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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

Kinder-u. Jugend-Pädagogik

 

 

 

 

 

 

'Ich bin da !'

 Beginn einer Persönlichkeitsentfaltung unter psychomotorisch bedeutsamen Gesichtspunkten

1. Einleitung : Ein winziges “Persönchen”

Das grelle Licht, die lauten Geräusche und die vielen Berührungen sind mir fremd. Mein Gehirn ist einer ungewohnten Flut von Sinneseindrücken ausgesetzt, die ich noch nicht verarbeiten kann. 

Klitzeklein ist da ... und damit beginnt ein winziges Persönchen seine Persönlichkeit zu entfalten.

Heute begreift man Persönlichkeitsbildung als einen Gesamtscore aus Vererbung, Reifung, Lernen und Umwelt mit Schwerpunkt beim Lernen und den vielfältigen Umwelteinflüssen. Die genetische Ausstattung stellt die Prädisposition dar, d. h. sie steckt den Rahmen der Möglichkeiten für Wahrnehmen, Lernen und Handeln eines Menschen ab. Es gibt keine Fortentwicklung ohne Erbanlagen, ohne den ganz persönlichen Genotypus unseres “Persönchens”. Es braucht für seine Persönlichkeitsbildung jedoch zudem eine geeignete Umwelt - vom Zeitpunkt der Befruchtung an in allen seinen Lebensepochen. Denn wie alle Organismen lebt auch der Mensch in Symbiose mit seiner Umwelt. Damit sind die weitaus entscheidenderen Einflussgrößen auf sein Verhalten: Lernen und Umwelt. Sie werden seine Individualität zeitlebens maßgeblich prägen. Außerdem gilt Entwicklung nach heutiger wissenschaftlicher Erkenntnis als lebenslanger Prozess zwischen dem Menschen und seiner Welt mit verschiedener Schwerpunktsetzung je nach Altersabschnitt. Der Mensch macht sich in jeder seiner Lebensphasen über sein eigenes Handeln seine Mitwelt zu eigen und wirkt gleichzeitig durch seine Aktivitäten prägend auf diese ein und verändert sie.

So weit die in Psychologie und Psychomotorik vertretene Erkenntnisgrundlage - ohne in der gebotenen Kürze das Heer von Autorinnen und Autoren zu diesem Themenbereich auch nur ansatzweise zitieren zu können. Verwiesen sei lediglich auf Standardwerke wie die von OERTER / MONTADA (1998), KRECH / CRUTCHFIELD et al. (1992).

In den ersten Lebensjahren hat das Elternhaus als primäre Sozialisationsinstanz die Riesenchance, die Weichen für Klitzeklein in eine förderliche Richtung zu stellen und die einzelnen Persönlichkeitsbereiche dahingehend zu unterstützen, dass ein positives Zusammenwirken sensorischer, motorischer, kognitiver, sozial-kommunikativer und emotionaler Wirkgrößen erfolgen kann. Damit geben die Eltern außer den Erbanlagen auch das Rüstzeug mit, dass Klitzeklein sich die Welt selbständig erschließen kann und kreativ tätig sein wird. Fachliche Unterstützung bieten Wissenschaftszweige (z. B. Pädiatrie, Neonatologie), medizinische Versorgung und Prävention (z. B. Kinderärzte und solche mit neonatologischer Qualifikation, Hebammen, Motologen, Ergotherapeuten, Logopäden), Printmedien (z. B. “Fach”-Bücher und Magazine verschiedenster fachlicher Tiefe und Bandbreite mit Informationen und Ratschlägen zu allen Entwicklungsbereichen) und nicht zuletzt PR-Animationen einer ganzen Babyartikel-Branche. Schließlich wird heutzutage in der BRD die Klientel anzahlmäßig zunehmend begrenzter und folglich höchst intensiv umworben. 

Im Folgenden wird anhand ausgewählter Fortschritte in einzelnen Bereichen der Persönlichkeitsbildung unseres Persönchens “Klitzeklein” versucht, die Ganzheitlichkeit und Bandbreite seiner Entfaltung und damit auch seiner Fördermöglichkeiten bereits während der ersten drei Monate zu protokollieren : eine Zeitreise mit Innenansichten.

 

2. Läuft es noch - oder krabbelt es schon?

Smalltalk, wenn Klitzeklein von Oma und Opa spazieren gefahren wird (12 Monate) und eine Nachbarin begutachtend in den Kinderwagen schaut: “Na? Läuft es schon?” ... Oma: “Nur das nicht! Es krabbelt sehr gut koordiniert.” ... Verständnislosigkeit auf der Gegenseite .... Wir mögen derartige Dialoge nicht sonderlich; Missverständnisse scheinen vorprogrammiert. ... 

