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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Psychotherapie

 

 

 

 

 

 

Wollen Sie Ihr Verhalten ändern?

 

Bei jeder Verhaltensänderung müssen stets alle vier Koordinaten im Auge behalten werden. Doch bevor Sie versuchen, Ihr Verhalten zu ändern, sollten Sie noch einen tieferen Blick in Ihre eigene und in die allgemeine Vergan­genheit werfen.

Blicken wir noch einmal in die christliche Vergangenheit:

 

Die sieben „Todsünden“

 

In der Sprache der Kirche sind das keine Todsünden, sondern „Hauptlas­ter“. Können die uns etwas sagen? Die sieben Hauptlaster der klassischen Theologie sind:

 

Hochmut (Übermut, Hoffart, Eitelkeit, Stolz)

Geiz (Habgier, Habsucht)

Neid (Missgunst, Eifersucht)

Zorn (Wut, Vergeltung, Rachsucht)

Wollust (Unkeuschheit)

Völlerei (Gefräßigkeit, Unmäßigkeit)

Trägheit des Herzens, des Geistes (Faulheit, Überdruss, Feigheit)

 

Man kann sich nicht 24 Stunden lang am Tag daraufhin kontrollieren, ob man irgendeinem Lustgefühl anheim fällt. Man muss sich eine eigene Werteskala machen! Beim Raucher etwa, der sich das Rauchen abgewöhnen will, steht das Rauchverbot an oberster Stelle. Der Gedanke an eine verbotene Zigarette löst dann ein Lustgefühl aus, das man beobachten muss. Das eigene Gefühl beob­ach­ten! Sie sehen, hier wird wieder ein Schritt in Richtung der Ästhetikdimension gemacht. Dann muss man, wenn man sich das Rauchen abgewöhnen will, diesem Gefühl, diesem Bedürfnis gegenüber Gleich­gültigkeit entwickeln! Lernen Sie zu unterscheiden:

 

Gleichgültigkeit gegenüber der nächsten Zigarette!

Gleichgültigkeit gegenüber dem Bedürfnis danach!

Gleichgültigkeit gegenüber dem Gefühl, das sich einstellt, wenn Sie das Bedürfnis nicht befriedigen.

 

Dieser innere Kampf gegen das Lustgefühl wird erleichtert durch das Wis­sen, dass der Kampf zeitlich begrenzt ist. Er dauert nur solange, wie die Ent­wöh­nungs­phase anhält. Danach stellt sich der Gedanke an das Rauchen im­mer seltener oder gar nicht mehr ein. Auf das Thema der Verhaltens­ände­rung wer­de ich später genauer eingehen.

Sind die oben aufgeführten „Hauptlaster“ in der heutigen Gesellschaft alle überwunden, oder warum spricht keiner mehr davon? Sie spielen in der heuti­gen Psychotherapie deshalb kaum noch eine Rolle, weil sie zu undifferen­ziert sind.

Ein kleiner Junge spielt selbstvergessen an einem Seeufer und fällt hinein. Er kann nicht schwimmen und ist hilflos. Ich muss zugeben, dass ich einige Sympathie für jemanden habe, der hinterher springt und das Kind herausholt - obwohl dieses Verhalten eigentlich sehr unüberlegt ist. Wenn der Betreffende ein empfindlicheres Bewusstsein für die „Hauptlaster“ entwickelt hätte, dann würde er sich erst einmal fragen, warum er diesen Trieb spürt, dem Kind zu helfen. Vielleicht sind Übermut und Eitelkeit im Spiel. Vielleicht erlebt er sich bereits als Held und Retter, der von anderen für seine Tat gelobt und bewun­dert wird. Das Laster des Hochmuts bekämpft er vielleicht am besten, indem er nichts tut und stattdessen die Tugend des Mitleidens und Mittrauerns ent­wi­ckelt. So setzt er sich ans Ufer und vergießt einige Tränen über das frühzeitig zuende gehende Leben des Jungen und das schwere Los der Eltern, die ihr Kind nun verlieren.

Es ist unsinnig sich 24 Stunden am Tag daraufhin zu kontrollieren, ob man von irgendeinem der als „Hauptlaster“ eingestuften Gefühle heimgesucht wird. Im Gegenteil! Wenn man einen Erfolg errungen hat, dann ist ein Gefühl der Freude und des Stolzes durchaus angebracht. Wenn man ein Gewerbe betreibt und damit einen wirtschaftlichen Gewinn erzielt, dann ist das Gefühl der Hab­gier etwas ganz normales. Beim Essen ist der sinnliche Genuss an der Speise und die Zufriedenheit nach der Sättigung etwas durchaus Erstrebens­wertes. Auch der Neid auf den Erfolg eines Mitbewerbers kann ein fruchtbares Gefühl sein, wenn davon ein Ansporn zu größerer Konzentration und erfolgrei­chem Einsatz der eigenen Kräfte ausgeht.

