_______________________________________________________________________

 

   

 

         

ANTIQUARIATE

 

 

___  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

___

 

ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Psychotherapie

 

 

 

 

 

 

Eine Mutterbindung, die nicht aufgelöst
werden konnte

 

Setzen Sie sich einer Bewährungsprobe aus!

Wenn Sie ein Problem mit Ihrem Selbstwertgefühl haben - schauen Sie nach innen! Fühlen Sie sich wie in einem Aquarium! Um Sie herum in dem Wasser schwimmen Objekte: innerseelische Objekte, Wiederspiegelungen von Leuten, die Sie kennen, von Leuten, die Ihnen nahe stehen. Sie wissen nicht, was sie von Ihnen denken. Diese Ungewissheit beunruhigt Sie, weil die Ungewissheit sich deckt mit der Ungewissheit Ihres Selbstwertge­fühls.

Mit diesen Objekten verbindet Sie eine Mutter-Kind-Beziehung, ein Ver­schmel­zungs­bedürfnis. Das war bisher nicht bewusst. Sie können ein von aller Welt bewunderter Erfolgsmensch sein, und trotzdem in dieser kindlichen Art an Ihre Umwelt gebunden sein. Bei dem von seiner Mannschaft gefürchteten Kapitän Ahab war das der Fall. Eine Loslösung hat er gar nicht angestrebt.

Jetzt tun Sie etwas Unanständiges, Unbotmäßiges: Sie nehmen ein kleines Messerlein und schneiden die Verbindung zwischen Ihrem Selbst und diesen schwimmenden Objekten, diesen Mutter-Vertretern durch.

Das hat für Sie gleichzeitig etwas Beunruhigendes und Befreien­des. Die Beunruhigung liegt darin, dass Sie weiterhin nicht wissen, wel­che Wertschät­zung Sie bei diesen seelischen Objekten genießen. Aber Sie spüren und hoffen, dass Sie Ihren Selbstwert unabhängig davon erhalten können. Es ist nicht mehr so wichtig, welche Meinung die Anderen von Ihnen haben.

Nach Überwindung des Verschmelzungsbedürfnisses erscheint die­se Tat, dieses Durchtrennen der Bindungen, jetzt aufrührerisch und mutig. Und jemand, der diesen Schritt, wie es sich gehört, im dritten Lebensjahr vollzogen hat, könnte mei­nen, hier wäre schon früher mehr Mut erforderlich ge­wesen. Doch das ist eine Verkehrung von Ursache und Wirkung:

 Jetzt erscheint dieser Loslösungsschritt notwendig und nor­mal, und wenn er vollzogen ist, entsteht das Gefühl einer mutigen Entscheidung. Aber ohne die Loslösung hat der Mut kein Objekt. In der Verschmelzungs-Beziehung findet das Selbst keinen Gegner, weil es diesen Gegner außerhalb des Selbst, außerhalb seiner Anbindungen, sucht, und dort gibt es nichts.

Wie gesagt: Die Wiederherstellung des Selbstwertgefühls hat zunächst etwas Künstliches an sich. Sie kann nur gelingen mit einer Ausrichtung des Willens, und die Ausrichtung des Willens gelingt nur nach dem Prinzip „Zuwendung ohne Intention“.

 

Zuwendung ohne Intention! Künstliches Selbstvertrauen.

Durch das Stratagem „Zuwendung ohne Intention“ sind wieder alle vier Dimensionen angesprochen. Ästhetik und Inten­tion, Gesetz und Freiheit.

Die Zuwendung fällt in den Bereich des Gesetzes. Das Gesetz lautet: „Ich wende mich jetzt, in diesem Augenblick, einer bestimmten Aufgabe zu; wende mich ihr zu, ohne ein weitergehendes Ziel zu verfolgen. Vielleicht tue ich gar nichts, aber ich tue auch nichts anderes!“ Es ist eine Art von Askese, aber eine milde Art.

