'Ich
bin da !'
Beginn einer Persönlichkeitsentfaltung unter
psychomotorisch bedeutsamen Gesichtspunkten
1. Einleitung : Ein winziges “Persönchen”
Das grelle Licht,
die lauten Geräusche und die vielen Berührungen sind mir fremd. Mein Gehirn
ist einer ungewohnten Flut von Sinneseindrücken ausgesetzt, die ich noch nicht
verarbeiten kann.
Klitzeklein ist da ...
und damit beginnt ein winziges Persönchen seine Persönlichkeit zu entfalten.
Heute begreift man
Persönlichkeitsbildung als einen Gesamtscore aus Vererbung, Reifung, Lernen
und Umwelt mit Schwerpunkt beim Lernen und den vielfältigen Umwelteinflüssen.
Die genetische Ausstattung stellt die Prädisposition dar, d. h. sie steckt den
Rahmen der Möglichkeiten für Wahrnehmen, Lernen und Handeln eines Menschen ab.
Es gibt keine Fortentwicklung ohne Erbanlagen, ohne den ganz persönlichen
Genotypus unseres “Persönchens”. Es braucht für seine Persönlichkeitsbildung
jedoch zudem eine geeignete Umwelt - vom Zeitpunkt der Befruchtung an in allen
seinen Lebensepochen. Denn wie alle Organismen lebt auch der Mensch in
Symbiose mit seiner Umwelt. Damit sind die weitaus entscheidenderen
Einflussgrößen auf sein Verhalten: Lernen und Umwelt. Sie werden seine
Individualität zeitlebens maßgeblich prägen. Außerdem gilt Entwicklung nach
heutiger wissenschaftlicher Erkenntnis als lebenslanger Prozess zwischen dem
Menschen und seiner Welt mit verschiedener Schwerpunktsetzung je nach
Altersabschnitt. Der Mensch macht sich in jeder seiner Lebensphasen über sein
eigenes Handeln seine Mitwelt zu eigen und wirkt gleichzeitig durch seine
Aktivitäten prägend auf diese ein und verändert sie.
So weit die in
Psychologie und Psychomotorik vertretene Erkenntnisgrundlage - ohne in der
gebotenen Kürze das Heer von Autorinnen und Autoren zu diesem Themenbereich
auch nur ansatzweise zitieren zu können. Verwiesen sei lediglich auf
Standardwerke wie die von OERTER / MONTADA (1998), KRECH / CRUTCHFIELD et al.
(1992).
In den ersten
Lebensjahren hat das Elternhaus als primäre Sozialisationsinstanz die
Riesenchance, die Weichen für Klitzeklein in eine förderliche Richtung zu
stellen und die einzelnen Persönlichkeitsbereiche dahingehend zu unterstützen,
dass ein positives Zusammenwirken sensorischer, motorischer, kognitiver,
sozial-kommunikativer und emotionaler Wirkgrößen erfolgen kann. Damit geben
die Eltern außer den Erbanlagen auch das Rüstzeug mit, dass Klitzeklein sich
die Welt selbständig erschließen kann und kreativ tätig sein wird. Fachliche
Unterstützung bieten Wissenschaftszweige (z. B. Pädiatrie, Neonatologie),
medizinische Versorgung und Prävention (z. B. Kinderärzte und solche mit
neonatologischer Qualifikation, Hebammen, Motologen, Ergotherapeuten,
Logopäden), Printmedien (z. B. “Fach”-Bücher und Magazine verschiedenster
fachlicher Tiefe und Bandbreite mit Informationen und Ratschlägen zu allen
Entwicklungsbereichen) und nicht zuletzt PR-Animationen einer ganzen
Babyartikel-Branche. Schließlich wird heutzutage in der BRD die Klientel
anzahlmäßig zunehmend begrenzter und folglich höchst intensiv umworben.
Im Folgenden wird
anhand ausgewählter Fortschritte in einzelnen Bereichen der
Persönlichkeitsbildung unseres Persönchens “Klitzeklein” versucht, die
Ganzheitlichkeit und Bandbreite seiner Entfaltung und damit auch seiner
Fördermöglichkeiten bereits während der ersten drei Monate zu protokollieren :
eine Zeitreise mit Innenansichten.
