_______________________________________________________________________

 

   

 

         

ANTIQUARIATE

 

 

___  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

___

 

ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Psychotherapie

 

 

 

 

 
Das Entzugsdiagramm

 

Im Entzugsdiagramm wird das Wachstumsprinzip unmittelbar anschaulich. 

Der Asoziale

Der Asoziale der Penner, der Streuner! Er setzt sich zur Wehr gegen die Zumutung, doch endlich ein geregeltes Leben zu führen, sich ein Obdach und eine einkömmliche Beschäftigung zu besorgen, sich der Anstrengung zu unterziehen, etwas für seinen Lebensunterhalt zu tun. Er sieht das als eine unerträgliche Einschränkung seiner Freiheit an.

Die Ordnung im Bereich der eigenen Lebensführung fällt in die Zuständigkeit des Gesetzes, und für den Asozialen sind die beiden Begriffe Gesetz und Freiheit miteinander unvereinbar. Ein Mehr des einen bedeutet ein Weniger des andern und umgekehrt. Das ist die falsche Einstellung! Richtig ist, dass beide Größen unabhängig voneinander sind, dass sie das Wachstumsprinzip bilden.

Die Bedeutung dieser Einsicht wird auch deutlich am Beispiel des Rauchers oder eines sonstigen Suchtabhängigen.  

Entzug des Suchtmittels

Beim Nikotinentzug sind die körperlichen Entzugserscheinungen besonders gering ausgeprägt. Anders ist es bei der Alkoholsucht oder Drogensucht. Dennoch ist die Raucherentwöhnung nicht wesentlich einfacher als der Entzug anderer Drogen. Das liegt begründet in der sogenannten psychischen Abhängigkeit. Ein seelischer Gesichts­punkt ist von besonderer Bedeutung, nämlich die falsche Einstellung, dass das Verbot des Suchtmittels eine Einschränkung der Freiheit darstellt.

Mit „Verbot“ ist hier ein selbst auferlegtes Gebot zu verstehen.

Das Entzugsdiagramm sollten Sie stets vor Augen haben. Ich bitte Sie deshalb, ein Blatt Papier zu nehmen und darauf ein Koordinatensystem zu zeichnen: Die x-Achse nach rechts, die y-Achse nach oben. Markieren Sie bitte auf der x-Achse einen Punkt f und auf der y-Achse einen Punkt g, und bezeichnen Sie den durch x und y definierten Punkt in der Ebene als P.

Die x-Achse ist die Dimension der Freiheit; f bezeichnet die Anzahl der Freiheiten, über die ein Individuum im Augenblick verfügt. Die y-Achse ist die Dimension des Gesetzes; g bezeichnet die Anzahl der Gesetze, in die das Individuum zur Zeit eingebunden ist.

Nun zeichnen Sie bitte eine einfach gebogene Linie, eine Hyperbel, durch den Punkt P, die sich nach rechts der x-Achse und nach oben der y-Achse immer mehr annähert. Sie ist der bildliche Ausdruck für die falsche Einstellung: Der rechte Zweig sei als Illusionskurve bezeichnet. Die Illusion besteht darin, dass die Freiheit immer größer wird, je weniger Gesetze zu befolgen sind. Dem entspricht der nach oben gehende Zweig, der hier Angstkurve heißen mögen. Die Angst besteht darin, dass durch eine wachsende Zahl der Gesetze zwangsläufig die Zahl der Freiheiten immer geringer wird.

Die Realität sieht anders aus. Zeichnen Sie dazu bitte eine S-förmige Kurve, die den Punkt P durchläuft, im Punkte P die Hyperbel berührt, dann aber nach links sich von der Hyperbel immer mehr entfernt und in einem Bogen nach oben rechts verschwindet. Dieser Zweig sei als Wachstumskurve bezeichnet, da er ausdrückt, dass Gesetz und Freiheit mit einander vereinbar sind und sich gegenseitig bedingen.

Vom Punkte P nach rechts ausgehend zeichnen Sie jetzt bitte noch den vierten Zweig. Er soll sich nach unten von der Hyperbel entfernen und in einem Bogen zum Nullpunkt, zum Schnittpunkt von x- und y-Achse, verlaufen und hier enden. Er sei als die Elendskurve bezeichnet, die dort endet, wo Freiheit und Gesetz gleichzeitig ihre Bedeutung verlieren, also zu Null werden.  

