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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

rerum cognoscere causas

 

 

 

 

 

 

Die Mär von der Gleichheit

Auf dem Irrweg zur egalitären Gesellschaft

  

Waren und sind, wie die Bibel lehrt, alle Menschen vor Gottes Urteil und Nachsicht gleich, so trat zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts, dem neuzeitlichen Bedürfnis nach Säkularisierung folgend, das Gesetz an die Stelle des himmlischen Wahrers und Richters. Die damit zugesicherte, unanfechtbare Gleichheit, von Revolutionären, Idealisten, Utopisten und Philanthropen inthronisiert, wurde zur irdischen Selbstverständlichkeit. Fortan zählte die Gleichheit nach der allgemeinen Überzeugung zu den elementaren Grundrechten des Menschen.

So heißt es beispielsweise in der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten von 1776,

dass die Menschen von ihrem Schöpfer «gleich erschaffen» sind, oder, fast gleichlautend, in der Erklärung der Menschenrechte und Bürgerrechte durch die Französische Republik von 1789, dass «die Menschen frei und gleich an Rechten geboren» werden. Fortan garantiert die staatliche Verfassung den Bürgern die Gleichheit vor dem Gesetz. Dagegen stehen die Unähnlichkeiten der Individuen und die Vielfalt ihrer Absichten und Interessen.

Trotz dieser Rechtsgleichheit, die sozusagen als Gabe der Natur allen Menschen in die Wiege gelegt wird, ist dieses Postulat mehr Annahme, Forderung und Fernziel als Tatsache. Denn die Menschen werden keineswegs als Gleiche geboren. Viele kommen krank oder verunstaltet zur Welt, werden dick oder dünn, stark oder schwach, sanft oder roh, faul oder fleißig, beschränkt oder gescheit – ungleich jedenfalls, ohnegleichen und voller Eigenheiten und Sonderheiten. Geprägt und bestimmt von Herkunft, Begabung, Charakter und Milieu, sind sie dem Leben ausgesetzt, von Zufällen und Unwägbarkeiten genarrt, von Pflichten und Zwängen getrieben. In ungleicher geistiger und körperlicher Verfassung und in den unterschiedlichsten Lebenslagen versuchen sie, ihr Dasein zu bewältigen. Faktische Verschiedenartigkeiten und soziale Gegensätze stehen dem Trugbild der Gleichmacher ebenso entgegen wie Klassenschranken und Gesetzlosigkeit. Diese Unterschiedlichkeit und Andersartigkeit insgesamt ist von einer Tiefe und Schärfe, in der nicht selten atavistische Eruptionen aufbrechen, aus der die gebildete Minderheit sich einer unwissenden Mehrheit beugen muss und der Staat den subversiven Elementen hilflos ausgeliefert ist.

Daraus abgeleitet werden die sogenannten sozialen Grundrechte, nach denen – so im französischen Verfassungsentwurf von 1793 – die Gesellschaft in die Pflicht genommen wird, ihren unglücklichen Mitgliedern zu helfen und für ihren Unterhalt aufzukommen, «indem sie ihnen entweder Arbeit verschafft oder denen, die außerstande sind zu arbeiten, die Mittel für ihr Dasein sichert.» Der Staat übernimmt die Fürsorge und garantiert seinen Bürgern Freiheit und Sicherheit bei Elend, Krankheit und Alter. Er hat Sorge zu tragen, dass denen, die in Not geraten, geholfen wird, weil sie nicht in der Lage sind, sich selbst zu helfen.

Allein schon die mit Herzblut verfochtene und verkündete Gleichmacherei neigt dazu, das Niveau nicht nur nach dem schwächsten Glied der Gesellschaft auszurichten - sie legt darüber hinaus nahe, die Tüchtigen zugunsten der Habenichtse zu enteignen.

 

 

Wenn es nun heißt, dass alle Menschen gleich geboren und gleich geschaffen seien, dann sind diese Rechte individuelle, persönliche Freiheitsrechte. Individuelle Rechte, personengebundene Rechte aber setzen die unverwechselbare Verschiedenartigkeit der Menschen und die Unvergleichbarkeit der einzelnen Individuen mit Singularität voraus. Sie stellen Rechte dar, über die einzig und allein eine bestimmte Person und kein anderer Mensch uneingeschränkt verfügen darf, von der Freiheit des Glaubens und Gewissens bis hin zur alleinigen Verfügung über Besitz und Eigentum.

Der Gegensatz zur hochgelobten Gleichheit ist offensichtlich, der Konflikt zwischen beiden Prinzipien unabwendbar, da  jedes Mehr an Gleichheit die Freiheit mindert, die man dem Einzelnen gewährt und die zudem und allzu oft als Bedrohung überkommener Zustände und herkömmlicher Sicherheiten wahrgenommen wird

Versucht man, Freiheit und Gleichheit zu verbinden, stößt man auf eklatante Gegensätze und Ungleichheiten, ein Antagonismus, auf den Goethe schon 1829 in seinen Maximen und Reflexionen hingewiesen hat.: «Gesetzgeber oder Revolutionäre, die Gleichsein und Freiheit zugleich versprechen, sind Phantasten oder Charlatans.» Auch Tocqueville, der Lehrmeister der Demokraten in aller Welt, verweist auf die Gefahren der Gleichheit, die, unumschränkt und bis zum Übermaß gefordert und gehandhabt, schließlich entartet und in Unduldsamkeit und Unterdrückung führt. Ein überaus anschauliches und überzeugendes Beispiel hat hier der Kommunismus vorgeführt: Er wurde zum Sinnbild der Gleichmacherei, und die Freiheit blieb dabei auf der Strecke.

