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Im Entzugsdiagramm wird das
Wachstumsprinzip unmittelbar anschaulich.
Der Asoziale
Der Asoziale der Penner, der
Streuner! Er setzt sich zur Wehr gegen die Zumutung, doch endlich ein geregeltes
Leben zu führen, sich ein Obdach und eine einkömmliche Beschäftigung zu
besorgen, sich der Anstrengung zu unterziehen, etwas für seinen Lebensunterhalt
zu tun. Er sieht das als eine unerträgliche Einschränkung seiner Freiheit an.
Die Ordnung im Bereich der
eigenen Lebensführung fällt in die Zuständigkeit des Gesetzes, und für den
Asozialen sind die beiden Begriffe Gesetz und Freiheit miteinander unvereinbar.
Ein Mehr des einen bedeutet ein Weniger des andern und umgekehrt. Das ist die
falsche Einstellung! Richtig ist, dass beide Größen unabhängig voneinander sind,
dass sie das Wachstumsprinzip bilden.
Die Bedeutung dieser Einsicht
wird auch deutlich am Beispiel des Rauchers oder eines sonstigen
Suchtabhängigen.
Entzug des
Suchtmittels
Beim Nikotinentzug sind die
körperlichen Entzugserscheinungen besonders gering ausgeprägt. Anders ist es bei
der Alkoholsucht oder Drogensucht. Dennoch ist die Raucherentwöhnung nicht
wesentlich einfacher als der Entzug anderer Drogen. Das liegt begründet in der
sogenannten psychischen Abhängigkeit. Ein seelischer Gesichtspunkt ist von
besonderer Bedeutung, nämlich die falsche Einstellung, dass das Verbot des
Suchtmittels eine Einschränkung der Freiheit darstellt.
Mit „Verbot“ ist hier ein
selbst auferlegtes Gebot zu verstehen.
Das Entzugsdiagramm sollten Sie
stets vor Augen haben. Ich bitte Sie deshalb, ein Blatt Papier zu nehmen und
darauf ein Koordinatensystem zu zeichnen: Die x-Achse nach rechts, die y-Achse
nach oben. Markieren Sie bitte auf der x-Achse einen Punkt f und auf der y-Achse
einen Punkt g, und bezeichnen Sie den durch x und y definierten Punkt in der
Ebene als P.
Die x-Achse ist die Dimension
der Freiheit; f bezeichnet die Anzahl der Freiheiten, über die ein
Individuum im Augenblick verfügt. Die y-Achse ist die Dimension des Gesetzes;
g bezeichnet die Anzahl der Gesetze, in die das Individuum zur Zeit eingebunden
ist.
Nun zeichnen Sie bitte eine
einfach gebogene Linie, eine Hyperbel, durch den Punkt P, die sich nach rechts
der x-Achse und nach oben der y-Achse immer mehr annähert. Sie ist der bildliche
Ausdruck für die falsche Einstellung: Der rechte Zweig sei als Illusionskurve
bezeichnet. Die Illusion besteht darin, dass die Freiheit immer größer wird,
je weniger Gesetze zu befolgen sind. Dem entspricht der nach oben gehende Zweig,
der hier Angstkurve heißen mögen. Die Angst besteht darin, dass durch
eine wachsende Zahl der Gesetze zwangsläufig die Zahl der Freiheiten immer
geringer wird.
Die Realität sieht anders aus.
Zeichnen Sie dazu bitte eine S-förmige Kurve, die den Punkt P durchläuft, im
Punkte P die Hyperbel berührt, dann aber nach links sich von der Hyperbel immer
mehr entfernt und in einem Bogen nach oben rechts verschwindet. Dieser Zweig sei
als Wachstumskurve bezeichnet, da er ausdrückt, dass Gesetz und Freiheit
mit einander vereinbar sind und sich gegenseitig bedingen.
