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Wortklauberei
Was immer auch die Menschen dazu bewegt,
schamvoll der Wahrheit auszuweichen und Worten aus dem Weg zu gehen, die, wie
man unterstellt, eine gewissen Anstößigkeit und Unschicklichkeit ausdrücken,
wird wohl nie zu ergründen sein. Vielleicht hängt dieses Bedürfnis elementar mit
der erzwungenen Heuchelei zusammen, mit der uns die Moral an die Leine gelegt
hat? Vielleicht aber wollte man auch nur domestizierende Akzente setzen? Die
Frage jedenfalls wird nie beantwortet werden.
Umso phantasievoller sind die Anstrengungen
um Verständlichkeit und die Bemühungen der Genierten, Bezeichnungen anzubieten,
die, ohne allzu deutlich und drastisch zu sein, in ihrer Eindeutigkeit jedwedes
Missverständnis ausschließen, um sicher zu gehen, dass sie das züchtige Erröten
oder Erblassen auslösen, das eine gute Erziehung gebietet.
So spricht man besonders in allen Belangen,
die sich auf die menschliche Fortpflanzung beziehen, von «Scham» und von der
«natürlichsten Sache der Welt», nicht zuletzt wohl auch, um der Vorstellung des
Hörers oder Lesers die Weitläufigkeit anzudeuten, die sich hinter diesen
Euphemismen so sittsam verbirgt.
Die Tatsache, dass sich in diesem nicht
abgesteckten Feld auch Begriffe tarnen – wie Kopulation, die als intime
«Beziehung» entgiftet, oder Koitus, der als hausbackenen «Beischlaf» verharmlost
wird – bleibt, sozusagen augenzwinkernd, integrierter Bestandteil der
Beschönigung, ohne die Integrität der Aussagen zu gefährden.
In gleicher Weise wird der Kuss, ungeachtet
seiner vielfältigen Varianten, zur «Umarmung» verniedlicht – und damit, was die
Verständlichkeit angeht, eine ungehörige Verengung in Kauf genommen, die
keinerlei Rücksicht auf Intimität, Intensität und Kreativität nimmt.
Schon immer hat man sich bemüht, sprachlich
zu differenzieren und schickliche Adjektive standesbewusst zuzuordnen, was nicht
selten zu überaus skurrilen Verrenkungen führte.
Ist es noch einigermaßen verständlich, dass
man aus dem Bedürfnis, adäquate Bezeichnungen auszumachen, gewissen
Äußerlichkeiten Rechnung trägt oder überkommene Einschätzungen beibehielt - wenn
beispielsweise der Selbstmörder vergraben, der Bauer begraben, der Bürger
beerdigt, der Adel bestattet und der Fürst beigesetzt wird; oder wenn Minister
Bezüge erhalten, Notare Gebühren berechnen, Ärzten Honorare und Künstlern Gagen
angewiesen werden, wenn Angestellte Gehalt beziehen, während man Arbeitern ihren
Lohn auszahlt - so gibt es andererseits eine Reihe von Unterstellungen, die
meuchlings und mit Häme betroffenen Zeitgenossen einen despektierlichen
Charakter anhängen: Ist einer sparsam, wird er flugs als geizig gescholten; ist
einer freigebig, gilt er als Angeber oder Aufschneider; redet einer viel und
gern, ist er umgehend als Schwätzer verschrien; tritt er forsch auf, wird er als
aufdringlich und anmaßend verkannt; und hält er sich zurück, wird er als
Feigling verleumdet.
Warum aber sollte man sich bemühen, deutsch
und deutlich zu reden und ohne Schnörkel und Umschweife zur Sache zu kommen, und
sich damit möglicherweise dem Ärger seiner Zeitgenossen oder gar dem Verdacht
der Wortklauberei und Haarspalterei auszusetzen, wenn sich mit Rabulistik viel
eleganter die spitzfindigste Deutung zum Ausdruck bringen lässt? Warum
sinnloses, verworrenes Gerede anprangern, wenn die Ungehörigkeit einen
Galimathias anbietet? Oder wenn man ein simples Geheimmittel zum vornehmen
Arkanum veredeln kann? Und wie ernüchternd muten Habgier, Raffsucht und
Käuflichkeit an, wenn sich der gleiche Sachverhalt als mittlerweile
unverständliche Venalität bezichtigen lässt?
Wer wagt da noch, jemanden einen Alkoholiker
oder gar Säufer zu nennen, wenn man viel ungezwungener von einem Menschen reden
darf, der ein Alkoholproblem hat? Es gibt auch keine Süchtigen mehr, wohl aber
genügend Drogenabhängige und, um die Absurdität noch zu steigern,
Drogenerfahrene.
Bemerkenswert ist dabei, wie elegant man die
Perspektive verändert: Wie aus unbeherrschten Menschen bemitleidenswerte Opfer
werden, die, wie man entschuldigend nicht zu versichern vergisst, für ihre
Abhängigkeit nichts können, weil die Gesellschaft, die Umwelt, die Mitwelt, die
Umstände und ganz besonders die familiären Verhältnisse an ihrem Unglück schuld
sind.
Die Sprache, von Euphemismen und
Beschönigungen überwuchert, ist schon immer dem Druck und dem Zwang der
zeitgemäßen Schicklichkeit erlegen. Deshalb wird seit eh und je nur erlaubt, was
gefällig und versöhnlich stimmt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Was beim Militär
als auszeichnungswürdig geschätzt und mit Wagemut und Disziplin bezeichnet wird,
nennt man in Theologenkreisen heiliger Zorn, bei den Kritikern unnachsichtiges
Urteil, bei der Polizei eisenhartes und gnadenloses Durchgreifen, beim
Bahnschaffner pflichtgemäßen Diensteifer, in der Schule Wahrheitsliebe, und bei
gewöhnlichen Menschen – Grobheit.
Zeitgemäß ausgedrückt -
Coffee to go
Coach: Zuchtmeister für Ballistiker
Coffee to go: Vom Stehcafé zum Gehcafé
Handy: Handlicher Handlanger im Taschenformat
Model: Mageres Mannequin
Political correctness: dem Zeitgeist nach dem Mund reden, strategische
Lebenslüge
Referee: Laufende Pfeife
Sale: Abstoßen, verscherbeln, verhökern, verkloppen, verramschen
Star: Sternschnuppe
Team: Kickensemble, ballistischer Elferrat
Wrestling: Ringen mit Hängen und Würgen
Mit der Bitte an den geneigten Leser um Mitarbeit und Fortsetzung.
Verantwortlich
(c) für Text und Inhalt:
Dr. phil. Gerhard Fischer, Schifferstadt
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