Der gegenwärtige Zustand des Süchtigen

Betrachten wir den Punkt P im gezeichneten Koordinatensystem. Er möge den gegenwärtigen Zustand eines Süchtigen, sagen wir eines Alkoholikers, markieren.

Ein gewisses Maß an Freiheit f wird definiert durch seine gegenwärtigen finanziellen, gesundheitlichen und sozialen Spiel­räume.

g sei die Anzahl der Gesetze, an die er sich gebunden fühlt: Nützliche Gewohnheiten, Ver­ant­wor­tung im Beruf, in der Familie, im sozialen Umfeld.

Eine Selbstbetrachtung, eine Abstandnahme von der eigenen Person, veranlasst ihn, seinen Alkoholkonsum in Fra­ge zu stellen. Sein neues Gesetz lautet: „Keinen-Alkohol-trinken!“

Doch innerlich lehnt er sich dagegen auf, denn ihn beherrscht die Vorstellung: „Ein neues Gesetz bedeutet Einschränkung der Freiheit“, „Mehr Gesetz = weniger Freiheit“. Das entspricht dem Angst-Zweig der Kurve.

Seine Hoffnung weist in die entgegengesetzte Richtung: „Weniger Gesetze = immer mehr Freiheit“. Das ist der Illusions-Zweig der Kurve. Er ergibt sich daraus, dass das Denken zu sehr an die Bedürfnisse des Augenblicks gebunden ist.  

Der Süchtige erliegt der Versuchung

Während der vor ihm liegenden Übergangsphase, der Durst­strecke, der Entwöh­nungs­phase, wird sein Denken tatsächlich von dem Verlangen nach dem Suchtmittel beherrscht. Er erlebt die Einführung des neuen Gesetzes als Einschränkung seiner Freiheit.

Doch wenn ihn die Verlockung des Illusions-Zweiges verleitet, sein Gesetz wieder aufzugeben, dann wird die Wirklichkeit ihn eines Besseren bzw. Schlechteren belehren:

Durch sein Trinken fällt er aus dem beruflichen, familiären, sozialen Rahmen heraus. Die Anzahl der Gesetze, denen er sich verpflichtet fühlt, nimmt zwar ab. Aber gleichzeitig ergeben sich finanzielle, gefühlsmäßige, gesundheitliche Einschränkungen. So vermindert sich auch das Maß seiner Freiheiten. Er entwickelt sich gemäß der abfallenden Elends-Kurve und endet schließlich im Nullpunkt, im Endstadium. Dort muss er keine Gesetze mehr befolgen, genießt aber auch keine Freiheiten mehr.  

Er hält sein Gebot ein

Anders ist es, wenn er sein Gebot einhält. Die Einhaltung des Gesetzes wird keineswegs, wie es seiner Horrorvision und der Angst-Kurve entspricht, seine Freiheiten immer mehr einschränken.

Die Anzahl der Gesetze, an die er sich hält, steigt vielleicht tatsächlich. Denn er steigt im Beruf auf. Die Verantwortung wächst - vielleicht muss er sich einen Terminkalender zulegen. Aber mit den größeren finanziellen Möglichkeiten und einer gesundheitlichen Erholung wachsen auch seine Freiheiten. Das zeigt im Diagramm die aufsteigende Kurve, die als Wachstumskurve bezeichnet ist.

Damit haben Sie das Entzugsdiagramm vor Augen. Sein Sinn liegt nicht so sehr in dem psychologischen Erkenntnisgehalt, sondern in der Veranschau­lichung. Es soll als Bild, als Mnemo, als bildhafte Vorstellung wirksam werden und helfen, die Entwöhnungsphase zu überstehen.  

