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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Psychotherapie

 

 

 

 

Neues in der Provinz – geht das?

 

Leider ist Deutschland provinziell geworden. Und deshalb ist die Aufnahmebereitschaft für etwas Neues hier nicht groß. Der Provinzler glaubt nicht daran, dass in seiner Umgebung Neues entstehen könnte und interessiert sich auch nicht dafür. Er versteht die Welt nicht mehr und glaubt, eine neue Erkenntnis muss zwangsläufig noch komplizierter und damit noch unverständ­licher sein, als alles, was bisher gefunden wurde.

Dieser Grundsatz beherrscht auch die Wissenschaft in Deutschland: Wenn es zu einer Krankheit zehn Heilmittel gibt, dann wird in Deutschland nach einem elften gesucht. Grund­satzfragen traut sich in Deutschland keiner mehr zu stellen. Dass man in einfachen Worten etwas grundsätzlich Neues sagen kann, daran glaubt hier keiner.

In den USA haben Wissenschaftler festgestellt, dass Menschen die beten, die also eine feste religiöse Überzeugung haben, im Durchschnitt gesünder sind und länger leben als andere. Eine simple Erkenntnis! Doch in Deutschland gilt sie als Sensation und löst Protest aus: „Das Beten beeinflusst also die sogenannten ‚höheren Mächte’, damit diese ihre Hände schützend über die Frommen im Lande ausbreiten??!! Haha, das wissen wir aber besser!“ Doch es geht hier um inneres Gleichgewicht und seelische Ausgeglichenheit. Selbstverständlich haben die einen Einfluss auf Gesundheit und Lebensdauer. Beten und Meditieren ist ein und dasselbe! Der Blick nach innen: Der enthüllt die eigentliche Ursache der Depression und damit auch den Grund für die Wirksamkeit der alten religiösen Praktiken.

 Nehmen Sie Abstand von sich selbst!

Abstand von der eigenen Person! Introspektion! Lebensführung!

Selbstbeobachtung enthüllt das Wesen der Depression. Die Wirksam­keit der alten Meditations- und Gebetstechniken wird durchschaubar. Der Umgang mit der Depressionskrankheit vereinfacht sich entscheidend.

Die Zielsetzung geht dahin, eine Depression sofort bei sich selbst diagnostizieren zu können. Dann lässt sie sich mit Hilfe bestimmter Meditationen abwenden. Geschieht das nicht, bleibt die Depres­sion also bestehen, dann gleitet man automatisch im Laufe von Wochen oder Monaten in einen Zustand hinein, in dem sich schwere Symptome wie Schlaflosigkeit und Selbstmord­gedanken einstellen werden. Was darf ich denken, und was darf ich – im Falle der Depression - unter keinen Umständen denken? Im Falle der Depression versuchen unbewusste Kräfte, das eigene Denken zu kontrollieren. „Sag mir, was ich denken soll!“ ist die entscheidende Frage.  

Der Erfolg ist insofern messbar, als man ihn in der gegebenen Situation unmittelbar an sich selbst beobachten kann. Den großen Rahmen bildet die Polarität von Wollen und Nichtwollen. Der Raum des Wollens ist seinerseits gegliedert in den Bereich des Gesetzes und den der Sucht. Diese Zweiteilung beruht darauf, dass alle Psychopathologien Suchtcharakter haben. Ein Individuum, dass gelernt hat, für sich eigene, konstruktive Gesetze zu formulieren und einzuhalten, hat damit gleichzeitig das Rüstzeug an die Hand bekommen, um sich aus den Fesseln einer Sucht und einer psychischen Deformation zu befreien.