2. Läuft es noch -
oder krabbelt es schon?
Smalltalk, wenn
Klitzeklein von Oma und Opa spazieren gefahren wird (12 Monate) und eine
Nachbarin begutachtend in den Kinderwagen schaut: “Na? Läuft es schon?” ...
Oma: “Nur das nicht! Es krabbelt sehr gut koordiniert.” ...
Verständnislosigkeit auf der Gegenseite .... Wir mögen derartige Dialoge nicht
sonderlich; Missverständnisse scheinen vorprogrammiert. ...
Im Bewusstsein von
Eltern, Großeltern sowie beruflich erziehenden und fördernden Personen - wie
auch in der entsprechenden Literatur - wurde lange Zeit die Entwicklung des
Babys im ersten Jahr vorwiegend definiert über die einzelnen Wegmarken im
Kampf gegen die Schwerkraft: vom ersten Heben des Köpfchens bis zur
Lokomotion. Und frühes Laufen hatte bei Nicht-Therapeuten einen höheren
Stellenwert als ausgiebiges Krabbeln. Neurophysiologische Kenntnisse und
Erkenntnisse haben heutzutage u. a. (um nur ein wichtiges Beispiel zu nennen)
auch die Bedeutung von Überkreuz-Bewegungen bei der Ausbildung beider
Hemisphären und den Kommissuren zwischen beiden populär gemacht. Der
technische Fortschritt in Form bildgebender Verfahren ermöglicht es,
Gehirnaktivitäten sichtbar zu machen und aus den kortikalen Verschaltungen
aktiver Hirnareale neue Zusammenhänge im gesamten Netzwerk von Verhalten und
Lernen zu erschließen; bspw. mittels Positronenemissionstomographie (PET) und
funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT) (ausführliche Erklärungen bei:
GREENFIELD 2003; SPITZER 2002).
Die Erkenntnisse bspw.
PIAGETs bezüglich der kognitiven Entwicklung (um nur einen Vertreter
dieser Forschungsrichtung zu nennen) waren und gelten heute noch in der
Pädagogischen Psychologie als wegweisend und gehören zur Pflichtlektüre all
derer, die sich im pädagogischen wie therapeutischen Bereich mit Kindern
befassen. Aber Beobachtungen bezüglich der geistigen und der
Sprach-Entwicklung beim Kleinkind haben m. E. für die Gesamtbevölkerung
(gemeint: beim Smalltalk; s. o.) gegenüber Beobachtungen hin zur Lokomotion
einen nachrangigen Stellenwert. Oder haben Sie schon einmal jemanden, über den
Kinderwagen gebeugt, fragen hören: “Na? Wie denkt es denn?” Und wie steht es
mit dem kritischen Blick Erziehender auf die Entwicklung sozial-kommunikativer
Aspekte? Darüber breitet sich bis ins Kindergartenalter der Mantel des
Schweigens; es sei denn, die Erziehungsverantwortlichen werden aufgrund
erheblicher Verhaltensauffälligkeiten der Kleinkinder von sich aus beim
Kinderarzt vorstellig.
Berechtigterweise steht
im ersten Lebensjahr die Motorik im Fokus der Beobachtung von Verhalten und
Entwicklungsfortschritten von Säuglingen, denn in dieser Lebensphase gilt:
motion is emotion. Im Verbund aller Wirkgrößen bei der
Persönlichkeitsbildung jedoch stellt die Motorik nur einen Baustein dar
- wenngleich einen zentralen.
Bei Klitzeklein ist
zunächst die Sensorik das Medium, das alle anderen Wirkbereiche in Gang setzt
resp. in Gang hält. Innerhalb der ersten drei Monate erfolgt dabei eine
graduelle Funktionsübernahme der Wahrnehmung vom Stammhirn hin zum Großhirn
mit einer Zunahme neuronaler Verschaltungen und Vernetzungen besonders im
somatosensorischen wie im motorischen Cortex; wobei nach heutiger Kenntnislage
die rechte Hemisphäre einen gewissen Entwicklungsvorlauf vor der linken hat.
