|
|
Vom
Umgang mit dem Irrtum
- De miseria humanae
conditionis -
Wann, um alles in der Welt, ist eine derartige
Debatte je notwendig geworden? Ein Staatsoberhaupt hat Vorhaltungen
standzuhalten. Eine moralische Instanz, ein Präsident, muss sich vor seinen
Untertanen rechtfertigen, nicht nur offenlegen, was man ihm vorwirft, sondern
ausweisen, eingestehen, entgegnen, bekennen - sich bloßstellen. Ein groteskes,
ungeheuerliches Schauspiel, das er seinem Volk antut. Wer, welcher absurde,
abstruse Geist hätte es je gewagt, sich ein derart bizarres Possenspiel
auszumalen und auf die Bühne zu bringen? Aber es ist Wirklichkeit. Und diese
Wirklichkeit klingt wie eine schlechte Erfindung.
Rechtlich, wie er
versichert, scheint alles in Ordnung. Er habe sich nichts zuschulden kommen
lassen. Weder Raub noch Mord sind ihm nachzuweisen. Dennoch hat er gesündigt und
viele enttäuscht. Was er getan hat oder auch nur geschehen ließ, die politischen
und persönlichen Verfehlungen, die man ihm aufdeckt und anmahnt, sind allesamt
keine finsteren Machenschaften, zwielichtig aber sind sie allemal.
Was man ihm vorhält und wie er sich verhält, ist
ein buntes Gemenge von Unaufrichtigkeiten und Ungeschicklichkeiten, ein
Vielerlei, das zu denken gibt, Verdacht und Zweifel auslöst und Mahner und
Tadler auf den Plan ruft. Schelte wird laut, Stirnrunzeln, Kopfschütteln,
schneidende, beißende Kritik, Rüge und Klage, Widerspruch, Bedenken, Missfallen,
Ablehnung, Verurteilung.
Und doch gehört er, wie
man einräumen muss, nicht zu jenen Leugnern, Tricksern und Fälschern, die es
darauf anlegen, die Unwahrheit in ihr Handeln von vornherein mit einzubeziehen.
Er überließ sich seiner Naivität.
Angesehen werden und
angesehen sein ist schon ein Unterschied.
Von seinem Amt, in das man
ihn nach mehreren Anläufen gewählt hat, überrascht, mit dehnbarer Moral
ausgestattet und ohne Gespür für die mit seiner Ernennung und Erhebung
verbundenen Ehren und Pflichten reicht sein Bewusstsein nicht aus, Schuld zu
erkennen und anzuerkennen. Und seine Uneinsichtigkeit hält ihn nicht davon ab,
eine gute Meinung über sich zu haben. Was ihm fehlt, ist die zuvorkommende
Beharrlichkeit eines ungeübten Lügners.
Schließlich hat er selbst
jahrelang vorgegeben, was sich schickt und rechtlich und redlich vertretbar oder
auch nur zulässig ist, ohne einen Gedanken an die alte Weisheit zu beherzigen,
dass der, der vom hohen Ross aus predigt, selbst ein guter Reiter sein muss.
Der Widerspruch ist
eklatant: Er gehört zu jenen Politikern, denen die moralische Entrüstung zum
selbstverständlichen Handwerkszeug in der Auseinandersetzung mit dem politischen
Gegner zählt. Unerbittlich hat er Verfehlungen gemaßregelt, ehrenfest ergeben in
die Unerlässlichkeit der Wahrheitsfindung und in die Erhabenheit der
Rechtsprechung. Und unversöhnlich und im Vertrauen darauf, dass das Böse ihm
kein Bein stellen könne, bestand er auf Sühne und Reue.
Schätzungen haben’s in
sich und sind ohnehin zweifelhaft. Selbsteinschätzungen umso mehr. Die Meinung
über sich, ja die Überzeugung, zu einer bestimmten Sache fähig und begabt zu
sein, ist oft ein fahrlässiger Irrtum.
Jeder hat das Recht,
über seine Irrtümer aufgeklärt zu werden.