Vom Punkte P nach rechts
ausgehend zeichnen Sie jetzt bitte noch den vierten Zweig. Er soll sich nach
unten von der Hyperbel entfernen und in einem Bogen zum Nullpunkt, zum
Schnittpunkt von x- und y-Achse, verlaufen und hier enden. Er sei als die
Elendskurve bezeichnet, die dort endet, wo Freiheit und Gesetz gleichzeitig
ihre Bedeutung verlieren, also zu Null werden.
Der
gegenwärtige Zustand des Süchtigen
Betrachten wir den Punkt P im
gezeichneten Koordinatensystem. Er möge den gegenwärtigen Zustand eines
Süchtigen, sagen wir eines Alkoholikers, markieren.
Ein gewisses Maß an Freiheit f
wird definiert durch seine gegenwärtigen finanziellen, gesundheitlichen und
sozialen Spielräume.
g sei die Anzahl der Gesetze,
an die er sich gebunden fühlt: Nützliche Gewohnheiten, Verantwortung im
Beruf, in der Familie, im sozialen Umfeld.
Eine Selbstbetrachtung, eine
Abstandnahme von der eigenen Person, veranlasst ihn, seinen Alkoholkonsum in
Frage zu stellen. Sein neues Gesetz lautet: „Keinen-Alkohol-trinken!“
Doch innerlich lehnt er sich
dagegen auf, denn ihn beherrscht die Vorstellung: „Ein neues Gesetz bedeutet
Einschränkung der Freiheit“, „Mehr Gesetz = weniger Freiheit“. Das entspricht
dem Angst-Zweig der Kurve.
Seine Hoffnung weist in die
entgegengesetzte Richtung: „Weniger Gesetze = immer mehr Freiheit“. Das ist der
Illusions-Zweig der Kurve. Er ergibt sich daraus, dass das Denken zu sehr an die
Bedürfnisse des Augenblicks gebunden ist.
Der Süchtige
erliegt der Versuchung
Während der vor ihm liegenden
Übergangsphase, der Durststrecke, der Entwöhnungsphase, wird sein Denken
tatsächlich von dem Verlangen nach dem Suchtmittel beherrscht. Er erlebt die
Einführung des neuen Gesetzes als Einschränkung seiner Freiheit.
Doch wenn ihn die Verlockung
des Illusions-Zweiges verleitet, sein Gesetz wieder aufzugeben, dann wird die
Wirklichkeit ihn eines Besseren bzw. Schlechteren belehren:
Durch sein Trinken fällt er aus
dem beruflichen, familiären, sozialen Rahmen heraus. Die Anzahl der Gesetze,
denen er sich verpflichtet fühlt, nimmt zwar ab. Aber gleichzeitig ergeben sich
finanzielle, gefühlsmäßige, gesundheitliche Einschränkungen. So vermindert sich
auch das Maß seiner Freiheiten. Er entwickelt sich gemäß der abfallenden
Elends-Kurve und endet schließlich im Nullpunkt, im Endstadium. Dort muss er
keine Gesetze mehr befolgen, genießt aber auch keine Freiheiten mehr.
Er hält sein
Gebot ein
Anders ist es, wenn er sein
Gebot einhält. Die Einhaltung des Gesetzes wird keineswegs, wie es seiner
Horrorvision und der Angst-Kurve entspricht, seine Freiheiten immer mehr
einschränken.
Die Anzahl der Gesetze, an die
er sich hält, steigt vielleicht tatsächlich. Denn er steigt im Beruf auf. Die
Verantwortung wächst - vielleicht muss er sich einen Terminkalender zulegen.
Aber mit den größeren finanziellen Möglichkeiten und einer gesundheitlichen
Erholung wachsen auch seine Freiheiten. Das zeigt im Diagramm die aufsteigende
Kurve, die als Wachstumskurve bezeichnet ist.
Damit haben Sie das
Entzugsdiagramm vor Augen. Sein Sinn liegt nicht so sehr in dem psychologischen
Erkenntnisgehalt, sondern in der Veranschaulichung. Es soll als Bild, als
Mnemo, als bildhafte Vorstellung wirksam werden und helfen, die Entwöhnungsphase
zu überstehen.
