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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Psychotherapie

 

 

 

 

         Entdecken Sie Ihr Nebenich!

 

Sie müssen das Nebenich in sich selbst entdecken oder in einem anderen Menschen, zu dem Sie Kontakt haben. Sie bemerken an diesem Menschen oder an sich selbst, was schwieriger ist, eine Veränderung: Merkmal ist die Wehleidigkeit, eine Bereitschaft zum Jammern, die sich auch in Gestik, Mimik und Sprache ausdrückt. Bei sich selbst, wenn Sie selbst depressiv sind, können Sie die in einer Anspannung der Gesichtsmuskeln, speziell an Mund und Augen, wahrnehmen. Der Depressive will entweder gar nicht reden oder, wenn er redet, dann sieht er in allem einen Grund zum Klagen.

Wenn es sich bei dem Depressiven um einen Bekannten oder Angehörigen handelt, dann prüfen Sie als erstes, in welchem Zustand Sie sich selbst befinden! Falls Sie selbst in einer ähnlichen Stimmung sind: Vermeiden Sie den Kontakt! Nehmen Sie Abstand! Auch wenn Sie Probleme mit dem Betreffenden zu besprechen haben, Probleme mit ihm besprechen sollten: Nicht jetzt! Weichen Sie jedem Kontakt aus! Warten Sie einen anderen Zeitpunkt ab - heute, oder an einem anderen Tag. Jetzt würde jeder Kontakt in die Katastrophe führen.

 

Das therapeutische Gespräch

 

Nur wenn Sie sich in einer stabilen Stimmungslage befinden, wenn Sie sicher sind, dass Sie die Ruhe bewahren werden in jedem Falle, was immer Ihr Gegenüber sagen oder tun wird, dann können Sie den Kontakt zu ihm aufnehmen. Und betrachten Sie ihn als einen Kranken, als einen Menschen, der nicht er selbst ist, als einen Menschen, der eine gewisse Narrenfreiheit benötigt.

Machen Sie ihm auf keinen Fall irgendwelche Vorwürfe! auch wenn es Grund dafür gäbe. Wenn er Ihnen, sich selbst, anderen oder der Welt Vorwürfe macht, hören Sie zu! Vielleicht will er auch gar nicht mit Ihnen reden. Aber - das ist eine gesicherte Erfahrung - zuhören wird er Ihnen, wenn Sie etwas sagen.

Erklären Sie ihm, dass er zur Zeit von seinem Nebenich regiert wird; dass dieses Nebenich seit seiner Kindheit in der Unendlichkeit seines Nervensystems installiert ist - und zwar infolge einer seelischen Verletzung, eines Schreckens, den sein kindliches Ich nicht verkraften konnte. Damals hat das eigentliche Ich, das berechtigte Ich, seinen Thron, von dem aus es regierte, verlassen und ihn dem Nebenich überlassen. Seitdem existiert dieses Neben­ich - real, nicht sinnbildlich - in der gleichen Form wie das eigentliche Ich. Es verschwand wieder vom Thron, aber es existierte weiter. Verschwinden, sich nicht in Nichts auflösen, kann es nicht. Neben dem Ich, das normalerweise auf dem Thron sitzt, führt es ein Hintergrunddasein. Es lauert auf den Augenblick, in dem das Ich einmal wieder in Panik gerät wie damals, sich vom Thron zurückzieht und dem Nebenich seinen Platz überlässt. Davon träumt es - eventuell jahrelang. Und bei Ihrem Gegenüber sitzt es jetzt auf dem Thron.

Aber - jetzt kommt das Positive -, dieser Zustand ist unnormal, und diese Unnormalität ist allen Beteiligten bewusst. Sie ist dem Ich bewusst, sie ist dem Nebenich bewusst. Das heißt, sobald sich die Situation, die zur Zeit als katastrophal erlebt wird,  wieder normalisiert, findet sofort ein Rücktausch der Rollen statt. Rücktausch heißt: Das Nebenich tritt wieder zurück in sein Hintergrunddasein und das Ich kehrt auf seinen angestammten Platz zurück. Automatisch!

Damit ist aber auch Ihre Rolle genau definiert: Sie sind jetzt der Gegenspieler des Nebenichs! Sie müssen die Normalität wieder herstellen! Das Nebenich Ihres Gegenübers wird versuchen, die Katastrophenangst aufrecht zu erhalten. In diesem Kampf müssen Sie Ihr Gegenüber als Verbündeten gewinnen! Erklären Sie ihm geduldig die Situation. Denken Sie daran: Er hört Ihnen zu! Auch wenn er zur Zeit nicht über sein Denken verfügen kann, weil das Nebenich am Schalthebel der Macht sitzt.

 

Das Nebenich hat Ihnen gegenüber keine Chance!

 

Doch es ist ein minderwertiges Nebenich auf Grund seiner kindlichen Herkunft. Es hat gegen Sie und das Ich Ihres Gegenübers, das zur Zeit noch im Hintergrund ausharrt, keine Chance.