 

Das Selbstwertgefühl

 
Die Anklammerungstendenz, eine unaufgelöste Mutterbindung

Eines der oben erwähnten „starken Gefühle“ ist die Angst vor dem Alleinsein. Wie gesagt, für den Erwachsenen bedeutet das Alleinsein keine tödlich Gefahr mehr wie für das Kleinkind. Wer als Erwachsener nicht allein sein kann, wer eine Zurückweisung nicht ertragen kann, wer Kritik oder Liebesentzug nicht ertragen kann, der leidet an einer unaufgelösten Mutterbindung. Im Unbewusst­sein hängt er noch mit der Mutter zusammen. Dieses Gefühl ist völlig unab­hängig von der realen Existenz der Mutter. Jeder Mensch in der Umgebung wird in die Rolle der Ersatzmutter gedrängt. Auf sie richtet sich das kindliche Anklam­merungs­bedürfnis. Jede Infragestellung dieser Bindung löst ein starkes Gefühl aus, das Gefühl der Trennungsangst.

Wenn dieser seelische Mechanismus so offen zu Tage liegt wie in dieser Beschreibung, dann kann er im Lichte des Bewusstseins natürlich nicht weiter bestehen, weil er zu absurd ist. Aber bevor er aufgedeckt wird, liegt er im Unbe­wusst­­sein verborgen; und dort kann er gewaltige Kräfte entfalten.

 

Der Mythos „Moby Dick“ im Roman von Hermann Melville

 

Ein Beispiel für starke Gefühle

Das finden wir auf einem Schiff, auf dem Schiff von Kapitän Ahab. Ein Schiff und die Gefahren des Meeres, Kapitän und Mannschaft! Die bilden ein Spiegel­bild von allen möglichen menschlichen Gemein­schaften und Entscheidungssi­tua­ti­onen 

Der auslösende depressive Gedanke

Kapitän Ahab, der sich mit seinem Walfangschiff auf die Suche nach Moby Dick begab, schrie: „Ja, dieser verfluchte weiße Wal war es, der mich verstüm­melt und für immer zu einem jämmerlich umherstelzenden Krüppel gemacht hat.“

Das ist der auslösende, depressive Gedanke bei diesem Kapitän. „Ich bin also kein vollwertiger Mensch mehr“. Ein anderer Schiffsführer in dem Roman, Kapitän Boomer, der Ahab im Pazifik auf dem Schiff besucht - gerade als sie eine fette Weide von zweihundert Walen entdeckt hatten -; dieser Kapitän lässt die gesunde Einstel­lung erkennen:

„Seht hier den Haken, meinen verstümmelten Arm! Den hab’ ich Moby Dick zu verdanken. Ich bin ihm tatsächlich dankbar. Ich überlege schon, ob ich die gesunde Linke nicht auch durch so einen praktischen Haken ersetzen lassen soll.“

Noch ein Leidtragender also, aber einer, der sein Schicksal mit Humor erträgt. Dieser fühlt sich durch die Verletzung nicht in seiner Lebensfähigkeit beeinträchtigt. Genau so wenig ist Ahab in seiner Lebensfähigkeit beein­trächtigt, wie der Ablauf der Ereignisse beweist. Aber in seiner Selbstwahrneh­mung ist er ein „Krüp­pel“. Und nicht nur ein Krüppel. Als ob es auch einen Krüp­pel auf Zeit gäbe, verstärkt er den Ausdruck noch: „Für immer ein Krüppel“. Dieser Gedanke löst ein Gefühl der Bedürftigkeit aus.  

Die Welt aus der Sicht eines Erwachsenen

Sein erster Steuermann Starbuck zeigt ihm die Welt aus der Sicht eines erwachsenen Ichs:

„Wir sind dem Schiffseigner gegenüber verpflichtet! Unsere Aufgabe ist der Walfang, das Einbringen des Trans, die Versorgung der Welt mit dem Öl. Wir müssen dafür sorgen, dass die Fahrt des Schiffes sich lohnt, dass die Besatzung heil nach Hause kommt, wir müssen Verantwortung wahrnehmen.“  

Der depressive Gedanke lässt den Mann zum Kind werden

Der depressive Gedanke löst im Kapitän eine Rückentwicklung aus. Der Erwachsene wird wieder zum Kind und dadurch unfähig für Aufgaben, wie sie der Steuermann aufzeigt. Es ist die Alltäglichkeit, die Trivialität, dieser Aufgaben! Dieses fade Licht, in dem sie dem Ahab erscheinen, ergibt sich aus der Angst vor der Leere, der Einsamkeit.

