Umgang mit Depression
Wie erkenne ich
eine Depression?
Wir fragen nicht zuerst
den Arzt, ob wir depressiv sind, sondern uns selbst. Dazu brauchen wir den
Abstand von der eigenen Person! Also: Wie erkenne ich eine Depression? Da liegt
auch die Frage nahe, was tue ich dagegen - zunächst unabhängig vom Arzt,
unabhängig von der Wissenschaft! Nichts gegen wissenschaftliche Erkenntnisse!
Aber in den naheliegenden Fragen der Lebensführung wollen wir nicht abhängig
sein vom Wissenschaftler; nicht warten, bis er uns sagt, was wir tun sollen, was
wir einnehmen sollen. Sondern: wenn wir einen Abstand vom eigenen Denken
gewinnen, dann nutzen wir diese Freiheit!
Das erste, was wir
entdecken, wenn wir so unvoreingenommen in uns selbst hinein schauen, ist das
Nebenich. Das Ding ist gefährlich! Wenn wir unsere Ängste, die Gefühle, die
Depressivität, mit einem Ozean vergleichen, dann entspricht das Nebenich dem
Seeungeheuer. Keine Angst! Wir werden damit fertig und rüsten uns zu einer Reise
mitten in den Ozean hinein. Sie sehen schon: Eine Ozeanreise ist keine einfache
Sache. Also: Nehmen Sie Abstand von einfachen Rezepten! Nehmen Sie sich Zeit!
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(Denken Sie, diesen Text
hätte ein Herrchen seinem Hund vorgelesen. Der Hund ist sehr intelligent wie
viele Hunde. Er versteht alles, was man ihm gesagt. Der Hund kann nur mit Wau
oder Woff antworten. Wau bedeutet Ja in der Hundesprache, Woff bedeutet Nein.
Manchmal erfahren wir die Gedanken des Hundes. Die sind aber nur für uns Leser
bestimmt. Herrchen kann die nicht hören. Aber Herrchen braucht die Dialoge mit
dem Hund. Denn wenn er etwas falsch verstanden hat, dann korrigiert ihn sein
Hund.)
Herrchen
nörgelt: Warum so kompliziert? Positives Denken! Ich muss einfach an mich
glauben: „Ich bin der Größte, ich bin der Erste, ich bin der Sieger!“ Dann
glauben es mir früher oder später auch die anderen. Anders geht es nicht.
Woff!
Ja aber
- wenn der Kursusleiter voller Vitalität auf die Bühne springt und vor 500
Teilnehmern sein Motto verkündet „Ich bin der Erste“, dann liefert er den
Beweis doch gleich mit: Er hat an sich geglaubt, hat an einem Ironman-Wettbewerb
teilgenommen und hat den Siegerpreis gewonnen. An sich glauben! Wenn die 500
Kursusteilnehmer das nachvollziehen, sein Motto übernehmen und auch an einem
Ironman-Wettbewerb teilnehmen, werden sie alle 500 den ersten Preis gewinnen!
Woff!
Du hast
Zweifel? Na ja. stimmt ja auch - 500 Mann oder Frauen auf einem Siegerpodest,
das ist schwer vorstellbar. Also:
Die Frage lautet,
ob das Leben auch dann
noch lebenswert ist,
wenn man nicht der Erste
ist.
Wau!
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Ein Zwang, der Erste sein
zu müssen, beweist, dass Sie mit sich unzufrieden sind. Wenn Sie unzufrieden
sind mit sich, ist das ein Zeichen für Depressivität.
„Aber ich kann doch nur
etwas leisten, wenn ich unzufrieden bin mit mir!“ höre ich. „Sonst werde ich
bequem und faul.“
Bequem und faul werden ist
ebenfalls ein Zeichen für Depressivität. Wenn Sie gesund sind, haben Sie Freude
daran, Ihre Leistungsfähigkeit zu erproben, sie auf diese Weise überhaupt erst
kennen zu lernen. Schön, wenn Sie dabei der Erste werden! Ein Grund zur Freude!