Gesetze des Innenlebens 

Es gibt nur einen Weg, die Gesetze des Innenlebens zu erkennen, nämlich die Innenschau, die Introspektion, die Selbstbeobachtung und das Experiment mit sich selbst. Hier gibt es eine Äquivalenz zwischen Innenwelt und Außenwelt sowie zwischen Jetztzeit und Mittelalter. So wie im Mittelalter der Umgang mit der Materie durch Tradition, Glauben, Aberglauben und Irrationalität bestimmt wurde, so dass der Mut zum Experi­ment revolutionär war, so wird heute der Umgang mit der eigenen Innenwelt durch Irrationalität bestimmt und das Experiment gescheut.

Aber der Vergleich mit dem Mittelalter reicht noch weiter: Die große Entdeckung der Neuzeit – herausgefunden mit Hilfe des Experimentes – war, dass die Materie nach bestimmten Gesetzen reagiert. Die Ermittlung von Naturgesetzen! Das ist das, was die Neuzeit vom Mittelalter, von der Vergangenheit, unterscheidet. Dass auch die Innenwelt des Menschen nach verifizierbaren Gesetzen reagiert, das ist heute noch unbekannt; das ist heute zu entdecken.

Das ist aber von entscheidender Bedeutung. Denn nun erhält die Ethik ein festes Fundament. Einstellungen zur Lebensführung hören auf, eine Frage von Meinungen und Familientraditionen zu sein. Jetzt gibt es Kriterien, die ein Urteil über richtig und falsch erlauben.

Es gibt keine Möglichkeit, durch logischen Schluss oder durch Studium von Quellenliteratur zu erkennen, ob eine ethische Entscheidung, die Veränderung der eigenen Lebensweise betreffend, richtig oder falsch ist. Man muss sie experimentell in die eigene Lebenswirklichkeit einbeziehen, sich selbst, die innere und äußere Wirklichkeit, beobachten und eine Erfahrung machen. Wenn die Entscheidung richtig war, dann wird die Erfahrung einen positiven Überraschungseffekt haben. Sie muss einen Überraschungseffekt haben, denn die Folgen einer richtigen Entscheidung übertreffen die Erwartungen zwangsläufig und grundsätzlich. Denn die Erfahrungen, die man dabei macht, sind neu. Deshalb können sie nicht innerhalb des Erwartungshorizontes liegen. Das Leben wird so zu einem Abenteuer.

Im Außen gibt es vier Dimensionen, die zur Beschreibung erforderlich sind. Jeder Punkt wird definiert durch die drei Ortskoordinaten und die Zeit. Zur Beschreibung des Innenraumes reichen ebenfalls vier Dimensionen:  

Die Intention im Sinne alles Wollens, Planens, Tuns. 

Das Gesetz im Sinne von selbst auferlegten Regeln, Gewohnheiten, Prinzipien.  

Die Freiheit im Sinne der eigenen Lebensmöglichkeiten, der eigenen finanziellen, sozialen, gesundheitlichen, beruflichen Spielräume. 

Die Ästhetik im Sinne des Abstandes von der eigenen Person, vom eigenen Denken, vom eigenen Verhalten, im Sinne der Selbstbeobachtung und des Wissens vom Wissen. 

Wie im Raum die Zeit aus dem Rahmen der drei anderen Dimensionen herausfällt und eine besondere Rolle spielt, so fällt auch die Ästhetik aus dem Rahmen der drei anderen Dimensionen heraus und spielt eine Sonderrolle. Die Dimensionen der Zeit und der Ästhetik sind verwandt miteinander. Denn die kulturelle Entwicklung lässt sich über Jahrtausende hinweg als ein Fortschreiten entlang der Ästhetikachse beschreiben.