Unter dem freiheitlichen Blickwinkel denke ich: „Ich empfinde diesen asketischen Verzicht nicht als Einschränkung meiner Freiheit. Ich denke an das Wachs­tumsprinzip, an die Vereinbarkeit von Gesetz und Freiheit. Unter Blickwinkel des Wachstumsprinzips meditiere ich: „Ich erlebe mich infolge dieser Zuwendung in einer neuen Situation, deren Folgen ich nicht absehen kann. Ich bin neugierig auf die Folgen.  Diese Selbstbetrachtung setzt wieder eine Abstandnahme in Richtung der ästhetischen Dimension voraus. Bei gleichzeitiger Rücknahme der Intention – „Zuwendung ohne Intention“ – gelangen wir zum kontemplativen Pol.

Diese Selbstbetrachtung nutzen Sie ganz bewusst, um ein künstliches Selbstbewusstsein zu schaffen: „Es könnte ja sein, dass das gut ist, was ich mache oder machen werde. Es wird ein Produkt meiner Arbeit sein. Ich wende mich dem zu. Ich sehe es als einen Teil meiner Person an. Ich wende mich älteren Produkten meiner Arbeit zu. Ich sehe auch diese als Teile meiner Person an. Alle diese Produkte gehören zu mir, wenn sie materiell innerhalb oder außerhalb meiner Wohnung, meines Arbeitsplatzes vorhanden sind, oder wenn sie immateriell in meinem Gedächtnis oder im Gedächtnis anderer Menschen aufbewahrt sind.“ Das setzt allerdings voraus, dass wie oben beschrieben, die „Trümmerwüsten“ beseitigt sind.

 

Erweitern Sie Ihre Persönlichkeit!

Meditieren Sie weiter: „Alle diese Produkte gehören zu mir, sie machen die Gesamtheit meiner Persönlichkeit aus. Ich verfolge die Linie der Produkte, denen ich mich zugehörig fühle, weiter bis in die frühe Kindheit hinein. Als ich zum ersten Mal erfolgreich auf dem Topf saß: Mein Stolz auf mein Produkt, das darin lag! Es war das erste Produkt, das ich in die Welt gesetzt hatte. Und auch jetzt versuche ich diesen Stolz wieder zu erwecken. Ich beziehe auch dieses Pro­dukt ein, fühle mich ihm zugehörig, betrachte es als Teil meiner Persönlichkeit. Es ist quasi das ‚Tüpfelchen auf dem i.’ Oben habe ich gesagt: ‚Es könnte ja gut sein, was ich mache.’ Der Satz galt schon damals.“

„Wie geschmacklos! Also wirklich abstoßend!“ Ich höre Proteste? Wenn Sie diesen Gedanken abstoßend finden, dann leiden Sie vielleicht, wie Freud sagen würde, an einer analen Fixierung. Sie sollten den Gedanken akzeptie­ren, Ihre damalige „Leistung“ und den Stolz darauf würdigen und die Linie in die Vergangenheit noch weiter fortsetzen. Eintauchen in die eigene, überin­divi­duelle Vergangenheit, sich die Produkte des eigenen Kulturkreises angliedern und sich der neuen, „eigenen“ Gestalt bewusst werden!

Es gibt keinen anderen Eigentümer der Geschichte - Sie sind ihr Eigentümer.

Werden Sie sich Ihrer Geschichte bewusst! Fühlen Sie sich als ein Glied Ihres Kulturkreises: Seien Sie Deutscher, Franzose, Europäer, seien Sie Asiate, Afrikaner, Eskimo, Mensch mit einer langen Vergangenheit – und wollen Sie das sein! Sehen Sie sich als das Entwicklungsergebnis Ihres Kulturkreises an! 

Sie sehen, Sie haben viele Facetten, viele Seiten, die je nach Lichteinfall und Blickrichtung in einer anderen Farbe glänzen. Sehen Sie jede dieser Facetten nicht als Belastung sondern als Bereicherung an!

 

Willenskraft?

