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Diese
absurden Prozesse müssen ans Tageslicht
Darin besteht eben das Ziel einer
Auseinandersetzung mit diesem Problem: Diese absurden Vorgänge ans Tageslicht zu
zerren.
Sowie das gelingt, ist der Spuk vorbei, weil
das erwachsene Ich die Absurdität durchschaut und ihm damit die Grundlage
entzieht. Da das aber hier nicht geschieht, baut Ahab, wie gesagt, den Wal zu
seiner Ersatzmama auf und erhöht sie in kindlicher Maßlosigkeit zu einem
göttlichen Wesen.
Als ein Symbol von erhabener Traurigkeit
erscheint das Schiff Rahel mit seinem Kapitän Gardiner. Er sucht das Meer ab
nach seinem zwölfjährigen Sohn, der beim Kampf gegen den weißen Wal entweder
getötet oder im Fangboot abgetrieben worden ist. Nun stellt Gardiner sich vor,
dass sein Sohn irgendwo in der Weite des Ozeans in dem Boot sitzt und auf
Rettung hofft.
Er bittet Ahab um Hilfe bei der Suche nach
dem Sohn. Das wäre wirklich eine sinnvolle Aufgabe. Denn die Suchaktion mit zwei
Schiffen fortzusetzen wäre ein Versuch, der die Rettungsaussicht, die kleine,
immerhin verdoppeln würde. Doch Ahab weigert sich. Er ist an sein Hassobjekt
gebunden. Den Einwand des Steuermanns, der ihm klarzumachen versucht, wie
gleichgültig es tatsächlich sei, ob das Tier nun getötet wird oder nicht,
überhört er.
Nach der Katastrophe
Als Leser des Romans erlebt man an sich
selbst, wie man in den Wahn hineingezogen wird, indem man nach dem Ende, nach
der Katastrophe, nach dem Untergang von Schiff und Mannschaft - mit Ausnahme des
notwendigen Überlebenden Ismael, der davon erzählen muss - selbst wissen will,
ob der Wal nun bei dem Kampf getötet wurde oder nicht. Der Autor tut dem Leser
den Gefallen, zu sagen, dass der Wal tot ist. Ernüchternder wäre es für den
Leser, wenn er am Ende des Buches erführe, dass man über das Schicksal des Wales
nichts wisse und auch nichts wissen wolle, da es ja vollkommen gleichgültig sei.
Das Verschmelzungsbedürfnis, das Ahab mit dem
Wal verbindet, wird am Ende sehr bildmächtig ausgedrückt, indem Ahab als
Ergebnis des Kampfes mit den Stricken der Harpunen an den Leib des Wals
gefesselt ist - mit gespreizten Armen und Beinen wie ein mittelalterlicher
Sträfling ans Rad.
Einordnung in einen
depressiven Kreislauf:
Das Geschehen lässt sich in den oben
beschriebenen depressiven Kreislauf einordnen:
Bedürftigkeit: „Er hat mich für immer
zu einem Krüppel gemacht“.
Minderwertiger Appell: Das ist die
Zuwendung zu dem Gegenstand der Hassliebe und die Unfähigkeit, sich abzuwenden.
Zurückweisung des Appells: Das ist,
ganz allgemein gesagt, die Gleichgültigkeit des Partners, der Streit oder der
Kampf. Der Depressive erlebt die Verhaltensweise des Partners in jedem Fall als
Zurückweisung - unabhängig vom realen Verlauf der Auseinandersetzung -, da das
Verschmelzungsbedürfnis grundsätzlich unerfüllt bleibt. Diese Zurückweisung
wird als Verletzung empfunden.
Wut, die aus der Zurückweisung folgt:
Eine aus kindlichen Gefühlen gespeiste Wut. Sie erzeugt die Unfähigkeit,
die Zurückweisung zu ertragen. Unfähigkeit und Wut bewirken eine Abwendung von
der Wirklichkeit und erhöhen dadurch die Bedürftigkeit und damit die
Abhängigkeit von dem Partner, dem Objekt der Hassliebe. So schließt sich der
Kreislauf.
