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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Psychotherapie

 

 

 

 

 

 

Glück oder Depression

 

Im Falle einer Depression ist der normale Ablauf „Krank­heitsbewusstsein, Arztbe­such, Diagnose, Therapie“. Er ist umwegig und aufwendig. Um ihn, wenn möglich, abzukürzen, sind zwei Einsichten wichtig:

Erstens: Depression ist nicht heilbar.

Zweitens: Depression ist keine Krankheit, sondern ein Zustand.

Jeder Mensch - vereinfachend gesagt - kann jeder Zeit von einer Depression befallen werden.

Bevor der Arzt feststellt, ob ein Patient depressiv ist oder nicht, sollte der Einzelne - jedermann – sich fragen: „Bin ich depressiv? Bin ich in diesem Augenblick depressiv oder nicht“. Allerdings wirken innere Widerstände einer richtigen Selbsteinschätzung entgegen. Man kann aber lernen, was man im Falle der Depression denken darf, und was man unter keinen Umständen denken darf.

Experimentieren Sie mit Ihrem Denken! Folgen Sie den Denkanleitungen, die hier gegeben werden, und prüfen Sie, was die Gedanken in Ihrem Inneren auslösen. Wie sich Ihr Befinden ändert. Sammeln Sie auf diese Weise Erfahrungen!

Positives Denken? Nein danke! Reden Sie sich nicht ein, dass sie ein Alpha, ein Siegertyp, ein Erfolgsmensch sind! Versuchen Sie zunächst, Ängste und Neurosen abzubauen und eine selbstsichere Persönlichkeit zu werden! Wenn Sie dabei die Hilfe eines Arztes haben – umso besser. Aber seien nicht Objekt, sondern Subjekt! Versuchen Sie selbst, Ihr Leben zu gestalten! 

Beten Sie keine Idole an! Gut ist, wenn Sie ein bisschen denken können oder denken wollen oder denken lernen wollen. Wichtig ist:

Gesetz und Freiheit bilden keinen Gegensatz. 

 

Das klingt für manchen vielleicht überraschend. Aber in der unten angeführten Fabel sind Glück und Gesetz gleichbedeutend. Sein Leben gestalten wollen, ist oft eine Suche nach dem Glück. Wie werde ich glücklich? Glück: Was ist Glück?

Über Glück werde ich nur hier am Anfang kurz reden. Ansonsten kommt das Wort in meinen Texten nicht vor. Denn: Nach dem Glück suchen, ist der sicherste Weg zum Unglücklichsein. Vergessen Sie alles, was Theologen, Philosophen und Glücksucher zu diesem Thema sagen: Sie suchen das Glück im Jenseits, in der Weisheit, im großen Lottogewinn - jedenfalls an weit entfernten Orten. Bleiben Sie in der Nähe, bleiben Sie bei sich! Ändern Sie Ihre Einstellung! Sie sind schon glücklich! Nur – vielleicht ist Ihnen das nicht bewusst.

Ich hatte die Möglichkeit, in meiner Nachbarschaft zwei etwas geistesgestörte junge Männer zu beobachten. Offenbar waren sie harmlos. Der eine, ein typischer Eckensteher, stand täglich acht Stunden lang mit einer Bierflasche in der Hand an einer bestimmten Straßenecke und beobachtete die Passanten. Der andere war beweglicher. Ein großer, kräftiger Kerl, auch an kühleren Tagen nur mit Shorts und T-Shirt bekleidet, näherte sich in aggressiver Weise jedem, der ihn nicht ganz ignorierte. Dabei geriet er manchmal an den Falschen und fing sich ein blaues Auge und weitere Blessuren ein. Doch bei aller Verschiedenheit der beiden war ihnen eine innere Anspannung, eine gewisse Unausgewo­genheit der Bewegungen anzumerken und, obwohl sie alle Tage in unveränderter Form auftraten, rief der Anblick in mir den Gedanken hervor, dass sie nicht sehr lange in dieser Form weiter agieren könnten.