Im Bewusstsein von Eltern, Großeltern sowie beruflich erziehenden und fördernden Personen - wie auch in der entsprechenden Literatur - wurde lange Zeit die Entwicklung des Babys im ersten Jahr vorwiegend definiert über die einzelnen Wegmarken im Kampf gegen die Schwerkraft: vom ersten Heben des Köpfchens bis zur Lokomotion. Und frühes Laufen hatte bei Nicht-Therapeuten einen höheren Stellenwert als ausgiebiges Krabbeln. Neurophysiologische Kenntnisse und Erkenntnisse haben heutzutage u. a. (um nur ein wichtiges Beispiel zu nennen) auch die Bedeutung von Überkreuz-Bewegungen bei der Ausbildung beider Hemisphären und den Kommissuren zwischen beiden populär gemacht. Der technische Fortschritt in Form bildgebender Verfahren ermöglicht es, Gehirnaktivitäten sichtbar zu machen und aus den kortikalen Verschaltungen aktiver Hirnareale neue Zusammenhänge im gesamten Netzwerk von Verhalten und Lernen zu erschließen; bspw. mittels Positronenemissionstomographie (PET) und funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) (ausführliche Erklärungen bei: GREENFIELD 2003; SPITZER 2002).

Die Erkenntnisse bspw. PIAGETs bezüglich der kognitiven Entwicklung (um nur einen Vertreter dieser Forschungsrichtung zu nennen) waren und gelten heute noch in der Pädagogischen Psychologie als wegweisend und gehören zur Pflichtlektüre all derer, die sich im pädagogischen wie therapeutischen Bereich mit Kindern befassen. Aber Beobachtungen bezüglich der geistigen und der Sprach-Entwicklung beim Kleinkind haben m. E. für die Gesamtbevölkerung (gemeint: beim Smalltalk; s. o.) gegenüber Beobachtungen hin zur Lokomotion einen nachrangigen Stellenwert. Oder haben Sie schon einmal jemanden, über den Kinderwagen gebeugt, fragen hören: “Na? Wie denkt es denn?” Und wie steht es mit dem kritischen Blick Erziehender auf die Entwicklung sozial-kommunikativer Aspekte? Darüber breitet sich bis ins Kindergartenalter der Mantel des Schweigens; es sei denn, die Erziehungsverantwortlichen werden aufgrund erheblicher Verhaltensauffälligkeiten der Kleinkinder von sich aus beim Kinderarzt vorstellig.

Berechtigterweise steht im ersten Lebensjahr die Motorik im Fokus der Beobachtung von Verhalten und Entwicklungsfortschritten von Säuglingen, denn in dieser Lebensphase gilt: motion is emotion. Im Verbund aller Wirkgrößen bei der Persönlichkeitsbildung jedoch stellt die Motorik nur einen Baustein dar - wenngleich einen zentralen.

Bei Klitzeklein ist zunächst die Sensorik das Medium, das alle anderen Wirkbereiche in Gang setzt resp. in Gang hält. Innerhalb der ersten drei Monate erfolgt dabei eine graduelle Funktionsübernahme der Wahrnehmung vom Stammhirn hin zum Großhirn mit einer Zunahme neuronaler Verschaltungen und Vernetzungen besonders im somatosensorischen wie im motorischen Cortex; wobei nach heutiger Kenntnislage die rechte Hemisphäre einen gewissen Entwicklungsvorlauf vor der linken hat.

Neurophysiologisch ist Wahrnehmung immer in erster Linie als senso-motorische Wechselwirkung zu begreifen mit kognitiven und affektiven Implantierungen; ausgehend von der sensorischen Reizaufnahme bis hin zum motorischen Output - wobei jeder Output als solcher ein motorischer ist. Stufenfolgen-Vorstellungen, nach denen beim Wahrnehmungs-, Erlebens- und Handlungsprozess einzelne Aspekte der Motorik jeweils im Vordergrund stehen (z. B. Neuromotorik - Sensomotorik - Psychomotorik - Soziomotorik - Leistungsmotorik) und zudem im Verlauf der kindlichen Entwicklung aufbauend einander folgen, waren und sind in dieser Weise nicht der Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse. Sie beruhen auf einem Missverstehen grafischer Darstellungen und unklarer Verbalisierungen innerhalb der Fachliteratur; halten sich jedoch mitunter hartnäckig in den Vorstellungen vieler Studierenden.

