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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Psychotherapie

 

 

 

 

 

 

Autorität in der Erziehung

Problem der Autorität - jung über alt

 

Solange man ein Problem mit der Autorität hat, hat man auch ein Problem mit der sozialen Ordnung innerhalb der Gesell­schaft. Die soziale Schieflage die heute durch die Entwicklung auf den Finanzmärkten hervorgerufen wird, will ich hier außer acht lassen.

Das Problem mit der Autorität existiert schon länger. Es ergibt sich aus den Theorien, die das Heil in der Erneuerung sehen, nach dem Motto: das Neue ist gut, weil es neu ist - das Alte ist schlecht, weil es alt ist. (Jan Ross: „Moderni­sierung ist ein Modebegriff“) Das ist seit einigen Jahrzehnten eine im Unbewussten verankerte Einstellung. 

We need no education

Die eigentliche Triebfeder dieses Denkens ist die alte marxistische Ideologie. Gesellschaftskritik! Die Theorie von einer guten oder wenigstens besseren Gesellschaftsordnung - verbunden mit dem Glauben, dass Schule, Universität, die Medien oder eine politische Partei in der Lage seien, eine bessere Gesellschaft zu entwerfen und das Entwicklungsgesetz der Geschichte zu durchschauen. Der junge Mensch brauchte sich also nur in kurzer Zeit die Theorie dieser besseren Ordnung anzueignen, um sofort allen älteren Menschen überlegen zu sein.

Das führte in der heranwachsenden Generation zwangsweise zu der Überzeugung, „Wir sind natürlicherweise besser, klüger, fortschrittlicher als alle Älteren“ und zu der Einstellung „we need no education“. Ein solcher Mensch lässt sich von älteren nichts sagen, kann in einem älteren kein Vorbild sehen, kann die Autorität eines älteren grundsätzlich nicht anerkennen.

Es ist klar, dass dieses Vorurteil, wenn weit verbreitet, gefährlich ist wie jedes Vorurteil. Das Vorurteil besagt, wozu soll sich ein Jüngerer das Gerede eines Älteren anhören, wenn der Ältere einer bürgerlichen oder spätbürgerlichen Klasse angehört, die sowieso zum Absterben bestimmt ist.

Eine solche Einstellung ist heute überholt und wird in der politischen Diskussion nicht mehr vertreten. Aber als Vorurteil im Unbewussten, „Jung über Alt“, lebt es noch fort und wird durch eine Erziehung, die keine Grenzen setzt, durch eine Erziehung des laissez faire, in gefährlicher Weise unterstützt.

Um der jugendlichen Selbstüberschätzung entgegen zu wirken, empfiehlt sich die Festlegung strenger, unabhängiger Leistungs- und Prüfungsmaßstäbe im Rahmen der Ausbildung, wie sie oben beschrieben wurden - als einer Form von Autorität, einer Form von Autorität, wie sie in der Nachkriegszeit, insbesondere nach 1968, in Verruf geraten und schließlich einfach aus der Mode gekommen ist. 

Selbstvertrauen der Jugend

Die Jugend nimmt die Umwelt so auf, wie sie ist; eignet sich die Umwelt an, ohne sie in Frage zu stellen.

Wächst die Jugend in einer materiell gesicherten Umwelt auf, in einem gewissen Wohlstand mit allgemeiner Gesundheitsfürsorge, so nimmt sie eine solche gesicherte Umwelt als Selbstver­ständ­lichkeit hin. Sie sieht weder einen Grund, für das Vorhandensein dieser Umwelt Dankbarkeit zu zeigen noch an dem Fortbestand der Sicherheit zu zweifeln.  

Eine naturnotwendige Art von Dummheit

Das ist ein gewisses Maß an Dummheit, das allerdings für die Jugend, mit ihrem naturbedingten Mangel an Erfahrung, naturnot­wendig ist.

Auf diese Weise wird Fortschritt zu einem Fortschritt an Dummheit. Die aus der Dumm­heit erwachsende Waghalsigkeit und Risikobereitschaft kann wiederum zu einem echten Fortschritt, zu dem Erwerb neuer Erfahrungen, zur Entdeckung von Neuland führen.

