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Überprüfen Sie Ihr
soziales Engagement!
Die sozial-revolutionären Bewegungen des
zwanzigsten Jahrhunderts haben einen entscheidenden Fehler gemacht. Sie gingen
immer davon aus, dass der Mensch durch seine Umgebung geformt werde. „Das Sein
bestimmt das Bewusstsein.“ Das gesellschaftliche Umfeld definiert den
Charakter des Menschen. Um einen „neuen Menschen“ zu schaffen, muss man eine
neue Gesellschaft einrichten.
In diesem Text hier stand das Individuum, die
eigene Person, im Vordergrund. Dabei betrachteten wir die eigene Person, die
eigene Lebensführung von einer höheren Bewusstseinsebene aus. Wir bekamen die
Einstellungsebene in den Blick und erlebten unsere eigenen Einstellungen als
veränderlich, lernten, uns selbst hinzunehmen mit dem Ziel, uns zu verändern.
Alle sozial-revolutionären Bewegungen gehen
aus von der Betrachtung der gesamten Gesellschaft. Nun wollen wir hier nicht der
gegenteiligen Übertreibung verfallen und die gesellschaftlichen Verhältnisse
völlig ignorieren.
Falls an unserer Lebenshaltung etwas neu sein
sollte, und sich durch diese Einsichten unser Leben ändern sollte, dann wäre das
eine Revolution im Kleinen, in unserem Inneren. Der Lauf der Geschichte hat aber
gezeigt, dass auf eine Revolution im Kleinen, in der inneren Welt, auch immer
eine Revolution im Großen, in der äußeren Welt folgt.
Wenn Sie Ihr Verhalten ändern, dann ändern
Sie also auch etwas an der Welt. Wichtig ist aber das, was oben im Zusammenhang
mit der Willenskraft und dem Faustkeil gesagt wurde: Richten Sie Ihre Kraft auf
einen einzigen Punkt. Das heißt, solange Sie mit sich selbst befasst sind, sich
ein Gesetz auferlegen wollen, versuchen Sie nicht gleichzeitig Ihre Umwelt und
die Gesellschaft zu verändern. Solange Sie sich mit sich selbst befassen,
müssen Sie sich in Ihrer Umwelt gut aufgehoben fühlen! Überlassen Sie die
Kontrolle Ihrer Nahrungsmittel den staatlichen Kontrollbehörden! Natürlich gibt
es in diesem System Lücken, und es passieren Fehler. Es ist Aufgabe der Medien,
davon in großer Aufmachung zu berichten. Aber lassen Sie sich dadurch nicht
einreden, dass Sie durch die von Ihnen eingeatmete Luft, durch die Ausdünstungen
der Tapeten, Möbel und Bodenbelege in Ihrer Wohnung und durch im Laden gekaufte
Nahrungsmittel systematisch vergiftet werden. Konzentrieren Sie Ihre Kraft und
Ihre Aufmerksamkeit auf einen Punkt!
Ein Zuviel des Guten
Allgemein gilt: Wenn man sein Verhalten
ändern will, dann liegt das Problem nicht so sehr darin, zu wissen, wie man sich
verhalten soll. Viele wissen, sie sollten weniger essen, sie müssten aufhören zu
trinken oder zu rauchen. Aber sie können diese Verhaltensänderung, die ihnen
als Verzicht erscheint, ihren alten Gewohnheiten gegenüber nicht durchsetzen.
Hier stellt sich dann sofort der Begriff „Willenskraft“ ein. Der eine Mensch
ändert sein Verhalten. Von dem heißt es dann, „er hat die nötige Willenskraft“.
Der andere scheitert bei dem Versuch; „er hat die Willenskraft nicht“. Diese
Definition der Willenskraft ist tautologisch, also inhaltslos, „doppelt
gemoppelt“. Wie oben schon gesagt, die Willenskraft ist eine reine Einbildung.
Das eigene Leben gestalten! In mancher
Hinsicht führt die Dummheit ein strenges Regiment: Wenn man sich vor Augen hält,
was durch Öffentlichkeit, durch die Medien, dem Menschen nahegelegt und
empfohlen wird:
1) Thema Erziehung: Erzieher sollen Vorbild
sein. Aber: Wenn jemand sein eigenes Leben nicht gestalten kann, wie soll er
dann Vorbild sein?
2) Bildung, Flexibilität: Lebenslanges Lernen
wird gefordert. Aber bin ich dazu überhaupt motiviert?
3) Gesundheit: Sich fit halten durch Jogging
- nach dem Motto, je mehr, desto besser!
4) Ernährung: Gewichtskontrolle, Diät,
Kalorienzählen, Kontrolle der Vitaminaufnahme, der Aufnahme von
Spurenelementen, Vermeidung von Umweltgiften!
5) Sich entspannen durch Yoga: Nehmen Sie mal
ein Yogabuch zur Hand! Darin stehen Hunderte von Übungen und jede muss man
täglich dreimal machen.