Je sensorisch genauer Umweltreize aufgenommen werden können (Sensorik), desto sensibler und gefühlsmäßig engagierter / positiver verarbeitet das Gehirn unmittelbare Gefühlseindrücke (Emotion), ordnet sie sinnvoll ein und kann mit Hilfe des Neocortex das Wahrgenommene bewerten (Kognition), dann motorisch situationsangemessen reagieren (Motorik) und sozial-kommunikativ förderlich handeln (Soziabilität).

Schauen wir also auf das kleine Menschenkind als ein Ganzes aus Körper, Geist und Seele, um bereits in den ersten Wochen diese Ganzheitlichkeit in der Entfaltung der Persönlichkeit aufspüren zu können. Dann wird es uns auch später im Bereich der präventiven wie rehabilitativen Arbeit möglich sein, zum Wohle des Kindes dessen Gesundheit als den Zustand körperlichen, geistigen und sozialen Wohlbefindens niemals aus dem Auge zu verlieren. Denn gemäß dieser Gesundheitsdefinition der WHO (World Health Organisation) seit 1946 stellt Gesundheit weit mehr dar als nur Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen: Gesundheit als Zustand innerer Harmonie - auch bei Klitzeklein.

 

3. Die ersten 12 Wochen : Eine Zeitreise mit Innenansichten

In der ersten Woche:

Klitzeklein erlebt das Sinnesfeuer seiner ersten Eindrücke:

Innerhalb weniger Tage kann ich die neuen Sinneseindrücke verarbeiten und einschätzen. Mit dem ersten Feuerwerk an Wahrnehmungen beginnen meine Nervenzellen miteinander Kontakt aufzunehmen: Nervenbahnen entstehen wie lange Daten-Autobahnen. In den nächsten Lebensjahren haben meine Neuronen die Chance, 10 hoch 15 Synapsen zu bilden - so viele Synapsen wie Sterne im Weltall. Meine Mutti und mein Papa werden dafür sorgen, dass ich genug Anreize bekomme, meine Sinne zu entfalten, um feste, oft benutzte Nervenverschaltungen bilden zu können.

Die Menschen im Umfeld von Klitzeklein:

Klitzeklein kommt früher zur Welt als errechnet. Es fehlen ihm ungefähr vier intrauterine Wochen. 

Damit hat es eine verkürzte Entwicklungszeit im Mutterleib mit weniger Vestibular-, Propriozeptions- und Taktilreizen. Es fehlt eine Zeit der besonders “intensiven mütterlichen Berührung und einzigartigen Umgebungswelt” im Uterus, “die neben Wärme und Geborgenheit auch Sicherheit und Vertrauen” bedeutet (ANDERS 2001, S. 138), gerade in der letzten Phase mit starken Berührungsreizen durch Fruchtblase und Gebärmutter als muskulärem Organ, da es nun ebendort recht eng zugeht.

Derzeit nimmt die Zahl der Frühgeburten und untergewichtig Geborenen zu. Erklärt wird das mit Schwangerschaftsrisiken wie psychischen und sozialen Belastungen, Stress, Drogenkonsum, Zunahme des Durchschnittsalters der Schwangeren und Häufung von Mehrlingsschwangerschaften nach künstlicher Befruchtung sowie mit besserer medizinischer Versorgung der Frühchen. 

Klitzeklein fühlt sich geborgen:

Ich höre den vertrauten Herzschlag meiner Mutti oder meines Papas, wenn einer von ihnen mich an sich kuschelt. Ich spüre die Wärme ihrer Haut und rieche ihren besonderen Duft. Alle diese Sinneswahrnehmungen signalisieren mir Geborgenheit.

 

Die Menschen im Umfeld von Klitzeklein beobachten und fühlen:

Klitzeklein entwickelt eine leichte Gelbsucht und muss nachts unter der “Bili-Lampe” verbringen. (“Bili”: abgeleitet von dem Gallenbestandteil Bilirubin mit erhöhter Serumkonzentration bei Ikterus / Gelbsucht.)

Die gelben Strampler des Klinikums lassen es noch gelber erscheinen.

Mutti vermisst es in der Nacht sehr. Denn ihre ständig tätige Fürsorge über Körperkontakte wirkt beruhigend auf beide, Mutter und Kind. 

Im ersten Monat zählt die taktile Zuwendung von Mutter und Vater für die Entfaltung des Babys besonders. Man weiß heute, dass “Streichelkinder” nicht nur ausgeglichener, sondern auch intelligenter sind als solche, die nur körperlich versorgt, aber ansonsten sich selbst überlassen werden (WONDRACEK 2003).

