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Setzen Sie sich einer
Bewährungsprobe aus!
Wenn Sie ein Problem mit Ihrem
Selbstwertgefühl haben - schauen Sie nach innen! Fühlen Sie sich wie in einem
Aquarium! Um Sie herum in dem Wasser schwimmen Objekte: innerseelische Objekte,
Wiederspiegelungen von Leuten, die Sie kennen, von Leuten, die Ihnen nahe
stehen. Sie wissen nicht, was sie von Ihnen denken. Diese Ungewissheit
beunruhigt Sie, weil die Ungewissheit sich deckt mit der Ungewissheit Ihres
Selbstwertgefühls.
Mit diesen Objekten verbindet Sie eine
Mutter-Kind-Beziehung, ein Verschmelzungsbedürfnis. Das war bisher nicht
bewusst. Sie können ein von aller Welt bewunderter Erfolgsmensch sein, und
trotzdem in dieser kindlichen Art an Ihre Umwelt gebunden sein. Bei dem von
seiner Mannschaft gefürchteten Kapitän Ahab war das der Fall. Eine Loslösung hat
er gar nicht angestrebt.
Jetzt tun Sie etwas Unanständiges,
Unbotmäßiges: Sie nehmen ein kleines Messerlein und schneiden die Verbindung
zwischen Ihrem Selbst und diesen schwimmenden Objekten, diesen Mutter-Vertretern
durch.
Das hat für Sie gleichzeitig etwas
Beunruhigendes und Befreiendes. Die Beunruhigung liegt darin, dass Sie
weiterhin nicht wissen, welche Wertschätzung Sie bei diesen seelischen
Objekten genießen. Aber Sie spüren und hoffen, dass Sie Ihren Selbstwert
unabhängig davon erhalten können. Es ist nicht mehr so wichtig, welche Meinung
die Anderen von Ihnen haben.
Nach Überwindung des
Verschmelzungsbedürfnisses erscheint diese Tat, dieses Durchtrennen der
Bindungen, jetzt aufrührerisch und mutig. Und jemand, der diesen Schritt, wie es
sich gehört, im dritten Lebensjahr vollzogen hat, könnte meinen, hier wäre
schon früher mehr Mut erforderlich gewesen. Doch das ist eine Verkehrung von
Ursache und Wirkung:
Jetzt erscheint dieser Loslösungsschritt
notwendig und normal, und wenn er vollzogen ist, entsteht das Gefühl einer
mutigen Entscheidung. Aber ohne die Loslösung hat der Mut kein Objekt. In der
Verschmelzungs-Beziehung findet das Selbst keinen Gegner, weil es diesen Gegner
außerhalb des Selbst, außerhalb seiner Anbindungen, sucht, und dort gibt es
nichts.
Wie gesagt: Die Wiederherstellung des
Selbstwertgefühls hat zunächst etwas Künstliches an sich. Sie kann nur gelingen
mit einer Ausrichtung des Willens, und die Ausrichtung des Willens gelingt nur
nach dem Prinzip „Zuwendung ohne Intention“.
Zuwendung ohne
Intention! Künstliches Selbstvertrauen.
Durch das Stratagem „Zuwendung ohne
Intention“ sind wieder alle vier Dimensionen angesprochen. Ästhetik und
Intention, Gesetz und Freiheit.
Die Zuwendung fällt in den Bereich des
Gesetzes. Das Gesetz lautet: „Ich wende mich jetzt, in diesem Augenblick, einer
bestimmten Aufgabe zu; wende mich ihr zu, ohne ein weitergehendes Ziel zu
verfolgen. Vielleicht tue ich gar nichts, aber ich tue auch nichts anderes!“ Es
ist eine Art von Askese, aber eine milde Art.
Unter dem freiheitlichen Blickwinkel denke
ich: „Ich empfinde diesen asketischen Verzicht nicht als Einschränkung meiner
Freiheit. Ich denke an das Wachstumsprinzip, an die Vereinbarkeit von Gesetz
und Freiheit. Unter Blickwinkel des Wachstumsprinzips meditiere ich: „Ich erlebe
mich infolge dieser Zuwendung in einer neuen Situation, deren Folgen ich nicht
absehen kann. Ich bin neugierig auf die Folgen. Diese Selbstbetrachtung setzt
wieder eine Abstandnahme in Richtung der ästhetischen Dimension voraus. Bei
gleichzeitiger Rücknahme der Intention – „Zuwendung ohne Intention“ – gelangen
wir zum kontemplativen Pol.
Diese Selbstbetrachtung nutzen Sie ganz
bewusst, um ein künstliches Selbstbewusstsein zu schaffen: „Es könnte ja sein,
dass das gut ist, was ich mache oder machen werde. Es wird ein Produkt meiner
Arbeit sein. Ich wende mich dem zu. Ich sehe es als einen Teil meiner Person an.
