|
|
Grosso modo
«Man muss», sagte Hauenstein mit behutsamer Geziertheit, «ganz schön auf
dem Quivive sein, um die Kraft aufzubringen, den sattsam bekannten Bredouillen
des Alltags zu begegnen und einigermaßen glimpflich über die Runden zu kommen.»
Mit diesem Einblick in seinen Wortschatz gab er, soweit es ihm sein
nonkonformistisches Gewissen erlaubte, ein beredtes Beispiel für das Funkeln und
Glitzern seines Geistes, der oft und von vielen Uneinsichtigen als böse Ironie
oder zynischer Pessimismus mißverstanden wurde.
«Denn», fuhr er fort, «das Leben ist nicht ohne Herbe.»
Es war keineswegs seine Art, das Aufsehen, das ihm galt, zu meiden. Aus
diesem Grund nahm er mit kalkuliertem Freimut die Chance wahr, die ihm im Umgang
mit einer aufgeschlossenen Zuhörerschaft Pluspunkte sicherte.
«Deshalb», sagte er, «gilt es vor allen Dingen, dass wir mit den
Unklarheiten klar kommen.»
Man lauschte, andächtig wie betretene Gangster bei einem Begräbnis, in
der irrigen Erwartung eines einzigen, erlösenden Wortes, das alle Übel in der
Welt auf den Punkt bringen sollte.
«Als Intellektueller hat man eben seine Ansprüche.»
Da kein Widerwort laut wurde, dozierte er weiter:
«Überall sind die Miesmacher am Werk. Das destruktive Prinzip beherrscht,
wie die Apologeten des Desasters zu verkünden nicht müde werden, nicht nur das
Denken, auch das Wollen, selbst das Müssen. Sie nutzen die Tatsache, dass der
Mensch nicht imstande ist, die Welt zu begreifen, sondern lediglich zu deuten –
als einen Entwurf, als ein Wunschbild, als Utopie. Je entschiedener die Flucht
ihrer Deutung auf diese Vision hinausläuft – ganz gleich, ob sie in ihr den
Teufel am Werk sehen, einen Gott oder ein Nichts, das sie so gern als Synonym
für den Allmächtigen missbrauchen – umso fester und sicherer wird der Boden
unter ihren Füßen: diese Basis ist das Privileg der Dummdreisten und der
Weisesten. Beide haben ihre Begnadung in der Simplifikation. Sie sind die wahren
Manichäer: Schwarz oder weiß, gut oder böse. Die Polarität ist ihre Maxime, die
ihnen auf alle Fragen eine einfache Antwort erlaubt und die sie mit der
Intensität orientalischer Fanatiker gegen jede Abkehr und gegen jeden
Widerspruch verteidigen – Tertium non datur. Wie sollten sie auch zweifeln oder
gar auf den Gedanken kommen, dass die Antithese oft ganz anders zu verstehen
ist? Dass das Gegenteil von gut nicht nur böse, sondern auch schlecht sein kann?
Oder das Gegenteil von alt? Ist es neu? Oder jung?
Wie sollten sie in ihrem prophetischen Wahn diese Feinheiten erkennen?
Und alle, die so ehrfürchtig ihren unheilvollen Druidensprüchen lauschen, fallen
in ihrer blinden Arglosigkeit auf diesen Schwindel herein. Alle gehorchen diesem
Unverstand, der überall seine Herrschaft angetreten hat, hören auf die Verführer
und folgen ihnen in ihre unselige, verderbliche Monomanie.
Fast sieht man sich zu der Annahme verleitet, ein rätselhaft kosmisches
Ereignis habe die ganze Welt in einen Zustand des Irreseins geworfen, in dem der
Einzelne, bedrängt und durchpulst von der Ruhelosigkeit des Ganzen, in seiner
Unsicherheit und Ausweglosigkeit nach Sinn und Ziel sucht. Nur so ist die Flucht
in die Religionen oder zu den Gurus erklärbar. Und nur so lassen sich die
Denkweisen der Tumultanten und Revoluzzer verstehen.»
