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ANTIQUARIATE

 

 

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ANTIQUARIATE

 

 

 

 

rerum cognoscere causas

 

 

 

 

 

Nomen est omen

Der Name, sagt Thomas Mann, sei ein Stück des Seins und der Seele, Shakespeare nennt ihn sogar das eigentliche Kleinod der Seele.

Beides klingt doch etwas pathetisch in einer Zeit, die es lange schon aufgegeben hat, die Seele zu bemühen, um das eigentlich Menschliche auszudrücken. Tatsache ist, dass der Name, der uns ins Leben mitgegeben und leider oft auch angetan wurde, das Ureigenste darstellt, was einen Menschen ausmacht. Der Name ist da, ehe unser bewusstes Dasein und Denken beginnt. Und er haftet uns an. Lebenslänglich. Wenn man der Bibel folgt, sogar über den Tod hinaus.

„Ich kenne dich mit Namen“, spricht der Herr zu Moses. „und du hast Gnade vor meinen Augen gefunden.“

Das deutet auf Vertrautheit. Und das tröstende Bibelwort, dass dereinst jeder mit seinem Namen gerufen werde, bekräftigt die Überzeugung, dass die Kenntnis des Namens auch auf die Erkenntnis des Menschen, des inneren Menschen, schließen lässt.

Gewiss: der Name, nüchtern betrachtet, ist zunächst nur Etikett. Dennoch lassen sich aus ihm weitreichende Schlussfolgerungen ziehen. Entweder passt der Name zum Menschen und sitzt, sozusagen, wie angegossen. Oder er schlottert an ihm und um ihn wie ein zu reichlich geschneidertes Kleidungsstück.

Allein schon aus diesem Vergleich wird erkennbar, wie sehr sich unterschwellige Vorstellungen und Zusammenhänge mit dem Namen verbinden - Assoziationen, die den Träger verpflichten, beflügeln oder peinigen.  

Namen können stärken und schwächen. Das zeigt sich in vielen Märchen, in denen mit geradezu magischer Kraft Geister oder Dämonen Macht über Menschen ausüben, nachdem es dem Bösen gelungen ist, den Namen des Unglücklichen zu erkunden oder zu erraten. Schließlich ist auch daran zu erinnern, dass allein schon der gute Name eines Bürgers in antiken Gerichtsprozessen Beweiskraft hatte.

Wie wichtig und aussagefähig ein Name sein kann, zeigt sich nicht zuletzt in der Literatur, wenn Autoren sich – aus welchen Gründen auch immer – für ein Pseudonym, sei es als Nom de Plume, sei es als Nom de Guerre, entscheiden, unter dem sie ihre Werke veröffentlichen, oder versuchen, ihren Romanfiguren den richtigen, den beredten Namen zu geben - die Bemühungen, mit denen Autoren in Adressbüchern und Telefonbüchern nach typischen, anschaulichen, bezeichnenden Benennungen fahnden, um ihre Kreaturen zu charakterisieren. Fontanes altgedienter Major Dubslav von Stechlin beispielsweise hadert mit seinem eigenwilligen Vornamen. Auch Arno Schmidt hat über seine Namenssuchen sehr eindrucksvoll berichtet. 

Der Name bezeichnet das Eigentliche eines Menschen: seine individuelle Eigenart, die seine Persönlichkeit ausmacht - und seine Unverwechselbarkeit, mit der er sich von allen anderen Menschen unterscheidet.

Umso unverständlicher ist es, dass heutzutage viele Menschen offenbar das Bedürfnis haben, ihren überkommenen Namen mit einem mehr oder weniger begründeten Anhang per Bindestrich anzureichern. Der Doppelname ist modern geworden und verbreitet sich für beide Geschlechter in verwirrender Vielfalt.

Grund für diese Entscheidung ist einerseits das durchaus verständliche Bedürfnis, einen weitverbreiteten Allerweltsnamen mit einem persönlichen Zusatz zu versehen, um sich eindeutiger ausweisen zu können und eventuellen Verwechslungen vorzubeugen. Andererseits geben, im Hinblick auf die Weiblichkeit, wahrscheinlich auch weltanschauliche Überzeugungen den Ausschlag. So hat man, von militanten Emanzen ermutigt, die jahrhundertelang geübte Tradition, nach der die Frauen mit ihrer Verehelichung den Namen ihres Gatten annahmen und sich auf diese Art zu ihrem Mann bekannten, als Zeichen der Unterwerfung und Unterdrückung diffamiert - und das oftmals üppige Bennennungs-Konvolut, mit dem man gegen diese Bevormundung und Erniedrigung aufbegehrte, als Ausdruck der Befreiung und Verselbständigung geadelt.

Dass man mit dem Doppelnamen nicht nur ein evolutionäres Signal setzt, sondern noch mehr Verwirrung in die ohnehin schon verworrene Welt trägt, scheint sich der Einsicht der Bindestrich-Menschen zu verschließen, im Hinblick auf eine erfolgreiche Familienforschung und auf erkennbare und nachvollziehbare Deszendenzen ebenso wie auf die Eindeutigkeit, welcher Benennung wahlweise der erste oder zweite Platz einzuräumen ist. Cicero scheint es geahnt zu haben: Nomina sunt odiosa – Namen zu nennen ist heikel. 

Oft hat es darüber hinaus den Anschein, als würden die Damen, die sich einen Namen angeheiratet haben, nicht nur vom bisherigen nicht lassen zu können, sondern einfach nicht genug kriegen, Wortungetüme miteinander zu verbindestrichen. Diese chamäleonhafte Irritation der Doppelbezeichnung mag für die Betroffenen praktisch sein, da sie sich je nach Lage und Laune dafür entscheiden können, in welcher Form und Reihenfolge sie auftreten und angeredet sein wollen. Für andere aber stiften sie nicht selten Ratlosigkeit, weil sie es nicht nur Gesprächspartnern schwer machen, die richtige Auswahl zu treffen, sondern die Betroffenen selbst in Verlegenheit bringt, wenn sie sich beispielsweise bei der Unterschriftleistung gezwungen sehen, ihren mehrzeiligen Namen wohlgeordnet und übersichtlich zu platzieren. 

Was bei alledem erst gar nicht in Betracht gezogen wird und keinen der Betroffenen zu kümmern scheint, ist die Frage der Individualität. In einer Zeit, die sich Persönlichkeit und Selbstverwirklichung auf die Fahne geschrieben hat, ist Mehrdeutigkeit umso verfänglicher, als sich bereits in den Anfängen dieser Bewegung ein Heer von Psychiatern und Psychologen um die sorgt, die ihr gespaltenes Bewusstsein beklagen oder genießen. Sehr im Gegensatz zu dieser Überfülle an Benennungen scheint es mittlerweile auch chic geworden, nicht mehr im eigenen Namen aufzutreten, sondern sich mit anmaßendem Stolz als Angehöriger einer Generation, beispielsweise als Achtundsechziger, zu bekennen – das aber ist ein eigenes Kapitel der Moderne. Und eine hilflose, hirnlose Feigheit obendrein.

Alles in allem bleibt nur der Trost, den Rilke hinterlassen hat: „Worte sind Zaubersprüche und Namen sind es erst recht.“

  

 Verantwortlich (c) für Text und Inhalt:

Dr. phil. Gerhard Fischer, Schifferstadt

 

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Ad personam

 

 

Dr. phil. Gerhard Fischer ist Chefredakteur einer Fachzeitschrift und Autor des Bestsellers 'Das Ei des Damokles' sowie 'Die Weisheit der Binse', verlegt bei PRINCIPAL