Ich wende mich älteren Produkten meiner Arbeit zu. Ich sehe auch diese als Teile
meiner Person an. Alle diese Produkte gehören zu mir, wenn sie materiell
innerhalb oder außerhalb meiner Wohnung, meines Arbeitsplatzes vorhanden sind,
oder wenn sie immateriell in meinem Gedächtnis oder im Gedächtnis anderer
Menschen aufbewahrt sind.“ Das setzt allerdings voraus, dass wie oben
beschrieben, die „Trümmerwüsten“ beseitigt sind.
Erweitern Sie Ihre
Persönlichkeit!
Meditieren Sie weiter: „Alle diese Produkte
gehören zu mir, sie machen die Gesamtheit meiner Persönlichkeit aus. Ich
verfolge die Linie der Produkte, denen ich mich zugehörig fühle, weiter bis in
die frühe Kindheit hinein. Als ich zum ersten Mal erfolgreich auf dem Topf saß:
Mein Stolz auf mein Produkt, das darin lag! Es war das erste Produkt, das ich in
die Welt gesetzt hatte. Und auch jetzt versuche ich diesen Stolz wieder zu
erwecken. Ich beziehe auch dieses Produkt ein, fühle mich ihm zugehörig,
betrachte es als Teil meiner Persönlichkeit. Es ist quasi das ‚Tüpfelchen auf
dem i.’ Oben habe ich gesagt: ‚Es könnte ja gut sein, was ich mache.’ Der Satz
galt schon damals.“
„Wie geschmacklos! Also wirklich abstoßend!“
Ich höre Proteste? Wenn Sie diesen Gedanken abstoßend finden, dann leiden Sie
vielleicht, wie Freud sagen würde, an einer analen Fixierung. Sie sollten den
Gedanken akzeptieren, Ihre damalige „Leistung“ und den Stolz darauf würdigen
und die Linie in die Vergangenheit noch weiter fortsetzen. Eintauchen in die
eigene, überindividuelle Vergangenheit, sich die Produkte des eigenen
Kulturkreises angliedern und sich der neuen, „eigenen“ Gestalt bewusst werden!
Es gibt keinen anderen Eigentümer der
Geschichte - Sie sind ihr Eigentümer.
Werden Sie sich Ihrer Geschichte bewusst!
Fühlen Sie sich als ein Glied Ihres Kulturkreises: Seien Sie Deutscher,
Franzose, Europäer, seien Sie Asiate, Afrikaner, Eskimo, Mensch mit einer langen
Vergangenheit – und wollen Sie das sein! Sehen Sie sich als das
Entwicklungsergebnis Ihres Kulturkreises an!
Sie sehen, Sie haben viele Facetten, viele
Seiten, die je nach Lichteinfall und Blickrichtung in einer anderen Farbe
glänzen. Sehen Sie jede dieser Facetten nicht als Belastung sondern als
Bereicherung an!
Wie groß ist Ihre Willenskraft? Was ist
überhaupt Willenskraft? Willenskraft ist ein seltsamer Begriff – einerseits in
aller Munde, andererseits vollkommen unklar. Muskelkraft ist ein ganz
eindeutiger Begriff. Mit Muskelkraft kann man ein Gewicht heben. Ein anderer hat
diese Muskelkraft nicht, der kann das Gewicht nicht heben.
Wenn man sich mit dem Wollen befasst, liegt
es nahe, zu fragen, über welche Willenskraft man verfügt. Soll ich Gewichtheber
werden, wenn ich keine Muskelkraft habe? Doch wohl nicht. Wir brauchen ein
Institut, in dem man die eigene Willenskraft messen lassen kann. Das Ergebnis
belehrt uns, ob unser Wollen überhaupt einen Sinn hat, oder ob wir es lieber
sein lassen sollen.
Sie werden gemerkt haben, dass diese
Überlegung nicht ernst gemeint ist. Sie zeigt nur, dass Willenskraft etwas
anderes ist als Muskelkraft, und dass die meisten Menschen von der Willenskraft
eine ganz falsche Vorstellung haben. Wie groß ist Ihre Willenskraft?
Willenskraft ist eine
reine Einbildung!
„Woher soll ich wissen, dass ich satt bin,
wenn ich keine Leibschmerzen habe?“
Wer beim Essen von einer unbezähmbaren Gier
angetrieben wird, der bewundert die Willenskraft seines Tischnachbarn, der sein
Mahl nach mäßigem Genuss beendet. Der Alkoholiker bewundert die Willenskraft
seines Nachbarn an der Theke, der ein oder zwei Gläser trinkt und dann zufrieden
aufhört.
Dabei ist ganz klar, dass bei dem mäßigen
Genuss gar keine Willenskraft im Spiel ist. Vielmehr ist kein Bedürfnis da,
weiter zu essen bzw. weiter zu trinken.
Als ein Meister in der Anwendung seiner
Willenskraft gilt der, der sich einer Sucht erfolgreich entzogen hat.
Eine Arbeit, die getan werden muss, vor sich
her schieben!
Können Sie sich
aufraffen zu einer ungeliebten Arbeit?
Sie sollte in Angriff genommen werden. Aber
weshalb soll ich mich dazu heute überwinden, wenn es auch ein Morgen gibt?
