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Im Laufe der allgemeinen
Geschichte vollzieht sich eine Bewusstseinsentwicklung, die sich über die
Jahrtausende erstreckt. Das Leben des Einzelnen ist ebenfalls mit einer
Bewusstseinsentwicklung verbunden. Es ist zu vermuten, dass zwischen diesen
beiden Entwicklungen eine Beziehung besteht. In der Entwicklung des Einzelnen
spiegelt sich die allgemeine Geschichte wieder. Durch eine solche Erkenntnis
kann sich Ihre Einstellung zur Geschichte ändern. Einerseits hört die allgemeine
Geschichte auf, eine Faktensammlung zu sein, die nur für Fachleute interessant
ist. Andererseits können Sie aus der Geschichte vielleicht eine Orientierung
für Ihre eigene Entwicklung gewinnen.
Indem hier die Beziehung
zwischen der eigenen und der allgemeinen Geschichte aufgedeckt wird, erfüllt
sich ein doppelter Zweck: Das Bewusstsein für die eigene, individuelle
Geschichte wird geweckt und damit die eigene Persönlichkeit erweitert. Wenn
außerdem das Bewusstsein für die allgemeine Geschichte wächst, verstärkt sich
das Gefühl für die eigene Zugehörigkeit zur Gesellschaft.
Das Bewusstsein entwickelt sich
in Richtung der ästhetischen Dimension. Im Zusammenhang damit verändert sich,
wie schon gesagt, der Bewusstseinsradius. Auf welchem Stand befindet
sich Ihre eigene Bewusstseinsentwicklung?
Betrachten wir als erstes die
griechische Geschichte! Das ist unter Historikern so üblich. Aber hier in diesem
Text wird die griechische Geschichte unter einem neuen Gesichtspunkt betrachtet,
nämlich unter dem Gesichtspunkt der Bewusstseinsentwicklung. Und wenn sich dabei
eine Besonderheit ergibt, dann ist die Frage, wann und wie sich diese
Besonderheit im Leben eines Einzelnen, in Ihrem Leben, widerspiegelt.
Zunächst wächst man innerhalb
einer Familie heran. Man identifiziert sich mit seinen Eltern, mit seiner
Familie. Dem entspricht in der allgemeinen Geschichte die Ära des
Wirbewusstseins. Irgendwann als Heranwachsender entwickelt man ein
Ichbewusstsein. Man tritt ein in die individuelle „Ära“ des Ichbewusstseins. In
der allgemeinen Geschichte beginnt die Ära des Ichbewusstseins im Zeitalter der
Renaissance. Wie vollzieht sich der Übergang von dem einen zum anderen
Bewusstsein? Diesen Übergang sehen wir, wenn wir die griechische Antike
betrachten.
Was ist interessant an der griechischen Antike?
Die abendländische Kultur
leitet sich her aus der griechischen Antike. Was war das Besondere an der
griechischen Antike, die etwa im 6. Jahrhundert v. Chr. begann? In der
Mathematik: Das Verhältnis zwischen Kreisumfang und Kreisdurchmesser, also die
Zahl Pi, berechneten die Griechen genauer als ihre Vorgänger, die der
ägyptischen Kultur angehörten. Ferner machten die Griechen Aussagen über das
Seitenverhältnis im rechtwinkligen Dreieck, die den Ägyptern nicht ganz neu
waren. Diese Regeln hatten immerhin schon beim Bau der Pyramiden eine gewisse
Rolle gespielt. Aber darüber hinaus bewiesen die Griechen, dass es zwei Arten
von Zahlen gibt: Nämlich solche, die man als einen Bruch aus zwei ganzen Zahlen
darstellen kann, und solche – das war eine Sensation -, die sich nicht als ein
Bruch aus zwei ganzen Zahlen darstellen lassen. Das war so verrückt, dass man
diese Zahlen als irrationale Zahlen, im Gegensatz zu den „vernünftigen“ Zahlen,
den rationalen Zahlen, bezeichnete - eine Unterscheidung, die nur im
theoretischen, im rein geistigen Bereich, getroffen werden konnte. Durch
Messung, durch ‚Versuch und Irrtum’, war diese Erkenntnis nicht zu untermauern.
Aber in der Theorie war sie überhaupt nicht zu erschüttern, weil sie
beweisbar war. Ein strenger, mathematischer Beweis, gegliedert in
Behauptung, Voraussetzung und Herleitung, führte zu dieser umwerfenden
Erkenntnis. Das war etwas Neues, das war die Entdeckung der Logik.
Was ist
die Bedeutung der Logik?
Die Griechen
der Antike waren nicht
intelligenter als die Ägypter
Zur Lösung eines Problems benutzten sie wie diese ihren Verstand, und der dachte
gemäß den Gesetzen der Logik. Eine schematisierende
Vereinfachung ist nötig, um den Blick für das Wesentliche zu öffnen. Die
Fähigkeit, logisch zu denken ist eine Eigenschaft des Subjektes. Der
Unterschied zwischen den beiden Kulturen bestand darin, dass die Griechen einen
Schritt weiter auf der Ästhetikskala vorgerückt waren. Diese
ästhetische Verfremdung machte es möglich, dass die Eigenschaft des Subjektes,
logisch zu denken, objektiviert wurde. Damit wurde die Logik zum Objekt des
Denkens. Obwohl Teil des Subjekts wird die Logik Objekt!
