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Ein Entweichen aus dem
Teufelskreis
ist nur möglich, wenn der Krankheitsgewinn
bewusst gemacht wird. Als Krankheitsgewinn sei alles bezeichnet, was den
Neurotiker
von Angst entlastet und ihm angenehme Gefühle vermittelt. Der Krankheitsgewinn,
der stets durch Wirklichkeitsverlust
erkauft wird, ist bei allen psychischen Störungen grundsätzlich ähnlich und nur
äußerlich verschieden. Wirklichkeitsverlust und Krankheitsgewinn bedingen
sich gegenseitig. Sie sind die zwei Seiten der gleichen Medaille.
Wie sieht der
Wirklichkeitsverlust beispielsweise bei einem Menschen aus, der unter
Platzangst, Agoraphobie, leidet? Er vermeidet Straßen, große, freie Plätze und
Menschenansammlungen. Er reagiert mit Panik, wenn er sich gezwungen sieht,
sich einer solchen Situation auszusetzen.
Versetzen Sie sich in einen Menschen, der unter Platzangst leidet!
Wie sieht seine Motivation aus:
Er vermeidet es, sich mit seinen vielfältigen, wirklichen Problemen auseinander
zu setzen. Stattdessen befasst sich sein Denken, seine Selbstbeobachtung
mit dem Funktionieren seines Gleichgewichtssystems.
Der Gedanke an ein Versagen verbindet sich mit Angst vor dem Hinfallen,
Ohnmächtigwerden, Hilflossein. Das wäre an sich nicht tragisch. Denn vermutlich
würden andere zur Hilfe eilen. Doch daran glaubt er nicht. Soviel Vertrauen in
die Mitwelt hat er nicht. Vielmehr meldet sich der Groll:
"Die andern werden mich hier liegen lassen oder meine Hilflosigkeit ausnutzen."
d) Dieser Gedanke weckt
kindliche, verdrängte, unbewusste
Ängste von großer Stärke. Und die Verdrängung
dieser Angst und
der Angst vor der Angst
und
der Angst vor der Angst vor der
Angst
erfordert einen immer
komplizierteren Schutzmechanismus von Vermeidung und Selbstbeobachtung.
Diese ständige Selbstbeobachtung führt zu einem Wirklichkeitsverlust.
Schritte nach draußen werden
immer ängstlicher vermieden. Die Selbstbeobachtung wird immer stärker und
ausschließlicher. Daraus erwächst eine immer größere Empfindlichkeit für
kleinste Unregelmäßigkeiten in der Funktion des Gleichgewichtsorgans.
Jede wirkliche oder eingebildete Unregelmäßigkeit wird ängstlich beobachtet,
und jede dieser Neuentdeckungen führt zu neuen Schutzsystemen und zu weiterem
Wirklichkeitsverlust.
a) Der vermeintliche Gewinn
liegt in der Angstvermeidung
und in der kindlichen Einfachheit der Ersatzhandlungen
- verglichen mit dem eigentlich notwendigen Verhalten, einer Auseinandersetzung
mit den wirklichen Aufgaben und Problemen. Der zunehmenden Bedürftigkeit und
Selbstisolation folgen gemäß der einheitlichen Schablone die Felder b und c:
der minderwertige Appellund
das Gefühl des
Zurückgewiesenwerdens.
Versetzen Sie sich in einen Süchtigen!
Beim Suchtverhalten
ergibt sich eine andere Art des Wirklichkeitsverlustes.
Drogen
verändern die Wahrnehmung der Wirklichkeit oder die Einstellung zur Wirklichkeit.
Das führt zur Abwendung von einer Wirklichkeit,
die als unerträglich, trist und langweilig empfunden wird.
Indem die Wirklichkeit
verändert wird, verringert sich die Angst vor der Wirklichkeit. Der
Krankheitsgewinn besteht wieder aus Angstvermeidung.
Beim Süchtigen
erhöht sich der Krankheitsgewinn noch durch den besonderen Reiz, durch die
chemische Wirkung des Mittels, das dazu dient, das Bewusstsein zu
beeinflussen, zu verändern, anzuregen oder zu beruhigen.
Dies ist ein positiver Effekt
der Sucht, der unabhängig von der gesundheitsschädigenden Wirkung gesehen
und benannt werden muss - gerade wenn der Süchtige in der Lage sein soll, darauf
zu verzichten. Eine Selbstlüge schadet dabei nur.
Der Missbrauch des
Suchtmittels erhöht die Bedürftigkeit und führt über den minderwertigen Appell,
die Zurückweisung, den Selbsthass,
den Wirklichkeitsverlust zu einem Abstieg im Sinne des besprochenen Schemas.
Versetzen Sie sich in einen Zwangskranken!
Die Zwangskrankheit
läuft nach dem gleichen Schema ab, wobei nur die Art des Wirklichkeitsverlustes
eine Besonderheit darstellt.
Bei dem unter
Platzangst leidenden bestand die Ersatzhandlung aus einer Bewusstseinstätigkeit,
aus der Kontrolle des Gleichgewichtssystems, also einer im Innern ablaufenden
Handlung.
Jetzt tritt an die Stelle der übertriebenen Selbstbeobachtung
eine nach außen gerichtete Ersatzhandlung.
Das ist die vorherrschende Zwangshandlung. Sigmund Freud würde sagen, darin
läge der Unterschied zwischen dem oralen Charakter
des Phobikers und dem analen des Zwanghaften.
Auch hier liegt ein Groll (d)
vor, der im einzelnen aufgedeckt werden muss. Etwa der, dass die andern Menschen
einen Schmutz an sich haben, mit dem sie vergiften wollen. Vor dem müsse man
sich durch ein stetig weiter ausgebautes Schutzsystem von Riten und
Waschungen schützen.
