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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Psychotherapie

 

 

 

 

 

 

Der Mythos „Moby Dick“
Von Hermann Melville

 

Drittes Beispiel für starke Gefühle

Ein weiteres Beispiel für starke Gefühle? Das finden wir wieder auf einem Schiff, auf dem Schiff von Kapitän Ahab in dem Roman „Moby Dick“ von Hermann Melville, und wir werden erinnert an einen anderen Kapitän und sein Schiff: An die Titanic. Ein Schiff und die Gefahren des Meeres, Kapitän und Mannschaft! Die bilden immer ein Spiegel­bild von allen möglichen menschlichen Gemein­schaften und Entscheidungssitua­tionen.  

Der auslösende depressive Gedanke

Kapitän Ahab, der sich mit seinem Walfangschiff auf die Suche nach Moby Dick begab, schrie: „Ja, dieser verfluchte weiße Wal war es, der mich verstümmelt und für immer zu einem jämmerlich umherstelzenden Krüppel gemacht hat.“

Das ist der auslösende, depressive Gedanke bei diesem Kapitän.

„Ich bin also kein vollwertiger Mensch mehr“. Auf dem Pazifik begegnet er einem anderen Schiffsführer in dem Roman, dem Kapitän Boomer, die gemeinsam eine fette Weide von zweihundert Walen entdecken. Der lässt die gesunde Einstel­lung erkennen, indem er sagt:

„Seht hier den Haken, meinen verstümmelten Arm! Den hab’ ich Moby Dick zu verdanken. Ich bin ihm tatsächlich dankbar. Ich überlege schon, ob ich die gesunde Linke nicht auch durch so einen praktischen Haken ersetzen lassen soll.“

Noch ein Leidtragender also, aber einer, der sein Schicksal mit Humor erträgt. Dieser fühlt sich durch die Verletzung nicht in seiner Lebensfähigkeit beeinträchtigt. Genau so wenig ist Ahab in seiner Lebensfähigkeit beeinträchtigt, wie der Ablauf der Ereignisse beweist. Aber in seiner Selbstwahrnehmung ist er ein „Krüp­pel“. Und nicht nur ein Krüppel. Als ob es auch einen Krüppel auf Zeit gäbe, verstärkt er den Ausdruck noch: „Für immer ein Krüppel“. Dieser Gedanke löst ein Gefühl der Bedürftigkeit aus.  

Die Welt aus der Sicht eines Erwachsenen

Sein erster Steuermann Starbuck zeigt ihm die Welt aus der Sicht eines erwachsenen Ichs:

Wir sind dem Schiffseigner gegenüber verpflichtet! Unsere Aufgabe ist der Walfang, das Einbringen des Trans, die Versorgung der Welt mit dem Öl. Wir müssen dafür sorgen, dass die Fahrt des Schiffes sich lohnt, dass die Besatzung heil nach Hause kommt, wir müssen Verantwortung wahrnehmen.  

Der depressive Gedanke lässt den Mann zum Kind werden

Der depressive Gedanke löst eine Rückentwicklung aus. Der Erwachsene wird wieder zum Kind und dadurch unfähig für solche Aufgaben. Es ist die Alltäglichkeit, die Trivialität, dieser Aufgaben! Dieses fade Licht, in dem sie ihm erscheinen, ergibt sich aus der Angst vor der Leere, der Einsamkeit.

Die Angst vor der Leere hat eine doppelte Bedeutung: Sie ist die Angst des Süchtigen vor dem Entzug seiner Droge, in diesem Fall der starken Gefühle, zum andern folgt sie aus der Einsamkeit eines Kindes, das seine Mama verloren hat.

Infolge der Rückentwicklung wird das Anlehnungsbedürfnis übermächtig. Das Kind fühlt sich hilflos der Welt ausgeliefert, wenn es sich nicht an die Mama anlehnen kann. Aus diesem Verschmelzungsbedürfnis heraus kann auch Hass entstehen, der im Grunde eine Hassliebe ist. In diesem Fall richtet sich die Hassliebe auf den Gegner, den weißen Wal.

Ein groteskes Missverhältnis besteht: In der Außenwahrnehmung ist Ahab der allmächtige Kapitän, der das Schiff lenkt und seinen Untergebenen Angst und Respekt einflößt. In der Innenwahr­nehmung erlebt sich der gleiche Mensch als ohnmächtiges Kind. Es kann allein nicht in der Welt bestehen. Es hat zwar Arme und ein oder zwei Beine, kann diese aber nicht zur Selbsterhaltung benutzen, da es klein und schwach ist. Die Gliedmaßen haben nur den Zweck, sich an der Mama festzuklammern.  

Verschmelzungsbedürfnis in der Beziehung zwischen Ehepartnern

Ebenso ist es bei Ehepartnern, die im Streit leben. Dieser Streit kann - von positiven Streitformen hier abgesehen - durchaus eine derartige Form annehmen, dass es für ein erwachsenes Ich nur noch die eine Lösung gibt: Seine Sachen packen und einen eigenen Weg, weg von dem Partner, gehen.

