|
Anwendung des Stratagems
Oben (vorhergehend = Juni 2009) wurde schon
eine „Strategie der Verhaltensänderung“ beschrieben. Die Wiederholungen, die Sie
im folgenden Abschnitt finden, sollen diese Anleitung zu einer bildhaften
Vorstellung verdichten. Deshalb auch der Vergleich mit dem Regenwurm. Es geht
dabei nicht so sehr um Erkenntnis, sondern darum, das Stratagem zu einem
brauchbaren Werkzeug auszugestalten.
Erschaffen Sie sich
ein moralisches Skelett!
Wie antwortet ein Regenwurm, wenn er vor die
folgende Wahl gestellt wird: Entweder Dein Leib bleibt so dehnbar und in jeder
Richtung beweglich, wie er ist, oder Du erhältst ein Knochengerüst, ein
Innenskelett, wie es die Säugetiere und auch die Menschen haben? Das Gehirn des
Wurms besteht nur aus vier Ganglienzellen, und deshalb ist sein geistiger
Horizont etwas eingeschränkt. Vielleicht wird er sagen, dass er auf das Skelett
verzichte. Es schränke seine Bewegungsfreiheit zu sehr ein. Wir jedoch, mit
unserem etwas weiteren Horizont, urteilen, dass er im Gegenteil eine große
Zahl von Freiheiten dazu gewinnen würde.
Sie können an Ihrem Knochengerüst nichts
ändern. Aber bei der Einführung eines Gesetzes haben Sie freie Hand. Da werden
Sie gefragt und müssen mit Ja oder Nein antworten. Da sind Sie in der Situation
des Regenwurms.
Etwas vereinfacht ausgedrückt:
Was die
Knochen für den Körper,
das
bedeuten Gesetze für die Seele.
Am Beispiel des Rauchers: Der Nikotinsüchtige
unterwirft sich dem Gesetz des Nichtrauchens. Damit führt er einen Schritt in
Richtung der Gesetzesachse aus, einen Schritt in Richtung höherer Ordnung im
seelischen Raum. Möglicherweise empfindet er den Entschluss oder die
Notwendigkeit, das Rauchen einzustellen, als Einschränkung seiner Freiheit. Dies
wäre eine falsche Einstellung! Sie könnte ihn daran hindern, den Entschluss in
die Tat umzusetzen.
Ein Fortschritt in Richtung der Gesetzesachse
ist eine Revolution im Rahmen Ihrer persönlichen Entwicklung. Die Entscheidung
für eine Verhaltensänderung wie etwa das Nichtrauchen kann keine leichtfertige
Entscheidung, nicht das Ergebnis einer Augenblickslaune sein - nach der Art,
„Ich höre jetzt mit dem Rauchen auf – was war noch mal der nächste Punkt in
meinem Terminkalender?“
Ein solcher Entschluss bedeutet die
Umgestaltung Ihrer ganzen Persönlichkeit! Bedenken Sie! Sie durchlaufen
sozusagen eine Entwicklung, die Sie vom Regenwurm zum Menschen führen soll. Eine
der Voraussetzungen dafür liegt auf der Einstellungsebene. Es ist die Einsicht
in die Unabhängigkeit der beiden Dimensionen Gesetz und Freiheit. Die Änderung
Ihrer seelischen Struktur eröffnet Ihnen neue Freiheiten. Wenn Sie die
Verhaltensänderung jedoch als Einschränkung Ihrer Freiheit erleben, wird Ihr
Versuch scheitern. Dem Regenwurm ist diese Einsicht nicht zugänglich.
Verfremden Sie die
eigene Person!
Suchen Sie nicht nach einfachen Rezepten für
eine Verhaltensänderung! Denken Sie an diejenigen, die versucht haben, ihr
Verhalten zu ändern und dabei gescheitert sind – Leute, die vergeblich versucht
haben, sich dem Rauchen, dem Trinken, einer Droge zu entwöhnen, das eigene
Körpergewicht zu vermindern, sich zu einer Entscheidung aufzuraffen. Sie werden
nicht lange suchen müssen, um Beispiele in Ihrer Umgebung oder in der
Öffentlichkeit zu finden. Glauben Sie nicht, Sie könnten die alle einfach links
überholen, es besser machen als die, sie an „Willenskraft“ überbieten. Warum
sind die gescheitert?
Vielleicht sind ernst gemeinte Versuche
vorangegangen. Wurde das Bedürfnis nach dem Stützmittel vielleicht so groß, dass
man nicht widerstehen konnte? Entstand ein Gefühl der Leere, das nicht mehr zu
ertragen war? Vielleicht ist ein Anfangserfolg erreicht worden. Aber ein
Anfangserfolg kann so beflügeln, dass der Betreffende glaubt „alle Probleme sind
gelöst, ich brauche keine Gesetze mehr.“ Er wird manisch. Vielleicht wollte er
auch das Gesetz nur ein einziges Mal übertreten nach dem Motto „einmal ist
keinmal.“
Erkennen Sie das Gemeinsame aller dieser
Gründe: Sie sind abhängig von der Stimmung, sie liegen auf der
Einstellungsebene, im Bereich der Ästhetikdimension.