Während die ästhetische Distanz, der Abstand vom eigenen Ich (George Herbert Mead: „I and me“), der Grad der Selbstverfremdung also, eine etwas abstrakte Größe ist, die sich nicht in Metern angeben lässt, beschreibt der komplementäre Begriff „Bewusstseinsra­dius“ eine ganz anschauliche, messbare Größe. Er lässt sich in Zeit- oder Längeneinhei­ten angeben. An seiner Größe lässt sich in jedem Punkt der Geschichte der Stand der kulturellen Entwicklung ablesen. Zu Beginn der kulturellen Entwicklung ist er unendlich groß. Die Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert ist ein signifikanter Punkt, insofern als der Bewusstseinsradius hier seinen Nulldurchgang hat. Im Laufe des zwanzigsten Jahrhunderts, in Verbindung mit der modernen Kunst, wird er negativ. Dieses Negativwerden ist nicht als Werturteil zu nehmen. Vielmehr bedeutet ein positiver Bewusstseinsradius, dass die Aufmerksamkeit nach außen gerichtet ist, ein negativer, dass sie sich nach innen kehrt.

Die Wirklichkeit, die wir wahrnehmen, ist immer eine Kombination aus Wahrnehmung und Wissen, wobei dieses „Wissen“ auch unbewusst sein kann – im Sinne von Vorwissen, Vorurteil, Gewohnheit, Aberglauben. Dass der Mond über dem Horizont riesengroß erscheint, liegt bekanntlich nicht an einer optischen Veränderung durch die Lufthülle. Denn ein Foto vom Mond zeigt keinen Unterschied zwischen dem tief stehenden oder hoch stehenden Mond. Es liegt vielmehr an unserem Vorwissen: Bei Gegenständen in der Horizontalen wissen wir, wie groß sie sind. Wir wissen, dass die perspektivische Verkleinerung nicht der wahren Größe der Dinge entspricht. Deshalb korrigiert das Auge die aus horizontaler Richtung kommenden optischen Eindrücke im Sinne seines „Wissens“, seiner Erfahrung; es vergrößert sie. Ein Astronom macht im Laufe seines Lebens andere Erfahrungen. In seinem Bewusstsein löst sich die Verbindung von Wahrnehmen und Wissen auf, mit dem Ergebnis, dass er den Mond in seiner wirklichen Größe, vielmehr Kleinheit, sieht.

Ein solcher Auflösungsprozess, in dem die Wahrnehmung sich aus ihrer Legierung mit dem Wissen herauslöst, und in dem die Wahrnehmung sich der Wirklichkeit immer mehr annähert, kennzeichnet den kulturellen Fortschritt über die Jahrhunderte hinweg. Bei dem erwähnten Astronomen wird dieser Prozess dadurch ausgelöst, dass seine Erfahrungswelt sich ändert. Das ist aber nicht der Normalfall. Im Normalfall bleibt die Erfahrung die gleiche. Dann besteht kein äußerer Anlass dafür, dass sich die Legierung von Wahrnehmung und Wissen auflöst, weil sie für die Wirklichkeit gehalten wird – für eine Wirklichkeit, wie sie schon immer, „seit Menschengedenken“, bestanden hat. Auslöser dafür, dass Wahrnehmung und Wissen sich von einander trennen, kann dann nur ein „Wissen vom Wissen“ sein, also ein Bewusstseinsfortschritt, eine Abstandna­h­me vom Gewohnten, ein Schritt in Richtung der Ästhetikdimension. Dieser Schritt bedeutet auch stets eine Veränderung des Bewusstseinsradius. Das heißt, der Bewusstseinsradius zeigt immer auf den Wachstumspunkt, gemessen entlang der Ästhetikdimen­sion. Er zeigt den Wachstumspunkt des menschlichen Bewusstseins an, in dem gerade eine Zunahme des Wissens vom Wissen dafür sorgt, dass wieder ein weiteres Stück der Verbindung von Wissen und Wahrnehmung aufgelöst, und ein neuer Schritt in Richtung Erkenntnis der Wirklichkeit getan wird.

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters

Rubrik >August 2007 I Juli

 

 
 
 

 

Ad personam

 

 

Dr. Georg M. Peters ist Buchautor zum Themenkreis

 

'endogene Depressionen', verlegt im www.verlag-spiel.de