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Vom Missbrauch der Nutzmenschen
Humanität gilt, wenn man den Philosophen
glauben will, als hehres Ziel - Zauberwort für Menschsein und Gutsein. Und was
für alle, die davon reden und damit argumentieren, besonders praktisch ist: es
gibt keine klare, eindeutige Definition.
Trotz dieser Unschärfe wird der Begriff
unangefochten positiv verwendet und verstanden, und unterstellt, wie das Lexikon
weiß, dass Menschen, die ihn gebrauchen, der Menschenwürde verpflichtet sind.
Insofern ist der Anteil an Idealismus, der diesem Gutwort zugebilligt wird,
beträchtlich.
Doch allzu schnell und allzu leicht wird auch
der Gutwilligste und Wohlwollendste feststellen, dass man mit Anstand und Moral
im wahren Leben nicht allzu weit kommt. An die Stelle von Humanität und
Menschenwürde ist die Brauchbarkeit getreten. Der Mensch, durch Wissen und
Technik entmündigt, zählt nur noch als Kostenfaktor - ersetzbar, austauschbar,
berechenbar nach Umsatz, Gewinn und Verlust.
Die geheimen Triebkräfte, alles verwirklichen
zu wollen, wozu Menschen fähig sind, haben immer weitere Bereiche der
Gesellschaft dem Imperativ einer ökonomischen Zweckrationalität unterworfen, die
den Einzelnen zu einer jederzeit geschmeidigeren Anpassung im persönlichen wie
beruflichen Alltag zwingt, sich im immer härter und kälter werdenden Wettbewerb
zu behaupten.
Die sittliche Entwicklung der Persönlichkeit
wird seit langem schon ignoriert. An ihre Stelle ist eine Ausbildung getreten,
die sich an den jeweiligen wirtschaftlichen Bedürfnissen und Erwartungen
orientiert, was, um es einmal unbeschönigt anzusprechen, durchaus den Gedanken
an Auswahl und Aufzucht nahelegt und ebenso die erhabene Verachtung für die
Andersartigen, Hilflosen, Untätigen und Unfähigen erklärt.
Das Maß aller Dinge, die wohlgelittene
Anmaßung, auf die man sich solange soviel zugute gehalten hat, ist der
Zweckmäßigkeit und Rechenhaftigkeit erlegen, die nur noch den Gebrauch und
Missbrauch des Körpers gelten lassen, obwohl der Mensch viel mehr ist als bloße
Leiblichkeit. Mutwillig wird unterschlagen, was den Menschen ausmacht und von
allem anderen Gewordenen unterscheidet: Geist, Verstand, Gefühle und Gedanken,
Emotionen und Intuitionen – Eigenheiten und Fähigkeiten also, die er an sich
selbst nur äußerst unvollkommen und unzulänglich und zudem meist widersprüchlich
wahrnehmen kann.
Was im achtzehnten Jahrhundert nicht nur die
Gemüter bewegte, sondern äußerst gefährlich war – schließlich hatte der Autor
des Buches «Der Mensch als Maschine», der französische Arzt Julien Offray de
Lamettrie, aus seiner Heimat fliehen und im toleranten Preußen Friedrichs des
Großen Zuflucht suchen müssen: was damals noch als Teufelswerk verdammt wurde,
die mechanistische Deutung der materialistisch ausgelegten Welt, ist mit dem
Übermut des unfehlbaren Wissens und mit der Urbanisierung und Industrialisierung
zur Selbstverständlichkeit geworden, mit der wir heute leben müssen.
Gewiss: Schon immer gab es Zeitgenossen, die
man nicht nur lieben kann, sondern fürchten muss; schon immer gab es die
Wenigen, die befehlen, und die Vielzuvielen, die gehorchen. Die Großen und
Mächtigen aber, die sich nicht scheuten, Gott zu vermenschlichen und den
Menschen zu vergöttlichen, wissen sich über Leben und Tod erhaben und pflegten
immer schon einen gönnerhaften Umgang über Ihresgleichen. Das beredte Beispiel
dafür gipfelt in der Moral, dass sie die göttliche Vorgabe, das Brot im Schweiß
des Angesichts verdienen zu müssen, zur Pflicht erklärten: sie wurde von den
Sklavenhändlern seit Jahrtausenden allezeit und hinreichend missbraucht.
Darüber hat man ganz bewusst das menschliche
Denkvermögen und die Urteilsfähigkeit verkümmern lassen – weil die Vielzuvielen,
wie alle willenlosen Naturen, nicht in der Lage sind, sich vorzustellen, dass
das Leben auch anders sein könnte. Die Missachtung der Individualität begründete
die Entstehung der modernen Proletariate: der Typ des Nutzmenschen.
Dazu kommt, dass die neuen
naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, dass Medizin und Genetik einen direkten
Eingriff ins Menschwerden ermöglichen - selbst gegen das Empryonenschutzgesetz
und das verfassungsrechtliche Gebot der sogenannten Menschenwürde. Sie führten
nicht zuletzt in die bange Ratlosigkeit: Mit welcher Legitimation zwingen
genetische Erkrankungen zur Verwerfung des ungeborenen Lebens? Und muss bereits
einem Embryo Menschenwürde zuerkannt werden?
Oder in die Problematik der Sterbehilfe: Hat
ein im Wachkoma liegender Patient noch ein Lebensrecht?
Fragen über Fragen, die das Unbehagen zum
Entsetzen steigern. Doch mehr noch: Fragen ohne Antwort, ohne jede Aussicht auf
eine Antwort.
Da bleibt nur die ewig menschliche
Sehnsucht, sich der irrigen Hoffnung hinzugeben, dass am Ende die Wahrheit
siege.
Aber an welchem?
Verantwortlich
(c) für Text und Inhalt:
Dr. phil. Gerhard Fischer, Schifferstadt
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