Sie können Ihr Verhalten
nicht ändern,
wenn Sie die
Ästhetikdimension außer acht lassen.
Es ist ein Unterschied, ob der Raucher raucht
oder ob er sich als Rauchenden wahrnimmt.
Rauchen –
Wissen, dass man raucht –
wissen, dass man weiß, dass man raucht:
Das ist ein Abstandnehmen von der eigenen
Person in Richtung der ästhetischen Dimension. Das Objekt, in diesem Fall die
eigene Person, wird zunehmend verfremdet. Sie nehmen Abstand von Ihrer eigenen
Person. George Herbert Mead nennt das die Trennung von ‘I and Me’ in seinem Buch
„Mind, Self and Society“.
Wenn der Raucher sagt, ich will mit dem
Rauchen aufhören, dann ist das ein Widerspruch in sich. Denn die Aussage "ich
will" ist ein Fortschreiten in Richtung der intentionalen Dimension. Und das
Rauchen hat nun einmal für den Raucher den Sinn, ihn beim Voranschreiten in
Richtung seines Willens, seiner Intention, zu unterstützen. Das Rauchen ist ihm
dabei zu einem unentbehrlichen Hilfsmittel geworden, und diesen Sinn erfüllt
das Stützmittel ja auch.
Die gesundheitsschädigenden Folgen des
Rauchens sind unzweifelhaft nachgewiesen. Nachgewiesen ist aber auch, dass das
Rauchen eine positive, nämlich anregende Wirkung auf das Nervensystem hat.
Diese positive Wirkung darf man nicht in Abrede stellen, erst recht nicht, wenn
man auf das Rauchen verzichten will. Sein Verhalten ändern wollen, heißt
zunächst einmal, die Intention zurück nehmen. Und dass können Sie nur, wenn Sie
sich dabei selbst beobachten. Das ist ein Schritt in Richtung des „zweckfreien
Schauens“.
Führen Sie ein neues
Verhaltensgesetz ein!
Die Einführung eines neuen
Verhaltensgesetzes, etwa des Nichtrauchens, lässt sich mit Hilfe der vier
Koordinaten Gesetz, Freiheit, Ästhetik und Intention beschreiben. Das stellt
sich im eigenen Bewusstsein wie folgt dar:
Sie verändern Ihre seelische Gestalt durch
Einführung des Gesetzes in Richtung zunehmender Ordnung. Das bedeutet für Sie
ein Fortschreiten in Richtung der Gesetzesdimension aber keine Einschränkung
Ihrer Freiheiten. Gesetz und Freiheit sind voneinander unabhängige Größen!
Über der Ebene des Rauchens und des Wissens
um Ihr Rauchen schaffen Sie eine neue Bewusstseinsebene. Das heißt, Sie
beobachten sich selbst. Sie sehen sich als heute Rauchenden und von einem
zukünftigen Tage X ab als Nicht-mehr-rauchenden an. Sie sehen sich aus einem
ästhetischen Abstand, verfremden so die eigene Person! Stimmen Sie diesen
Schritt entlang der ästhetischen Achse ab mit einem Rückschritt entlang der
intentionalen Achse:
Legen Sie einen Tag X
fest,
von dem ab das Gesetz
gelten soll!
Machen Sie sich an dem
Tag
von allen anderen
Verpflichtungen frei!
Also keine Verpflichtungen! Keine weiteren
Ziele verfolgen! Muße haben - und zwar beim Nichtmehrrauchen wenigstens drei
Tage lang, um ganz genau zu sein!
Intentionslosigkeit! Ersetzen Sie den
Gedanken "ich will", "ich könnte", "ich könnte jetzt rauchen" oder "wie schön
wäre es jetzt mit einer Zigarette" durch die Frage "kann ich den Verzicht noch
ertragen?", "kann ich die Entbehrung jedenfalls in diesem Augenblick noch
ertragen?" Aus den intentionalen Strebungen "Ich will" oder "Ich könnte" wird
ein Bekenntnis zum Nichtstun, zum Nichtswollen. Die Antwort auf die
selbstgestellte Frage lautet natürlich: "In diesem Augenblick kann ich das
Nichtrauchen ertragen. Das sieht man ja." Erst wenn Sie die Intention
zurücknehmen, können Sie die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Augenblick
konzentrieren.
Ihre Zeit erhält
eine Gestalt
Wenn Sie ein Gesetz einführen, gestalten Sie
die Zeit.