Die Neonatologie befasst sich mit der Entwicklung von Frühgeborenen, meist aus medizinischer Sicht (neos = neu / früh; natus = geboren; logos = Sinn / Wissenschaft). In diesem Wissenschaftszweig erkannte man bspw. die Bedeutung mütterlicher Wärme, nicht nur um die Babys vor dem Auskühlen zu schützen, sondern besonders um über den Körperkontakt zur Mutter taktile und olfaktorische Geborgenheitsreize empfangen zu können. Junge Mütter kennen diese Methode als “Känguruhen” oder “Pucken” (MÄHLER & OSENBRÜGGE 2002). Zudem entsteht durch die Vielfalt der taktilen Reizkommunikation zwischen Mutter und Kind eine quasi symbiotische Beziehung beider; denn auch die Mütter genießen nicht nur den Hautkontakt außerordentlich über Glücksgefühle (64%), sondern empfinden auch innere Ruhe (43%). Nur 14% machen sich weiterhin Sorgen um ihr Baby. (BAUER 1999; zitiert nach ANDERS 2001)

Aufgrund der wenigen und wenig systematisch eruierten Erfahrungen mit Frühgeborenen kann die Vermutung noch nicht empirisch abgesichert werden, dass Frühgeburt und geringes Körpergewicht für ein späteres psychomotorisches Förderkonzept besondere Konsequenzen werden haben müssen (ANDERS 2001).

 

In der vierten Woche:

Klitzeklein hat Hunger:

Mein Gehirn ist der Körperteil, der bei mir am aktivsten ist. Hier bilden sich ständig unzählige neue Nervenverbindungen. Das kostet Energie. Die bekommt mein Körper aus Muttis Milch. Mein Hungergefühl ist sofort da, wenn mein Mägelchen leer und mein Blutzuckerspiegel niedrig ist. Nahrungsmangel und Blutzucker unter 66mg melden Neuronen innerhalb von 2 bis 3 Millisekunden via Rückenmark - Hirnstamm - Hypothalamus und Hypophyse (Hormonzentrale: bildet bei Hunger das Prohormon des Stresshormons Cortisol); via Thalamus - Großhirnrinde (Stress-Bewegungen: strampeln, zappeln, brüllen). Meine innere Ruhe ist dahin. Ich schreie unbarmherzig und ungebremst gerade heraus. Bei meinem erste Schrei bereits schießt bei Mutti Milch in die Brust; auch eine Hormonreaktion auf der Hypothalamus-Hypophysen-Achse über den Botenstoff Prolaktin und das Milchausschüttungshormon Oxytozin. Mein Tisch ist gedeckt. 

Die Menschen im Umfeld von Klitzeklein entscheiden:

Klitzeklein bekommt keinen 3-Stunden-Fütter-Rhythmus “aufgezwungen” wie vor 25 Jahren noch üblich. 

Heute wird nicht mehr jener strenge 3-Stunden-Fütter-Rhythmus eingehalten, wie er noch zur Babyzeit der Mütter von heute üblich war. Vielmehr suchen Mutter und Kind in den ersten Wochen gemeinsam nach einem für Klitzeklein passenden Trink-Rhythmus und werden ihn auch finden.

Die interdisziplinäre Wissenschaft der Chronobiologie seit Mitte des vorigen Jahrhunderts befasst sich mit der Erforschung von Zeitmustern wie u. a. Sonnenbogen und Jahreszeiten, Mondphasen, Schlaf-Wach-Rhythmen (MLETZKO & MLETZKO 2002). In der Biologischen Psychologie thematisiert man derzeit ebenfalls die “innere Uhr des Menschen” mit ihren elementaren und natürlichen Rhythmen und dem Leben in der Zeit (ZULLEY 2004). Auch wird der Stellenwert von Raum und Zeit in der psychomotorischen Praxisarbeit erkannt: Sei es einerseits, dass hyperaktive Kinder und andere Zappelphilippe über Entspannungsübungen wieder zur Ruhe finden, sei es andererseits, dass man An- und Entspannen als natürliche Gegenpole für Lernen und angemessenes Verhalten im kindlichen Alltag zulässt und einplant, damit die innere Balance erst gar nicht verloren geht (JACKEL 2004a, 2004b; PASSOLT 2004).

Der für Klitzeklein passende Trink-Rhythmus ist der Anfang selbstbestimmten Handelns. Dieses Kind wird später auch bei anderen Abläufen seinen eigenen Rhythmus beachten und finden lernen anstatt fremdgesteuert sich in eine von vermeintlichen Umweltzwängen aufgedrückte Ordnung pressen zu lassen, die seiner inneren Harmonie zuwiderläuft. Daraus können sich Selbstbewusstsein, selbstbestimmtes Handeln und alltägliche Beachtung der natürlichen Bedürfnisse des eigenen Körpers entwickeln.