Die Beschränkung auf
das Wesentliche: Ein Beispiel
So vernünftig jede einzelne Empfehlung sein
mag, in ihrer Gesamtheit stellen sie eine Überforderung dar, die leicht in einen
Teufelskreis aus Versagensangst und Selbstvorwürfen führt.
Beispiel Ernährung: Nicht Kalorien,
Spurenelemente, Vitamine, abwägen und zählen! Denn das untergräbt das Zutrauen
zu den eigenen Instinkten, zur Gesundheit des eigenen Körpers und zu dem Gefühl
der Wohlaufgehobenheit in Ihrer Umgebung. Verhaltensänderung setzt voraus, dass
Sie die Gesetze einhalten, die Sie sich selbst gesetzt haben. Gesetze sind
nötig! Aber die Anzahl der Gesetze ist klein zu halten! Je strenger die
einzelnen Gesetze sind, desto weniger brauchen Sie davon.
Jochen, ein älterer Klient, hat mir in
mancher Hinsicht bei der Formulierung dieser Richtlinien als Vorbild gedient.
Wenn ich sein Beispiel hier anführe, soll das nicht heißen, dass jeder Leser ihm
folgen muss. Der Kuchen zum Kaffee am Sonntagnachmittag gehört so sehr zum Reiz
und Inhalt des Lebens, dass kaum jemand darauf verzichten möchte – genauso wie
das Brötchen mit Marmelade, Honig oder Gelee zum Frühstück. Welche
Annehmlichkeiten und gelegentlich auch welche Rituale verbinden sich nicht mit
einem warmen Wannenbad oder – wenn das nicht zur Verfügung steht – mit einem
warmen Duschbad. Welchen Sinn soll ein Leben haben, in dem es diese
selbstverständlichen Annehmlichkeiten, die ja kaum einen Anflug von Luxus haben,
nicht mehr gibt.
Jochen verzichtet auf Marmelade, Honig,
Gelee, Kuchen, Speiseeis, Dessert und überhaupt jede Art von Süßspeise. Dennoch
behauptet er, dass es ihm an nichts fehle. Darüber hinaus verzichtet er auf
jeden Kontakt mit warmem Wasser. Allenfalls wäscht er sich die Haare damit. Doch
dazu stellt er sich nicht unter die Brause, sondern beugt nur den Oberkörper
über den Rand der Wanne und benässt die Haare. Aber er duscht sich jeden Morgen
kalt - am liebsten mit einer Handbrause. Damit lenkt er den Strahl, zunächst
über Beine, Arme, Gesicht, dann über Vorder- und Rückseite des Rumpfes, sodass
die Kälte langsam von außen nach innen in den Körper eindringt.
Gesetz und Freiheit: Der Mann hat sich diese
Verzichtleistungen zum Gesetz gemacht und empfindet sie nicht als
Einschränkungen seiner Freiheit.
Dabei besitzt er eine lebhafte Erinnerung an
den Tag vor zwanzig Jahren, als er zum letzten Mal eine Süßspeise genossen hat.
Damals hatte er schon zwölf Jahre lang Verzicht geleistet. Den süßen Geschmack
kannte er nur noch von frischen Obst oder von Äpfeln, Weintrauben oder
Zwetschen, die er in den Teig eines Pfannkuchens einbriet. Den Pfannkuchen
verzehrte er natürlich ohne Zucker. In einem Café, in dem er noch nicht bekannt
war, musste er bei der Bestellung jedes Mal verhandeln: „Können Sie mir eine
geschälte, rohe Banane servieren mit Sahne drauf? Ist die Sahne gesüßt?“
Deutsche Caféhausbesitzer reagierten meistens reserviert bis ablehnend. Außerdem
war bei ihnen die Sahne fast immer gesüßt. Keine Probleme hatte er bei den
Italienern. Dort war die Sahne stets ungesüßt, und er bekam das Gewünschte. Doch
an dem erwähnten Tag, als er mit seiner Freundin zusammen ein Eiscafé besuchte,
ergab sich bei der Bestellung ein Missverständnis. Er erhielt die rohe Banane
mit Sahne, aber übergossen mit dem Saft von Maraschinokirschen. Er reklamierte
nicht, sondern aß das Servierte mit einer gewissen Todesverachtung. Für ihn, der
sich solcher Süßspeisen inzwischen total entwöhnt hatte, war das ein ganz
intensiver Genuss. Und auch heute, zwanzig Jahre später, erinnert er sich noch
gerne an diese Köstlichkeit. Ihm ist also vollkommen bewusst, worauf er
verzichtet; und dennoch verzichtet er. Er hat auch nicht das Gefühl, dass sein
Leben dadurch irgendwie ärmer geworden sei.