Eines der oben erwähnten
„starken Gefühle“ ist die Angst vor dem Alleinsein. Wie gesagt, für den
Erwachsenen bedeutet das Alleinsein keine tödlich Gefahr mehr wie für das
Kleinkind. Wer als Erwachsener nicht allein sein kann, wer eine Zurückweisung
nicht ertragen kann, wer Kritik oder Liebesentzug nicht ertragen kann, der
leidet an einer unaufgelösten Mutterbindung. Im Unbewusstsein hängt er noch mit
der Mutter zusammen. Dieses Gefühl ist völlig unabhängig von der realen
Existenz der Mutter. Jeder Mensch in der Umgebung wird in die Rolle der
Ersatzmutter gedrängt. Auf sie richtet sich das kindliche
Anklammerungsbedürfnis. Jede Infragestellung dieser Bindung löst ein starkes
Gefühl aus, das Gefühl der Trennungsangst.
Wenn dieser seelische
Mechanismus so offen zu Tage liegt wie in dieser Beschreibung, dann kann er im
Lichte des Bewusstseins natürlich nicht weiter bestehen, weil er zu absurd ist.
Aber bevor er aufgedeckt wird, liegt er im Unbewusstsein verborgen; und dort
kann er gewaltige Kräfte entfalten.
Der Mythos
„Moby Dick“ im Roman von Hermann Melville
Ein Beispiel
für starke Gefühle
Das finden wir auf einem
Schiff, auf dem Schiff von Kapitän Ahab. Ein Schiff und die Gefahren des Meeres,
Kapitän und Mannschaft! Die bilden ein Spiegelbild von allen möglichen
menschlichen Gemeinschaften und Entscheidungssituationen
Der
auslösende depressive Gedanke
Kapitän Ahab, der sich mit
seinem Walfangschiff auf die Suche nach Moby Dick begab, schrie: „Ja, dieser
verfluchte weiße Wal war es, der mich verstümmelt und für immer zu einem
jämmerlich umherstelzenden Krüppel gemacht hat.“
Das ist der auslösende,
depressive Gedanke bei diesem Kapitän. „Ich bin also kein vollwertiger Mensch
mehr“. Ein anderer Schiffsführer in dem Roman, Kapitän Boomer, der Ahab im
Pazifik auf dem Schiff besucht - gerade als sie eine fette Weide von zweihundert
Walen entdeckt hatten -; dieser Kapitän lässt die gesunde Einstellung erkennen:
„Seht hier den Haken, meinen
verstümmelten Arm! Den hab’ ich Moby Dick zu verdanken. Ich bin ihm tatsächlich
dankbar. Ich überlege schon, ob ich die gesunde Linke nicht auch durch so einen
praktischen Haken ersetzen lassen soll.“
Noch ein Leidtragender also,
aber einer, der sein Schicksal mit Humor erträgt. Dieser fühlt sich durch die
Verletzung nicht in seiner Lebensfähigkeit beeinträchtigt. Genau so wenig ist
Ahab in seiner Lebensfähigkeit beeinträchtigt, wie der Ablauf der Ereignisse
beweist. Aber in seiner Selbstwahrnehmung ist er ein „Krüppel“. Und nicht nur
ein Krüppel. Als ob es auch einen Krüppel auf Zeit gäbe, verstärkt er den
Ausdruck noch: „Für immer ein Krüppel“. Dieser Gedanke löst ein Gefühl
der Bedürftigkeit aus.
Die Welt aus
der Sicht eines Erwachsenen
Sein erster Steuermann Starbuck
zeigt ihm die Welt aus der Sicht eines erwachsenen Ichs:
„Wir sind dem Schiffseigner
gegenüber verpflichtet! Unsere Aufgabe ist der Walfang, das Einbringen des
Trans, die Versorgung der Welt mit dem Öl. Wir müssen dafür sorgen, dass die
Fahrt des Schiffes sich lohnt, dass die Besatzung heil nach Hause kommt, wir
müssen Verantwortung wahrnehmen.“
Der
depressive Gedanke lässt den Mann zum Kind werden
Der depressive Gedanke löst im
Kapitän eine Rückentwicklung aus. Der Erwachsene wird wieder zum Kind und
dadurch unfähig für Aufgaben, wie sie der Steuermann aufzeigt. Es ist die
Alltäglichkeit, die Trivialität, dieser Aufgaben! Dieses fade Licht, in dem sie
dem Ahab erscheinen, ergibt sich aus der Angst vor der Leere, der Einsamkeit.