Wenn Sie nicht der Erste
sind: Auch ein Grund zur Freude - nämlich darüber, dass Sie Ihre Kräfte messen
durften an den Fähigkeiten anderer, die schon weiter sind als Sie.
Wenn Sie das, was Ihnen
die Ratgeberbücher empfehlen, nicht schon selbst in Angriff genommen haben - zum
Beispiel, in Ihrer Umgebung Ordnung zu schaffen -, so ist das ein Zeichen für
Depressivität. Unordnung, Unzufriedenheit mit sich selbst, zu hoch gesteckte
Ziele, Bequemlichkeit und Faulheit: Alles Zeichen für Depressivität.
Dazu brauchen Sie den
Abstand von sich selbst: Um erkennen zu können, ob Sie depressiv sind und oder
nicht. Sie selbst müssen das erkennen können! Bevor Sie etwas tun, wappnen Sie
sich gegen Ihr Nebenich, das Sie in sich tragen, und das für Ihre
Depressivität verantwortlich ist.
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Herrchen: Nebenich, Depression, Therapie, womöglich noch Nebenniere, Hirnanhang
- soll ich Medizin studieren? Ich muss doch nicht ins Krankenhaus, oder?
Woff!
Na
vielleicht hört sich das ja komplizierter an, als es ist. „Nebenich“ ist ein
neuer Begriff, der hier eingeführt wird; aber nicht, wie ich hoffe, um die Sache
zu verkomplizieren, sondern um den Umgang mit Depression zu vereinfachen. Wir
haben ja schon gehört:
Depression ist ein
Zustand, in den fast jeder geraten kann.
Einer, der sich als nicht
anfällig erweist,
ist wahrscheinlich ein
Fanatiker.
Wau!
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Es geht hier nicht um
Selbsthypnose auf Kosten von Vernunft und Kritikfähigkeit, sondern...
um das Leben angenehm zu
machen, sind nur drei Fertigkeiten erforderlich:
Erstens
muss man lernen, mit der eigenen
Depressionsneigung umzugehen.
Zweitens
muss man den eigenen Alltag so gestalten, dass er erträglich ist.
Drittens
muss man die Fähigkeit kultivieren, sich eigene Gesetze zu geben und
einzuhalten.
Na großartig! Wer hat das
nicht gewusst? Bevor jemand beginnt, diesen drei Zielen nachzugehen, sollte er
zunächst einmal erkennen, wie trivial sie sind. Sie sind von der gleichen Güte
wie die Aufforderung „sei gesund“ oder wie die Erkenntnis „lieber reich, jung
und gesund als arm, alt und krank.“
Lineares Denken führt zu
einfachen Rezepten. Aber da lineares Denken meistens falsch ist, sind auch die
meisten einfachen Rezepte unbrauchbar. Wenn alles mit allem zusammenhängt,
helfen keine einfachen Rezepte. Vergessen Sie die einfachen Rezepte! Nehmen Sie
sich mehr Zeit! Wenn Sie meinen, Sie hätten diese Zeit nicht: Dann steckt
dahinter eine Angst. Die gilt es zu erkennen! Nachdenken über das Denken! Die
Angst muss erst entdeckt werden. Sie ist natürlich wieder ein Zeichen für
Depressivität.
Wenn Sie sich Zeit nehmen,
dann können Sie mir auch bei einem Ausflug in die Geschichte folgen. (Ich höre
sagen: „Endlich redet er mal nicht über Depression!!“ - Irrtum! Ich tue es
gerade.)
Heinrich der Seefahrer: eine Seereise wird
geplant
Wir brauchen ein
anschauliches Bild
Heinrich der Seefahrer
lebte bekanntlich im 15. Jahrhundert. Dieser Portugiese hatte die Macht,
Seereisen zu planen und Kapitäne damit zu beauftragen, diese Reisen
durchzuführen. Lineares Denken sucht natürlich wieder nach einem eindeutigen
Grund für die Handlungen: Klare ökonomische, religiöse und politische Ziele:
Etwa Auffinden eines Seewegs zum Roten Meer, Kreuzzugsideen.