Neurophysiologisch ist
Wahrnehmung immer in erster Linie als senso-motorische Wechselwirkung zu
begreifen mit kognitiven und affektiven Implantierungen; ausgehend von der
sensorischen Reizaufnahme bis hin zum motorischen Output - wobei jeder Output
als solcher ein motorischer ist. Stufenfolgen-Vorstellungen, nach denen beim
Wahrnehmungs-, Erlebens- und Handlungsprozess einzelne Aspekte der Motorik
jeweils im Vordergrund stehen (z. B. Neuromotorik - Sensomotorik -
Psychomotorik - Soziomotorik - Leistungsmotorik) und zudem im Verlauf der
kindlichen Entwicklung aufbauend einander folgen, waren und sind in dieser
Weise nicht der Stand wissenschaftlicher Erkenntnisse. Sie beruhen auf einem
Missverstehen grafischer Darstellungen und unklarer Verbalisierungen innerhalb
der Fachliteratur; halten sich jedoch mitunter hartnäckig in den Vorstellungen
vieler Studierenden.
Je sensorisch genauer
Umweltreize aufgenommen werden können (Sensorik), desto sensibler und
gefühlsmäßig engagierter / positiver verarbeitet das Gehirn unmittelbare
Gefühlseindrücke (Emotion), ordnet sie sinnvoll ein und kann mit Hilfe des
Neocortex das Wahrgenommene bewerten (Kognition), dann motorisch
situationsangemessen reagieren (Motorik) und sozial-kommunikativ förderlich
handeln (Soziabilität).
Schauen wir also auf
das kleine Menschenkind als ein Ganzes aus Körper, Geist und Seele, um bereits
in den ersten Wochen diese Ganzheitlichkeit in der Entfaltung der
Persönlichkeit aufspüren zu können. Dann wird es uns auch später im Bereich
der präventiven wie rehabilitativen Arbeit möglich sein, zum Wohle des Kindes
dessen Gesundheit als den Zustand körperlichen, geistigen und sozialen
Wohlbefindens niemals aus dem Auge zu verlieren. Denn gemäß dieser
Gesundheitsdefinition der WHO (World Health Organisation) seit 1946 stellt
Gesundheit weit mehr dar als nur Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen:
Gesundheit als Zustand innerer Harmonie - auch bei Klitzeklein.
3. Die ersten 12
Wochen : Eine Zeitreise mit Innenansichten
In der ersten Woche:
Klitzeklein erlebt
das Sinnesfeuer seiner ersten Eindrücke:
Innerhalb weniger
Tage kann ich die neuen Sinneseindrücke verarbeiten und einschätzen. Mit dem
ersten Feuerwerk an Wahrnehmungen beginnen meine Nervenzellen miteinander
Kontakt aufzunehmen: Nervenbahnen entstehen wie lange Daten-Autobahnen. In den
nächsten Lebensjahren haben meine Neuronen die Chance, 10 hoch 15 Synapsen zu
bilden - so viele Synapsen wie Sterne im Weltall. Meine Mutti und mein Papa
werden dafür sorgen, dass ich genug Anreize bekomme, meine Sinne zu entfalten,
um feste, oft benutzte Nervenverschaltungen bilden zu können.
Die Menschen im
Umfeld von Klitzeklein:
Klitzeklein kommt
früher zur Welt als errechnet. Es fehlen ihm ungefähr vier intrauterine
Wochen.
Damit hat es eine
verkürzte Entwicklungszeit im Mutterleib mit weniger Vestibular-,
Propriozeptions- und Taktilreizen. Es fehlt eine Zeit der besonders
“intensiven mütterlichen Berührung und einzigartigen Umgebungswelt” im Uterus,
“die neben Wärme und Geborgenheit auch Sicherheit und Vertrauen” bedeutet
(ANDERS 2001, S. 138), gerade in der letzten Phase mit starken
Berührungsreizen durch Fruchtblase und Gebärmutter als muskulärem Organ, da es
nun ebendort recht eng zugeht.
Derzeit nimmt die Zahl
der Frühgeburten und untergewichtig Geborenen zu. Erklärt wird das mit
Schwangerschaftsrisiken wie psychischen und sozialen Belastungen, Stress,
Drogenkonsum, Zunahme des Durchschnittsalters der Schwangeren und Häufung von
Mehrlingsschwangerschaften nach künstlicher Befruchtung sowie mit besserer
medizinischer Versorgung der Frühchen.