 

In der achten Woche:

Klitzeklein hat senso-motorische Erlebnisse:

Schon in Muttis Bauch habe ich meinen kleinen Körper in Bewegung erlebt und es genossen, wenn ich im warmen Fruchtwasser hin und her geschaukelt wurde oder habe mich selbst gedreht und gestreckt; bin angestoßen und habe Widerstand gespürt. Und jetzt erlebe ich wieder meinen Körper in Bewegung, wie es sich anfühlt, wenn ich mit den Beinchen strampele und mit den Ärmchen rudere, mit meinem ganzen Körper zarten Stoff berühre oder mich Badewasser angenehm warm umfließt oder wenn Papa mit mir Treppen steigt. Mein Bild von der Umwelt entsteht über meine Sinne und meine Bewegungen. Der Herr Piaget hat dafür das Wort “sensomotorisch” benutzt: mit Sinnen und Motorik. Recht hat er. 

Die Menschen im Umfeld von Klitzeklein beobachten: 

Klitzeklein liebt es, im “Fliegergriff” getragen zu werden und fordert das lautstark ein. Auch Treppensteigen findet es super. 

In der Position des “Fliegergriffes” könnte Klitzeklein von seiner unmittelbaren Umwelt besonders viel sehen. Aber es hat noch wenig Interesse an Dingen, die von außen in sein Blickfeld gebracht werden. Manchmal sieht es zwar nach ersten Augen-Folge-Bewegungen aus, sofern sich die Objekte nicht weiter als ungefähr 30cm entfernt bewegen. In diesem Abstand ist in den ersten Wochen das Sehvermögen am besten, da sich die Babyaugen noch nicht auf unterschiedliche Entfernungen einstellen können. Es ist ohnehin die Zeit der basalen Modalitäten, der Basis- oder Nahsinne mit vorwiegend taktiler, propriozeptiver, vestibulärer und gustatorischer Reizaufnahme (Muttermilch vs. Fencheltee).

Das Gedreht-Werden im Fliegergriff stimuliert die Sinneshaarzellen in den Bogengängen für alle drei Raumebenen (Drehbeschleunigung). Mit den beiden Vorhofsäckchen Utriculus und Sacculus im Innenohr werden geschwinde Fortbewegungen (Geschwindigkeitsveränderungen) und Positionswechsel des Kopfes in Bezug zum Boden (Lageveränderung) registriert. Die Rezeptoren der beiden Vorhofsäckchen werden durch die Schwerkrafteinwirkung der Erde gereizt (JACKEL 2003). Das große Vorhofsäckchen Utriculus wird innerviert bei Geschwindigkeitsveränderungen in der Horizontalen, wie beim Ausfahren im Kinderwagen; das kleine Vorhofsäckchen Sacculus in der Senkrechten, wie beim Treppensteigen.

Auf die pränatal vorbereitende Phase vestibulärer Stimulationen zwischen dem 2. und 7. Schwangerschaftsmonat sei in diesem Kontext lediglich hingewiesen. Sie fungiert als Voraussetzung für eine postnatal normale Bewegungsentwicklung zusammen mit der propriozeptiven und visuellen Modalität.

Die Grundlagen für die motorische Planung werden über Informationen aus der Propriozeption gebildet und sind zusammen mit der vestibulären Reizverarbeitung am koordinativen und harmonisch fließenden Ablauf von Bewegungen beteiligt. Solch propriozeptive Impulse führen in den nächsten Wochen zur Kontrolle der Hals- und Nackenmuskulatur, die dann das stabile Kopfheben ermöglichen werden.

Klitzeklein macht sich steif:

Was mit meinem Körper passiert, im Badewasser, auf dem Wickeltisch, in Muttis oder Papas Armen, an der Brust, das beantworte ich prompt mit meinem ganzen Körper. Ist es angenehm, schmiege ich mich an; ist es aber unangenehm oder tut es gar weh wie das eklige Bauchweh, dann mache ich mich steif. Jetzt wissen alle, dass es mir nicht gut geht und ich bekomme eine Bauchmassage, ein vorgewärmtes Kirschkernsäckchen oder werde am warmen Körper von Mutti oder Papa getragen. Das tut gut und gefällt mir auf jeden Fall besser als Fencheltee. Ich kenne durchaus die Unterschiede von Muttermilch, Flaschenmilch und Fencheltee!

Baden: der Muskeltonus sinkt 

Die Menschen im Umfeld von Klitzeklein re-agieren:

Händchen und Beinchen sind ständig in Bewegung. Es lacht und juchzt; gillert regelrecht beim Lachen (also hat es heraus, wie man dabei atmen muss). Aber auch der Darm ist in Bewegung und bewegt den Alltag. 