Und nach etwa einem Jahr sind sie tatsächlich aus dem Straßenbild verschwunden. Was aus ihnen geworden ist, weiß ich nicht. Aber etwas hat ihr Erscheinen bei mir bewirkt: Ich sehe jetzt die übrigen Menschen mit anderen Augen. Ich sehe in ihren Bewegungen eine Gelassenheit, Ausgewogenheit und Stabilität, die ich vorher nicht wahrgenommen hatte, und die ich jetzt als schön empfinde - obwohl ich sicher bin, dass jeder einzelne Probleme, Unzufriedenheiten und Spannungen in seinem Inneren verbirgt.

Aber dieser alltägliche Zustand, in dem sie sich befinden, ist das Glück. Man hat in den USA eine Untersuchung durchgeführt an Leuten, die nach einem Lotteriegewinn plötzlich reich geworden oder die bei einem Unfall beide Beine verloren hatten. Die einen gerieten in ein Stimmungshoch, die anderen in ein Stimmungstief - wie zu erwarten war -; doch nach einigen Wochen verebbten die Gefühlsschwankungen und die Stimmungslage pendelte sich auf den gleichen Mittelwert ein wie vor dem Ereignis.

Diese mittlere Stim­mungs­lage, dieses Be­wusst­sein der Alltäg­lich­keit, das ist das Glück. Man erkennt es nur nicht. Die Situation erinnert an die Erzählung „Vor dem Gesetz“ von Franz Kafka: Jemand wartet vor einem geheimnisvollen Tor und fragt den Türsteher, ob er hinein darf. Doch der gibt ihm die Erlaubnis nicht. Dieses Warten setzt sich fort - Jahr um Jahr, bis der Wartende alt und unbeweglich wird. „Warum hat eigentlich in all den Jahren niemand außer mir hier Einlass begehrt?“ fragt er den Türsteher. „Dieses Tor war nur für dich bestimmt. Doch jetzt ist deine Zeit um; ich schließe das Tor.“

Der Mensch hätte nur hinein zu gehen brauchen. Doch eine Erlaubnis wird nicht gegeben. Es erfolgt auch keine Aufforderung. So ähnlich warten die Menschen auf ihr Glück. Sie brauchten es nur zu sehen. Aber sie können es auch übersehen. Einen Zwang, es zu erkennen, gibt es nicht. Eine Aufforderung, es wahrzunehmen, erfolgt nicht. Lebenslängliches vergebliches Warten ist möglich. Das Glück ist hier in der Erzählung von Kafka das Gesetz. Eine merkwürdige Gleichung, die von ganz allgemeiner Bedeutung ist.

 

Alles hinnehmen lernen!

 

Die beiden folgenden Grundsätze sind miteinander gut vereinbar – genauso wie Gesetz und Freiheit, die oben einander gegenüber gestellt wurden.

1) Alles hinnehmen lernen wie es ist.

2) Sich ändern lernen.

 

Wenn ich alles hinnehme, dann brauche ich doch nichts mehr zu ändern!? höre ich sagen. Im Gegenteil: Unzufriedenheit zehrt an meiner Kraft, und die fehlt mir dann, wenn ich etwas ändern will.

Lineares Denken, versachlichtes Denken, instrumentelles Denken stehen im Gegensatz zum richtigen Denken! Also: Nachdenken über das Denken! Abstandnahme von der eigenen Person, vom eigenen Denken, von der eigenen Depressivität! Um die Dinge zu verkomp­lizieren? Nein, um sie ändern zu können!