Es ist wie beim Selbstvertrauen: Infolge günstiger innerer und äußerer Voraussetzungen bildet sich vielleicht schon in der Jugendzeit ein gesundes Selbstvertrauen heraus - eine gute Voraussetzung für den Lebenserfolg.  

Selbstvertrauen: Eine Art von Dummheit?

Ein gesundes Selbstvertrauen von Anfang an!

Über dem Sumpf aus Selbstzweifeln, den die Depression bereitet, liegt dann eine Kruste, auf der der Erfolgreiche herumtanzen kann, ohne zu wissen, was unter dieser Kruste droht. Das hat zur Folge: Wenn die Kruste der Belastung nicht standhält, wenn sie bricht, dann sinkt der Naive ein und geht unter. Er ist rettungslos verloren, weil ihm das Wissen fehlt, das Schwächebewusstsein, das derjenige hat, bei dem diese Kruste nicht von vornherein gegeben war, der sie sich mühsam erarbeiten musste. Es gibt, wie dieses Beispiel zeigt, einen Nutzen der Dummheit; aber er ist begrenzt.

Schwächebewusstsein als ein Zeichen der Stärke! Diese Aussage gilt nicht nur für den privaten Bereich, also für die Einstellung zur eigenen Person, sondern ist darüber hinaus ein gesellschaftliches Merkmal: Schwächebewusstsein dient in dem Buch „Dimensionen des Bewusstseins“ des Verfassers zur Kennzeichnung besonders erfolgreicher Epochen der Menschheitsgeschichte.

Auf das Problem eines nicht vorhandenen Selbstbewusstseins komme ich später zurück.

3) Die Ordnungsfunktion, Autorität des Staates

Demokratie in Deutschland

Dass die Ordnungsfunktion die wichtigste Aufgabe des Staates ist, wird im heutigen Verfassungsstaat vielleicht nicht genügend deutlich.  

Sehnsucht nach Autorität

Deshalb wird in Krisensituationen des Verfassungsstaates, wie zum Beispiel Anfang der dreißiger Jahre, während der Weltwirtschaftskrise, in Deutschland, ein Tyrann wie Hitler als Befreier und Erlöser begrüßt. Deshalb ersehnen viele Bewohner der Staaten des früheren Ostblocks, nach Auflösung der Sowjetunion, die früheren Verhältnisse zurück. Deshalb auch die DDR-Nostalgie im Osten Deutschlands. Des­halb auch der Umschlag vieler demokratischer Regime von Entwick­lungsländern in au­toritäre Systeme.

Um so mehr muss man die Stabili­tät älterer Demokratien wie England, Frankreich, U.S.A. bewundern. Die Ursache ist vielleicht darin zu sehen, dass sie gewisse autoritäre Strukturen innerhalb ihrer gesellschaftlichen Ordnung nie in Frage gestellt haben. 

Neurotische Einstellung der Deut­schen?

Ob im gegenwärtigen Deutschland die Demokra­tie stabil ist, muss sich erst noch zeigen.

Es wäre nützlich, niemand hat das bisher ge­tan, neurotische Züge, wenn sie im öffentlichen Leben sichtbar wer­den, zu benennen. Meinungsumfragen haben gezeigt: Ruhe, Ordnung, Sicherheit im öf­fentlichen Leben ist den Bewohnern der ehemaligen DDR weit wichtiger als den Westdeut­schen. Ein solcher Unterschied könnte tiefere Ursachen haben.

Meine Vermutung ist, dass darin eine neurotische Einstellung der Deut­schen sichtbar wird. Während des Hitlerregimes wurde Au­torität überbewertet. Diese Einstellung hat im DDR-Regime ihre direkte Fortsetzung gefunden. Im westlichen Nachkriegs­deutsch­land ist diese Einstellung in Antiau­tori­tarismus umge­schlagen - und zwar wiederum in ein neu­rotisches Verhalten, näm­lich in das neurotische Gegenteil.