Klitzeklein fühlt
sich geborgen:
Ich höre den
vertrauten Herzschlag meiner Mutti oder meines Papas, wenn einer von ihnen
mich an sich kuschelt. Ich spüre die Wärme ihrer Haut und rieche ihren
besonderen Duft. Alle diese Sinneswahrnehmungen signalisieren mir
Geborgenheit.
Die Menschen im
Umfeld von Klitzeklein beobachten und fühlen:
Klitzeklein
entwickelt eine leichte Gelbsucht und muss nachts unter der “Bili-Lampe”
verbringen. (“Bili”: abgeleitet von dem Gallenbestandteil Bilirubin mit
erhöhter Serumkonzentration bei Ikterus / Gelbsucht.)
Die gelben Strampler
des Klinikums lassen es noch gelber erscheinen.
Mutti vermisst es in
der Nacht sehr. Denn ihre ständig tätige Fürsorge über Körperkontakte wirkt
beruhigend auf beide, Mutter und Kind.
Im ersten Monat zählt
die taktile Zuwendung von Mutter und Vater für die Entfaltung des Babys
besonders. Man weiß heute, dass “Streichelkinder” nicht nur ausgeglichener,
sondern auch intelligenter sind als solche, die nur körperlich versorgt, aber
ansonsten sich selbst überlassen werden (WONDRACEK 2003).
Die Neonatologie
befasst sich mit der Entwicklung von Frühgeborenen, meist aus medizinischer
Sicht (neos = neu / früh; natus = geboren; logos = Sinn / Wissenschaft). In
diesem Wissenschaftszweig erkannte man bspw. die Bedeutung mütterlicher Wärme,
nicht nur um die Babys vor dem Auskühlen zu schützen, sondern besonders um
über den Körperkontakt zur Mutter taktile und olfaktorische Geborgenheitsreize
empfangen zu können. Junge Mütter kennen diese Methode als “Känguruhen” oder
“Pucken” (MÄHLER & OSENBRÜGGE 2002). Zudem entsteht durch die Vielfalt der
taktilen Reizkommunikation zwischen Mutter und Kind eine quasi symbiotische
Beziehung beider; denn auch die Mütter genießen nicht nur den Hautkontakt
außerordentlich über Glücksgefühle (64%), sondern empfinden auch innere Ruhe
(43%). Nur 14% machen sich weiterhin Sorgen um ihr Baby. (BAUER 1999; zitiert
nach ANDERS 2001)
Aufgrund der wenigen
und wenig systematisch eruierten Erfahrungen mit Frühgeborenen kann die
Vermutung noch nicht empirisch abgesichert werden, dass Frühgeburt und
geringes Körpergewicht für ein späteres psychomotorisches Förderkonzept
besondere Konsequenzen werden haben müssen (ANDERS 2001).
In der vierten
Woche:
Klitzeklein hat
Hunger:
Mein Gehirn ist der
Körperteil, der bei mir am aktivsten ist. Hier bilden sich ständig unzählige
neue Nervenverbindungen. Das kostet Energie. Die bekommt mein Körper aus
Muttis Milch. Mein Hungergefühl ist sofort da, wenn mein Mägelchen leer und
mein Blutzuckerspiegel niedrig ist. Nahrungsmangel und Blutzucker unter 66mg
melden Neuronen innerhalb von 2 bis 3 Millisekunden via Rückenmark - Hirnstamm
- Hypothalamus und Hypophyse (Hormonzentrale: bildet bei Hunger das Prohormon
des Stresshormons Cortisol); via Thalamus - Großhirnrinde (Stress-Bewegungen:
strampeln, zappeln, brüllen). Meine innere Ruhe ist dahin. Ich schreie
unbarmherzig und ungebremst gerade heraus. Bei meinem erste Schrei bereits
schießt bei Mutti Milch in die Brust; auch eine Hormonreaktion auf der
Hypothalamus-Hypophysen-Achse über den Botenstoff Prolaktin und das
Milchausschüttungshormon Oxytozin. Mein Tisch ist gedeckt.