 

Instinkte

 

Wenn Sie sich der Sexualität hingeben, dann folgen Sie einem Instinkt. Wenn Sie lachen, dann folgen Sie ebenfalls einem Instinkt. Wenn Sie sich an einem guten Essen erfreuen, auch dann folgen Sie einem Instinkt. Aber manchen Menschen ist der Instinkt ein Gräuel. Sie kämpfen für eine „vernünftige“ Welt. „Zu welchem Nutzen?“ ist stets ihre drängendste Frage. Sexualität? Sie dient der Gesundheit, stärkt die Muskeln, stärkt die innere Sekretion und den Hormonhaushalt. Lachen? Dient ebenfalls der Gesundheit. Deshalb wird es zu festgelegten Tageszeiten eingeübt. Beim Essen gilt das Gleiche: Es wird nicht mehr gegessen, worauf man Appetit hat, sondern was nach Studium von Kalorientabellen, Vitaminangaben, Ballaststofflisten und Spuren­­elementanaly­sen geboten erscheint. Wohl bekomm’s! Diese Lebens- und Denkweise wird zur Zeit von allen Seiten unterstützt: Durch die Werbung, durch die Medien, zum Teil auch durch die Wissenschaft. Diese Denkweise liegt im Trend, sie ist im Sinne des Zeitgeistes. Versuchen Sie sich ganz be­wusst davon zu lösen!

Die alltäglichen Aktionen werden nur teilweise vom Verstand gesteuert. Eine große Rolle spielen dabei Gefühle, Instinkte, Gewohnheiten und Erfahrungen. Sinnliche Wahrnehmungen, sinn­li­cher Genuss, Instinkte, Reflexe stehen gleichberechtigt neben der bewussten Kontrolle durch den Verstand. So funk­tio­niert der Alltag eben und so muss er auch funktionieren. Wenn sich hier - von einer Angst gesteuert - vor jeder Aktion die Frage nach dem Warum und nach dem Nutzen einschleicht, dann wirkt das wie ein Krebs, der im Laufe der Zeit das ganze kom­plexe Kunstwerk auffrisst. Denken Sie an die Heinzel­männ­chen: Sie arbeiten selbstlos und geräuschlos für uns so lange, bis wir versu­chen, ihnen auf die Finger zu schauen. Dann sind sie weg.

 

Folgen Sie Ihren Gefühlen, aber nicht allen Gefühlen!

 

Gefühle, Bedürfnisse, Intuitionen spielen bei jeder Handlung eine große Rolle. Die Selbststeuerung beginnt nicht mit einer Kontrolle der Gefühle, aber mit einer Beobachtung der Gefühle – das ist wiederum eine Abstandnahme in Richtung der ästhetischen Dimension. Aus dieser Beobachtung erwächst ein Unterscheidungsvermögen: Welche Gefühle bleiben im Rahmen der Normalität und welche nicht? Das ist entscheidend! Diejenigen Gefühle, die nicht im Rahmen der Normalität bleiben, sind die „starken Gefühle“. Das sind die über­wäl­tigenden Gefühle, aber nicht in dem Sinne, wie ein Kunsterlebnis überwäl­ti­gend sein kann, sondern im krankhaften Sinne. Gefühle, vor denen man Angst hat, die verdrängt werden wollen, und die aus Angst vor der Angst auch das Ver­hal­ten vorschreiben. Diese Gefühle wollen sich automatisch dem hinschau­en­­den Blick entziehen. Aber mit ihnen muss man sich auseinander­ setzen. Die genannten „Hauptlaster“ gewinnen eine neue Aktualität, wenn sie sich mit diesen starken Gefühlen verbinden. Dann beherrschen sie das Denken und das Verhalten.

Ein starkes Neidgefühl kann nur entstehen, wenn man mit seinem Leben un­zu­frieden ist. Das Leben selbst ist bereits ein unendlich großes Geschenk. Nur indem man dieses Geschenk missachtet, kann man ein solches Gefühl der Unzufriedenheit entwickeln. Ignatius fordert Demut gegenüber dem, was uns gegeben ist. Das betrifft jeden! Seit Jahren forscht man systematisch nach außerirdischem Leben – bisher vergeblich. Die Seltenheit des Phänomens Leben in den unendlichen Dimensionen des Weltenraums sollte man im Auge haben und daran die Kostbarkeit dieses Geschenks ermessen. Dennoch bleibt es jedem unbenommen, es zu ignorieren oder zu miss­achten.