Wie groß ist Ihre Willenskraft? Was ist überhaupt Willenskraft? Willenskraft ist ein seltsamer Begriff – einerseits in aller Munde, andererseits vollkommen unklar. Muskelkraft ist ein ganz eindeutiger Begriff. Mit Muskelkraft kann man ein Gewicht heben. Ein anderer hat diese Muskelkraft nicht, der kann das Gewicht nicht heben.

Wenn man sich mit dem Wollen befasst, liegt es nahe, zu fragen, über welche Willenskraft man verfügt. Soll ich Gewichtheber werden, wenn ich keine Muskelkraft habe? Doch wohl nicht. Wir brauchen ein Institut, in dem man die eigene Willenskraft messen lassen kann. Das Ergebnis belehrt uns, ob unser Wollen überhaupt einen Sinn hat, oder ob wir es lieber sein lassen sollen.

Sie werden gemerkt haben, dass diese Überlegung nicht ernst gemeint ist. Sie zeigt nur, dass Willenskraft etwas anderes ist als Muskelkraft, und dass die meisten Menschen von der Willenskraft eine ganz falsche Vorstellung haben. Wie groß ist Ihre Willenskraft?

 

Willenskraft ist eine reine Einbildung!

„Woher soll ich wissen, dass ich satt bin, wenn ich keine Leibschmerzen habe?“

Wer beim Essen von einer unbezähmbaren Gier angetrieben wird, der bewundert die Willenskraft seines Tischnachbarn, der sein Mahl nach mäßigem Genuss beendet. Der Alkoholiker bewundert die Willenskraft seines Nachbarn an der Theke, der ein oder zwei Gläser trinkt und dann zufrieden aufhört.

Dabei ist ganz klar, dass bei dem mäßigen Genuss gar keine Willenskraft im Spiel ist. Vielmehr ist kein Bedürfnis da, weiter zu essen bzw. weiter zu trinken.

Als ein Meister in der Anwendung seiner Willenskraft gilt der, der sich einer Sucht erfolgreich entzogen hat.

Eine Arbeit, die getan werden muss, vor sich her schieben!

 

Können Sie sich aufraffen zu einer ungeliebten Arbeit?

Sie sollte in Angriff genommen werden. Aber weshalb soll ich mich dazu heute überwinden, wenn es auch ein Morgen gibt?

Die Arbeit erscheint dem vorausblickenden Auge als ein Berg, den es zu besteigen gilt. Die Höhe des Berges entspricht der Intention, die nötig erscheint, um die Aufgabe zu bewältigen. Willenskraft, Ausdauer, Arbeitskraft! Der innere Widerstand folgt aus dem Anblick des Berges - die Unlust, die Aufgabe jetzt, in diesem Augenblick, in Angriff zu nehmen.

 

- Die Höhe des Berges weist auf die Schwierigkeit des Problems,

-

 

 

 

 

die Steilheit des Anstiegs auf die Strecke der bevorstehenden Entbehrungen,

-

 

 

 

 

das Volumen des Berges auf den Gesamtumfang der Widerstände und Schwierigkeiten, die aus dem Wege zu räumen sind.

Eigentlich ist es ganz logisch, dass man sich angesichts dieser Durststrecke lieber heute einen guten Tag macht und das Elend auf morgen verschiebt.

Hier fehlt eine wichtige Einsicht, die sich den Steinzeitmenschen auch nicht auf Anhieb enthüllt hat.

 

Nehmen Sie Abstand von dem Problem!

Die Kultur der Steinzeitmenschen und damit die Kultur überhaupt begann in dem Augenblick, als unsere Vorfahren erkannten, dass man, um einen Stein zu zerkleinern, zu bearbeiten, zu formen, die beschränkte eigene Kraft auf einen einzigen Punkt konzentrieren muss. Da man damals noch keine Stahlwerk­zeuge hatte, kam als Überträger dieser Kraft auch nur wieder ein Stein in Frage; aber der musste eine scharfe Kante haben und als Schlagwerkzeug verwendbar sein.