Kaufen Sie keine fröhlichen Ratgeberbücher, die Ihnen sagen, was Sie tun müssen, um ihr Leben zu ändern, um glücklich zu werden. Wenn Sie in der Lage wären, alles das zu tun, was Ihnen dort geraten wird, dann hätten Sie es längst getan. Was in diesen Büchern praktiziert wird, ist „lineares Denken“: „In Ihrer Wohnung herrscht Unordnung?! Beseitigen Sie sie!“ Das ist, um einmal Adorno zu zitieren, „instrumen­tel­les Denken“, versachlichtes Denken.

Worin besteht die Kunst des richtigen Denkens, in die hier eingeführt werden soll? Neu daran ist, kurz gesagt, dass es sich nicht um theoretisches Denken handelt, sondern dass die Rückkopplung durch das eigene Unbewusstsein einbezogen wird. Dieses Denken umfasst den Menschen und seine Lebensführung als Ganzes.

Angenommen, Sie wollen einen Luftballon aufblasen, bis er platzt. Der instrumentelle Denker sieht darin kein Problem: Es sagt: „Ich nehme das Mundstück zwischen die Lippen, blase und erhöhe dadurch den Luftdruck, wobei sich der Ballon ausdehnt. Die Spannung in der Membran wächst, bis sie den Reißwert übersteigt und der Ballon platzt. Ganz einfach.“

So weit der instrumentelle Denker. Aber dessen Denken muss nicht der Wirklichkeit entsprechen.

Es kann auch sein, dass Ihre Lungenkraft nicht ausreicht, um den Druck über einen gewissen Wert hinaus zu erhöhen. Sie wundern sich: „Woran liegt das? Besteht der Ballon aus einem besonderen Material? Bin ich zu schwach – ein Schwächling? Bin ich durch mein Rauchen ge­schwächt? Ist es schon das Alter?“

Sie verfallen in Depression und werfen den Ballon in die Ecke, weil er Sie ärgert. Vielleicht bekommen Sie infolge der Anstrengung einen Husten- oder einen Asthmaanfall, was Sie wiederum auf Ihr Problem des Zigarettenkonsums oder der Gesundheit führt. Plötzlich wird das Problem des Ballonauf­bla­sens für Sie belanglos.

Das waren alles Gesichtspunkte, die das instrumen­telle Denken außer Betracht gelassen hat. Das richtige Denken führt auf die Erkenntnis 

 

Ein Regelkreis aus Ursache und Wirkung ist

 erst dann von Bedeutung,

wenn er den Denkenden in seiner gesamten Lebenssituation mit einbezieht.

 

Frage: Was tun Sie im Augenblick?

Antwort: Ich lese.

Sehr gute Antwort, wenn Sie sie selbst gegeben und nicht nur abgelesen haben. ‘Etwas tun’ und ‘zu wissen, dass man etwas tut’, spielt sich auf verschiedenen Ebenen ab: ‘Wissen’ und ‘Wissen, dass man weiß’. Lernen Sie zu unterscheiden:  

‘Ich lese’,

‘ich weiß, dass ich lese’

‘ich weiß, dass ich weiß, dass ich lese.’  

‘Ich rauche’,

‘ich weiß, dass ich rauche’

‘ich weiß, dass ich weiß, dass ich rauche.’  

Sie nehmen so Abstand von Ihrer eigenen Person:  

‘Ich bin ich’,

‘ich sehe meine Person’,

‘ich sehe meine Person handeln oder nicht handeln’. 

 

Abstandnehmen von der eigenen Person!

 

Wenn Sie irgend etwas ändern wollen an Ihren Ängsten, an Ihren Einstellun­gen, an Ihrem Verhalten, so ist das immer der erste Schritt. Sie ‘sehen’ auch Ihre eigene Person denken.

Ihre Einstellung zur Zukunft, zur Gegenwart, zur Vergangenheit! Nichts ist dann mehr vorgegeben. Alles kann sich ändern. Nur unter dieser Voraussetzung können Sie den Mut finden, sich mit der eigenen Depressivität zu befassen.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters

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Dr. Georg M. Peters ist Buchautor zum Themenkreis

 

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