Ihr Gegenüber malt Ihnen die katastrophalen Zukunftsaussichten seines Daseins, vielleicht auch die katastrophalen Zukunftsaussichten der ganzen Welt und der Menschheit, aus und wohl auch Ihre Dummheit und Minderwertigkeit, der Sie zu widersprechen wagen, und das alles mit großer Intelligenz. Denn das Nebenich verfügt eben jetzt über die Großhirnrinde Ihres Partners, also über sein gesamtes Denkvermögen.

Kümmern Sie sich um alles das nicht! Machen Sie ihm geduldig klar, dass nicht er es ist, der hier argumentiert, sondern sein Nebenich. Und dass dieses so argumentieren muss, weil es sofort seine Rolle einbüßen wird, wenn die Katastrophenangst abklingt. Und da er zur Zeit nicht über sein Denken gebieten kann, bleibt ihm nur eins: Gar nichts denken!

Das Nebenich würde Ihren Partner bis in den Selbstmord treiben, nur um an der Regierung zu bleiben. Machen Sie ihm das klar. In seiner depressiven Stimmung hat er längst an Selbstmord gedacht. Aber sein Ich ist ein erwachsenes Ich im Gegensatz zu dem kindlichen Nebenich. Deshalb ist es ihm von Natur aus überlegen. Erklären Sie das Ihrem Partner! Er wird Ihnen zuhören. Er will das auch hören. Und sagen Sie ihm, er soll sich vorstellen, er hätte sich bereits das Leben genommen.

Sich etwas vorstellen! Sich auf eine höhere Bewusstseinsstufe begeben! Nachdenken über das Denken! Da kann das kindliche Nebenich nicht folgen. Ihr Gegenüber soll denken „Ich habe mir schon das Leben genommen. Ich bin tot!“ Wenn der Mensch tot ist, hat er keine Probleme mehr. Wenn man denkt, man ist tot, dann läuft die Katastrophenangst des Nebenichs, sein Alarmismus, ins Leere.

Man kann dem Nebenich oder dem Ich nicht gebieten, was sie tun sollen. Der Rücktritt des einen, die Machtanmaßung des anderen genauso wie ein Rollenrücktausch sind unbewusste Prozesse. Auf unbewusste Prozesse hat man keinen willentlichen Einfluss. Aber man kann von der Einstellungsebene her auf diese Prozesse Einfluss ausüben - indirekten Einfluss.

Fanatismus. Ist der „Teufel“ wirklich abgeschafft?

Bei der De­pressio n über­lässt das Ich seinen Platz dem minderwertigen Nebenich. Die Vertretung für das Ich kommt also aus dem Inneren. Beim Fanatismus kommt die Vertretung von außen; das Ich tritt zurück und überlässt die Herrschaft einem fremden Ich, einem Gruppenführer, einer Ideologie. Fanatismus ist in vieler Hinsicht das Komplement zur Depression. Zwar kann die Person von außen her nicht so absolut be­herrscht werden wie von innen. Doch wird dieser Mangel mehr als ausgeglichen durch den Gruppendruck, den Anpassungsdruck, den die Anhänger innerhalb einer fanatisierten Gruppe aufein­ander ausüben. Depression und Manie sind wie die zwei Seiten einer Medaille. Nach einer überwundenen Depression verfällt man leicht in eine Manie und umgekehrt. Beim Fanatiker ist die Manie das vorherrschende Verhal­ten. Der Umschlag in die Depression liegt jedoch auch bei der fanatisierten Gruppe nicht allzu fern und kann, wie man weiß, im Gruppenselbstmord enden.

 

Gehören Sie einer fanatisierten Gruppe an?

 

Eine solche Frage ist leichter zu stellen, als zu beantworten. Innerhalb einer fanatisierten Gruppe gibt es kein Bewusstsein für den eigenen Fanatismus. Man sieht nur, dass es viel Ungerechtigkeit in der Welt gibt, und dass man selbst das Gute will. Um die eigene Gruppe beurteilen zu können, muss man den Grundmechanismus kennen, der eine fanatisierte Gruppe zusammenhält. Dieser Mechanismus wirkt natürlich im Verborgenen, im Unbewusstsein.

Beim Depressiven ist es das minderwertige Nebenich, das das Ich in Panik versetzt und von seinem angestammten Platz vertreibt. Bei der fanatisierten Gruppe ist es das leitende Ich des Anführers, durch das das Ich der Anhänger in Panik versetzt wird. Dazu dient die Vision einer äußeren Notlage, einer mehr oder weniger umfassenden Katastrophe oder eines bevorstehenden Weltunter­gangs. Durch eine solche, unmittelbar bevorstehende Katastrophe wird das Ich der Anhänger so erschreckt, dass es nach dem gleichen Me­chanismus wie beim Depressiven seine Herrschaft abtritt. Auch der Anführer einer fanatisier­ten Gruppe kann seine Herrschaft nur solange aufrecht erhalten, wie diese Kata­stro­phen­angst anhält. Deshalb sieht er es als seine Hauptaufgabe an, diese Katastrophenangst immer wieder zu bestärken.