Es gibt keine zwei Menschen, die völlig gleich sind. Im Gegenteil: Jeder, der einmal mit sich zu Rate geht und seine Seele durchforscht, wird diesen Umstand mit Dankbarkeit und Genugtuung begrüßen. Denn wo alle gleich sind, kann sich keiner mehr auf die Hilfe und Beistand eines anderen verlassen – weil alle gleich schwach sind, weil jeder gleich gültig und allen alles gleichgültig ist und sich keiner dem andern verpflichtet fühlt

Die Gleichmacherei, die allzu sehr dem Zeitgeist nacheifert und in irrsinnigen Forderungen und Vorstellungen ihr Unwesen treibt, hat die Menschen ersetzbar und austauschbar, hat sie zu Figuren gemacht und jeden Einzelnen unabhängig und unantastbar, soweit er sich auf die für alle verbürgten gleichen Rechte beruft. Tatsächlich aber wird sie die Menschen trennen und entzweien und alles zerstören, was Gemeinschaft, Zusammenleben und Zusammenwirken bedeutet.

Die Gleichmacherei ist die Kapitulation jeder Ordnung, die durch die törichte Besessenheit ihrer Propagandisten und Verfechter sträflich außer achtgelassen wird.

Für die Gleichmacher wirkt die Erkenntnis, dass jeder Mensch eine eigene, einzigartige Person mit eigenem, besonderem, einzigartigem Schicksal ist, beunruhigend.

Sie wollen die Singularität einfach nicht wahrhaben, vom überaus fragwürdigen Wahn genarrt, dass alle Menschen Brüder seien. Ohne Einsicht, dass sie damit in ihrer Anmaßung alle und jeden über einen Kamm scheren und ohne der törichten Legende von Kain zu gedenken, beschwören sie ihre idealistische Überschätzung des Menschen.

 

 

Sie begeben sich in waghalsige Verallgemeinerungen, indem sie das Subjekt zum Objekt und das Objekt zum Subjekt verfälschen, weil sie gemeinhin gewohnt sind, jedes Sein und Geschehen auf chemische, physikalische oder technische Funktionen zurückzuführen und was das Leben ausmacht, in Systeme und Abstraktionen zu bringen. Ohne Rücksicht auf individuelle Eigenheiten und auf verborgene und verschwiegene Tatbestände erliegen sie jenseits aller Wahrnehmungen der trügerischen Annahme einer Welt der Vernunft, die sich je nach Kalkül und Bedarf in Stücke und Elemente von überschaubarer Größe und Beschaffenheit zerlegen lässt. Für sie zählen nur das allgemeine Gleichheitsstreben und die Sehnsucht nach einer naturgegebenen Harmonie, die das Universum in seinen Fugen und die Planeten in ihren Bahnen hält, und die geradezu kindliche Annahme einer Ausgewogenheit, die dafür sorgt, dass überall da, wo von der einen Seite etwas weggenommen wird, sich auf der anderen ein in Menge, Größe und Qualität annähernd Entsprechendes oder Gleichartiges hinzufügt. Unfähig zur Einsicht, dass jeder Versuch, diese abstrakte Vorstellung mit der konkreten Erfahrung in Übereinstimmung zu bringen  scheitern muss, nehmen sie die unterstellten Zusammenhänge für bare Münze, weil alles, was ist, den Eindruck erweckt, dass es so sein müsse wie es derzeit ist und wie es immer schon war.

Sie vergessen ganz einfach, dass vieles ganz anders sein könnte und dass die Welt veränderlich und flüchtig ist.

Sie, die Seher und Künder, werden zu Verführern, zu Propagandisten der Unnatur und eines falschen, trügerischen Scheins, den sie für sich und jeden zur verbindlichen Realität erklären. Sie sehen in der Ungleichheit der Menschen eine Ungerechtigkeit. Von daher ist auch der moralische Rigorismus erklärbar, mit dem sie ihre Ideen durchsetzen wollen und ihre demagogischen Kampfansagen beschwören.

Wann endlich werden sie erkennen, dass es in einer Welt, in der Wirklichkeit und Erscheinung so weit auseinander klaffen, keine endgültigen Wahrheiten gibt, und selbst das, was vor langer Zeit von unseren Vorvorderen auf uns gekommen ist und sich durchgesetzt hat und beständig und unantastbar erscheint, Veränderungen unterliegt und vom Untergang und Verfall bedroht ist. Allein schon sprachlich sollte ihnen der große Unterschied erkennbar werden, der vom Überkommenen bis zum Althergebrachten reicht.

Unter ihren wunderlichen Spekulationen hat die Idee einer allgemeinen und allherrschenden Gleichheit immer mehr an Boden gewonnen und sie in ihrer Überzeugung, der Welt und den Menschen Gutes antun zu müssen, zu leidenschaftlichsten Anstrengungen ermutigt, ihre egalitären Ambitionen durchzusetzen.

Und dabei wäre ihr Irrtum so schnell und einfach aus der Welt zu schaffen.

Jede Begegnung muss dieses Irrdenken – und sei es vom Gleichheitswahn noch so sehr überzeugt – zur Einsicht bekehren, dass keinesfalls alle Zeitgenossen auf demselben Bewusstsein leben. Man braucht sich nur selbst zu betrachten, um sich vielen Zeitgenossen als überlegen, manchen unterlegen und keinem gleich zu erkennen. Und die meisten werden mit diesem Befund hoch zufrieden sein.

 

 Verantwortlich (c) für Text und Inhalt:

Dr. phil. Gerhard Fischer, Schifferstadt

 

 

 
 
 

Ad personam

 

 

Dr. phil. Gerhard Fischer ist Chefredakteur einer Fachzeitschrift und Autor des Bestsellers 'Das Ei des Damokles' sowie 'Die Weisheit der Binse', verlegt bei PRINCIPAL