Aus machtspielerischen
Überlegungen unversehens ins Amt gehievt, lebt er geraume Zeit in der
Überzeugung einer gesicherten Moral und im ganzvollen Bewusstsein von Amt und
Ehre. Im Grund aber und geradezu bescheiden, wenngleich nicht ohne Ehrgeiz,
verlangte er lediglich Anerkennung, Wertschätzung oder, wie Spötter schmähen,
Bewunderung für ein buntes, schönes, reiches Dasein und Wirken. Dass seine
Bemühungen, sich selbst moralisch zu erhöhen, missrieten, tat seiner Planung
einen unvorhergesehenen Abbruch und verfingen sich in einem Gespinst von Irrtum,
Täuschung, Lüge und dem vielfach erprobten politischen Kalkül des Aussitzens,
verbunden mit der fahrlässigen Hoffnung auf das schlechte und immer schlechter
werdende Gedächtnis seiner Zeitgenossen. Der nahegebrachten Empfehlung eines
Rücktritts begegnete er mit Empörung. Wie soll, kann und darf man auch
zurücktreten, wenn man nicht weiß, wohin?
Von Selbsttäuschung
genarrt und in der erhabenen Unbetrübbarkeit seines Irrtums entschloss er sich,
Reue zu demonstrieren. Schließlich sei alles, was er zu sagen habe, verbrieft
und belegt. Was sein dreistes Angebot in Aussicht stellt, offen zu legen und
offen zu bahren und über alle Verfehlungen, die man ihm unterstellt, Nachweis zu
führen und Beweise zu bringen, wird vollmundig verkündet, aber äußerst zögerlich
und mit neuen Selbstbezichtigungen angereichert umgesetzt.
Erstaunlich leicht fällt
es ihm, sich zu entschuldigen - doch diese Abbitten und Ausflüchte sind weit
davon entfernt, andere um Verzeihung zu bitten. Er legt dar und zeigt auf, wie
es ihm seine Sicht anrät, mit tranchenweisem Peu à peu seine Versehen
deklamierend. Aber es ist nichts mehr und nichts anderes eine Offenlegung ohne
Einsicht, in der er seine als Tugenden getarnten persönlichen Schwächen bekennt
- ohne innere Anteilnahme und Überzeugung, ohne Gewissensregung und
Schuldbewusstsein, eine Entschuldigung, die sich als Höflichkeit und
Entgegenkommen präsentiert. Und dabei klingt sogar die Wahrheit noch wie eine
schlechte Erfindung.
Im selektiven Umgang mit
der Wahrheit kann man etwas leger umgehen. Lügen aber muss man ganz genau. Auch
hier ist er Dilettant.
Früher trugen die
Politiker Verantwortung, heute tragen sie Bedenken.
Mit der Debatte um die
eingeräumten Versäumnisse und Verfehlungen wird die Langmut der Deutschen mit
ihrem Staatsoberhaupt auf eine harte Probe gestellt. Aber auch hier, im Umfeld
des Präsidenten und bei den zahlreichen Freunden, die ihm zugetan sind, liegt
vieles im Argen. Auch hier beherrschen Lüge, Täuschung und Heuchelei die Szene.
Offenbar ist es die ständige Angst, Posten, Pfründe und Privilegien zu
verlieren.
Dass man sich in ihm
getäuscht hat und wie man jetzt zur eigenen Wahlentscheidung stehe, will keiner
zugeben.
Wenn es darum geht, sich
auf seine Seite zu schlagen, haben die wenigsten Politiker und die zum Beistand
und Bekenntnis angehaltenen Parteifreunde den Mut, ihre Meinung zu äußern oder
sich einer öffentlichen Diskussion zu stellen. Meistens sind’s nur die alten und
älteren, deren Zukunft lange schon hinter ihnen liegt.
Natürlich fällt es schwer,
sich mit dem Gedanken abzufinden, dass jeder weiß, für wen man bei der
sogenannten Wahl gestimmt hat. Sich jetzt, nach dem Eklat, zu dieser
Entscheidung zu bekennen, bringt viele in Verlegenheit, und das umso mehr, als
man von Anfang an schon Bedenken hatte. Aber fraktionshörig, also parteiergeben
und fahnentreu, wie man nun einmal zu sein hat, machte man gute Miene zum
zweifelhaften Spiel. Obwohl viele zur Wahl Privilegierte, wie es ihr beruflicher
Ehrgeiz vorschreibt, ehemals einen Eid geleistet haben, im zukünftigen
politischen Tun und Lassen ausschließlich ihrem Gewissen verpflichtet zu sein.