Der Gewinn besteht auch hier in
der Angstvermeidung
und dem Ersatz der komplizierten Wirklichkeit durch das kindlich einfache
System der Ersatzhandlungen.
Doch der Wirklichkeitsverlust
(a) lässt die Bedürftigkeit wachsen und führt zur Selbstisolation gemäß der
gemeinsamen Schablone.
Wirklichkeitsverlust
im Rahmen der Frustrationskreisläufe
Wenn
Sie betroffen sind: worin liegt Ihr Wirklichkeitsverlust?
Auch bei den zuerst
beschriebenen Kreisläufen stellt der Wirklichkeitsverlust den Krankheitsgewinn
dar. Die Abwendung von der Wirklichkeit (d) nahm jeweils eine charakteristische
Form an.
Bei der Depression:
Das Ich überließ seine Herrschaft dem minderwertigen Nebenich.
Bei der Resignation:
Das Ich wandte sich von nahestehenden Personen ab in der unbewussten
Absicht, sie durch Nichtachtung zu strafen. Sie sollten dadurch zu einer
Einstellungsänderung,
einer verstärkten Zuwendung, veranlasst werden.
Beim Dilettantismus:
Das Ich versuchte, durch eine übermäßige Anstrengung, Aufmerksamkeit und
Zuwendung zu erlangen. Nach der zwangsläufig folgenden Enttäuschung wandte
sich das Ich vom Gegenstand der Tätigkeit ab.
Oder beim Pennersyndrom:
Das Ich vernachlässigte seine elementaren Vorkehrungen zur Selbsterhaltung. Die
sichtbar werdende Bedürftigkeit stellte einen minderwertigen Appell
an die Öffentlichkeit dar.
Jedes mal eine Abwendung von
der Wirklichkeit. Damit schwindet das Problembewusstsein und eine Zeit lang
kann die Illusion aufrecht erhalten werden, die Probleme hätten sich verzogen.
So erwächst aus dem Wirklichkeitsverlust der Krankheitsgewinn. Der Krankheit
entrinnen, heißt also stets, die Wirklichkeit wieder gewinnen.
Bereiten Sie sich vor auf ein
Gefühl der Leere!
Die hier beschriebenen
Kreisläufe sind nur Beispiele für die Vielfalt möglicher innerer Konflikte. Aber
jeder dieser Konflikte ist mit einem starken Gefühl verbunden. Das gleiche gilt
für die Erregungen, die Sie im Laufe einer Trinkerkarriere erleben, oder die Sie
erleben, wenn Ihr Leben durch eine andere Sucht bestimmt ist. In der Sucht
erzeugt das Suchtmittel eine chemische Abhängigkeit. Aber auch die starken
Gefühle, die Sensationen, die Erlebnisdichte, die sich mit einer solchen
Laufbahn verbinden, machen süchtig. Sensationen machen süchtig. Phantasien und
Handlungen, die sich ergeben, wenn das Weltbild durch Fanatismus oder durch
Rachepläne bestimmt ist, machen süchtig. Der Entzug, die Wiedergewinnung der
Wirklichkeit, der Verzicht auf diese Sensationen, erzeugt zwangsläufig ein
Gefühl der Leere, das schwer zu ertragen ist!
Wir sind noch im Bereich des
Nichtwollens und befassen uns nicht mit dem Problem des Entzugs. Aber Sie können
hier schon eine Auffangstation einrichten für den Fall, dass Sie diesem Gefühl
der Leere ausgesetzt sein sollten. Das muss ein Schritt in Richtung der
Ästhetikdimension sein: Man muss erkennen lernen, was schön ist, was Kunst ist –
sich befassen mit der eigenen und der allgemeinen Geschichte! Ein solches
Befasstsein mit der Vergangenheit gehört in den Bereich des Nichtwollens, denn
schließlich kann man die Vergangenheit nicht mehr verändern.
Seelisches Gleichgewicht! Eine
Auffangposition schaffen, um das Gefühl der Leere ertragen zu können! Da können
auch bildhafte Vorstellungen helfen. Sich vorstellen, dass im Zustand des
Nichtwollens, des Nichtstuns, im Zustand der inneren Leere, Energie zufließt.
Das Bild des Trichters! Stellen Sie sich einen Trichter vor, der von unten her
einen ständigen Zufluss hat. Der Trichter füllt sich, und die Füllung bedeutet
für Sie Energie, Lebenskraft. Sie blicken von oben hinein und beobachten den
Spiegel der Füllung. Je größer Ihr seelisches Gleichgewicht, Ihre innere Ruhe
ist, desto glatter ist der Spiegel. Ihre Aufgabe ist es, diese Ruhe zu
bewahren! Ein Rückfall in den vorherigen Zustand, eine Rückkehr zu den starken
Gefühlen, bedeutet für Sie, dass der Brunnen leer läuft, dass Sie ohne Energie
dastehen, verarmt und mit Nichts in der Hand.
Beobachten Sie Ihre Gefühle:
das Gefühl der Leere, das Sie begrüßen, die starken Gefühle, die aus kindlichen
Verletzungen herrühren, aber auch das starke Gefühl des Wohlbehagens, das in
Verbindung mit einer Sucht entsteht. Es sind diese Sensationen, die süchtig
machen und in die Sucht zurückziehen. Beobachten Sie den Spiegel der
Trichterfüllung! Seine glatte Oberfläche zeigt Ihnen den Erfolg Ihrer Bemühung
an. Denken Sie bei dem Gefühl des Wohlbehagens auch an Goethes Faust und dessen
Pakt mit dem Teufel:
„Wenn ich zum Augenblicke sage,
verweile doch, du bist so schön,
dann kannst getrost nach Hause Du mich tragen,
dann will ich gern zugrunde gehen.“
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