Der Faustkeil muss wiederentdeckt werden!

Ich versuche Sie hier in die Steinzeit zurückzuversetzen, obwohl die Vorgänge, die ich beschreibe, uns heute trivial erscheinen. Doch ist das ein Vorurteil! Dieses Vorurteil hindert uns daran, die Kunst und Technik der Steinzeitmenschen richtig zu würdigen. Die Höhe der damit verbundenen Kultur hat über Hunderttausende von Jahren das Leben auf der Erde charakterisiert. Richtig würdigen tun wir diese Kultur, wenn wir daran denken, dass es eine Zeit davor gab, in der die Vormenschen zwar schon eine gewisse Intelligenz und handwerkliche Fähigkeit hatten, sie diese aber noch nicht zur Entwicklung einer solchen Kultur zu nutzen wussten.

Im Nachhinein erscheinen uns die nötigen Erkenntnisschritte trivial, wie im Rückblick jeder Erkenntnisschritt trivial erscheint: Stets wundert man sich hinterher „wie haben die Menschen vorher bloß ohne die Erkenntnis leben können“.

 

Beschränken Sie die eigenen Kräfte auf ein einziges Ziel!

Ein wenig verlieren diese Betrachtungen von ihrer Trivialität, wenn wir uns von der äußeren Welt und der steinzeitlichen Technik abwenden und uns der inneren Welt zuwenden. Hier in der Innenwelt befinden wir uns in mancher Hinsicht auf der gleichen Kulturstufe wie die Vorfahren bei der Entdeckung der Steinbe­arbeitung. Es ist einfach ungewohnt, die vorhandenen Verstandeskräfte hier im Innen­raum wirksam und zielgerichtet einzusetzen.

Wir kehren zurück, zu dem Problem der unerledigten Arbeit. Der innere Widerstand entsteht durch die Vision des Berges, der das zu erledigende Pensum abbildet. Diesem Widerstand muss man eine andere Vision entgegen­setzen - die Vision eines Keiles, der die verfügbaren Kräfte auf einen Punkt konzentriert: Diese Vision heißt „Zuwendung ohne Intention“.

Ohne Intention! Sie wenden sich der Aufgabe zu, aber Sie wissen nicht, Sie wollen nicht wissen, ob Sie jetzt an dem Problem arbeiten werden. Vielleicht tun Sie etwas, vielleicht auch nicht! Aber Sie tun auch nichts anderes! Sie bleiben der Aufgabe zugewandt. Ohne Absicht, ohne Ziel, ohne Terminplan! Wo bleibt denn da die Willenskraft?! Sie ist nicht nur eine Einbildung, sie ist eine uns selbst schädigende Einbildung. Bei der Zuwendung ohne Intention vermindert sich das zu erledigende Pensum auf Null, das heißt, das Bild des Berges löst sich in nichts auf. Es bleibt nur das Problem der Zuwendung, und da mit der Intention die Verpflichtung verschwindet, öffnet sich der Raum für die Neugier. Neugier ist aber ein motivierendes Moment.

„Willenskraft“, „Sich zusammenreißen“, „nicht so faul sein“, „den inneren Schweinehund überwinden“ das sind alles Elemente dieser selbstschädigenden Einstellung. Diese Elemente tragen bei zur Entwicklung der Bergvision. Wir wissen schon: Sie tragen bei zu der gefährlichen moralisierenden Haltung, zur Entwicklung von Vorsätzen.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters

 

>Rubrik Februar 2009 I Januar

Rubriken 2008: Dezember I November I Oktober I September

August I Juli I Juni I Mai I April I März I Februar I Januar

 

Rubriken 2007: Dezember I November I Oktober I September

August I Juli

 

Ihre Meinung zu diesem Text ist gefragt:

redaktion@deutscher-buchmarkt.de

 

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

Dr. Georg M. Peters ist Buchautor zum Themenkreis

 

'endogene Depressionen', verlegt im www.verlag-spiel.de