Die Angst vor der Leere hat
eine doppelte Bedeutung: Sie ist die Angst des Süchtigen vor dem Entzug seiner
Droge, in diesem Fall der starken Gefühle, zum andern folgt sie aus der
Einsamkeit eines Kindes, das seine Mama verloren hat.
Infolge der Rückentwicklung
wird das Anlehnungsbedürfnis übermächtig. Das Kind fühlt sich hilflos der Welt
ausgeliefert, wenn es sich nicht an die Mama anlehnen kann. Aus diesem
Verschmelzungsbedürfnis heraus kann auch Hass entstehen, der im Grunde eine
Hassliebe ist. In diesem Fall richtet sich die Hassliebe auf den Gegner, den
weißen Wal.
So entsteht ein groteskes
Missverhältnis: In der Außenwahrnehmung ist Ahab der allmächtige Kapitän, der
das Schiff lenkt und seinen Untergebenen Angst und Respekt einflößt. In der
Innenwahrnehmung dagegen erlebt sich der gleiche Mensch als ohnmächtiges Kind.
Er kann allein nicht in der Welt bestehen. Er hat zwar Arme und ein oder zwei
Beine, kann diese aber nicht zur Selbsterhaltung benutzen, da er klein und
schwach ist. Die Gliedmaßen haben nur den Zweck, sich an der Mama
festzuklammern.
Verschmelzungsbedürfnis in der Beziehung zwischen Ehepartnern
Ebenso ist es bei Ehepartnern,
die im Streit leben. Dieser Streit kann - von positiven Streitformen hier
abgesehen - durchaus eine derartige Form annehmen, dass es für ein erwachsenes
Ich nur noch die eine Lösung gibt: Seine Sachen packen und einen eigenen Weg,
weg von dem Partner, gehen.
Doch dazu ist ein erwachsenes
Ich erforderlich. Wenn die gegenseitigen Verletzungen in beiden Partnern eine
Rückentwicklung ausgelöst haben, dann ist möglicherweise keiner der beiden zu
einer entschiedenen Handlung fähig.
Sie verhalten sich dem
kindlichen Verschmelzungsbedürfnis entsprechend. Sie haben Angst, dass sie
allein in der Welt nicht bestehen könnten. Sie nehmen den
selbstzerstörerischen Dauerstreit hin und den Hass, der dadurch entsteht. Und
sie klammern sich - der Innenwahrnehmung gemäß - in einer
verschmelzungsbedürftigen Hassliebe an den Partner. Wegen ihrer Nähe zu
kindlichen Verletzungen können diese Hassgefühle bis ins Unendliche anwachsen.
Wenn die Partnerschaft keine
positiven Aussichten mehr eröffnet, und man vom Partner nur noch Schläge zu
gewärtigen hat, dann könnte man sich abwenden, „du kannst mich mal“ sagen und
„ich geh’ meinen eigenen Weg; es ist mir egal, was aus dir wird“.
Im Roman ist es immer der
Steuermann, der die Vernunft vertritt: „Vergessen Sie doch das dumme Tier, das
nur aus blindem Selbsterhaltungstrieb heraus gehandelt hat, als es Sie
verletzte.“
Doch diese Forderung, dieses
Vergessen, würde Ahab scheinbar dem Nichts ausliefern, und das kann er nicht
ertragen. Denn das Nichts ist für das Kind eine tödliche Gefahr. Deshalb baut
Ahab das Tier zu seiner Ersatzmama auf.
„Völlig
absurd!“ wird mancher einwenden. Das ist richtig! Es ist völlig absurd und kann
nur stattfinden, weil es im Unbewusstsein abläuft.
Verantwortlich
(c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters
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