Ein Depressionsbeispiel
Folglich entwickelt sich der Roman von
Hermann Melville für uns zu einem Sinnbild, einem Depressionsbeispiel, nach dem
Motto „Der Kapitän, angeleitet von seinem Nebenich, wollte die Katastrophe; und
da er die Macht hatte, fand sie auch statt.“
Um diesen seelischen Vorgang bildhaft
darzustellen, ist das Schiff wunderbar geeignet. Das Problem des Ichs, sein
Wirklichkeitsbewusstsein im Sturm unkontrollierbarer Gefühle zu bewahren,
findet seinen Ausdruck im Symbol des Schiffes, das in Einsamkeit und Gefahr
einem möglicherweise feindlichen Element ausgeliefert ist. Dieses Element trägt
es und bringt es im Allgemeinen schnell dahin, wo es hin will, doch das Wasser
kann sich auch unversehens zu gewaltigen Wogen und haushohen Wellenfronten
auftürmen, die seine Sicherheit in Frage stellen.
Doch, das sehen Sie an diesem Beispiel, wenn
die Gefühle aus kindlichen Quellen gespeist werden, dann sind die Gefahren, die
sie vorgaukeln, unwirklich. Dann kämpft man gegen Gespenster. Dann gilt es einen
Weg zu finden, der aus diesem Wahn herausführt.
Es war die Vision des Starbuck, die die
entscheidende Wegweisung aus dem Wahn heraus hätte sein können. In allen
Entzugssituationen gilt es, sich zu einer realistischen Vision, zur Vision des
Starbuck, durchzukämpfen, der Vision der Nüchternheit, dem Wachstumsprinzip.
Im Falle von Ahab beinhaltet es die Liebe zu
dem Schiff und seiner Besatzung, die Liebe zu der Ladung, zu den vollen Fässern
mit Tran, die Liebe zum Meer. Denn das Meer erlaubt es, diese Beute einzuholen
und damit zurück zu reisen, den wohlverdienten Lohn einzustreichen.
Zwei Gegebenheiten gilt es immer, vor Augen
zu haben: Das Verhängnis der Anklammerung an eine Fiktion und die Notwendigkeit
einer Vision. Sie muss stets die Vision der Nüchternheit sein, die Vision des
Starbuck. Im Entzugsdiagramm (siehe oben) hat sie im Wachstumszweig einen
deutlichen Ausdruck gefunden.
Ein Erwachsener, dem es in der altersgemäßen
Entwicklungsphase nicht gelungen ist, sich aus dem Verschmelzungsbedürfnis
einer Mutterbindung zu lösen, gleicht einem Bergsteiger, der sich verstiegen
hat und nun für den Rückzug keine Auffangposition findet. Die Anklammerung an
die Wand entspricht seinem Verschmelzungsbedürfnis. Im Laufe der Zeit wird diese
Stellung immer unhaltbarer. Doch er hat keine andere. Sonst bietet sich seinen
Händen und Füßen nur der Abgrund an.
Die Auffangposition wäre, um im Bild zu
bleiben, ein fester Boden, auf dem er sich aus eigener Kraft aufrecht halten und
bewegen kann. Dieser feste Boden im seelischen Raum bestünde aus einer ganzen
Reihe von Voraussetzungen, die in dem betrachteten Fall sämtlich nicht gegeben
und nicht entwickelt sind. Dazu gehört ein Bewusstsein, eine Wahrnehmung, eine
Anerkennung, eine Liebe, ein Vertrauen zur eigenen Körperlichkeit, zur
eigenen seelisch-geistigen Gestalt, zur eigenen Vergangenheit, zu den
eigenen Leistungen, den eigenen Erzeugnissen im weitesten Sinne.
Die innere Abwendung stellt sich auch dar als
Liebesentzug für die eigenen Erzeugnisse, die eigenen Arbeitsergebnisse, als
Folge einer, wie Freud sagt, analen Fixierung. Es handelt sich dabei um die
Krise des Selbstwertgefühls im allgemeinsten Sinne: Die Nicht-Würdigung der
eigenen Person erstreckt sich auch auf die Ergebnisse der eigenen Arbeit.
Diese Ergebnisse wären als Teil der eigenen Person zu betrachten. Und die
Nicht-Würdigung der eigenen Person führt zu der Annahme, dass auch andere
Menschen die eigene Person nicht achten.
Viel verlangt:
Erkennen Sie die Tragweite und die Schwierigkeit des Problems!
Dem Vorgang wohnt eine Automatik, eine
Zwangsläufigkeit inne. Sie führt dazu, dass der Selbstwert nicht als Folge
äußerer Einflüsse wieder hergestellt werden kann. Erforderlich ist deshalb in
all diesen Fällen ein mutiger Schritt:
Mutig ist dieser Schritt insofern, als der
Glaube an dieses Etwas der Logik des bisher gelebten Weltbildes strikt zuwider
läuft.