Etwa in seinem vierzigsten Lebensjahr bekam
er Probleme mit dem Älterwerden. Vor dem Spiegel konnte er beobachten, dass das
Zahnfleisch sich zurück zog. Sein Körpergewicht, das bisher immer - unabhängig
von der Nahrungsaufnahme - gleich geblieben war, nahm zu. Insgesamt hatte er den
Eindruck, dass seine Jugendlichkeit dahinschwand. Er sah sich vor das Problem
gestellt, seine Ernährung zu kontrollieren und eventuell das Rauchen
aufzugeben.
Hinzu kam ein Zahnproblem: Zahnschmerzen, die
schubweise einsetzten und sich nicht lokalisieren ließen. Der kranke Zahn befand
sich auf der linken Seite, aber ob oben oder unten könnte Jochen nicht sagen.
Der Zahnarzt röntgte die Wurzeln, fand aber keine Ursache. Er entließ den
Patienten ohne Eingriff; stattete ihn lediglich mit einigen Schmerztabletten
aus. Wenn die Schmerzen ihn überfielen, konnte der Mann nicht sitzen bleiben, so
stark waren sie. Er kannte solche Schmerzen noch nicht. Zu dem deprimierenden
Eindruck des Älterwerdens, des altersmäßigen Verfalls, kam jetzt eine weitere
Belastung hinzu, nämlich der Gedanke, dass es ein Leben ohne Schmerzen für ihn
nicht mehr geben werde.
Er nahm an, dass es sich um Karies handele.
Plötzlich erinnerte er sich irgendwo gelesen zu haben, dass man Karies
aushungern könne. Den Kariesbakterien genüge ein Körnchen Zucker pro Tag, um
sich am Leben zu halten. Doch wenn man auf Zucker ganz verzichte, dann gingen
die Bakterien zugrunde. Nach sechs Wochen sei die Karies ausgestorben. Das
schien ihm, da der Zahnarzt nicht helfen konnte, ein Hoffnungsschimmer. Doch er
sah auch, dass es ein ziemlich großes Pensum war, das er sich vorgenommen hatte:
Irgendwann, möglichst bald, musste er das Rauchen aufgeben. Sein Gewicht wollte
er reduzieren und auf den Konsum von Zucker ganz verzichten. Es war ihm klar,
dass er diese Probleme systematisch angehen musste.
Er entwarf sich einen tabellarischen
Fragebogen und machte jeden Abend seine Aufzeichnungen. Die Kinder und seine
Frau wussten: „Zwischen halb sieben und sieben dürfen wir Papa nicht stören. Da
macht er seine Aufzeichnungen.“ So führte er täglich Protokoll über sein
Körpergewicht, seine Körperpflege, seine Morgengymnastik, seine
Nahrungsaufnahme, den Konsum von Süßigkeiten und Zigaretten und über seine
Befindlichkeit. Im Laufe von einigen Monaten hat er die gewünschten
Verhaltensänderungen durchgesetzt. Das Protokoll war ihm dabei ein
unentbehrliches Hilfsmittel. Denn ohne Protokoll erscheint es gleichgültig, ob
eine Verzichtleistung heute oder in drei Monaten erbracht wird. Das Protokoll
hebt diese Beliebigkeit auf. Darin steht unter dem heutigen Datum – für alle
Zeiten festgehalten – „ich habe geraucht“ oder „ich habe nicht geraucht“.
Zuerst hat er seinen maßlosen
Zigarettenkonsum eingestellt. Das ging nur so, dass er von heute auf morgen ganz
auf Zigaretten verzichtete. Etwas später hat er den Zuckerkonsum reduziert,
indem er erst auf Kuchen, zu einem späteren Zeitpunkt auf Speiseeis und zu einem
dritten Zeitpunkt auf Dessert und jeden Konsum von Süßwaren verzichtet hat. Von
da ab begann er die sechs Wochen zu zählen. Doch schon nach vier Wochen waren
die schubweise auftretenden Zahnschmerzen verschwunden. Der Zahnarzt glaubte
nicht an den Frieden. Zartfühlend sagte er: „Was gut ist, kommt auch wieder.“
Doch sie sind nicht wieder gekommen – bis heute.
Wenn er heute zum Internisten geht, der die
Blutwerte ermittelt, dann ergeben sich Idealwerte. Sein Körpergewicht ist
stabil, sein Body-Mass-Index (Körpergewicht in kg dividiert durch die
Körpergröße in m, multipliziert mit sich selbst) ist 22. Er weiß, dass dadurch
kein ewiges Leben garantiert ist, und dass jeder Tag sein letzter sein kann, und
dass jeder Tag der letzte sein kann, an dem er sich gesund fühlt. Aber jenes
unangenehme Gefühl, das ihn im Alter von vierzig Jahren quälte, nämlich Zeichen
des körperlichen Verfalls an sich zu beobachten, das ist er seit mehr als
dreißig Jahren los.
Verantwortlich (c) für Text und
Inhalt: Dr. Georg M. Peters
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