Diese Einstellungsänderung
veränderte die Welt radikal.
Sie führte zu der Entdeckung, dass es in der Welt des Geistes nicht nur Poesie
und das Wissen vom Nichtwissen
gibt, sondern dass es Gesetze
gibt wie zum Beispiel das mathematische Gesetz, das uns die Unterscheidung
zwischen rationalen und irrationalen Zahlen lehrt!
Ein unumstößliches Faktum!
Auffindbar nur durch reines
Denken, aber real wie ein Gegenstand der Außenwelt, weil beweisbar! Die Kürze,
Einfachheit und Eleganz des Beweises macht seine Schönheit aus.
Das einzige Wissen über die
unendlichen Zeiträume der linearen Zeit hatte darin bestanden, dass in ihnen
vermutlich alles anders war als innerhalb der bekannten Welt des
Drei-Generationen-Zyklus. Außerhalb der Phantasie und
Poesie gab es keine Anhaltspunkte
für die Ausgestaltung dieser Zeiträume. Nun enthüllen sich dem Denken plötzlich
Gesetze, die beweisbar sind, und deren Gültigkeit nicht zu bezweifeln ist. Es
ist nicht vorstellbar, dass deren Gültigkeit zu irgendeiner Zeit außer Kraft
gesetzt wird. Sie gelten offenbar
vom Anbeginn der linearen Zeit bis zu ihrem Ende. Auch die phantastischen
Veränderungen innerhalb der linearen Zeit haben sich an diese Gesetze zu halten
und der menschliche Geist dank der neu bewusst gewordenen Kraft der Logik
ist vielleicht fähig, deren
Geheimnisse zu lüften.
Es war klar, dass diese Gesetze
zwar in der geistigen Innenwelt entdeckt worden waren, aber
dennoch eine objektive Gültigkeit, eine Gültigkeit außerhalb des Subjekts, in
der Außenwelt, hatten. Sie gaben Aufschluss
über eine Welt hinter den Dingen - über die Grundstruktur des Seins - über eine unwandelbare,
allgemeingültige Grundgesetz,
die von allen Verwandlungen in der äußeren Erscheinungsform der Dinge
unberührt bleibt.
Dadurch wurde das Auge und das
Denken, die Wahrnehmung und das Interesse, auf die Oberfläche der Dinge gelenkt,
um quasi durch sie hindurch zu schauen und das Allgemeingültige zu erkennen. Zu
der Oberfläche der Dinge gehörte auch die äußere Erscheinung des menschlichen
Körpers, dessen Schönheit entdeckt
und erstmals als Vorbild künstlerischer Gestaltung gewählt wurde.
Phidias, Myron, Polyklet! Wir
heute sind durch Gewohnheit erblindet! Stellen Sie sich vor, Sie würden nur
dämonische Gestalten, Götterplastiken aus früheren Kulturkreisen kennen. Und
jetzt dies! Plastik, die nichts besagt. Eigentlich nichts. Da wirft jemand einen
Speer in die Luft. Na und? Die Plastik zeigt normale Menschen. Menschen wie Sie
und ich! Gewöhnlich, ordinär im Vergleich zu den göttlichen Maßstäben früherer
Epochen. Und dennoch: Plastiken von außerordentlicher Schönheit - einer
Schönheit, die jetzt entdeckt wird.
Entdeckung des Manbewußtsein
Die Schönheit der menschlichen
Idealgestalt wird wahrgenommen und
in Bezug zu der eigenen Körperlichkeit gesehen. Der Mensch erkennt sich als
Spezies Mensch! Natürlich war dieses Wissen
nicht neu. Doch bisher war es belanglos. Jeder trägt eine Nase. Wozu darüber
reden. Jetzt gewinnt dieses Wissen eine besondere Bedeutung, weil die Schönheit
des Menschen als ein Zeichen der Transparenz
aufgefasst wird - einer
Transparenz, die die zugrunde liegende Gesetzmäßigkeit durchscheinen lässt; und die
dem Menschen einen Spitzenplatz zuweist.
Damit wandelt sich das
Selbstbild des Menschen. Vorher sah er sich als Clan-, Gruppen- oder Volksmitglied, jetzt erlebt er sich
als Teil der Spezies Mensch. Erst waren wir Griechen, Athener, Spartaner, jetzt
sind wir Menschen. Natürlich wussten wir auch vorher schon, wenn wir vom
Nachbarstamm überfallen wurden, dass die Gegner auf zwei Beinen herumliefen wie
wir selbst. Natürlich ist die Einsicht immer schon präsent gewesen, dass wir und
die andern - die Fremden, die Gegner, die Feinde - Mitglieder der gleichen Art,
der gleichen Spezies sind, dass wir Menschen sind. Aber diese Einsicht war
belanglos. Der Feind als das größte Übel war das Gefährlichste und Hässlichste,
das es gab, und der Gedanke an die Gleichheit wurde verdrängt, isoliert.