Die gleiche Neigung, das Überwechseln von dem einen Extrem ins andere, beobachtet auch Ismael Lelong in Deutschland. Das liest man in seinem Buch „Chronik eines angekündigten Selbstmords“. Es befasst sich mit der Politik einer staatlichen Familien- und Geburtenförderung, also mit dem demographischen Problem. In Deutschland ist dieses Thema tabuisiert. Er führt das darauf zurück, dass Geburtenförderung eines der Hauptanliegen des NS-Regimes war. Was im NS-Regime hoch gehängt wurde, darf allein aus diesem Grunde heute überhaupt nicht mehr angesprochen werden. Ein typisches Beispiel für den Umschlag eines neurotischen Verhaltens ins neurotische Gegenteil.

Das Verhalten der ostdeutschen Bevölkerung ist also noch von der traditionellen neurotischen Einstellung, die der westdeutschen von dem neurotischen Gegenteil geprägt. In dem einen Fall wird Autorität übertrieben hoch be­wertet, in dem andern nach Möglichkeit verleugnet.

Zu dem gleichen Ergebnis, soweit es die alten Bundesländer betrifft, gelangt auch Florian Coulmas in seinem Buch „Die Deutschen schreien“.  

„Die Deutschen schreien

Zum Vergleich: Ein Mensch, der während seiner Kindheit ständig gegen seinen Willen zum Essen ge­zwungen wurde, findet oft lebenslänglich keine ge­sunde Einstellung zum Essen.

Entweder er isst; dann gerät er in eine Stimmung des Über­schwangs, weil er sich in Übereinstimmung mit seinem Überich sieht. Dann isst er so schnell und so viel, wie er nur kann. Oder er ver­weigert die Nahrungsaufnahme; dann trotzt er seinem mächtigen Überich, und das Ich ist glück­lich, weil es endlich seinen eige­nen Willen bekommt. Dieser Neu­ro­ti­ker kann also sein Verhalten verändern; er hat eine Ent­scheidungs­freiheit. Aber was ihm völ­lig versperrt ist, das ist eine natürliche, ungezwungene Ein­stellung zu seinem Essbedürfnis und des­sen genussvoller Befriedigung.

Der Neurotiker kann sich aus seinem Schwanken zwischen den bei­den Gegenpolen nur schwer befreien - vor allem deshalb, weil er die Verhaltensmöglichkeiten, die er jedesmal überspringt, gar nicht wahrnimmt. Die beiden Verhaltenspole liegen für ihn unmit­telbar nebeneinander. Eine merkwürdige Verengung der Wahrneh­mungs­fä­hig­keit lässt ihn für die Zwischenformen völlig blind sein. Der ganze Schwankungsbereich zwischen den Polen, der für einen andern Menschen den Lebensinhalt ausmachen kann, erscheint dem Neurotiker als ein Nichts - nicht als ein Geringwertiges sondern als ein Nichtvorhandenes.

Wahr­scheinlich geht es dem Deutschen mit seiner Einstellung ge­genüber der Autorität ähnlich. Das demokratische Autori­täts­problem wird durch das Überschwingen des Pendels ins neu­rotische Gegenteil verschärft. Der Rückfall ins neurotische Gegenteil ist als das Normale anzusehen. Solange nicht der schmerzhafte Weg der Behandlung und der Selbster­kenntnis gegan­gen wird, fällt der Neurotiker immer dann, wenn er mit dem einen Grenzverhalten ein Unlusterlebnis herausgefordert hat, in das andere zurück. Ein natürlicher Umgang mit der Autorität ist ihm verwehrt, da stets entweder nur das Ich oder das Überich zu seinem Recht kommt. Das Streben der beiden ist für ihn unvereinbar. Diese lebenslange Einschränkung gilt natürlich nur solange, wie dieser innere Gegensatz nicht selbst zum Thema gemacht, so lange er nicht behandelt wird.

 

(Diese Rubriken sind geschrieben in Anlehnung an das Buch „Eine Seereise zum Ich“ von Georg M. Peters, Verlag SPIEL.)

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters

 

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Dr. Georg M. Peters ist Buchautor zum Themenkreis

 

'endogene Depressionen', verlegt im www.verlag-spiel.de