Die Arbeit erscheint dem vorausblickenden
Auge als ein Berg, den es zu besteigen gilt. Die Höhe des Berges entspricht der
Intention, die nötig erscheint, um die Aufgabe zu bewältigen. Willenskraft,
Ausdauer, Arbeitskraft! Der innere Widerstand folgt aus dem Anblick des Berges -
die Unlust, die Aufgabe jetzt, in diesem Augenblick, in Angriff zu nehmen.
- Die Höhe des Berges weist auf die
Schwierigkeit des Problems,
-
die Steilheit des Anstiegs auf die Strecke
der bevorstehenden Entbehrungen,
-
das Volumen des Berges auf den Gesamtumfang
der Widerstände und Schwierigkeiten, die aus dem Wege zu räumen sind.
Eigentlich ist es ganz logisch, dass man sich
angesichts dieser Durststrecke lieber heute einen guten Tag macht und das Elend
auf morgen verschiebt.
Hier fehlt eine wichtige Einsicht, die sich
den Steinzeitmenschen auch nicht auf Anhieb enthüllt hat.
Nehmen Sie Abstand
von dem Problem!
Die Kultur der Steinzeitmenschen und damit
die Kultur überhaupt begann in dem Augenblick, als unsere Vorfahren erkannten,
dass man, um einen Stein zu zerkleinern, zu bearbeiten, zu formen, die
beschränkte eigene Kraft auf einen einzigen Punkt konzentrieren muss. Da man
damals noch keine Stahlwerkzeuge hatte, kam als Überträger dieser Kraft auch
nur wieder ein Stein in Frage; aber der musste eine scharfe Kante haben und als
Schlagwerkzeug verwendbar sein.
Der Faustkeil muss wiederentdeckt werden!
Ich versuche Sie hier in die Steinzeit
zurückzuversetzen, obwohl die Vorgänge, die ich beschreibe, uns heute trivial
erscheinen. Doch ist das ein Vorurteil! Dieses Vorurteil hindert uns daran, die
Kunst und Technik der Steinzeitmenschen richtig zu würdigen. Die Höhe der damit
verbundenen Kultur hat über Hunderttausende von Jahren das Leben auf der Erde
charakterisiert. Richtig würdigen tun wir diese Kultur, wenn wir daran denken,
dass es eine Zeit davor gab, in der die Vormenschen zwar schon eine gewisse
Intelligenz und handwerkliche Fähigkeit hatten, sie diese aber noch nicht zur
Entwicklung einer solchen Kultur zu nutzen wussten.
Im Nachhinein erscheinen uns die nötigen
Erkenntnisschritte trivial, wie im Rückblick jeder Erkenntnisschritt trivial
erscheint: Stets wundert man sich hinterher „wie haben die Menschen vorher bloß
ohne die Erkenntnis leben können“.
Beschränken Sie die
eigenen Kräfte auf ein einziges Ziel!
Ein wenig verlieren diese Betrachtungen von
ihrer Trivialität, wenn wir uns von der äußeren Welt und der steinzeitlichen
Technik abwenden und uns der inneren Welt zuwenden. Hier in der Innenwelt
befinden wir uns in mancher Hinsicht auf der gleichen Kulturstufe wie die
Vorfahren bei der Entdeckung der Steinbearbeitung. Es ist einfach ungewohnt,
die vorhandenen Verstandeskräfte hier im Innenraum wirksam und zielgerichtet
einzusetzen.
Wir kehren zurück, zu dem Problem der
unerledigten Arbeit. Der innere Widerstand entsteht durch die Vision des Berges,
der das zu erledigende Pensum abbildet. Diesem Widerstand muss man eine andere
Vision entgegensetzen - die Vision eines Keiles, der die verfügbaren Kräfte auf
einen Punkt konzentriert: Diese Vision heißt „Zuwendung ohne Intention“.
Ohne Intention! Sie wenden sich der Aufgabe
zu, aber Sie wissen nicht, Sie wollen nicht wissen, ob Sie jetzt an dem Problem
arbeiten werden. Vielleicht tun Sie etwas, vielleicht auch nicht! Aber Sie tun
auch nichts anderes! Sie bleiben der Aufgabe zugewandt. Ohne Absicht, ohne Ziel,
ohne Terminplan! Wo bleibt denn da die Willenskraft?! Sie ist nicht nur eine
Einbildung, sie ist eine uns selbst schädigende Einbildung. Bei der Zuwendung
ohne Intention vermindert sich das zu erledigende Pensum auf Null, das heißt,
das Bild des Berges löst sich in nichts auf. Es bleibt nur das Problem der
Zuwendung, und da mit der Intention die Verpflichtung verschwindet, öffnet sich
der Raum für die Neugier. Neugier ist aber ein motivierendes Moment.
„Willenskraft“, „Sich zusammenreißen“, „nicht
so faul sein“, „den inneren Schweinehund überwinden“ das sind alles Elemente
dieser selbstschädigenden Einstellung. Diese Elemente tragen bei zur Entwicklung
der Bergvision. Wir wissen schon: Sie tragen bei zu der gefährlichen
moralisierenden Haltung, zur Entwicklung von Vorsätzen.
Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters
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