Nun ja: Ein Rückgrat braucht nicht gebrochen zu werden. Es genügt, wenn es
biegbar ist.
Allzu leicht geraten
derartige Beschwörungen in Vergessenheit. Man ist nun einmal auch nur ein Mensch
mit allen Fehlern und Schwächen, wie man es sich immer wieder in
augenzwinkernder Kumpelhaftigkeit versichert. Dass hier mitunter die Gnade eines
selektiven Gedächtnisses wirksam werden kann, wird freimütig und nachsichtig
unterschlagen. Und vom Gewissen war ohnehin nie die Rede.
Man war stolz und fühlte
sich geehrt, zu den Auserwählten zu zählen, die aufgrund ihrer Berufserfahrung,
ihres Sachverstands und ihrer Menschenkenntnis mit dazu beitragen, das höchste
Amt im Staat zu vergeben. Was zählte, war nicht nur die elitäre Pflicht, mit
entscheiden zu dürfen, sondern auch die Genugtuung, sich damals mit Abgabe
seiner Stimme seinen Kandidaten gegen alle anderen Mitbewerber durchgesetzt zu
haben. Jetzt zuzugeben, dass man sich getäuscht hat, fällt schwer. Persönlich
und politisch.
Deshalb kommt es, was
ebenfalls der strapazierten Würde des Amts Abbruch tut, zu entwürdigenden
Eiertänzen, mit denen man es darauf anlegt, die schmachvolle Realität zu
ignorieren und, mehr noch, sich offenbar auch zuzutrauen, anderen ihre Sicht
aufdrängen zu wollen. Sie machen sich selbst in ihren dreisten, unglaubwürdigen
Beschwichtigungen, Ursache und Wirkung verwechselnd, zu erbärmlichen,
jämmerlichen Figuren, Spielzeug in der Hand derer, die sie missbrauchen, ohne zu
merken, dass sie nicht nur die Würde eines Würdelosen verteidigen, sondern
selbst ihrer eigenen Würde verlustig gegangen sind.
Sie verweigern ebenso
uneinsichtig wie hartnäckig, sich einzugestehen, dass sie statt eines
gestandenen Mannsbilds einen bedauernswerten, medienverfolgten Aussitzer zum
Homo novus ermächtigten. Auf ihn haben sie ihre Hoffnungen gesetzt, und er hat
sie nicht nur enttäuscht, sondern sein Amt und sich selbst demontiert und
entwürdigt. Wie will, wie kann ein solcher Mensch noch unbefangen reden,
Ratschläge geben, Machtworte sprechen, Volk und Land mit Zuversicht und
Hoffnungen ermutigen, mit Mahnungen beschwichtigen, zu Anstand, Moral, Werten
und Vertrauen anhalten?
Gewiss: die Funktionen des
Präsidentenamts und die damit verbundenen Befugnisse sind der politischen
Einflussnahme und Entscheidungssphäre weithin entrückte und weitgehend
zeremonieller Art. Er aber hat die Demokratie für bare Münze genommen und
versucht, mit seinem glamoursüchtigen und boulevardträchtigen Regierungsstil die
Wertschätzung des Volks und der Bevölkerung zu gewinnen.
Obwohl es keinen
Unterschied macht, ob ein Politiker redet, spricht, darlegt, ausführt,
klarstellt oder sich äußert - ihm wird es nie mehr möglich sein, die Würde des
Amtes glaubhaft und überzeugend zu verkörpern und Vorbild, Beispiel, moralische
Instanz sein. Auch seine Verteidiger und Befürworter haben Federn lassen müssen.
Auch ihre Zukunft ist getrübt.
Verantwortlich
(c) für Text und Inhalt:
Dr.Gerhard Fischer, Schifferstadt
Ihre Meinung zu diesem Text ist
gefragt:
redaktion@deutscher-buchmarkt.de
|
|