Die Menschen im
Umfeld von Klitzeklein entscheiden:
Klitzeklein bekommt
keinen 3-Stunden-Fütter-Rhythmus “aufgezwungen” wie vor 25 Jahren noch
üblich.
Heute wird nicht mehr
jener strenge 3-Stunden-Fütter-Rhythmus eingehalten, wie er noch zur Babyzeit
der Mütter von heute üblich war. Vielmehr suchen Mutter und Kind in den ersten
Wochen gemeinsam nach einem für Klitzeklein passenden Trink-Rhythmus und
werden ihn auch finden.
Die interdisziplinäre
Wissenschaft der Chronobiologie seit Mitte des vorigen Jahrhunderts befasst
sich mit der Erforschung von Zeitmustern wie u. a. Sonnenbogen und
Jahreszeiten, Mondphasen, Schlaf-Wach-Rhythmen (MLETZKO & MLETZKO 2002). In
der Biologischen Psychologie thematisiert man derzeit ebenfalls die “innere
Uhr des Menschen” mit ihren elementaren und natürlichen Rhythmen und dem Leben
in der Zeit (ZULLEY 2004). Auch wird der Stellenwert von Raum und Zeit in der
psychomotorischen Praxisarbeit erkannt: Sei es einerseits, dass hyperaktive
Kinder und andere Zappelphilippe über Entspannungsübungen wieder zur Ruhe
finden, sei es andererseits, dass man An- und Entspannen als natürliche
Gegenpole für Lernen und angemessenes Verhalten im kindlichen Alltag zulässt
und einplant, damit die innere Balance erst gar nicht verloren geht (JACKEL
2004a, 2004b; PASSOLT 2004).
Der für Klitzeklein
passende Trink-Rhythmus ist der Anfang selbstbestimmten Handelns. Dieses Kind
wird später auch bei anderen Abläufen seinen eigenen Rhythmus beachten und
finden lernen anstatt fremdgesteuert sich in eine von vermeintlichen
Umweltzwängen aufgedrückte Ordnung pressen zu lassen, die seiner inneren
Harmonie zuwiderläuft. Daraus können sich Selbstbewusstsein, selbstbestimmtes
Handeln und alltägliche Beachtung der natürlichen Bedürfnisse des eigenen
Körpers entwickeln.
In der achten Woche:
Klitzeklein
hat senso-motorische Erlebnisse:
Schon in Muttis
Bauch habe ich meinen kleinen Körper in Bewegung erlebt und es genossen, wenn
ich im warmen Fruchtwasser hin und her geschaukelt wurde oder habe mich selbst
gedreht und gestreckt; bin angestoßen und habe Widerstand gespürt. Und jetzt
erlebe ich wieder meinen Körper in Bewegung, wie es sich anfühlt, wenn ich mit
den Beinchen strampele und mit den Ärmchen rudere, mit meinem ganzen Körper
zarten Stoff berühre oder mich Badewasser angenehm warm umfließt oder wenn
Papa mit mir Treppen steigt. Mein Bild von der Umwelt entsteht über meine
Sinne und meine Bewegungen. Der Herr Piaget hat dafür das Wort
“sensomotorisch” benutzt: mit Sinnen und Motorik. Recht hat er.
Die Menschen im
Umfeld von Klitzeklein beobachten:
Klitzeklein liebt
es, im “Fliegergriff” getragen zu werden und fordert das lautstark ein. Auch
Treppensteigen findet es super.
In der Position des
“Fliegergriffes” könnte Klitzeklein von seiner unmittelbaren Umwelt besonders
viel sehen. Aber es hat noch wenig Interesse an Dingen, die von außen in sein
Blickfeld gebracht werden. Manchmal sieht es zwar nach ersten
Augen-Folge-Bewegungen aus, sofern sich die Objekte nicht weiter als ungefähr
30cm entfernt bewegen. In diesem Abstand ist in den ersten Wochen das
Sehvermögen am besten, da sich die Babyaugen noch nicht auf unterschiedliche
Entfernungen einstellen können. Es ist ohnehin die Zeit der basalen
Modalitäten, der Basis- oder Nahsinne mit vorwiegend taktiler,
propriozeptiver, vestibulärer und gustatorischer Reizaufnahme (Muttermilch vs.