Doch dazu ist ein erwachsenes Ich erforderlich. Wenn die gegenseitigen Verletzungen in beiden Partnern eine Rückent­wicklung ausgelöst ha­ben, dann ist möglicherweise keiner der beiden zu einer entschiedenen Handlung fähig.

Sie verhalten sich dem kindlichen Verschmelzungsbedürfnis entspre­chend. Sie haben Angst, dass sie allein in der Welt nicht bestehen könnten. Sie nehmen den selbstzerstö­re­rischen Dauerstreit hin und den Hass, der dadurch entsteht. Und sie klammern sich - der Innenwahrneh­mung gemäß - in einer verschmel­zungs­bedürftigen Hassliebe an den Partner. Wegen ihrer Nähe zu kindlichen Verletzungen können diese Hassgefühle bis ins Unendliche anwachsen.

Wenn die Partnerschaft keine positiven Aussichten mehr eröffnet, und man vom Partner nur noch Schläge zu gewärtigen hat, dann könnte man sich abwenden, „du kannst mich mal“ sagen und „geh’ deinen eigenen Weg; es ist mir egal, was aus dir wird“.

Im Roman ist es immer der Steuermann, der die Vernunft vertritt: „Vergessen Sie doch das dumme Tier, das nur aus blindem Selbsterhaltungstrieb heraus gehandelt hat, als es Sie verletzte.“

Doch diese Forderung, dieses Vergessen, würde Ahab scheinbar dem Nichts ausliefern, und das kann er nicht ertragen. Denn das Nichts ist für das Kind eine tödliche Gefahr. Deshalb baut Ahab das Tier zu seiner Ersatzmama auf.

„Völlig absurd!“ wird mancher einwenden. Das ist richtig! Es ist völlig absurd und kann nur stattfinden, weil es im Unbewusstsein abläuft.  

Diese absurden Prozesse müssen ans Tageslicht

Darin besteht eben das Ziel einer Auseinandersetzung mit diesem Problem: Diese absurden Vorgänge ans Tageslicht zu zerren.

Sowie das gelingt, ist der Spuk vorbei, weil das erwachsene Ich die Absurdität durchschaut und ihm damit die Grundlage entzieht. Da das aber hier nicht geschieht, baut Ahab, wie gesagt, den Wal zu seiner Ersatzmama auf und erhöht ihn in kindlicher Maßlo­sigkeit zu einem göttlichen Wesen.

Als ein Symbol von erhabener Traurigkeit erscheint das Schiff Rahel mit seinem Kapitän Gardiner. Er sucht das Meer ab nach seinem zwölfjährigen Sohn, der beim Kampf gegen den weißen Wal entweder getötet oder im Fangboot abgetrieben worden ist. Nun stellt er sich vor, dass sein Sohn irgendwo in der Weite des Ozeans in dem Boot sitzt und auf Rettung hofft.

Er bittet Ahab um Hilfe bei der Suche nach dem Sohn. Das wäre wirklich eine sinnvolle Aufgabe. Denn die Suchaktion mit zwei Schiffen fortzusetzen wäre ein Versuch, der die Rettungsaussicht, die kleine, immerhin verdoppeln würde. Doch Ahab weigert sich. Er ist an sein Hassobjekt gebunden. Den Einwand des Steuermanns, der ihm klarzumachen versucht, wie gleichgültig es tatsächlich sei, ob das Tier nun getötet wird oder nicht, überhört er.

Nach der Katastrophe

Als Leser des Romans erlebt man an sich selbst, wie man in den Wahn hineingezogen wird, indem man nach dem Ende, nach der Katastrophe, nach dem Untergang von Schiff und Mannschaft - mit Ausnahme des notwendigen Überlebenden Ismael, der davon erzählen muss - selbst wissen will, ob der Wal nun bei dem Kampf getötet wurde oder nicht. Der Autor tut dem Leser den Gefallen, zu sagen, dass der Wal tot ist. Ernüchternder wäre es für den Leser, wenn er am Ende des Buches erführe, dass man über das Schicksal des Wales nichts wisse und auch nichts wissen wolle, da es ja vollkommen gleichgültig sei.

Das Verschmelzungsbedürfnis des Ahab mit dem Wal wird am Ende sehr bildmächtig ausgedrückt, indem Ahab als Ergebnis des Kampfes mit den Stricken der Harpunen an den Leib des Wals gefesselt ist - mit gespreizten Armen und Beinen wie ein mittelalterlicher Sträfling ans Rad. 

Einordnung in einen depressiven Kreislauf:

Das Geschehen lässt sich in einen depressiven Kreislauf einordnen:  

Bedürftigkeit: „Er hat mich für immer zu einem Krüppel gemacht“. 

Minderwertiger Appell: Das ist die Zuwendung zu dem Gegenstand der Hassliebe und die Unfähigkeit, sich abzuwenden.  