Lachen und Weinen stehen in diesem Lebensabschnitt als einzige Ausdrucksformen ohne Zwischenabstufungen zur Verfügung; begleitet von entsprechendem Muskeltonus und passender Ganzkörpermotorik. Denn die Bewegung ist die erste Dialogsprache des Kindes. Damit drückt es Stimmungen und Beziehungen aus. “Sie ist die Grundlage aller Sozialität” (BALSTER 2003) und setzt im vorsprachlichen Entwicklungsalter den Dialog zwischen Kind und Bezugspersonen in Gang (FISCHER 2001): Motorik als erstes Kommunikationsmittel oder “motion is emotion”. Da Kleinkinder noch nicht lokalisieren können, wo es ihnen weh tut und nicht mitteilen können, was ihr Unwohlsein hervorruft, bleibt ihnen als einzige Ganzkörperreaktion, sich steif zu machen und zu schreien. Hier sind einfühlsames Beobachten der Gesamtsituation wie auch Kenntnisse der Bezugsperson auf psycho-physischem Gebiet hilfreich. Baby-Massagen tun Klitzeklein nicht nur bei offensichtlichem Unwohlsein gut. Neben ihrer beruhigenden und verdauungsregulierenden Wirkung fördern Ganzkörpermassagen auch die taktile und propriozeptive Wahrnehmung; sorgen mithin für ein positives Körpergefühl. Eine sanfte Massage reicht dabei von einfachem Klopfen bis zu kräftigem Ausstreichen des Brustkorbs, des Rückens und der Extremitäten. Jedoch sollten möglichst alle Körperteile des Babys gleichmäßig mit den Knet- und Streichelreizen bedacht werden - so weit Klitzeklein dies zulässt.

Im Bereich Baby-Massage wird eine Vielzahl an Literatur im Fachhandel angeboten (stellvertretend: der Klassiker LEBOYER 2002, 20. Auflage). Kurse für Baby-Massage sind en vogue.

 

In der zwölften Woche:

Klitzeklein benutzt Mund und Hände:

Meine ersten Suchbewegungen mit meinem Mund galten der Welt der Nahrung: Brustwarze finden und saugen. Das war von Anfang an sehr erregend für mich. Recht hatten diese Leute, sie nannten sich “Psychoanalytiker”, die herausfanden, dass die ersten erregenden Erfahrungen orale Erfahrungen sind.

Jetzt bin ich so weit, dass ich mit meinem Mund auch andere Suchbewegungen mache. Am liebsten würde ich die ganze Welt in meinen Mund stecken. Ich be-greife ... also begreife ich. Das fanden bereits die Herren Pestalozzi, Piaget und Aebli und andere schlaue Leute heraus.

Dabei gibt es bei mir derzeit noch keine Aufgabenverteilung zwischen Mund und Händen. Alles wandert von den Händen in den Mund (wenn ich ihn treffe). Erst mit eineinhalb Jahren werde ich meinen Mund nur noch zum Sprechen, Essen, Trinken und Küsschengeben benutzen. Bis dahin wird alles ausgiebig über den Mund erspürt - los geht`s.

Später nehme ich dann auch noch meine Füße hinzu. 

Die Menschen im Umfeld von Klitzeklein beobachten:

Klitzeklein beginnt mit dem Greifen. Beim Greif-Ring gelingt das schon gut. Die Zipfel des weichen “Sternchens” lassen sich besonders gut in den Mund stecken. Aber auch Schmusetücher belutscht es gerne und hält sie mit beiden Händen fest; Muttis T-Shirt darf`s auch mal sein - und natürlich der Krake “Paul”. 

Das taktile System ist bereits vor der Geburt vollständig ausgebildet. Rezeptoren der Haut reagieren auf Berührung, Druck, Schmerz und Temperatur. Jetzt aber lernt Klitzeklein durch seine ständig zunehmenden taktilen Fähigkeiten die anfänglich globalen Empfindungen von Tasteindrücken zu differenzieren. Dadurch wird die Vorstellung von seinem Körper zunehmend genauer und es lernt unterschiedliche Berührungsqualitäten von Materialien zu unterscheiden. Nun beginnt auch die Zeit der “Krabbel-Finger-Spiele”, bei denen “kleine Mäuschen” über Arme, Beine und Bauch trippeln, ein “Männlein die Treppe hinauf geht, schellt und klopft” oder die Beinchen mit “Guten Morgen, ihr Beinchen” zum Beugen und Strampeln gebracht werden. Leider wird viel zu früh wieder damit aufgehört. Denn auch noch im Kindergarten- und Grundschulalter der Jahrgänge 1 und 2 haben die Kleinen Freude an derartigen Spielen; jetzt vorwiegend in Form von Partnerspielen mit Gleichaltrigen. Man sollte sie im Kindergarten- und Schulalltag wie auch in der psychomotorischen Förderung häufiger einsetzen. Denn das Zeitfenster für Taktil-Spiele bleibt lange geöffnet. Es ist lediglich darauf zu achten, für jedes Alter ansprechende Spielformen zu wählen (als Klassiker für Babys: AUSTERMANN & WOHLLEBEN 1989; für Kindergarten- und Grundschulalter / mit weiteren Literaturverweisen: JACKEL 1999).