Fencheltee).
Das Gedreht-Werden im
Fliegergriff stimuliert die Sinneshaarzellen in den Bogengängen für alle drei
Raumebenen (Drehbeschleunigung). Mit den beiden Vorhofsäckchen Utriculus und
Sacculus im Innenohr werden geschwinde Fortbewegungen
(Geschwindigkeitsveränderungen) und Positionswechsel des Kopfes in Bezug zum
Boden (Lageveränderung) registriert. Die Rezeptoren der beiden Vorhofsäckchen
werden durch die Schwerkrafteinwirkung der Erde gereizt (JACKEL 2003). Das
große Vorhofsäckchen Utriculus wird innerviert bei
Geschwindigkeitsveränderungen in der Horizontalen, wie beim Ausfahren im
Kinderwagen; das kleine Vorhofsäckchen Sacculus in der Senkrechten, wie beim
Treppensteigen.
Auf die pränatal
vorbereitende Phase vestibulärer Stimulationen zwischen dem 2. und 7.
Schwangerschaftsmonat sei in diesem Kontext lediglich hingewiesen. Sie
fungiert als Voraussetzung für eine postnatal normale Bewegungsentwicklung
zusammen mit der propriozeptiven und visuellen Modalität.
Die Grundlagen für die
motorische Planung werden über Informationen aus der Propriozeption gebildet
und sind zusammen mit der vestibulären Reizverarbeitung am koordinativen und
harmonisch fließenden Ablauf von Bewegungen beteiligt. Solch propriozeptive
Impulse führen in den nächsten Wochen zur Kontrolle der Hals- und
Nackenmuskulatur, die dann das stabile Kopfheben ermöglichen werden.
Klitzeklein macht
sich steif:
Was mit meinem
Körper passiert, im Badewasser, auf dem Wickeltisch, in Muttis oder Papas
Armen, an der Brust, das beantworte ich prompt mit meinem ganzen Körper. Ist
es angenehm, schmiege ich mich an; ist es aber unangenehm oder tut es gar weh
wie das eklige Bauchweh, dann mache ich mich steif. Jetzt wissen alle, dass es
mir nicht gut geht und ich bekomme eine Bauchmassage, ein vorgewärmtes
Kirschkernsäckchen oder werde am warmen Körper von Mutti oder Papa getragen.
Das tut gut und gefällt mir auf jeden Fall besser als Fencheltee. Ich kenne
durchaus die Unterschiede von Muttermilch, Flaschenmilch und Fencheltee!
Baden: der Muskeltonus
sinkt
Die Menschen im
Umfeld von Klitzeklein re-agieren:
Händchen und
Beinchen sind ständig in Bewegung. Es lacht und juchzt; gillert regelrecht
beim Lachen (also hat es heraus, wie man dabei atmen muss). Aber auch der Darm
ist in Bewegung und bewegt den Alltag.
Lachen und Weinen
stehen in diesem Lebensabschnitt als einzige Ausdrucksformen ohne
Zwischenabstufungen zur Verfügung; begleitet von entsprechendem Muskeltonus
und passender Ganzkörpermotorik. Denn die Bewegung ist die erste Dialogsprache
des Kindes. Damit drückt es Stimmungen und Beziehungen aus. “Sie ist die
Grundlage aller Sozialität” (BALSTER 2003) und setzt im vorsprachlichen
Entwicklungsalter den Dialog zwischen Kind und Bezugspersonen in Gang (FISCHER
2001): Motorik als erstes Kommunikationsmittel oder “motion is emotion”. Da
Kleinkinder noch nicht lokalisieren können, wo es ihnen weh tut und nicht
mitteilen können, was ihr Unwohlsein hervorruft, bleibt ihnen als einzige
Ganzkörperreaktion, sich steif zu machen und zu schreien. Hier sind
einfühlsames Beobachten der Gesamtsituation wie auch Kenntnisse der
Bezugsperson auf psycho-physischem Gebiet hilfreich. Baby-Massagen tun
Klitzeklein nicht nur bei offensichtlichem Unwohlsein gut. Neben ihrer
beruhigenden und verdauungsregulierenden Wirkung fördern Ganzkörpermassagen
auch die taktile und propriozeptive Wahrnehmung; sorgen mithin für ein
positives Körpergefühl. Eine sanfte Massage reicht dabei von einfachem Klopfen
bis zu kräftigem Ausstreichen des Brustkorbs, des Rückens und der
Extremitäten. Jedoch sollten möglichst alle Körperteile des Babys
gleichmäßig mit den Knet- und Streichelreizen bedacht werden - so weit
Klitzeklein dies zulässt.