Indessen ist dies bereits die zweite Hürde.
Die erste ist die intensive Trauer, die der Verzicht auf die Wut und auf die
Geborgenheit innerhalb der Verschmelzungsillusion auslöst. Der
Schwierigkeitsgrad dieser Hürde folgt aus der Stärke des bisher verdrängten
Angstgefühls. Wie im Zusammenhang mit dem „starken Gefühl“ gesagt, spiegelt
dieses Angstgefühl die Lebensbedrohung des Kleinkindes in seiner
Trennungsangst wieder - einer Angst, die in seinem Nischendasein der
Verdrängung das Wachstum ins Erwachsenendasein mit vollzogen hat.
Werden Sie sich Ihrer
Bindungen bewusst!
Sie haben sich einen Abstand gegenüber dem
eigenen Denken erworben und wissen um die Gefahr, die von einem falschen Denken
ausgeht.
Sie brauchen ein Symbol für Ihr Inneres! Wenn
man einen Abstand zu seinem eigenen Denken gewonnen hat, dann kann man dieses
Denken in einem Bilde einfangen: Es möge Wasser sein, in dem sich das Innenleben
abspielt - etwa der Inhalt eines Aquariums. In ihm herrscht ein reges Treiben.
Fische schwimmen in ihm herum; jeder Fisch ist ein Abbild: Man kennt jeden
dieser Fische mit Namen. Sieh’, dort schwimmt der beste Freund, dort der böse
Widersacher aus dem Büro. Jeder Mensch aus der Umgebung wird hier durch einen
Fisch vertreten.
Es sind die innerseelischen Vertreter der
eigenen Umwelt. Sie haben eine große Bedeutung für Sie. Zu jedem haben Sie eine
innere Beziehung, und die kann für Sie förderlich oder belastend sein.
Einige Bindungen sind
eine Belastung für Sie!
Für einen depressiven Menschen sind sogar die
Beziehungen belastend, die förderlich sein könnten - eine freundschaftliche
Beziehung etwa. Aber - fragt sich der Depressive - ist die Freundschaft echt,
und wie lange wird sie erhalten bleiben? Es ist kaum übertrieben zu sagen: Für
den Depressiven hängt sein Leben an dieser Frage.
Es sind Nabelschnüre, die ihn mit diesen
inneren Abbildern verbinden, und wie für einen Embryo ist die Nabelschnur
lebenswichtig. Jedes dieser inneren Abbilder stellt für ihn einen Mutterersatz
dar. Sollte man dem Depressiven nicht sagen, er sei kein Embryo mehr, er sei
längst ein erwachsener Mensch? Er wird nicht auf Sie hören. Er weiß von diesen
Nabelschnüren nichts. Diese Bindungen liegen im Unbewussten.
Wenn es Ihnen gelingt, diese Bindungen bei
sich selbst zu erkennen, dann haben Sie eine Chance, sich aus ihnen zu befreien.
Sie müssen den Vorgang von einer höheren Bewusstseinsebene aus betrachten. Doch
dabei steht Ihnen eine große Bewährungsprobe bevor. Wenn Sie sich von diesen
Bindungen lösen, dann erwachen aus der Kindheit herrührende Ängste. Ihr Nebenich
will Sie in diesen Bindungen festhalten, und es ist gewohnt, dass ihm das
gelingt. Denn diese Ängste sind, wie hier schon mehrfach beschrieben,
übermenschlich groß. Und wenn sie geweckt werden, dann flieht das Ich
gewohnheitsmäßig vom Thron und überlässt seinen Platz dem Nebenich.
Diese unbewussten Ängste sind die Zerberusse,
die Höllenhunde, die die Traumata in ihren unterirdischen Verstecken schützen.
Soviel zur Warnung. Doch wenn Sie noch in einer solchen unbewussten
Mutterbindung befangen sind und sich daraus emanzipieren wollen, kommen Sie um
diese Auseinandersetzung nicht herum. Sie müssen sich dabei nur immer vor Augen
halten, dass es ein Kampf gegen Gespenster ist, die Ihnen in Wirklichkeit nichts
anhaben können. Die oben beschriebenen Techniken der Meditation „Ich bin tot...“
werden Ihnen dabei helfen.
Verantwortlich
(c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters
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