Die vorstehende Argumentation wird wahrscheinlich niemanden von seinen star­ken Neidgefühlen befreien. Sie ist zu vordergründig. Wenn der Neid sich mit einem starken Gefühl verbindet, dann wächst er aus einem fehlenden Selbst­wert­gefühl, und dieses hat tiefere Ursachen. Die sind im Unbewusst­sein verankert und resultieren aus kindlichen Verletzungen – aus Erlebnissen, Erin­ne­­run­gen, die schmerzhaft und deshalb verdrängt, tabuisiert sind. Aus dieser Herkunft erklärt sich auch die übermenschliche Intensität des starken Gefühls.

 

Unterscheiden Sie zwei Arten von Gefühlen!

 

Der Umgang mit diesen starken Gefühlen ähnelt dem Umgang mit den depressiven Gedanken. Beide sind sie irreal und das Wissen um ihre Irrealität ist entscheidend. Wir hatten gesehen, dass man sich mit den depressiven Gedanken nicht ernsthaft auseinander setzen darf. Genauso ist es mit den starken Gefühlen. Man darf sich nicht gegen sie wehren, sonst nehmen sie nur an Stärke zu oder verschwinden wieder in der Verdrängung. Außerdem ist Widerstand ohnehin zwecklos, weil sie von Natur aus übermenschlich groß sind. Das liegt an ihrer Herkunft aus kindlichen Verletzungen. Ein Erlebnis in der Kindheit, das nicht altersgemäß, etwa durch Schreien, verarbeitet wurde, ist verdrängt worden. Es verband sich mit einer Angst, der sich das Kind hilflos ausgeliefert und durch das es sich existenziell bedroht sah - für das Kind eine über­mensch­liche Gefahr. In der Nischenexistenz der Verdrängung bleibt diese Angst erhalten. Wenn der Schutzpanzer der Verdrängung irgendwann durch­bro­chen wird, tritt die Angst in der alten Stärke wieder hervor. Die alte Stärke wird aber dadurch charakterisiert, dass sie übermenschlich groß ist.

Das hat eine paradoxe Konsequenz. Das Trauma kann ausgelöst worden sein, durch das Gefühl des Alleingelassenseins. Das Alleingelassenwerden ist für das Kind eine lebensgefährliche Bedrohung. Unter dem Deckel der Ver­drän­gung bleibt diese Angst erhalten bis ins Erwach­senen­alter. Für den Erwach­senen jedoch ist das Alleinsein keine Bedrohung mehr. Erlebt der Betref­fende jedoch eine Zurückweisung, so kann das Gefühl des Alleingelas­sen­werdens wieder erwachen und den Schutzpanzer der Verdrän­gung beschä­digen. Dann tritt die Angst hervor, erscheint in ihrer alten über­mensch­lichen Stärke und taucht den Erwachsenen in eine irrationale Angst. Die Angst hat den Wachs­tums­prozess vom Kind zum Erwachsenen quasi mitvollzogen. Ein Widerstand gegen diese Angst ist genauso unmöglich wie er für das Kind unmöglich war. Es gibt nur eine Hilfe, außer der erneuten Verdrän­gung, nämlich das Wissen um die Irrationalität dieser Angst - das Wissen darum, dass man es mit einem Gespenst zu tun hat. Hier gilt ein Gesetz, das überall gilt, wo man es mit Gespenstern zu tun hat: Nur der Widerstand gegen sie verleiht ihnen Realität. Das Bewusstsein der Irrealität gibt einem die Möglich­keit, die Angst zu ertragen. Die gleichen Meditationen, die halfen, das depres­sive Denken zu ertragen, helfen auch, diese Ängste zu ertragen.

Es ist eine Art Trauerarbeit. Man muss diese Ängste ertragen, sie im Bewusstsein behalten, damit sie nicht wieder verdrängt werden. Mehr ist nicht zu tun. Das ist nicht einfach, aber einen anderen Weg gibt es nicht. Wegen ihrer Irrealität haben sie im Schein des Bewusstseins kein langes Leben. Dieses Abklingen und Verschwinden ist ein Wachstumsprozess, den man willentlich nicht beeinflussen kann. Das hat er gemeinsam mit dem Abklingen einer akuten Depression. Die groteske Konsequenz besteht darin, dass der Erwachsene, der in sich ein Trauma des Alleingelassenwerdens trägt, mensch­liche Kontakte nach Möglichkeit meidet. Denn jede Enttäuschung oder jede Zurückweisung, die sich aus solchen Kontakten ergeben könnte, aktiviert dieses Trauma. Er sucht also das Alleinsein aus Angst vor dem Alleinsein. Prozesse, die vom Unbewussten gesteuert werden, sind meistens grotesk und paradox. (Beispiele für starke Gefühle finden sich im Buch „Eine Seereise zum Ich“ von Georg M. Peters.) 

 

Verantwortlich (c) für Text und Inhalt: Dr. Georg M. Peters

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Dr. Georg M. Peters ist Buchautor zum Themenkreis

 

'endogene Depressionen', verlegt im www.verlag-spiel.de