Die Eingemeindung dieser
Hässlichkeit
in den Bereich des Schönen,
bedeutet einen Schritt in Richtung der Ästhetik
dimension. Die Erkenntnis der
Schönheit des Menschen, seiner Idealgestalt als Mitglied dieser
Spezies, ist eine Revolution. Das Wirbewusstsein
verwandelt sich in ein
Manbewusstsein.
Es beginnt die Ära des
Manbewusstseins. Obwohl es damals noch kein
Satellitenfernsehen gab, war die Bewusstseinsentwicklung anscheinend weltweit
synchronisiert, denn etwa gleichzeitig wie im antiken Europa entwickelte sich
das Manbewusstsein im Indien
des Buddha
und im China
des Laotse
und des Kung-Futse. In Griechenland
war es vor allem die Schule der Stoa, die diese Wandlung vollzog.
Stoische Philosophen haben bereits den Gedanken der Humanität ausgesprochen.
Das
Unbekannte rückt näher
Die Neugier war zunächst zeitlich
definiert gewesen: Nach der Entdeckung der Zeit richtete sie sich auf die
unendlichen Zeithorizonte vor Beginn und nach dem Ende der zyklischen Zeit. Das
änderte sich mit der Entdeckung der Logik. Die zeitliche Orientierung verlor ihre Bedeutung.
Die Neugier richtete sich jetzt auf die Welt hinter den Dingen. Die Oberfläche
der Dinge in der eigenen Umgebung bildete die Grenze des unbekannten, zu
erforschenden oder zu erobernden Terrains. Das Unbekannte rückt näher an das
Subjekt heran. Der allwissende Mensch des Zyklus
war konfrontiert worden mit der
zeitlichen Begrenztheit seines Zyklus und seiner Unwissenheit in Bezug auf die
weiter entfernt liegenden Zeiträume. Jetzt rückt die Unendlichkeit
des Unwissens hautnah heran.
Direkt unter der Oberfläche der umgebenden Dinge und unter der eigenen Haut
beginnt das Unbekannte. Doch nicht dieses Unwissen ist von Bedeutung, sondern
das Wissen über das Unwissen. Dieses bedeutet einen Schritt weiter in Richtung
der Ästhetikdimension.
Die Herausforderung war
wiederum riesig, da die unbekannte Welt hinter den Dingen unendlich groß war.
Eine Unendlichkeit, in der aber Mathematik
und Logik
ganz konkrete Formen
festlegten, und wo Schönheitssinn, Phantasie und Poesie
genau so angesprochen wurden,
wie es der an den Mythen
geschulte Geist inzwischen
verlangte. Die Neugier wandte sich dem neuen Feld
zu, weil sie hier eine noch größere Schönheit vermutete. Denn diese Schönheit
wurde an der Oberfläche der Dinge wahrgenommen und als äußerer Ausdruck der
dahinter vermuteten Grundgesetzlichkeit genommen - von der
man fast nichts wusste. Von der man nur sicher wusste, dass es sie gab.
Bis jetzt waren die Sterne des
Himmels das Schönste, Erhabenste, und
Unwandelbarste. Jetzt laufen ihnen die neuen mathematischen Erhabenheiten den
Rang ab und übertreffen sie noch an Schönheit und Unwandelbarkeit. Die Sterne
werden weiter beobachtet, aber mindestens gleichrangig innerhalb der freien
Künste treten neben die Astronomie
die mathematischen Disziplinen Geometriend
Arithmetik.
Im Mythos hatte der Mensch die
Erfahrung gemacht, dass er durch Phantasie, durch Poesie
und durch Denken einen
unendlichen geistigen Raum mit Gestalten erfüllen konnte, die zwar reine
Phantasiegebilde waren, aber dennoch einen irgendwie realen Hintergrund haben
mussten - den man allerdings nicht kannte und nicht kennen konnte. Jetzt
enthüllten sich dem Denken Tatsachen, die real, unabhängig vom Subjekt,
existierten, aber nicht in der Außenwelt, sondern im Bewusstsein
erkundet worden waren. Der Mensch war offenbar in der Lage, die Struktur des
Seins
durch reines Denken zu
entschlüsseln.
Die Entdeckung der Logik, die Erkenntnisse der
Philosophie
und der Mathematik, stellen einen Schritt in
Richtung der Gesetzesskala dar. Gesetze bedingen eine gewisse Einschränkung des
Verhaltens, indem sie zwischen Erlaubtem und Unerlaubtem unterscheiden. Das
tun auch die Gesetze der Logik im Bereich des Denkens. Doch der Fortschritt in
Richtung der Gesetzesskala bedeutet keine Einschränkung
der Freiheit insgesamt. Denn der Verlust wird durch Gewinne in anderen Bereichen
ausgeglichen. Nichtsdestoweniger hat es zu jeder Zeit Menschen gegeben, die
in den Gesetzen der Logik eine Einschränkung der Freiheit des Denkens sahen.
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