Bei dem Fanatisierten spielt sich eine ähnliche Persönlichkeitsänderung ab wie beim Depressiven, wenn er in eine akute Depression verfällt; das heißt, es verän­dern sich der Blick, der Gesichtsausdruck, die Mimik, die Körperhal­tung, die Sprache.

Wenn ich andere Menschen zum Denken zwingen will, dann bin ich vermutlich ein Fanatiker. Bin ich ein Fanatiker? Ich muss mir die Frage ernsthaft stellen. Oder bin ich depressiv? Ebenso ernsthaft fragen! In beiden Fällen handele ich eben nicht! Denke auch nicht nach. Versuche auch nicht, ein Problem zu lösen.

Es ist ein Problem der Reihenfolge.

Die erste Frage ist stets:

In welchem Zustand befinde ich mich?

Ihre Beantwortung entscheidet darüber,

ob ich handele oder bewusst nicht handele.

Sonst gilt:

Als Depressiver zu handeln, zielt dahin, sich selbst zu zerstören.

Als Fanatiker zu handeln, zielt dahin, die Welt zu zerstören.

 

Hegen Sie Rachegedanken?

 

Aus der Vergangenheit kann man lernen. Aber aus der Vergangenheit zu lernen, ist etwas ganz anderes, als die Vergangenheit vor ein fiktives Gericht zu zerren und die handelnden Personen nach heutigen moralischen Richtlinien be- und verurteilen zu wollen. Erster Schritt in der Begegnung mit der Vergangenheit muss immer sein, sich mit den handelnden Personen zu identifizieren, sich selbst in ihnen wiederzufinden. Kann man das nicht, dann beweist das nur, dass man den Geist der damaligen Zeit nicht begriffen hat. Zum Beispiel im Nebenich das alte Bild des Teufels wiedererkennen! Das lehrt, den Hochmut gegenüber der Vergangenheit abzubauen, als ob das Bild vom Teufel etwas veraltetes und durch den Fortschritt völlig überholtes sei. Auch die „sieben Todsünden“ der Vergangenheit Zorn, Hass, Neid und andere lassen sich leicht auf das Wirken des Nebenichs zurückführen.

Der Hinweis auf die rechtsstaatliche Grundordnung soll nach Meinung der Juristen genügen, um die „Todsünden“ einzugrenzen. Beispiel sei der Zorn oder die Rache: Demjenigen, der sich von Rachegedanken leiten lässt, wird entgegengehalten, dass das, was er anstrebe, Selbstjustiz sei, dass die verboten sei und bestraft würde. Dabei bleibt die innere Problematik eines solchen Menschen außer Betracht. Allenfalls wird ein „Handeln im Affekt“ juristisch gewertet, aber auch nur, wenn die Rachehandlung sofort erfolgt. Für einen Menschen, der von seinem Nebenich geleitet wird, spielt dagegen die Zeit überhaupt keine Rolle. Der stellt sein ganzes Leben unter die Regie des Rachegedankens. Der Rachegedanke nimmt für ihn eine existentielle Bedeu­tung an. Das ist möglich, weil der Intention des Nebenichs ohnehin eine Selbst­zerstö­rungstendenz inne­wohnt. Die vielleicht über Jahre sich erstrecken­de Rachezeremonie ist dann nur eine Verkleidung dieser Tendenz. Es ist klar, dass in dieser Situation die juristische Aufarbeitung der Tat, für die der Rächer sich rächen will, für ihn niemals befriedigend sein kann. Sein Nebenich bestimmt auch sein Denken. Wenn der Rachegedanke nicht in das moralische Wertesystem hineinpasst, dann wird er eben ersetzt durch den Begriff der „Ehre“. Die Tat, die gerächt werden soll, hat dazu geführt, dass „die Ehre verletzt“ worden ist, und da man „ohne Ehre nicht weiterleben kann“, ist es jetzt von existentieller Bedeutung, „die Ehre wieder herzustellen.“

Man sieht auch, wie die juristische Aufarbeitung am eigentlichen Problem vorbeizielt. Die Bestrafung für die Ausübung der Selbstjustiz liegt genau auf einer Linie mit der Selbstzerstörungstendenz des Nebenichs. Im Inneren des racheübenden Individuums ändert sich gar nichts. Es werden lediglich beide Tendenzen, die der Rache und die der Selbstzerstörung, in die Zukunft verlängert. Eine Haftstrafe ändert an der inneren Konstellation gar nichts, und solange das Nebenich an der Regierung bleibt, spielt Zeit keine Rolle.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters

Rubrik >Januar 2008

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Dr. Georg M. Peters ist Buchautor zum Themenkreis

 

'endogene Depressionen', verlegt im www.verlag-spiel.de