Die Angst vor der Leere hat eine doppelte Bedeutung: Sie ist die Angst des Süchtigen vor dem Entzug seiner Droge, in diesem Fall der starken Gefühle, zum andern folgt sie aus der Einsamkeit eines Kindes, das seine Mama verloren hat.

Infolge der Rückentwicklung wird das Anlehnungsbedürfnis übermächtig. Das Kind fühlt sich hilflos der Welt ausgeliefert, wenn es sich nicht an die Mama anlehnen kann. Aus diesem Verschmelzungsbedürfnis heraus kann auch Hass entstehen, der im Grunde eine Hassliebe ist. In diesem Fall richtet sich die Hassliebe auf den Gegner, den weißen Wal.

So entsteht ein groteskes Missverhältnis: In der Außenwahrnehmung ist Ahab der allmächtige Kapitän, der das Schiff lenkt und seinen Untergebenen Angst und Respekt einflößt. In der Innenwahr­nehmung dagegen erlebt sich der gleiche Mensch als ohnmächtiges Kind. Er kann allein nicht in der Welt bestehen. Er hat zwar Arme und ein oder zwei Beine, kann diese aber nicht zur Selbsterhaltung benutzen, da er klein und schwach ist. Die Gliedmaßen haben nur den Zweck, sich an der Mama festzuklammern.  

Verschmelzungsbedürfnis in der Beziehung zwischen Ehepartnern

Ebenso ist es bei Ehepartnern, die im Streit leben. Dieser Streit kann - von positiven Streitformen hier abgesehen - durchaus eine derartige Form annehmen, dass es für ein erwachsenes Ich nur noch die eine Lösung gibt: Seine Sachen packen und einen eigenen Weg, weg von dem Partner, gehen.

Doch dazu ist ein erwachsenes Ich erforderlich. Wenn die gegenseitigen Verletzungen in beiden Partnern eine Rückent­wicklung ausgelöst ha­ben, dann ist möglicherweise keiner der beiden zu einer entschiedenen Handlung fähig.

Sie verhalten sich dem kindlichen Verschmelzungsbedürfnis entspre­chend. Sie haben Angst, dass sie allein in der Welt nicht bestehen könnten. Sie nehmen den selbstzerstö­re­rischen Dauerstreit hin und den Hass, der dadurch entsteht. Und sie klammern sich - der Innenwahrneh­mung gemäß - in einer verschmel­zungs­bedürftigen Hassliebe an den Partner. Wegen ihrer Nähe zu kindlichen Verletzungen können diese Hassgefühle bis ins Unendliche anwachsen.

Wenn die Partnerschaft keine positiven Aussichten mehr eröffnet, und man vom Partner nur noch Schläge zu gewärtigen hat, dann könnte man sich abwenden, „du kannst mich mal“ sagen und „ich geh’ meinen eigenen Weg; es ist mir egal, was aus dir wird“.

Im Roman ist es immer der Steuermann, der die Vernunft vertritt: „Vergessen Sie doch das dumme Tier, das nur aus blindem Selbsterhaltungstrieb heraus gehandelt hat, als es Sie verletzte.“

Doch diese Forderung, dieses Vergessen, würde Ahab scheinbar dem Nichts ausliefern, und das kann er nicht ertragen. Denn das Nichts ist für das Kind eine tödliche Gefahr. Deshalb baut Ahab das Tier zu seiner Ersatzmama auf.

„Völlig absurd!“ wird mancher einwenden. Das ist richtig! Es ist völlig absurd und kann nur stattfinden, weil es im Unbewusstsein abläuft.

 

  Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters

 

Rubrik >Dezember 2008 I November I Oktober I September I August I Juli I Juni I Mai I April I März I Februar I Januar

Rubriken 2007: Dezember I November I Oktober I September

August I Juli

 

Ihre Meinung zu diesem Text ist gefragt:

redaktion@deutscher-buchmarkt.de

 

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

Dr. Georg M. Peters ist Buchautor zum Themenkreis

 

'endogene Depressionen', verlegt im www.verlag-spiel.de