Im Bereich Baby-Massage
wird eine Vielzahl an Literatur im Fachhandel angeboten (stellvertretend: der
Klassiker LEBOYER 2002, 20. Auflage). Kurse für Baby-Massage sind en vogue.
In der zwölften
Woche:
Klitzeklein benutzt
Mund und Hände:
Meine ersten
Suchbewegungen mit meinem Mund galten der Welt der Nahrung: Brustwarze finden
und saugen. Das war von Anfang an sehr erregend für mich. Recht hatten diese
Leute, sie nannten sich “Psychoanalytiker”, die herausfanden, dass die ersten
erregenden Erfahrungen orale Erfahrungen sind.
Jetzt bin ich so
weit, dass ich mit meinem Mund auch andere Suchbewegungen mache. Am liebsten
würde ich die ganze Welt in meinen Mund stecken. Ich be-greife ... also
begreife ich. Das fanden bereits die Herren Pestalozzi, Piaget und Aebli und
andere schlaue Leute heraus.
Dabei gibt es bei
mir derzeit noch keine Aufgabenverteilung zwischen Mund und Händen. Alles
wandert von den Händen in den Mund (wenn ich ihn treffe). Erst mit eineinhalb
Jahren werde ich meinen Mund nur noch zum Sprechen, Essen, Trinken und
Küsschengeben benutzen. Bis dahin wird alles ausgiebig über den Mund erspürt -
los geht`s.
Später nehme ich
dann auch noch meine Füße hinzu.
Die Menschen im
Umfeld von Klitzeklein beobachten:
Klitzeklein beginnt
mit dem Greifen. Beim Greif-Ring gelingt das schon gut. Die Zipfel des weichen
“Sternchens” lassen sich besonders gut in den Mund stecken. Aber auch
Schmusetücher belutscht es gerne und hält sie mit beiden Händen fest; Muttis
T-Shirt darf`s auch mal sein - und natürlich der Krake “Paul”.
Das taktile System ist
bereits vor der Geburt vollständig ausgebildet. Rezeptoren der Haut reagieren
auf Berührung, Druck, Schmerz und Temperatur. Jetzt aber lernt Klitzeklein
durch seine ständig zunehmenden taktilen Fähigkeiten die anfänglich globalen
Empfindungen von Tasteindrücken zu differenzieren. Dadurch wird die
Vorstellung von seinem Körper zunehmend genauer und es lernt unterschiedliche
Berührungsqualitäten von Materialien zu unterscheiden. Nun beginnt auch die
Zeit der “Krabbel-Finger-Spiele”, bei denen “kleine Mäuschen” über Arme, Beine
und Bauch trippeln, ein “Männlein die Treppe hinauf geht, schellt und klopft”
oder die Beinchen mit “Guten Morgen, ihr Beinchen” zum Beugen und Strampeln
gebracht werden. Leider wird viel zu früh wieder damit aufgehört. Denn auch
noch im Kindergarten- und Grundschulalter der Jahrgänge 1 und 2 haben die
Kleinen Freude an derartigen Spielen; jetzt vorwiegend in Form von
Partnerspielen mit Gleichaltrigen. Man sollte sie im Kindergarten- und
Schulalltag wie auch in der psychomotorischen Förderung häufiger einsetzen.
Denn das Zeitfenster für Taktil-Spiele bleibt lange geöffnet. Es ist lediglich
darauf zu achten, für jedes Alter ansprechende Spielformen zu wählen (als
Klassiker für Babys: AUSTERMANN & WOHLLEBEN 1989; für Kindergarten- und
Grundschulalter / mit weiteren Literaturverweisen: JACKEL 1999).