Die Bedeutung der Haut als wesentliches Medium der Kontaktaufnahme und Kommunikationsfähigkeit wurde bereits angesprochen: Klitzeklein lernt, Berührungen bestimmte Bedeutungen zuzumessen. So vermittelte Gefühle wie Zärtlichkeit, Vertrauen, Geborgenheit und Wärme sind wichtig für seine psychisch-emotionale Entwicklung. Jetzt beginnt die sensibelste Periode für Berührungsreize - das hautnahe Zeitfenster.

Im Rahmen der Diagnostik psychomotorischen Förderbedarfs kann über den “Fremde-Situation-Test” nach Mary Ainsworth eruiert werden, inwieweit die Bindung zur Bezugsperson als “sicher / unsicher vermeidend / unsicher ambivalent / desorganisiert, desorientiert” (BUCHHEIM 2004) einzuschätzen ist. Eine der Wirkgrößen, die eine “sichere Bindung” als solche aufbauen, ist das positive hautnahe Dialogfenster zwischen Mutter und Kind / Vater und Kind, beginnend in dieser frühen Lebensphase. Kinderarzt und Therapeut begutachten später beim Kleinkind sowohl den Differenzierungsgrad seiner taktilen Wahrnehmung als auch seine Sensibilität für sedierende Berührungen. Beides wird bei ärztlicherseits festgestelltem Förderbedarf dem anschließenden psychomotorischen Förderkonzept maßgeblich die Richtung weisen.

Frühkindliche Deprivation erscheint mir nach Beobachtungen aus meiner 32jährigen praktischen pädagogischen Arbeit an Grund- und Hauptschulen zunehmend häufig diagnostiziert (nicht seltener Vermerk in Schülerakten bei ungünstig verlaufenden Hauptschulkarrieren: “Z. n. frühkindlicher Deprivation” / Zustand nach ...).

 

4. Ausblick:

Sicher, Entwicklungsgitter und Normtabellen sind notwendige und hilfreiche Orientierungsmarken für alle diejenigen, die privat wie beruflich Kinder in deren Entwicklung begleiten und präventiv wie therapeutisch mit ihnen arbeiten.

Sie stellen jedoch immer nur Hilfskonstrukte und Richtwerte dar. Der individuelle Entwicklungsverlauf eines jeden “Klitzeklein” wird im Detail abweichen, beim einen Kind mehr - bei einem anderen weniger. Denn die Entwicklung eines Babys folgt einem vorbestimmten Entfaltungsverlauf (inklusiv Variationsimplantaten), weil bestimmte muskuläre, skelettöse und nervale Voraussetzungen die Bedingungen darstellen für Leistungen des Haltungs- und Bewegungsapparates. Etwa 87% aller Babys halten sich an die wahrscheinlichen Entwicklungsstufen. Die anderen 13% erreichen sie erst später oder überspringen manche (PULKKINEN 1999, S. 19). Deshalb heißt es für PädagogInnen und TherapeutInnen, neben dem Lebensalter vor allem auf das Entwicklungsalter jedes einzelnen Kindes zu schauen.

Und: Mögen wir vor lauter Pädagogisieren und Therapieren niemals die Achtung vor der Einzigartigkeit eines jeden Kindes aus dem Blick verlieren und sie ihm gar nehmen wollen! In diesem Sinne: 

 

Lehrt Eure Kinder, was sie sind!

Sagt zu ihnen: Jedes von euch ist einzigartig!

In all den Jahren, die vergangen sind,

hat es niemals Kinder wie euch gegeben! 

(nach Pablo Casals)

 

Klitzeklein bedankt sich für die vielfältige Unterstützung bei der Entwicklung seiner kleinen Persönlichkeit beim Ärzte-, Hebammen- und Schwesternteam des Stadtkrankenhauses Hanau, dem Gelnhäuser Kinderarzt und Neonatologen, bei seiner Hebamme und ganz besonders bei seinen liebevollen Eltern, Großeltern und seiner Patin.