Das Gesetz kann ein einfaches Verbot sein wie
im Beispiel des Nichtmehrrauchens. Gestaltung bedeutet dann, dass es ein
Vorher und ein Nachher gibt - eine Zeit vor und eine nach dem Tag X. X ist der
Tag, an dem das Gesetz eingeführt wurde. Sie können die Zeit auch dadurch
gestalten, dass Sie eine regelmäßige Übung einführen.
Die Gesetzesskala definiert den Grad der
Gestaltung der Zeit, die Ästhetikskala den Grad der Gestaltung des
Bewusstseins. Zur Gestaltung der Zeit ist nicht unbedingt die bewusste
Einführung eines Verhaltensgesetzes erforderlich. Jede nützliche Gewohnheit -
Schlafgewohnheit, Essgewohnheit, Arbeitsgewohnheit - bildet ein
Gestaltungselement im Rahmen der zeitlichen Ordnung. Dabei muss die Herkunft
der Gewohnheit nicht bewusst oder erinnerlich sein. Eine Gewohnheitsänderung
ist ein Wachstumsschritt in Richtung der Gesetzesskala. Das ist in bestimmten
Fällen ein einschneidender Schritt wie die Einführung eines neuen Gesetzes,
kann aber auch ohne bewusste Absicht erfolgen.
Gesetz und Freiheit, Ästhetik und Intention!
Diese Beziehungen werden hier nicht wegen
ihres Erkenntniswertes dargestellt. Vielmehr soll das Wissen um die
Zusammenhänge Ihnen helfen, Ihr Verhalten zu ändern. Damit machen Sie einen
Schritt in Richtung der Ästhetikskala, in Richtung des Wissens vom Wissen. Das
Wissen um diese Sätze verändert Ihre Einstellung, und diese Änderung erlaubt die
Verhaltensänderung. Das ist ein gewollter Schritt in Richtung der Gesetzesskala.
Das Vier-Achsen-Stratagem ist ein Werkzeug beim Verfolgen einer bewussten
Verhaltensänderung.
Wie schon gesagt: Der Regenwurm kann da nicht
folgen.
Nützliche
Gewohnheiten
Das Vier-Achsen-Stratagem ist ein Hilfsmittel
zur Verhaltensänderung, zur Einführung nützlicher Gewohnheiten, und damit auch
zur Suchtbekämpfung
Sie wollen also Ihr Verhalten ändern?!
Gesetze einführen! Natürlich dürfen wir die
Übertreibungen nicht außer acht lassen: Es gibt Menschen, die sich mit einer
Fülle von Gesetzen umgeben; Menschen, die quasi für jeden Handgriff eine
Vorschrift haben. Das sind die Zwanghaften. Sie leiden unter ihren Zwängen, weil
solches Verhalten einer Angst entspringt: Zählzwang, Wiederholungszwang,
Waschzwang und viele andere. Gesetze dieser Art dienen nicht der Freiheit: sie
behindern sie tatsächlich. Um im Bilde zu bleiben: Hier verschafft sich jemand
kein moralisches Knochengerüst, sondern er hüllt sich ein in einen Panzer, einen
Schutzpanzer, wie der Krebs.
Für uns gilt also: Möglichst wenige Gesetze!
Je einschneidender und strenger ein Gesetz, desto geringer kann die Gesamtzahl
sein. Es folgen einige Beispiele für sehr strenge Gesetze, die schon in geringer
Zahl weitreichende Folgen haben. Meine Empfehlung lautet natürlich: Machen Sie
sich genau diese Regeln zu eigen!
Stärken Sie Ihr
Immunsystem!
Kaltes Duschen als tägliche Übung wurde oben
schon erwähnt. Aber es wurde auch schon ein anderes Stichwort gegeben:
Eindeutigkeit. Kalt duschen heißt also nicht: kalt duschen, nachdem man vorher
warm geduscht oder gebadet hat. Auch nicht lauwarm duschen. Auch nicht: sich zum
Haarwaschen unter die warme Dusche stellen und hinterher kalt duschen. Sondern
kalt heißt kalt! Bedeutet: warmes Wasser grundsätzlich meiden!
Zum Haarwaschen braucht man allerdings warmes
Wasser; aber man neigt sich zu diesem Zweck über den Rand der Wanne, benetzt nur
die Haare und nicht den übrigen Körper. Danach trocknet man die Haare ab. Kalt
duschen oder luxuriöser: morgens in eine Wanne voll kalten Wassers steigen, ist
das A und das O einer gesunden Lebensführung. Ohne diese Übung sind alle anderen
Bemühungen Behelf. Wissen tun das seltsamerweise nur wenige.
Verantwortlich (c) für Text und
Inhalt: Dr. Georg M. Peters
Rubriken 2008:
Dezember
I
November I
Oktober I
September
August I
Juli I
Juni I
Mai I
April I
März I
Februar
I
Januar
Rubriken 2007:
Dezember I
November I
Oktober I
September
August I
Juli
Ihre Meinung zu diesem Text ist
gefragt:
redaktion@deutscher-buchmarkt.de
|