Zurückweisung des Appells: Das ist, ganz allgemein gesagt, die Gleichgültigkeit des Partners, der Streit oder der Kampf. Der Depressive erlebt die Verhaltensweise des Partners in jedem Fall als Zurückweisung - unabhängig vom realen Verlauf der Auseinandersetzung -, da das Verschmelzungsbedürfnis grundsätzlich unerfüllt bleibt. Die Zurückweisung wird als Verletzung empfunden. 

Wut, die aus der Zurückweisung folgt: Eine aus kindlichen Gefühlen gespeiste Wut. Sie erzeugt die Unfähigkeit, die Zurückweisung zu ertragen. Unfähigkeit und Wut bewirken eine Abwendung von der Wirklichkeit und erhöhen dadurch die Bedürftigkeit und damit die Abhängigkeit von dem Partner, dem Objekt der Hassliebe.

So schließt sich der Kreislauf.  

Ein weiteres Depressionsbeispiel

Folglich entwickelt sich der Roman von Hermann Melville für uns wieder zu einem Sinnbild, wieder zu einem Depressions­beispiel wie schon der Untergang der Titanic (siehe Rubrik vom April 2010). Und genau wie dort können wir sagen: „Der Kapitän, angeleitet von seinem Nebenich, wollte die Katastrophe; und da er die Macht hatte, fand sie auch statt.“

Um diesen seelischen Vorgang bildhaft darzustellen, ist das Schiff wunderbar geeignet. Das Problem des Ichs, sein Wirklich­keitsbewusstsein im Sturm unkontrollierbarer Gefühle zu bewahren, findet seinen Ausdruck im Symbol des Schiffes, das in Einsamkeit und Gefahr einem möglicherweise feindlichen Element ausgeliefert ist. Dieses Element trägt es und bringt es im Allgemeinen schnell dahin, wo es hin will, doch das Wasser kann sich auch unversehens zu gewaltigen Wogen und haushohen Wellenfronten auftürmen, die seine Sicherheit in Frage stellen.

Doch, das haben Sie an diesen drei Beispielen gesehen, wenn die Gefühle aus kindlichen Quellen gespeist werden, dann sind die Gefahren, die sie vorgaukeln, unwirklich. Dann kämpft man gegen Gespenster. Dann gilt es einen Weg zu finden, der aus diesem Wahn herausführt.

Bei der Titanic war es die Vision eines Floßes, bei Kapitän Ahab war es die Vision des Starbuck, die die entscheidende Wegweisung aus dem Wahn heraus hätte sein können. In allen Entzugs­situa­tionen gilt es, sich zu einer realistischen Vision, zur Vision des Starbuck, durchzukämpfen, der Vision der Nüchternheit.

Im Falle von Ahab beinhaltet sie die Liebe zu dem Schiff und seiner Besatzung, die Liebe zu der Ladung, zu den vollen Fässern mit Tran, die Liebe zum Meer. Denn das Meer erlaubt es, diese Beute einzuholen und damit zurück zu reisen, den wohlverdienten Lohn einzustreichen.

Zwei Gegebenheiten gilt es immer, vor Augen zu haben: Das Verhängnis der Anklammerung an eine alte Gewohnheit und die Notwendigkeit einer Vision. Das muss stets die Vision der Nüchternheit sein, die Vision des Starbuck. Im Diagramm von Seite 140 wird das noch einen deutlicheren Ausdruck finden.  

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Waaauuh! Das war spannend! Seefahrt und Walfang haben mich schon immer fasziniert. 

Das ist doch Psychologie! Ich halte nichts von Psychologie. Starke Gefühle? Die habe ich, wenn ich Beethoven höre.

Woff! 

Was ist denn falsch an meinen Worten? Du meinst, der „Bettler von Berlin" (siehe vorige Rubrik) hat von seinen starken Gefühlen auch nichts gewusst? Der glaubte, seine Enttäuschung darüber, dass er im Spiel mit seiner Schwester verlor, sei angemessen? - der Situation angemessen? Genau wie der Kapitän Ahab, der von seinen starken Gefühlen nichts wusste. Auch der hielt seine Wut über die Verkrüppelung für angemessen, seine Beses­senheit, den weißen Wal zu fangen, für situationsbedingt. Ich denke, Du willst mir weismachen, dass ich meine starken Gefühle auch nicht kenne. Du wirst Dir wieder einen Fußtritt einfangen!

Woff! 

Ich weiß schon, was Du willst. Ich soll nachdenken. Der „Bettler von Berlin“ und Kapitän Ahab befanden sich im Zustand einer kindlichen Rückent­wicklung; sie lebten in einer rosarot wattierten Scheinwelt - und zwar zum Zwecke der Angst­vermeidung. Wenn ich mir vorstelle, dass es mir vielleicht auch so ergeht...!?

Ich lasse mich jetzt auf Psychologie ein, und wenn ich mein Sicherheitsgefühl auf diese Weise in Frage stelle - dann empfinde ich Angst - ein starkes Gefühl.

Wau - Wau 

Die Angst tritt erst zu Tage, wenn man eine Gewohnheit ablegt. 

  

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters

 

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Dr. Georg M. Peters ist Buchautor zum Themenkreis

 

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