Literatur:

Anders, W. (2001). Psychomotorik in der Neonatologie. Zur Bedeutung des Körperkontaktes und der sanften Pflege bei zu früh Geborenen. motorik 24 (4), 138 - 145.

Austermann, M. & Wohlleben, G. (1989). Zehn kleine Krabbelfinger. Spiel und Spaß mit unseren Kleinsten. München: Kösel.

Balster, K. (2003). Kinderwelt = Bewegungswelt oder nicht? - eine Ausstellung. motorik 26 (4), 174 - 185.

Bauer, K. (1999). Erfahrungen mit Känguruhen bei extrem unreifen Frühgeborenen; zitiert nach Anders (2001).

Buchheim, A. (2004). Das entwurzelte Ich. Gehirn & Geist (1), 42 - 45.

Fischer, K. (2001). Vom Sinn der Sinne - Zum Wahrnehmungsbegriff in der Psychomotorik. In: R. Zimmer & I. Hunger (Hrsg.) Kindheit in Bewegung, S. 27 - 33. Schorndorf: Hofmann.

Greenfield, S. A. (2003). Reiseführer Gehirn. Heidelberg/Berlin: Spektrum Akademischer Verlag.

Jackel, B. (1999). Rituale als Helfer im Grundschulalltag. Dortmund: borgmann publishing.

Jackel, B. (2003). Lustige Sinnesgeschichten für kleine und große Leute. Sinnlich-sinnvolle Anregungen zum Nachdenken und Nachspielen. Dortmund: borgmann publishing.

Jackel, B. (2004). Entspannung mit Kindern. München: Kösel.

Jackel, B. (2004). Kinder orientieren sich - Spiele zur Entfaltung psychomotorischer Handlungskompetenz. Dortmund: borgmann publishing. 2. Auflage

Krech, D., Crutchfield, R. S. et al. (1992). Grundlagen der Psychologie. Weinheim: Psychologie Verlags Union.

Leboyer, F. (2002). Sanfte Hände. Die traditionelle Kunst der indischen Baby-Massage. München: Kösel. 20. Auflage

Mähler, B. & Osenbrügge, K. (2002). Die ersten Wochen mit dem Baby. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt.

Mletzko, I. & Mletzko, H. - G. (2002). Mensch und Zeit. Bad Hersfeld: Neuromedizin Verlag.

Oerter, R. & Montada, L. (Hrsg.). (1998). Entwicklungspsychologie. Weinheim: Psychologie Verlags Union. 4. Auflage

Passolt, M. (2004). Symposium “Mit Vollgas in die Entspannung”; Institut für Bewegungsbildung und Psychomotorik 16. - 18.4.2004 Gröbenzell.

Pulkkinen, A. (1999). PEKIP: Babys spielerisch fördern. München: Gräfe und Unzer.

Spitzer, M. (2002). Lernen. Gehirnforschung und die Schule des Lebens. Berlin / Heidelberg: Spektrum Akademischer Verlag.

Wondracek, A. (2003). Die ersten drei Monate. ORTHOpress (4), 14 - 16.

Zulley, J. (2004). Unsere innere Uhr. Elementare und natürliche Rhythmen und das Leben in der Zeit. Hauptvortrag auf dem Symposium “Mit Vollgas in die Entspannung”; Institut für Bewegungsbildung und Psychomotorik 16. - 18.4.2004 Gröbenzell. 

Aus: Praxis der Psychomotorik 2004, 29 (4), 240-246.

 

 

Verantwortlich für Text und Inhalt: Dr. phil. Birgit Jackel

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Ad personam

Dr. phil. Birgit Jackel, Lehrerin mit 32 Jahren schulpraktischer Erfahrung in Grund- und Hauptschulen; zeitgleich zur Lehramtstätigkeit Diplom und Promotion an der Goethe-Universität Frankfurt (Main) im Fachbereich Erziehungswissenschaften und 1997 - 2001 lehrbeauftragt ebendort; bis heute tätig in der Aus- und Weiterbildung von LehrerInnen, ErzieherInnen, PolizeibeamtInnen und TherapeutInnen mit Gastvorträgen an Universitäten und Akademien, mit Kongressbeiträgen und Kompaktseminaren im In- und Ausland; Fachgebiete: Allgemeine Pädagogik, Motopädagogik, Verkehrspädagogik, Neuropädagogik, Sprachheilkunde und Logopädie; diverse Fachveröffentlichungen (siehe Schriftenverzeichnis). In diese Arbeiten gehen theoretisch-wissenschaftliche Erkenntnisse ebenso ein wie langjährige schulpraktische Erfahrungen und machen die vorgestellten Lernwege glaubwürdig.

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