Es handelte sich um
mehrere Seereisen - immer an der Küste Afrikas entlang in Richtung Süden -; und
jede Expedition drang etwas weiter nach Süden vor als die vorherige. Bei der
Planung dieser Unternehmungen hat es sich um den Lebensinhalt des Königs
gehandelt. Da kann die Motivation auch viel komplexer gewesen sein. Zum Beispiel
wird Neugier mitgespielt haben. Portugal liegt am Meer. Wohin trägt uns das
Meer? Was liegt dahinter? Wir wissen ja: Es ist die Zeit, kurz bevor Columbus
zu seiner Fahrt nach Westen aufbrach, die ihn nach Amerika führte.
Welch ein Gegensatz: Das
ängstliche Vorantasten entlang der Küste bei Heinrich dem Seefahrer. Die
Loslösung vom festen Land, das Hinausfahren aufs Meer mit einem Kurs senkrecht
zur Küstenlinie bei Columbus!
Ich höre: „Was hat denn
das mit Depression zu tun?“
Es ist ein Bild, eine
Metapher, für etwas, das sich heute wiederholt. Geschichte wiederholt sich
manchmal; wenn auch auf verschiedenen Ebenen. In dem Bild, in der Metapher,
steht Portugal für den Rand eines Kontinents. Welchen Kontinents? Des Kontinents
unseres wissenschaftlichen Weltbildes, des festen Bodens, auf dem wir stehen,
auf dem wir uns sicher fühlen.
Wofür steht das Meer? Es
steht für den Bereich, in dem wir uns nicht sicher fühlen: Für den
Bereich unserer Ängste, unserer Gefühle, der Depressionen.
Gilt nur das, was im Labor
erprobt ist?
Die Unternehmungen
Heinrichs des Seefahrers stehen für das ängstliche Vorantasten entlang der
Küste. Das Gleiche gilt für all die Ratschläge zur Lebensführung, die aus
Laboruntersuchungen abgeleitet worden sind. Alle halten sich eng an die Grenze
des gesicherten Bereichs, an die Küste des wissenschaftlichen Kontinents. Diese
Versuche bedienen sich des instrumentellen Denkens, nur um das offene Meer zu
vermeiden - aus Angst vor den Seeungeheuern, die auf offener See lauern, und die
das Boot des Seefahrers umwerfen und ihn verschlingen könnten.
Seeungeheuer? Das
Seeungeheuer ist das genannte Nebenich, die Depression. Aber wenn Sie weiter
lesen, dann wird das Seeungeheuer sich in ein niedliches Haustier verwandeln.
Und der Untergang des eigenen Schiffes, der sich darstellt als die Abfolge von
„Krankheitsbewusstsein, Arztbesuch, Diagnose und ungewisser Therapie“,
verschwindet aus dem Blickfeld. Das offene Meer verliert seine Schrecken. Wir
begeben uns auf eine Seereise und genießen den weiten Horizont.
Wofür steht das Meer? Es
steht für den Bereich unserer Ängste, unserer Gefühle, der Depressionen. Wenn
wir die Angst vor dem Seeungeheuer verlieren, also die Angst vor der Depression,
vor unkontrollierbaren Stimmungen und Gefühlen, dann gewinnen wir an Freiheit.
Wir brauchen dann nicht mehr ängstlich danach zu fragen, welche Meditationen und
Medikamente Wissenschaftler an ihren Probanden im Labor erprobt haben, und
welche Regeln zur Lebensführung sie uns zur Anwendung empfehlen.
Wir wenden unseren Blick
nach innen, in die Unendlichkeit unseres Innenraumes, beobachten unser Denken
und Fühlen und sammeln eigene Erfahrungen.
Verantwortlich (c) für Text und
Inhalt: Dr. Georg M. Peters
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