebene, um sich
jedenfalls hier von allen Bindungen zu befreien.
Wieder wird der Unterschied zwischen
Handlungsebene und Einstellungsebene deutlich. Halten Sie die deutlich
auseinander: Das Floß, das man hätte bauen können, um die Passagiere der Titanic
zu retten, gehört in die Handlungsebene. Das hier genannte Floß existiert nur
in der Einstellungsebene. Auf der Einstellungsebene wird jeder zurückgestoßen.
Auf der Handlungsebene wird jeder gerettet - ein ähnlicher Unterschied wie bei
der ersten Formel.
Die vierte Formel:
Befreien Sie sich von
allen Problemen!
Die Formel lautet: Alles ist vorherbestimmt.
Ich habe keine Willensfreiheit! Ich lasse mich während dieser Meditation von
einer fatalistischen Grundeinstellung leiten: Es ist sinnlos, dass ich mir
Gedanken über die Zukunft, über den morgigen Tag, mache, da ohnehin jede meiner
Handlungen, meiner Worte, meiner Gedanken, vorherbestimmt ist. Deshalb mache ich
mir auch nicht die Mühe, mein vergangenes, mein gestriges Verhalten zu bewerten.
Es lag ohnehin außerhalb meines Willens und meiner Möglichkeiten, anders zu
handeln.
Auch diese Formel deckt sich wieder mit einer
christlichen Glaubensformel: "Gott, Dein Wille geschehe!"
Verweilen Sie im
Zustand des Nichtwollens!
Wenn Sie sich in einer akuten Depression
befinden, fahren Sie fort mit denjenigen Meditationen, die ich hier später
einführen und in einem „Sektor B“ zusammenfassen werde. Die vier oben genannten
Formeln gehören dem Sektor A an. Die Meditationen aus Sektor A streben eine
Zustandsänderung an: Den Übergang vom Zustand des Wollens zu dem des
Nichtwollens. Sektor B dagegen bildet den Zustand des Nichtwollens ab. Verweilen
Sie einige Zeit im Sektor B, also im Zustand des Nichtwollens – wenn sie
depressiv sind, solange, bis sie merken, dass die Depression abklingt.
Die große Entdeckung der christlichen und der
islamischen Epoche, oder einer noch älteren jüdischen Tradition, die religiöse
Vorstellung von einem persönlichen Gott, hat sich in seelischer Hinsicht als
äußerst wirksam erwiesen. Die religiösen Begriffe sind im Laufe der Zeit jedoch
immer mehr in Frage gestellt worden, weil die Unterscheidung zwischen
verschiedenen Bewusstseinsebenen, zwischen Innenraum und Außenraum, nicht streng
durchgeführt wurde. Krisen und Katastrophen finden im äußeren Raum statt, und
deshalb ist die Frage, "Wie konnte Gott das zulassen?" von vorn herein sinnlos.
Das Ansehen dieser religiösen Überlieferungen hat darunter gelitten, dass ihre
Einstellungen und bildhaften Vorstellungen nicht als Einstellungen und
bildhafte Vorstellungen gewertet, sondern als vorgebliche Wirklichkeiten in die
Außenwelt projiziert wurden. Aber im Bewusstseinsraum sind sie so wertvoll,
dass man sie erfinden müsste, wenn es sie nicht gäbe.
Unterscheiden Sie zwei Ebenen!
Die zwei Ebenen, die Sie unbedingt
auseinander halten müssen, sind die Einstellungs- und die Handlungsebene. Vor
allem deshalb, weil ein großes Bedürfnis besteht, beide zu vermischen. Auch in
unserer aufgeklärten Gesellschaft nehmen Wunschdenken und magisches Denken einen
großen Raum ein. „Ich muss nur heiß und leidenschaftlich genug wünschen, dann
geht der Wunsch auch irgendwie in Erfüllung.“ Diese Ansicht wird auch durch
manche Schule des sogenannten „positiven Denkens“ noch unterstützt.
Mit dem Wunsch bewegen Sie sich auf der
Einstellungsebene, die Erfüllung findet statt auf der Handlungsebene. Das
magische Denken setzt beide Ebenen gleich und erreicht durch diesen Missgriff
meist das Gegenteil dessen, was gewünscht wird. Denn der leidenschaftliche
Wunsch erzeugt zwangsläufig eine große Angst davor, dass der Wunsch nicht in
Erfüllung gehen könne. Und Angst sorgt dafür, dass das Gegenteil des Gewünschten
eintritt. Sprichwörtlich heißt das dann, „das Unglück wurde herbei gefürchtet.“
Verantwortlich (c) für Text und
Inhalt: Dr. Georg M. Peters
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