Er beugte sich zu seinen Zuhörern und beschwor seine Worte mit einer
beredten Gebärde, als versuche er, durch diese Geste seine Gedanken vorstellbar
werden zu lassen.
«Tatsächlich kann man das Leben, das ganze Leben nur als Fragment
begreifen. Als ein Fragment ohne Anfang und Ende. Denn das Leben ist ein
gespenstisches Kaleidoskop. Es beginnt, ohne dass wir erahnen, wofür. Und es
hört auf, ohne dass wir begreifen, weshalb.
Wir haben mit unserem Kindsein und mit dem scheinbaren Erkennen der
Wirklichkeit eine wunderbare Welt verloren, weil wir ständig bemüht sind, mit
allen Sinnen auf den vermeintlich verborgenen Sinn des Daseins zu zielen, der –
so die irrige Annahme – allen Dingen und Zusammenhängen innewohnt. Deshalb
stellt unser unsteter Geist Betrachtungen an über die Schikanen des Lebens, über
die Torheiten der Menschen und über den Stumpfsinn der Systeme, Gefüge und
Methoden, denen wir unser Dasein unterordnen, ohne die geringste Aussicht, den
Geheimnissen unserer Existenz auf den Grund gehen zu können. Unser Geist ist
dauernd in Bewegung und bietet keinen Halt für einen klaren Standpunkt.
Wer kann da die Kraft und den Mut aufbringen, wer ist stark und frei
genug, sich dagegen zu stemmen? Die große Masse der Menschen ist mit dem Leben,
wie sie es vorfindet, zufrieden. Die wenigsten verspüren ein Unbehagen, und noch
viel weniger haben das Bedürfnis, aus ihrer Alltäglichkeit auszubrechen und in
andere Sphären vorzudringen, sich gegen die Erkenntnisse und Empfehlungen der
Psychologen, Philologen, Pädagogen, Soziologen und wie die hochrangigen
wissenschaftlichen Ologen alle heißen mögen, zu wehren oder gar ihren
Ungereimtheiten zu widersprechen. Da es sich bei denen, die so forsch ihre
Weisheiten verkünden, ausschließlich um Experten handelt und jeder den Ehrgeiz
hat, seine Einsichten, Befunde und Urteile als allein gültig, als einzig wahr
und echt zu erklären und bis ins Letzte und Endgültige zu verteidigen, klaffen
die Ansichten weit auseinander. Sie verwirren die Geister, die oft beschworenen
Zeit-Geister, ohne die versprochene erlösende Deutung zu liefern. Und dabei
laufen unsere technischen Fertigkeiten seit langem schon unseren moralischen
Fähigkeiten hoffnungslos davon.
Gewiss: nichts ist so widernatürlich und unergiebig, wie ständig und bei
allem nach dem Sinn zu suchen. Wo, in aller Welt, ist schon Sinn? In uns selbst?
In den anderen? In der Natur? Oder in den Sternen?
Was wir allzu leichtfertig und unbedacht außer acht lassen, ist die
Rücksicht auf die verschiedenen Persönlichkeiten in uns und verschiedenen Welten
um uns - der Begriff der Gleichzeitigkeit, wie ihn uns Blitz und Donner
eindrucksvoll veranschaulichen, obwohl unsere einfachen und einfältigen Sinne
nicht hinreichen, sie als Einheit, als Gewitter, zu erfassen, und wir sie nur
getrennt, im Sehen und Hören, wahrnehmen können.
Was uns gelegentlich mit
dem Leben versöhnt, ist ein böser Traum. Deshalb sollte man es sich zur Regel
machen, als Individualist die Ausnahme zu bleiben. Denn so schlecht ist unsere
Zeit auch wieder nicht, als dass sie keinen Grund zum Pessimismus lieferte.»
Verantwortlich
(c) für Text und Inhalt:
Dr. phil. Gerhard Fischer, Schifferstadt
Ihre Meinung zu diesem Text ist
gefragt:
redaktion@deutscher-buchmarkt.de
|
|