Die Bedeutung der Haut
als wesentliches Medium der Kontaktaufnahme und Kommunikationsfähigkeit wurde
bereits angesprochen: Klitzeklein lernt, Berührungen bestimmte Bedeutungen
zuzumessen. So vermittelte Gefühle wie Zärtlichkeit, Vertrauen, Geborgenheit
und Wärme sind wichtig für seine psychisch-emotionale Entwicklung. Jetzt
beginnt die sensibelste Periode für Berührungsreize - das hautnahe
Zeitfenster.
Im Rahmen der
Diagnostik psychomotorischen Förderbedarfs kann über den
“Fremde-Situation-Test” nach Mary Ainsworth eruiert werden, inwieweit die
Bindung zur Bezugsperson als “sicher / unsicher vermeidend / unsicher
ambivalent / desorganisiert, desorientiert” (BUCHHEIM 2004) einzuschätzen ist.
Eine der Wirkgrößen, die eine “sichere Bindung” als solche aufbauen, ist das
positive hautnahe Dialogfenster zwischen Mutter und Kind / Vater und Kind,
beginnend in dieser frühen Lebensphase. Kinderarzt und Therapeut begutachten
später beim Kleinkind sowohl den Differenzierungsgrad seiner taktilen
Wahrnehmung als auch seine Sensibilität für sedierende Berührungen. Beides
wird bei ärztlicherseits festgestelltem Förderbedarf dem anschließenden
psychomotorischen Förderkonzept maßgeblich die Richtung weisen.
Frühkindliche
Deprivation erscheint mir nach Beobachtungen aus meiner 32jährigen praktischen
pädagogischen Arbeit an Grund- und Hauptschulen zunehmend häufig
diagnostiziert (nicht seltener Vermerk in Schülerakten bei ungünstig
verlaufenden Hauptschulkarrieren: “Z. n. frühkindlicher Deprivation” / Zustand
nach ...).
4. Ausblick:
Sicher,
Entwicklungsgitter und Normtabellen sind notwendige und hilfreiche
Orientierungsmarken für alle diejenigen, die privat wie beruflich Kinder in
deren Entwicklung begleiten und präventiv wie therapeutisch mit ihnen
arbeiten.
Sie stellen jedoch
immer nur Hilfskonstrukte und Richtwerte dar. Der individuelle
Entwicklungsverlauf eines jeden “Klitzeklein” wird im Detail abweichen, beim
einen Kind mehr - bei einem anderen weniger. Denn die Entwicklung eines Babys
folgt einem vorbestimmten Entfaltungsverlauf (inklusiv Variationsimplantaten),
weil bestimmte muskuläre, skelettöse und nervale Voraussetzungen die
Bedingungen darstellen für Leistungen des Haltungs- und Bewegungsapparates.
Etwa 87% aller Babys halten sich an die wahrscheinlichen Entwicklungsstufen.
Die anderen 13% erreichen sie erst später oder überspringen manche (PULKKINEN
1999, S. 19). Deshalb heißt es für PädagogInnen und TherapeutInnen, neben dem
Lebensalter vor allem auf das Entwicklungsalter jedes einzelnen Kindes zu
schauen.
Und: Mögen wir vor
lauter Pädagogisieren und Therapieren niemals die Achtung vor der
Einzigartigkeit eines jeden Kindes aus dem Blick verlieren und sie ihm gar
nehmen wollen! In diesem Sinne:
Lehrt Eure Kinder, was
sie sind!
Sagt zu ihnen: Jedes
von euch ist einzigartig!
In all den Jahren, die
vergangen sind,
hat es niemals Kinder
wie euch gegeben!
(nach Pablo
Casals)
Klitzeklein bedankt
sich für die vielfältige Unterstützung bei der Entwicklung seiner kleinen
Persönlichkeit beim Ärzte-, Hebammen- und Schwesternteam des
Stadtkrankenhauses Hanau, dem Gelnhäuser Kinderarzt und Neonatologen, bei
seiner Hebamme und ganz besonders bei seinen liebevollen Eltern, Großeltern
und seiner Patin.
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Sinnlich-sinnvolle Anregungen zum Nachdenken und Nachspielen. Dortmund:
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